Sonntag, 22. September 2019

Germanwings Das größte Experiment der Lufthansa

Germanwings: Ein unerschrockener Pfennigfuchser
DPA

Germanwings-Chef Thomas Winkelmann steuert das größte Experiment in der Geschichte der Lufthansa. Nahaufnahme eines Aufrührers.

Er weiß durchaus, wie man eine Krawatte bindet. Noch mehr allerdings versteht Thomas Winkelmann davon, sie schnell wieder loszuwerden. Seinen Kopf legt er eigentlich nur in die Schlinge, wenn es zum Rapport nach Frankfurt geht, in die Zentrale der Lufthansa Börsen-Chart zeigen, oder zum hochoffiziellen Termin. Ansonsten bleibt sein Kragen offen.

Diese Ungebundenheit hängt mit den Marotten seiner Zunft zusammen. Als Chef von Germanwings gehört Winkelmann der modernen Low-Cost-Fliegerei an, einem Seitenarm der lässigen New Economy. Sah man je - um mal ganz hoch zu greifen - einen Steve Jobs mit geblümtem Binder?

Winkelmanns Statur: hochgewachsen, etwas schlaksig wirkend, sogar noch mit 53. Das Auftreten: zur Begrüßung ein launig angedeuteter Diener, Vorsicht im Blick, aber ein vergnügtes Lachen, sobald sich die erste Gelegenheit dazu ergibt. Winkelmann ist augenscheinlich keiner der verbissenen Sorte. Was ihn im Sommer aber nicht davor geschützt hat, für viele einen Buhmann abzugeben.

Ehemalige Bundesminister schrieben ihm, amtierende Fernsehstars, Geschäfts- und Privatleute. Die meisten wollen sich bei ihm beschweren, was einer "gängigen psychologischen Erfahrung" entspricht, wie Winkelmann meint: "Wer etwas gut findet, schreibt seltener als jemand, der sich ärgert."

Der Protest galt dem Regelwerk des Lufthansa-Ablegers, der peu à peu sämtliche Deutschland- und Europa-Flüge abseits der Drehkreuze Frankfurt und München übernimmt. Da monieren sie etwa, dass Tickets ersatzlos verfallen, wenn man zum Abflug einfach nicht erscheint; dass es beim günstigsten Tarif keine Freigetränke gibt und Kofferaufgeben extra kostet; dass der Zugang zu Lounges strenger geregelt ist als früher. Ja dass überhaupt jemand auf die abstruse Idee kommen konnte, die bewährte Lufthansa Börsen-Chart zeigen durch eine neumodische Discount-Linie mit englischem Namen und brombeerfarbenen Uniformen zu ersetzen.

"Der Kunde hat die Wahl"

Thomas Winkelmann sieht sich auf der Seite der Gerechten. "Bei Germanwings hat der Kunde die Wahl", argumentiert er, "ob er mehr Komfort will und dafür bezahlt oder ob er nur günstig und sicher von A nach B kommen will."

Die Alternative zu seiner Airline im Cafeteria-System sei im Übrigen nicht die gute alte Lufthansa, sondern wahrscheinlich der Rückzug des Konzerns aus dem beinharten Kurzstreckengeschäft: "Dann übernehmen eben Ryanair Börsen-Chart zeigen und Easyjet Börsen-Chart zeigen den Markt."

Der Manager sagt das ohne große Aufwallung, hält ruhig sein Wasserglas fest. Das ganze Für und Wider kennt er bis zum Überdruss, seit Jahren - aus dem eigenen Haus.

Schon 2006 kam Winkelmann als Chef zu Germanwings nach Köln. Einen schönen Posten in New York gab er dafür her: Statthalter der Lufthansa in Nord- und Südamerika. Doch der Ruf des damaligen Lufthansa-Lenkers Wolfgang Mayrhuber schien ihm verlockend. Alles sah nach einem großen Aufbruch des noch arg randständigen Ablegers aus. Angeführt von Thomas Winkelmann. So kann man sich täuschen.

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