Mittwoch, 21. August 2019

Fortschritt braucht Freiraum Kreativität - eine Anleitung zum Andersdenken

manager magazin

Alle wollen Fortschritt, fast alle fürchten die zerstörerische Wucht des Neuen. Eine Anleitung zum Andersdenken.

Es war im Frühling 2013, die Cafés im Prenzlauer Berg stellten wieder ihre Stühle aufs Pflaster, als für Wooga der Tag des Neustarts kam. Die Zukunft der Firma stand auf dem Spiel, das war den Gründern Jens Begemann und Philipp Moeser ebenso klar wie ihren rund 250 Mitarbeitern. Wooga brauchte neue Hits - oder es würde untergehen.

Die grellbunten Schöpfungen des Berliner Social-Games-Produzenten tragen Namen wie "Monster World" oder "Pearl's Peril" und werden von mehr als 50 Millionen Fans in aller Welt auf Smartphones gespielt. Wooga gilt als eine der raren Berliner Interneterfolgsgeschichten. Selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel ließ sich schon mit den Gamern fotografieren, vor deren hippen Schreibtischen in einer alten Backfabrik.

Ein Gründeridyll, so schien es. Tatsächlich steckte die Firma zu Merkels Besuch längst mitten in der Krise. Sie war drauf und dran, ihr Lebenselixier zu verlieren: geniale Ideen. Schuld daran war das "Dream Cruise"-Trauma.

Das Kreuzfahrtspiel blieb hinter den Erwartungen zurück und wurde 2011 von der Geschäftsführung kurzerhand eingestellt. Ein Schock für die empfindsamen Entwicklerseelen. Es flossen Tränen, so mancher dachte sogar an Kündigung. Fortan traute sich bei Wooga niemand mehr, bei einem schwächelnden Projekt die Reißleine zu ziehen.

Und so kam es, dass zwei Jahre später im Frühjahr 2013 vier von fünf neu gelaunchten Spielen bei den Fans floppten. Schonung und Rücksichtnahme, so viel wurde spätestens da jedem klar, waren keine Lösung. Wooga musste seinen Kreativprozess härter steuern, ohne dabei die Firmenkultur zu beschädigen.

Die ungewöhnliche Konsequenz: CEO Begemann entmachtete sich selbst. Nicht er entscheidet seither darüber, ob Projekte eingestellt werden, sondern die Leiter der jeweiligen Entwicklerteams. Vorher müssen sie sich allerdings einem knallharten Diskussionsprozedere stellen: Management und Kreative anderer Abteilungen schauen gemeinsam auf die Entwürfe und sagen offen ihre Meinung. Da können schon mal die Fetzen fliegen. Doch am Ende tragen die Projektleiter alle Verantwortung.

Seid kreativ! Wer zur Ideenfindung aufruft, erntet überall Zustimmung. Schöpferisches Denken gilt als wertvollstes Asset im Turbokapitalismus. Ohne kreative Einfälle keine Innovationen, ohne Innovationen kein Fortkommen, weder beim Umsatz noch bei der Karriere. Kreativität, analysiert das Magazin "New Yorker", sei "die Schlüsseltugend unserer Epoche", hymnisch gepriesen in einer Unzahl von Ratgebern mit Titeln wie "Creative Explosion" oder "Creative Confidence".

Allen Beschwörungen zum Trotz - so freigeistig und zugleich selbstquälend wie bei Wooga werden Ideenwettbewerbe in deutschen Unternehmen selten ausgefochten. "Im betrieblichen Alltag reduziert sich die Ideenfindung oft genug auf Seminare, in denen bunte Denkhütchen kursieren und der Flipchart bemalt wird", sagt Jens-Uwe Meyer, Geschäftsführer der Agentur Die Ideeologen in Leipzig, der bereits etliche Dax-Konzerne bei Innovationsprojekten begleitet hat. "Wo Geistesblitze kraftvoll sprudeln sollten, wird ein lauer Innovationsprozess verwaltet."

© manager magazin 12/2014
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