Fotostrecke

Heimliche Wirtschaftshauptstadt Kitzbühel: Wer hier so alles wohnt

Foto: Kitzbühel Tourismus / Andreas Tischler

Wo die Schaefflers, Quandts und Porsches überwintern Kitzbühel - die Winterhauptstadt der deutschen Wirtschaft

Hahnenkamm und Hüttenzauber, CEOs und Start-up-Gurus, Sex, Lügen und kleine Sabotagen - ein Report aus der Winterhauptstadt der deutschen Wirtschaft.

Franz Beckenbauer ist raus. Ausgerechnet er, der sich als einer der ersten deutschen Promis Richtung Kitzbühel aufmachte, hat jetzt, Schock für seine zahlreichen Freunde dort, seinen historischen Bauernhof im Kaiserweg in Oberndorf verkauft - für 9,5 Millionen Euro. Gattin Heidi hätte, so der Talk of the Town, endgültig keine Lust mehr, auf Schritt und Tritt der allseits geschätzten Ex Sybille zu begegnen.

Mag hinzugekommen sein, dass auch der Zeitpunkt für einen solchen Deal nicht ungünstig war: Ab Januar 2016 steigen in Österreich die Steuern auf Immobilienverkäufe von 25 auf 30 Prozent und auch die Grunderwerbsteuer bei Schenkungen. Ausnahmsweise war es mal kein Deutscher, der den Zuschlag erhielt, sondern ein Einheimischer. Also: Sold. Verkauft.

Eine, die dagegen von dem Alle-sind-da in Kitzbühel nicht genug bekommen kann, ist Maria-Elisabeth Schaeffler-Thumann. Die Herzogenauracher Unternehmerin ließ sich schon Ende der 90er Jahre ein stattliches Anwesen gen Bichlalm bauen. Sohn Georg bekam später ebenfalls eins. Jüngst sicherte sich die zweitreichste Frau Deutschlands zudem die sogenannte Schlosswiese, das beste Filetstück vom Goldenen Kitzbüheler Immobilienkalb: 8000 Quadratmeter Bauland, Sonnenlage, fantastischer Blick über den Ort. Preis: 23 Millionen Euro.

Man darf also davon ausgehen, dass die Schaefflerin beabsichtigt, sich auch künftig regelmäßig in Kitzbühel zu zeigen. Genauso wie die Quandt-Klattens, Porsches, Dibelius', Birkenstocks, Faber-Castells, Heinritzis und wie sie alle heißen.

Der kleine Ort in einem unwegsamen Tiroler Tal, wo früher Bergbauern ihr Vieh auf die Almen trieben, ist zur Teilzeithauptstadt der deutschen Wirtschaft geworden - vor allem zwischen Weihnachten und Ostern, aber auch in den schneelosen Monaten davor und danach. An keinem Fleckchen weltweit konzentriert sich mehr Geldmacht made in Germany als in Kitzbühel, Austria. Wer elitemäßig à jour sein will unter den hiesigen Wirtschaftsvorderen, der hat in Kitzbühel einen Wanderrucksack gelagert, ein paar Skier, Golfschläger samt Dirndl und Janker, vorzugsweise in der eigenen Villa, wenigstens aber in einer prestigeträchtigen Wohnung.

Wo Blessing, Samwer, Lürssen und Rorsted aufeinander treffen

Industrielle und Finanzer, Manager und Unternehmer, Südländer und Nordlichter, Millionäre und Milliardäre, Altreiche, Neureiche, Jungreiche - reihenweise erliegen sie dem Karma Kitzbühels: ob Carl-Peter Forster, einst aufgeweckter Opel-Chef und heute bei der London Taxi Company, oder der amtsmüde Commerzbank-Recke Martin Blessing, ob Pharmaunternehmer Willi Beier oder Peter-Alexander Wacker vom gleichnamigen Chemiekonzern oder, so ist immer häufiger zu hören, Oliver Samwer.

Man trifft Luxuswerftbesitzer Peter Lürssen, Henkel-Chef Kasper Rorsted sowie Adidas-CEO Herbert Hainer (der dann bei Susanne Porsche wohnt). Und selbst in Hamburg bucht Ex-Gruner-&-Jahr-Chef Bernd Kundrun, nunmehr einer der Gründerväter der Start-up-Republik, regelmäßig Easyjet Richtung Salzburg, steigt dort ins Mietauto und ist schneller in seiner Berghütte am Wilden Kaiser als auf Sylt. Sagt er.

Und wenn sie dann erst da sind auf dem "Bühel" (was "Hügel" bedeutet), kennt die Verzückung keine Grenzen mehr. Filmproduzentin Susanne Porsche schwärmt hollywoodreif vom "herrlich romantischen Ort". Vor fünf Jahren ist sie hier mit einem Wohn- und Firmensitz aufgeschlagen, einsam oben auf dem Berg. Nirgendwo sonst könne sie so kreativ sein.

Im Preis von sechs Millionen Euro für Haus, Hallenbad und 1000 Quadratmeter Grund waren Bärenfell und Hirschgeweihlüster inbegriffen. Mark Wössner, ehedem Bertelsmann-Chef, findet: "Wer in München lebt, muss ein Haus in Kitzbühel haben." Der Ort sei schließlich "die Attraktion von Greater Munich". Und die österreichische Oberkaste ist sowieso da, die Muhrs (Wall-Street-Großbanker, allerlei Immobilien), die Swarovskis (allerlei Kristallzeug), die Riedels (edles Glaswerk).

Knotenpunkt Kitzbühel. Wie das geht, ganz ohne eigene Flugpiste wie etwa in St. Moritz? Durch eine geschliffene Premiumstrategie, die darin besteht, die Richtigen reinzulassen, ihnen Nervenkitzel zu bieten ebenso wie Gaumenschmaus und Hüttenromantik, und das Ganze in einem dörflichen Umfeld, in dem jeder jeden kennen darf, ihm aber nicht hinterhergaffen muss, weil man sich, ein paar Millionen oder Aufsichtsratsmandate hin oder her, vom gleichen Stamme wähnt. Das entspannt kolossal.

Der Nobelort versteht sich als Unternehmen, das seine Premiummarke sorgsam verteidigt. Natürlich hilft da ein Mythos als Markenkern ungemein. Der Mythos von Kitzbühel heißt Streif, jenes halsbrecherische Skirennen über 3312 Meter den Hahnenkamm hinab ins Tal. Die wohl berüchtigtste Skipiste der Welt. Maximales Gefälle: 85 Prozent. Ein Wahnsinn, und damit gerade kitzelig genug für all jene Wirtschaftsgrößen, die sich ohne das Kribbeln der ständigen Gefahr - die Globalisierung, die Konkurrenz, die Wechselkurse, die Großkunden, der Aufsichtsratschef, die Ehefrau ... - nicht mehr lebendig fühlen.

"Was gut ist für mich, ist gut für Kitzbühel. Das gilt auch andersherum."

Am Zielhang des Hahnenkamms, und zwar exakt da, wo die Sieger des Rennens die finale Kurve reißen, liegt der "Rasmushof" von Signe Reisch. Eine bessere Business-Location für die wildesten Tage im Jahr ließe sich nicht erfinden.

Die Hausdame, 1,60 Meter groß, energisch, drahtig, gradheraus, am Revers ihres Jankers ein kleines goldenes Gamskitz, ist der CEO der Winterhauptstadt. Ihr Vorfahr Franz war es, der mit dem Pistenkitzel begonnen und als Erster im Tal von der Mode gehört hat, auf Holzbrettern über den Schnee zu gleiten. Bald darauf schon fuhr er, anno 1893, das Kitzbüheler Horn herunter - die Premiere. Überdies waren Ur- und Großvater tüchtige Geschäftsmänner mit viel Expansionsfreude und obendrein jahrzehntelang Bürgermeister. Der Vater führte bis vor Kurzem eine große Kanzlei.

Nachfahrin Signe, Präsidentin des über allem thronenden Tourismusverbands, agiert nach der Devise: "Was gut ist für mich, ist gut für Kitzbühel. Das gilt auch andersherum." Sie sagt das mit dem Selbstbewusstsein derer, die die Fäden in ihrer Hand wissen.

Aus dem Stadel mit den paar einfachen Fremdenzimmern, das ihre Eltern ihr hinbauten, hat sie, die im Gegensatz zu ihren Schwestern keine Freude am Studieren hatte, ein Vier-Sterne-Haus gemacht und eine Heimstatt für die Reichen und Mächtigen. Neben der großen Wirtschaft, in der Signe Reisch regelmäßig schafkopft, gibt es im "Rasmushof" ein paar lauschige Stuben, die sich für Gespräche eignen, die nicht jeder gleich mitkriegen muss. Und einen Festsaal, der seinesgleichen sucht. Hier, wo sonst, ließ Frau Schaeffler nach der Trauung mit Ex-BDI-Chef Jürgen Thumann im August 2014 ein rauschendes Fest steigen. "I bin a Leitbetrieb", sagt Reisch. "Sie ist die Königin der Streif", sagen die anderen.

Wenn es im Januar losgeht mit dem 40-Millionen-Umsatzthriller, steht bei ihr das VIP-Zelt. Wo dann Frau Klatten (Susanne, BMW-Großaktionärin) auf Frau Schaeffler trifft und man einander zuprostet, während die Skigladiatoren gen Tal rasen.

Im "Rasmushof" nächtigt die Prominenz, wie Formel-1-Boss Bernie Ecclestone. "Ein wahnsinnig bescheidener Mann", sagt die Gastgeberin über Bernie, der sonst eher als skandalumwitterter Autokrat verrufen ist. Seine Suite im Landhausstil, Nummer 322, ist mit Dutzenden von Stier-Illustrationen dekoriert.

Grund und Boden vom Grafen

Im November hat die Königin ihren 60. Geburtstag gefeiert. Die Liste der 1-a-Geladenen ließ sie zu einem dicken Büchlein binden. Im holzgetäfelten Salon zeigt Reisch auf ein Meer weißer Orchideen, "vom Franz" (Beckenbauer), sagt sie und seufzt wissend, "der musste leider absagen". Aber die Maria (Elisabeth Schaeffler) war natürlich dabei, genauso wie die Debus' (der Vermögensverwalter samt Frau), die Kloibers (der Film- und Fernsehmagnat mit Gattin, einer geschiedenen Flick), Graf Lamberg (Kitzbühels Großgrundbesitzer), Maria Höfl-Riesch oder die Hinterseers.

Kitzbühels KonkurrenzMehr Schnee, mehr internationale Klientel, mehr Mode-, Film- und Popgrößen – die Assets der anderen Hotspots

Das Hahnenkamm-Rennen wird natürlich nicht von Reisch persönlich ausgerichtet, sondern von den Sponsoren, vorneweg Audi. Unter ihrem ehemaligen Marketingvorstand Ralph Weyler, seit Langem schon Zweitwohnsitzler in Kitzbühel, sicherten sich die Ingolstädter den PR-Goldtopf langfristig. 450 Millionen Haushalte weltweit verfolgen das Skirennen. Vor Dieselgate war auch Audi-Chef Rupert Stadler immer vor Ort, nebst Vorgesetztem, VW-Boss Martin Winterkorn. Wer dieses Mal wohl kommen wird?

In der Chefetage von Mercedes sind sie durchaus neidisch auf Audi, erst recht bei BMW, wo man schon früher am Zug war, sich dann aber angeblich bockig gab bei der Vertragsverlängerung. In Kitzbühel haben sie eben die Wahl.

Jeder will dabei sein. Dazugehören. Das beweist allein schon die Tatsache, dass es im Ort 40 Makler gibt - bei gerade mal 8363 Einwohnern. Das Angebot in den Toplagen ist allerdings unangenehm überschaubar. Als satisfaktionsfähige Lagen gelten etwa Aurach, Bichlalm, am Hahnenkamm, Sonnleitenweg sowie am Joch- und Lebenberg.

Erste Anlaufstelle für vermögende Zweitwohnsitzler ist der größte Grundbesitzer der Stadt, Graf Max von Lamberg, Herr von Schloss Kaps und ursprünglich auch der Schaeffler'schen Schlosswiese. Der Graf hat schon viele Zugezogene beglückt mit Grundstücken, Wäldern, Golfplätzen.

Ex-Bertelsmann-Boss Mark Wössner etwa. Der gab sich, anno 1990, mit nichts weniger als der Schlossmühle zufrieden. "Es war die beste Entscheidung meines Lebens, nicht nur in finanzieller Hinsicht." Auf zehn Millionen Euro taxiert er sein Anwesen heute.

Eine Residenz in Kitzbühel, das demonstriert Macht und Einfluss. "Dabei zu sein stärkt das Selbstwertgefühl", weiß Peter Haller, Seniorchef der Münchener Serviceplan, Europas größter inhabergeführter Werbeagentur. "Du musst irgendwo eine Oase haben."

Seit 1998 ist er von Donnerstagabend bis Sonntag Kitzbüheler an bester Adresse: "Sobald ich dort bin, fällt alles von mir ab."

Man trifft sich, man misst sich

Globale Vergleiche werden nicht gescheut: "Was die Hamptons für Manhattan, das ist Kitzbühel für München." The place to be. So formuliert es die New Yorkerin Elke Pratley-Baumann, auch eine dieser tüchtigen Businessfrauen und Gattin des ehemaligen Siemens-Granden Karl-Hermann Baumann. Die Pratley-Baumanns residieren auf dem Astberg in Reith, mit einem spektakulären Blick auf den Wilden Kaiser. "Hier wohnen die armen Leute", kokettiert die Hausherrin. Aber inzwischen habe sich herumgesprochen, wie schön es hier ist. "Und dass wir alle gleichgesinnt sind, ist ja logisch."

Was auch bedeutet: Man trifft sich, man misst sich, an der Lage der Häuser, der Pracht und der Herrlichkeit.

Das Ritual für die Festtage sieht so aus, dass Spindoktor Christoph Walther am Tag vor Weihnachten auf der "Streifalm" die Season-Opening-Party schmeißt, für seine 130 Freunde (mehr geht nicht aus Platzgründen) aus Corporate Germany, allesamt auch ansässig in Kitzbühel; man kommt mit Kindern. Heiligabend feiern dann alle für sich, und am zweiten Weihnachtstag macht man die Runde. Silvester lädt Maria Schaeffler gut 20 Freunde an ihre Tafel im Wohnzimmer. Man kommt in Tracht, wie fast immer. Eine richtig große Silvesterparty schmeißt Dermapharm-Gründer Willi Beier. Und überall treffen sich die Cliquen zu kleinen Festen. Privat oder in den einschlägigen Locations.

Wo so viel Wirtschaftsgrößen zusammenhocken, bleibt es nicht aus, dass übers Geschäft geredet und die eine oder andere Weiche fürs neue Jahr gestellt wird. So ist der geniale Coup, wie die Schaefflers in der fast gescheiterten Conti-Übernahme doch noch den Hals aus der Schlinge ziehen konnten, hier bei einem Spaziergang von Maria Schaeffler und Alexander Dibelius, damals noch Regenmacher von Goldman Sachs, ausgeheckt worden. Der, wie alle hier, auch im Kleinen den anderen gern seinen überlegenen Sinn fürs Geschäft demonstriert.

Dibelius ist Besitzer eines schönen Anwesens in Aschau. Zu seinem Hochzeitsfest im vergangenen September lud er alle von Rang und Namen ein, die In- und die Auswärtigen (Ann-Kristin und Paul Achleitner, Ulrich Grillo, Johannes Huth und weitere 400). So glamourös ward auch der unschöne Scheidungskrieg mit seiner Ex krachledern weggefeiert.

"Ich bin nur begrenzt Insider der Hardcore-Bussi-Bussi-Szene", behauptet Dibelius. (Wie sie überhaupt alle betonen, mit der ganzen Bussi-Posse nichts zu tun zu haben und man sich am Ende fragt, wer denn dann eigentlich dazugehört.) Viel lieber sei er mit den Einheimischen am Berg unterwegs als beim Golf und bei Cocktailpartys - oder "mit den Kindern im Wald".

Die Nachbarn? Sucht man sich aus!

Kommt da en passant ein schönes Geschäft des Wegs, greift Dibelius, ganz Triebtäter, auch in Knickerbocker zu. Als einst ein Nachbargrundstück zum Verkauf kam, tat er sich mit einer örtlichen Projektentwicklerin zusammen und stückelte es in gleich drei Bauplätze: je einen für seinen langjährigen Freund Eckhard Cordes (Ex-Mercedes-, Haniel- und Metro-Chef, heute wie Dibelius Finanzinvestor und Oberaufseher bei Bilfinger), Wolfgang Fink, seinen Nachfolger bei Goldman Sachs, und den alten Goldman-Kollegen Marcus Schenck, mittlerweile Finanzvorstand der Deutschen Bank.

Wie fein, wenn man sich seine Nachbarn aussuchen kann. Nach diesem Prinzip funktioniert ganz Kitzbühel. In St. Moritz parkt der internationale Milliardärsjetset seine Privatflieger. Igitt. Am Arlberg in Lech und Zürs haben sie sich an dollarschwere, vergnügungsenthemmte Russen verkauft. Pfui Teufel. Konkurrenten wie Zermatt, Saas-Fee oder Gstaad, Orte, in denen Deutschlands Wirtschaftswunderelite einst die Lust an Ski und Après-Ski entdeckte, haben ihre besten Zeiten hinter sich. Wie schade. Dass die Preise für Luxusimmobilien fast überall dort noch viel höher sind als in Kitzbühel - deppert sans.

Obwohl Signe Reisch auch um die chinesischen Neureichen buhlt, setzt Kitzbühels Snowciety auf landsmannschaftliche Homogenität: Deutsche und Österreicher, und als Farbtupfer ein paar andere - das scheint der globalisierungsgläubigen Elite zwischen Hamburg und Wien am liebsten zu sein. Man will ja schließlich mal Urlaub machen.

Deshalb: gern ein paar Russen, aber bitte nur ausgewählte. Mit Jelena Baturina und Juri Luschkow, dem ehemaligen Bürgermeister von Moskau und seiner Gattin, hat auch Kitzbühel sein prominentes Oligarchenpaar. Der Deal, der sie zu Besitzern des "Grand Tirolia" machte (Fünf-Sterne-"Leading Hotel of the World", samt Golfplatz), einer der prestigeträchtigsten Adressen überhaupt, konnte nur mit Sondergenehmigung dingfest gemacht werden. Denn in Österreich dürfen nur EU-Bürger Immobilien kaufen. Eigentlich. In diesem Fall gab es eine besondere Dringlichkeitsstufe namens Kulturaustausch. Verbrieft wurde das Ganze in der Nachbargemeinde Aschau.

Zuzug aus Sankt Moritz

Ein Insider merkt fast ein wenig beschämt an, die Baturina und der Luschkow seien ohnehin "ganz selten nur" da. Andere Vorteile für die Kitzbühel-Community hingegen dürfen als dauerhaft gelten. Dank der Oligarchenlizenz kämen nun auch so gern gesehene Landsleute wie die Operndiva Anna Netrebko vorbei.

Die "Russenquote", die eine ehemalige Tourismusdirektorin einführen wollte, ward flugs zum "Missverständnis" umdeklariert. Was die Rubelzaren dennoch nachhaltig verstimmte. Nun bremst auch noch der Währungsverfall ihre Reiselust. Alles in allem gilt das als erfreuliche Entwicklung.

Seitdem der Schweizer Franken gestiegen ist, kommt sogar Zuzug aus St. Moritz. Die Begum Aga Khan ist jetzt da, einigen noch bekannt als Gabriele Thyssen.

Zu den Farbklecksen der schwarz-rot-golden/rot-weißen Gemeinschaft gehören ferner ein paar Griechen. Hartnäckig hält sich das Gerücht, die Schließfächer des Spielkasinos seien zu 80 Prozent von reichen Hellenen blockiert, vollgestopft mit Geld, das sie daheim nicht sicher wähnen.

Ende November schlenderte der griechische Ex-Finanzminister Yanis Varoufakis durch die Straßen. Sein Ziel? Die Wirtschaftskammer. Wie jedes Jahr hielten die Topplayer der Immobilienbranche ein Gipfeltreffen mit Thinktank ab. "Black Swan"-Autor Nassim Taleb und Nobelpreisträger Christopher Pissarides probierten sich ebenso an einer Weissagung zur Wirtschaftslage von morgen wie der griechische Bad Boy Varoufakis.

Solcherart Events sind zentral für den größten Wunsch der Kitzbüheler Strategen: Nicht nur im Winter, wenn es (hoffentlich) schneit, sollen die Macher aus dem Flachland kommen, nein, auch im Sommer. Nach dem Silvesterfeuerwerk auf dem unteren Hahnenkamm, bei dem Skifahrer durch Feuerformationen hüpfen, geht es eventmäßig gleich weiter.

Snow Polo World Cup im Januar, im Sommer dann Triathlon-Weltcup, Oldtimerrallye, Tennisturnier und Filmfestival. Auf dass die Hütten immer so voll seien wie zum Skirennen, wenn die Promis auf extra angelegten Eispisten die SUVs der Premiummarken ins Schleudern bringen dürfen.

Fünf Sterne mit Misthaufen

Die Zugezogenen sind allerdings auch eine Last für die Einheimischen. Sie werden verdrängt, je mehr ihre Heimat zu einer luxuriösen Shoppingoase mutiert. Deshalb haben Österreichs Behörden die sogenannten Freizeitwohnsitze enorm eingeschränkt. Gegen verwaiste Luxusanwesen, in denen nur ein paar Wochen im Jahr Lichter brennen, geht man in Tirol sogar mit Kontrollen von Strom- und Wasserverbrauch vor. Ein Hausbesitzer aus dem Norden Deutschlands hebt seither seine Quittungen aus dem Supermarkt auf (die von anderen klaubt er schon mal aus dem Müll), um seine regelmäßige Präsenz nachweisen zu können.

Daneben gibt es ein paar Regeln, die das Auskommen mit den Lokalen erleichtern. So sollte man ein Auto in Tirol anmelden und Handwerker von hier beschäftigen statt günstigere von auswärts. Als Alex Dibelius dort hochzeitete, bat er Feuerwehr, Gendarmerie und die traditionellen Weisensänger hinzu. So macht man das: einbinden, um eingebunden zu werden.

Bürgermeister Klaus Winkler, ein langer, schmaler Mann von ernster Freundlichkeit, Steuerberater mit 15 Mitarbeitern, unternimmt derweil Rückholaktionen weggezogener Kitzbüheler. Mit neu ausgewiesenen Baugrundstücken in besten Sonnenlagen zu günstigen Preisen, die nur für die Einheimischen gelten. Society-Lady Susanne Porsche unterstützt ihn mit der neu gegründeten Stiftung Kiss, die sich um Kinder und Schulbildung kümmert.

Man müsse trotzdem die Wahrheit sagen, betont Winkler, dessen Jahresetat gerade mal 30 Millionen Euro beträgt: Der Wohlstand ist durch die Zweitwohnsitzler entstanden. Damit der bleibt, müht sich Kitzbühel, auch die junge Klientel zu gewinnen. Etwa mit dem "Country Club" in Reith von Richard Hauser, dem ältesten Sohn des legendären Stanglwirts.

"Einfach cool" sei der, schwärmt Gregor Gebhardt, Gründer von Friendsfactory, dem Büroraumvermieter für Start-ups. Es amüsiert ihn, wenn die, die ihn nicht kennen, mit Blick auf seinen tätowierten Körper und das legere Äußere fragen: "Sind Sie auch Mitglied?"

Gebhardt schätzt das Konzept der Rundumversorgung, das Aufgehobensein, wenn das Schloss hinter ihm in die Tür fällt. "Hier kann ich in kürzester Zeit maximal entschleunigen", mit der kleinen Tochter toben, ein Konzert besuchen, gut essen. Über 800 Mitglieder sind in den ersten beiden Jahren beigetreten, das öffnet automatisch die Türen zu 250 verbandelten Klubs in 40 Ländern. Wer will, kann mit auf Gamswanderung im Jagdgebiet der Hausers. Und bald auch Fliegenfischen.

Society-Treffpunkte zu etablieren hat Richard Hauser offenbar in den Genen. Sein Vater Balthasar hatte 1964 noch als Minderjähriger eine bescheidene Wirtschaft an der lauten Landstraße vor Going geerbt, 15 Kilometer vor den Toren des sich mondän gerierenden Kitzbühels. Er machte aus dem "Stanglwirt" ein ganzjährig voll gebuchtes Fünf-Sterne-Resort mit einem Misthaufen mittendrin. Die zahlungskräftigen Deutschen lieben Hauser, den Philosophen. Auch EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker urlaubt einmal im Jahr hier. Dann gehen sie gemeinsam wandern.

Dafür, dass die nächste Generation von Topführungskräften der heutigen ihre Millionenvillen mal abnimmt, sorgen die Weltstrategen von McKinsey.

Und das kam so: Ernst Freiberger, der erst mit Tiefkühlpizzen und dann mit Kliniken Millionen machte, hatte große Pläne mit dem ehemaligen "Grand Hotel" von Kitzbühel, wo einst der englische Adel abstieg. Als Freiberger es übernahm, war das Haus verfallen, ein paar Obdachlose hatten sich darin eingerichtet. Er wollte es in ein "Ritz-Carlton" verwandeln, samt Rehaklinik.

Die Kitzbüheler liefen Sturm und beschimpften ihn als "Märchenprinz". Da traf es sich, dass Herbert Henzler, seinerzeit McKinsey-Chef Deutschland, nach einer europäischen Stätte für die Seinen aus aller Welt suchte, wo man sich austauschen und weiterbilden konnte. Eigentlich liebäugelte Henzler mit einem Grundstück am Wilden Kaiser, wurde aber mit Stanglwirt Hauser, dem es gehörte, nicht handelseinig. Freiberger und Henzler schmiedeten eine Koalition der Frustrierten. 1998 war Richtfest.

Auch damit waren die Ortsansässigen nicht glücklich. "Die sind schon ein bisschen speziell", sagt Henzler, der bereits 1984 am Lebenberg ein Haus baute. Sie hielten die Meckies für Scientologen, die sich hinter den hohen schmiedeeisernen Gittern verschanzten. Etwas festungsartig wirkt die Alpine University tatsächlich.

Viele Vorträge später vor dem Rotary und Lions Club und den Hoteliers ("Es gibt keinen Verein, vor dem ich noch nicht geredet hab") waren die guten Bürger überzeugt. Und merkten bald, wie sehr sie von der neuen Kundschaft profitierten. Ständig trifft Henzler nun ehemalige Trainees aus der ganzen Welt, die mit ihren Familien nach Kitzbühel zurückkommen. In Japan macht es sich besonders gut, Namedropping mit dem alpinen Hotspot zu betreiben. Er erntet dann ein glückliches "I have been there."

Möglich, dass einige Absolventen gar in die In-Circles aufsteigen. Und lernen, wie kalt Kitzbühel sein kann, wenn jemand nicht mehr dazugehören soll. Wie Jürgen Schrempp und sein Frau Lydia. Der Ex-Boss von Daimler würde kaum noch eingeladen, zischelt es; und gern wird über die gescheiterten Gastronomieversuche der beiden gelästert.

Selbst Einheimische müssen mal einstecken. Wie Christian Harisch, Zögling der größten Hoteliersfamilie neben den Reischs, Chef des "Weissen Rössl", "Schwarzen Adler" und der "Lanserhöfe". Am Tegernsee, wo er den neuesten eröffnete, sagen sie ihm nach, er stecke mit dem russischen Milliardär Roman Abramowitsch unter einer Decke. "Den kenne ich gar nicht", stellt Harisch klar. Nach zehnjähriger Amtsführung entglitt ihm 2012 das Chefamt des Kitzbüheler Tourismusverbands: "Er ist halt zu global geworden für an Unsrigen."

Aus rechtlichen Gründen wurde dieser Artikel nachträglich bearbeitet.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.