Freitag, 19. Juli 2019

Mäzene in Deutschland Der neue Charme der Bourgeoisie

Mäzene: Deutschlands Millionäre in Spendierlaune
DPA

6. Teil: Der hässliche Streit des Hasso Plattner

Kultur und Wirtschaft - dass Kulturangebote positiven Einfluss auf das Wachstum einer Region haben, gilt als erwiesen, seitdem Ifo- und Max-Planck-Institut verfolgten, wie sich die Gründung von Opernhäusern im Barock noch heute vorteilhaft auf die jeweiligen Regionen auswirkt. Sie ziehen Hochgebildete an, die wiederum für Leistung sorgen.

Und so ist Kunst längst zur Standortfrage geworden. Den Aufzughersteller Paul Vestner ärgert, dass immer mehr Geld nach Berlin fließt und seine Stadt München von der Hauptstadtdiva abgehängt werden könnte. Um gegenzusteuern, ermöglicht er der Pinakothek der Moderne mit seiner Spende alljährlich eine Ausstellung. "Freilich bin ich Lokalpatriot."

Doch so paradox es klingt: Nicht überall ist der Mäzen gern gesehen, und an der Art, wie die Bourgeoisien großer Städte ihre Kunst fördern, lassen sich auch ihre jeweiligen Identitäten erkennen. Ein München mit seiner freizügigen und freigebigen Society hier, ein Potsdam mit seinem Arm gegen Reich dort und irgendwo zwischen diesen beiden Polen der Rest der Republik.

Die Krankheit des Berliner Nobelvororts: Auf der einen Seite die erfolgreichen und prominenten Zuzügler aus dem Westen, die in gut gemeinter Pioniereuphorie die neue Heimat verschönern und upgraden wollen. Auf der anderen eine alteingesessene Bevölkerung, die sich als Opfer von Gutmenschen-Konquistadoren fühlen mag. Von den Erfolgreichen und Gepriesenen an den Straßenrand der Geschichte gestellt, mag die Besinnung auf die DDR-Sozialisation nachhaltiger ausfallen als nötig; "bürgerliches" Mäzenatentum wurde bekanntlich kategorisch abgelehnt.

Hilmar Kopper springt ein

Das bewies einmal mehr der Fall Hasso Plattner: Hass, Neid und Verbitterung habe er erfahren, sagt der SAP-Mitgründer, als er den Potsdamern in bester Innenstadtlage eine Kunsthalle stiften wollte, samt seiner Sammlung mit den Schwerpunkten ostdeutsche Künstler und Klassische Moderne. Ein hässlicher Plattenbau, in dem ein hässliches Hotel untergebracht ist, hätte weichen müssen. Darüber brach ein hässlicher Streit aus. Plattner lässt für seine Kunst jetzt den Palast Barberini herausputzen.

Ganz anders steht auf der Skala des Engagements dagegen Frankfurt da. Auch gut 160 Jahre nach der Paulskirche ist es die Stadt des liberalen Bürgertums geblieben, durch seine Internationalität immer im Fluss, eine offene Gesellschaft. "Der Bürgerstolz, mit dem die Leute hier die Sache selbst in die Hand nehmen, ist schon bemerkenswert", sagt Max Hollein. Er ist Direktor des Liebighauses, der Schirn und des Städel - und der Liebling der Frankfurter Gesellschaft.

Der einzige Museumschef in Deutschland, der neben Kunstgeschichte auch Betriebswirtschaft studierte mit Spezialisierung auf Konzernrechnungslegung, schlau, redegewandt, ein Salonlöwe - genau der Richtige für das Kunstbusiness der Bankermetropole. Nach dem Studium hatte er Angebote von KPMG und McKinsey. Er ließ sich lieber vom Guggenheim in New York anwerben und erlebte unter dem legendären Marketingtalent Thomas Krens, wie "die konzentrischen Kreise von Wirtschaft, Kunst, Medien und Politik" zusammenfanden.

Die Bourgoisie braucht ein Wir-Gefühl

Hollein gilt als Superstar, wenn es darum geht, das Spendergen des guten Bürgers zu entschlüsseln. Er schaffte das Kunststück, während der Finanzkrise genügend private Geldgeber zu finden für den Erweiterungsbau, der jahrelang ein Work-in-Progress war. Natürlich flossen da auch die Gelder der ansässigen Bankhäuser. Am Ende sprangen noch Hilmar Kopper ein und Josef Ackermann; Erivan Haub mit Ehefrau Helga oder Maschinenfabrikant Fritz P. Mayer. Und natürlich Privatbankier Friedrich von Metzler und seine Frau, die ohnehin nach fast jeder Vernissage ein rauschendes Fest auf ihrem Anwesen schmeißen.

Und doch betont Hollein: "In Sachen Mäzenatentum hat Deutschland noch deutliches Entwicklungspotenzial." Dass die Feuilletonisten immer den journalistischen Reflex hegen und pflegen, Mäzene wollten Einfluss nehmen, befremdet ihn. Er beobachte vielmehr, dass die meisten seiner Gönner der Gesellschaft etwas zurückgeben wollen, emotionale Bindung suchen.

Katharina von Perfall deutet ein adliges Lächeln an. "Die Bourgeoisie", sagt sie, "braucht ein Wir-Gefühl." Vielleicht ist es ja wirklich so einfach.

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