Freitag, 19. Juli 2019

Leibniz-Preisträger Jens Beckert über Kunst, Wein und sozialen Status "Trump könnte sich einen Geldkoffer an die Wand nageln"

"Balloon Dog" des Künstlers Jeff Koons

2. Teil: "Statusgewinn suggerieren"

mm: US-Präsident Donald Trump hat sein Penthouse in New York vollgepackt mit Kunst.

Beckert: Trump könnte sich auch einen Geldkoffer an die Wand nageln. Kulturelles Kapital würde ihm niemand zuschreiben.

mm: Taugt heute ein iPhone noch, um das soziale Prestige zu steigern?

Beckert: Ob Smartphones, Kaffee oder Autos: Fast alle Bereiche der Wirtschaft leben heute davon, dass sie Käufern einen Statusgewinn suggerieren.

mm: Bei welchen Statusprodukten werden Sie denn schwach?

Beckert: Am ehesten bei Lebensmitteln. Auch da soll der höhere Preis ja höhere Qualität anzeigen. Aber ob's auch immer stimmt?

mm: Und Wein?

Beckert: Da haben mich meine Forschungen ernüchtert. Bei Blindverkostungen erkennen selbst die Winzer oft ihren eigenen Wein nicht. Ich trinke auch gern mal einen teureren Tropfen. Aber ist der wirklich besser als einer, der nur zehn Euro die Flasche kostet?

mm: In Ihrem neuen Buch "Imaginierte Zukunft" schreiben Sie, dass der Kapitalismus von fiktionalen Erwartungen getrieben wird. Träume als Treibstoff der Wirtschaft?

Beckert: Ja. Denn jede Investition und jeder Kauf wird angetrieben von einer Erwartung, was sie mir in der Zukunft einbringen.

mm: Viele träumen vom Erben. Sie aber wollen Erbschaften höher besteuern. Da platzt manche Dolce-Vita-Fantasie.

Beckert: Als Gesellschaft wären wir womöglich besser dran. Wir erleben einen dramatischen Anstieg von sozialer Ungleichheit. Das gefährdet zunehmend Demokratie und Wirtschaft.

mm: Viele Vermögende zahlen korrekt Steuern und spenden.

Beckert: Wenn die Früchte des Wachstums bei großen Teilen der Bevölkerung nicht mehr ankommen, stirbt die Hoffnung, dass man durch Leistung seine materielle Lage verbessern kann. Damit erodiert die Basis unseres Gesellschaftsmodells. Um dies zu korrigieren, wäre die Erbschaftsteuer ein gutes Instrument.

mm: Aber keine Steuer ist so unbeliebt.

Beckert: Mag sein, doch sie entspricht dem Leistungsprinzip. Bezahlen muss jemand, der das zu versteuernde Vermögen nicht geschaffen hat. Und er darf davon auch das meiste behalten. Für ein paar Flaschen teuren Wein würde es immer noch reichen.

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