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Hudson´s Bay: Die Puppenspieler aus Kanada

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Eigentümer Hudson's Bay spielt hohes Risiko Puppenspieler - wie HBC die Zukunft von Kaufhof riskiert

Das Vorgehen der Kaufhof- Eigentümer aus Kanada erinnert an die Strategie von Hasardeuren im Kasino: je größer die Verluste, desto höher der Einsatz. Wie lange kann das gut gehen?

Die folgende Geschichte stammt aus der Ausgabe 4/2017 des manager magazins, die Ende März erschien. Wir veröffentlichen sie hier als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.

Wer die jüngere Geschichte der Warenhauskette Galeria Kaufhof verfolgt, wird das Gefühl nicht los, alles schon einmal erlebt zu haben.

Eineinhalb Jahre nach der Übernahme des Innenstadtdinos durch den kanadischen Konzern Hudson's Bay Company (HBC) verspürt man immer deutlicher ein Déjà-vu, streng genommen sogar drei: Die Vorgänge haben auffallende Ähnlichkeit mit dem laienhaften Gastspiel des US-Händlers Wal-Mart  in Deutschland, mit dem fatalen Wirken von Thomas Middelhoff (63) bei Arcandor und der desaströsen Herrschaft des zeitweiligen Karstadt-Eigentümers Nicolas Berggruen (55).

Der weltgrößte Retailer Wal-Mart war es, der ohne Kenntnis des deutschen inzelhandels knapp 100 Selbstbedienungswarenhäuser in Deutschland erwarb und vergeblich versuchte, den Kunden den American Way of Life schmackhaft zu machen - ähnlich wie die Kaufhof-Eigner aus Kanada.

Middelhoff versilberte die Immobilien des Arcandor-Konzerns und nahm im Gegenzug exorbitante Mietsteigerungen in Kauf. Analog verfährt HBC mit einem großen Teil der Kaufhof-Immobilien.

Modell Middelhoff: Immobilien verkaufen, hohe Mieten in Kauf nehmen

Karstadt-Eigner Berggruen bediente sich aus der Warenhauskasse, die nach durchlaufener Insolvenz prall gefüllt war. Seine Hilfshorden verschwendeten Ressourcen, trimmten das Sortiment auf angelsächsisch und verschreckten damit die letzten Kunden. Ein vergleichbares Muster lässt sich nun bei Kaufhof erkennen.

Wal-Mart, Middelhoff, Berggruen - alle drei scheiterten grandios. Steht HBC womöglich dasselbe Schicksal mit der deutschen Tochter Galeria Kaufhof bevor? Einiges deutet darauf hin.

Die Kanadier kamen 2015 mit der Überzeugung nach Deutschland, sie wüssten alles besser - eine Überheblichkeit, die schon einige amerikanische, britische und französische Händler teuer bezahlen mussten.

Beim Kaufhof wurde bislang nichts besser, aber vieles schlechter. Den Erwerbspreis holten sich die HBC-Leute nach Private-Equity-Manier aus dem Kaufobjekt selbst. HBC saugt das Unternehmen über Mieterhöhungen aus. Seit der Übernahme schreibt Galeria Kaufhof rote Zahlen. Mit untauglichen Konzepten versuchen die Amerikaner, das Warenhaus umzukrempeln. Im Einkauf regiert das Chaos, viele Lieferanten wurden verprellt. In der Zentrale herrscht Frust, Führungskräfte sind reihenweise auf dem Absprung.

Die hoch verschuldete HBC beutet Kaufhof mit höheren Mieten aus

Das Wirken der transatlantischen Großkaufleute bei ihrem deutschen Ableger wäre weniger besorgniserregend, wenn hinter der Fassade von HBC ein erfolgreicher, wohlhabender Konzern steckte - ähnlich einem reichen Onkel aus Amerika, der spendabel mit seinen Dollars umgeht. Doch diese Hoffnung ist irreal: Die hoch verschuldete HBC verbrennt auch mit ihren Warenhäusern in Kanada (Hudson's Bay) und den USA (Saks Fifth Avenue, Lord & Taylor) zunehmend Geld. Das erklärte Ziel, zum Weltmarktführer aufzusteigen, klingt schwer nach Fantasterei.

Die Führungsriege unter Executive Chairman und Großaktionär Richard Baker (51) erweckt den Eindruck eines Klubs von Glücksspielern, die auf Verluste mit immer höheren Einsätzen reagieren. Offenbar haben das auch die Anleger erkannt: Seit dem Kaufhof-Deal halbierte sich der HBC-Kurs. Daran änderten selbst Gerüchte, HBC könnte die angeschlagene US-Kaufhauslegende Macy's übernehmen, nur wenig.

Dass die Amerikaner bei Galeria Kaufhof zum Zuge kamen, liegt vor allem an Olaf Koch (46), dem Vorstandsvorsitzenden der Metro AG . Koch wollte die Warenhaustochter unbedingt loswerden. Es gab zwei Interessenten, die Signa Holding des Österreichers René Benko (39), der bereits die Kaufhof-Konkurrentin Karstadt gehörte, und eben HBC.

Koch mag Benko nicht, misstraute dessen Finanzierung und fürchtete, im Fall eines Zusammenschlusses von Kaufhof und Karstadt für einen personellen Kahlschlag mitverantwortlich gemacht zu werden.

Doch der Deal mit den Kanadiern führte schon bald zu Irritationen. HBC löste die meisten Warenhausimmobilien aus dem Unternehmen heraus, verkaufte sie zum Teil an Joint-Venture-Partner und beutet Kaufhof seitdem mit höheren Mieten aus - rund 50 Millionen Euro jährlich mehr.

Investitionen muss Kaufhof aus dem eigenen Cashflow bestreiten

Zwar hat HBC für eine Periode von fünf bis sieben Jahren Investitionen in Höhe von einer Milliarde Euro in Deutschland zugesagt, die muss Kaufhof aber aus dem eigenen Cashflow bestreiten - und der dürfte nahe null oder negativ sein, seit die Mieterhöhungen durchschlagen.

Mitarbeiter berichten von einem zeitweiligen Investitionsstopp, was Kaufhof bestreitet. An der Modernisierung von Kaufhof-Filialen und dem Aufbau des Markendiscounters Saks Off 5th in Deutschland werde festgehalten.

Immerhin räumte der Konzern kürzlich indirekt selbst ein, wie begrenzt seine Liquidität ist. HBC weitete die Betriebsmittelkreditlinie um 350 Millionen Dollar aus. 100 Millionen Dollar sollen in die Schaffung eines Warenhausnetzes in den Niederlanden fließen - von Geldtransfers nach Deutschland war nicht die Rede. Kaufhof bleibt finanziell sich selbst überlassen.

Seit Oktober 2015 hat in der Kölner Kaufhof-Zentrale Donald Watros (52) das Sagen - ein HBC-Manager mit dem Titel President International, der nicht gerade als exzellenter Kenner des Einzelhandels gilt, schon gar nicht des europäischen. Coachen lässt er sich durch Scharen von US-Consultants.

Watros sitzt formal nur dem Aufsichtsrat von Galeria Kaufhof vor, übt tatsächlich aber weit mehr Macht aus. Der Vorsitzende der Geschäftsführung, Olivier Van den Bossche (41), hat wenig zu bestellen. Für viele ist es nur eine Frage der Zeit, dass der freundliche Belgier seine Position als Frühstücksdirektor verlieren wird.

Watros, ein Freund von HBC-Governor Baker, schwebt etwa alle zwei Wochen in Deutschland ein, verbringt ein paar Tage in der Kaufhof-Zentrale und einige Nächte im von der Firma angemieteten Luxusapartment in einem der sogenannten Kranhäuser am Rheinufer, um dann wieder gen Westen abzuheben. In der Hauptverwaltung hetzt er meist grußlos an seinen Leuten vorbei, bellt ab und zu "Koffhoff" und fasst Entschlüsse, die Rätsel aufgeben.

Der Manager hat eine große Sortimentsumstellung angeordnet. Vor allem auf Schuhen, Handtaschen und Kosmetik wird künftig der Fokus liegen - obwohl diese Produktgruppen stark vom Internethandel betroffen sind. Für das "Dream Concept" (Eigenwerbung) soll die kostenintensive Beratung ausgebaut werden. Andere Warengruppen werden reduziert, bisherige Stammlieferanten sind schon ausgelistet oder die Bezugsmengen wurden gekürzt.

Ärgernis Tarifbindung

Zudem feiert die britische Modekette Topshop Auferstehung in deutschen Warenhäusern. Der Filialist, der dem Briten Philip Green (65) gehört, einem Freund Richard Bakers, war bereits in der Berggruen-Ära bei Karstadt untergekommen - dort indes weitgehend erfolglos geblieben. Die Kunden mochten die englische Mode nicht. Zur Überraschung der Karstädter zieht Kaufhof nun nach - in großem Maßstab. Am Berliner Alexanderplatz wurden vergangenen Herbst 1300 Quadratmeter an Topshop untervermietet. Weitere Flächen sollen folgen.

Zu Erstaunen führen auch Überlegungen der Kaufhof-Spitze, die Mitgliedschaft in der Payback-Organisation zu überprüfen - einem Kundenbindungsprogramm, dem mehr als 50 renommierte Firmen wie Aral, Rewe, Deutsche Telekom  oder Lufthansa  angehören.

Galeria Kaufhof erzielt mehr als 40 Prozent des Umsatzes mit Käufern, die mit ihrer Payback-Karte Bonuspunkte sammeln. Das System ist Watros wohl zu teuer - 5 Prozent gehen für Kundenboni, Werbung und Verwaltung drauf. Einen Austritt dementiert Kaufhof, vermutlich will man einen Nachlass aushandeln.

Die Stimmung in der Zentrale ist mies. Viele Führungskräfte bewerben sich bei Karstadt oder der Muttergesellschaft Signa. So wechselt etwa der Finanzchef von Kaufhofs Restaurantkette Dinea, Carsten Claus (42), in gleicher Funktion zur Karstadt-Tochter Le Buffet, die die Warenhaus-Gastronomie betreibt.

Galeria Kaufhof leidet unter dem neuen Eigentümer

Galeria Kaufhof leidet sichtlich unter seinem neuen Eigentümer. In den ersten drei Quartalen des Geschäftsjahrs 2016 schrumpften die Erlöse von HBC Europa, was im Wesentlichen Galeria Kaufhof und die belgische Galeria Inno umfasst.

Genaue Zahlen für das abgelaufene Fiskaljahr (Stichtag 28. Januar) will HBC Anfang April vorlegen. Beim Umsatz wie beim Ertrag muss es Einbußen für die Galeria-Gruppe gegeben haben. Im Januar dürfte der Erlös um etwa 6 Prozent gesunken sein.

Dass jüngst beschlossen wurde, den Personalrabatt von 15 auf 20 Prozent zu erhöhen, wird als hilflose Maßnahme zur Ankurbelung des Umsatzes betrachtet - auch wenn die Mitarbeiter die zusätzlichen Prozente gern mitnehmen.

Weniger erfreut dürften Belegschaft und Gewerkschaft Verdi angesichts von Überlegungen der Kaufhof-Führung sein, zumindest zeitweise aus dem Einzelhandelstarifvertrag auszusteigen. Den Amerikanern fehlt das Verständnis für die kostspielige Tarifbindung. Bei der Übernahme hatte sich HBC allerdings gegenüber Metro in einer sogenannten Sozialcharta dazu verpflichtet, mindestens bis 2020 im Tarif zu bleiben - eine Vertragsstrafe wurde jedoch nicht vereinbart.

Es laufen bereits Gespräche mit Verdi. Bei Kaufhof heißt es dazu, man bekenne sich zur Tarifbindung. Von Verdi gibt es keinen Kommentar. Karstadt hatte einen Ausstieg vorexerziert, ist aber wieder ins Tarifsystem zurückgekehrt.

Rascher Rückzug unrealistisch

Ganz allmählich setzt sich offenbar bei den HBC-Leuten die Erkenntnis durch, den europäischen, besonders den deutschen Einzelhandelsmarkt unterschätzt zu haben. So soll CEO Jerry Storch (60) in New Yorker Finanzkreisen vorsichtig angedeutet haben, dass die Kaufhof-Übernahme wohl nicht die beste Entscheidung war. Das Verhältnis von Chairman Baker und Storch gilt als beschädigt; aber Lautsprecher Baker braucht den zurückhaltenderen Storch - einen der wenigen Händler im Topmanagement.

Ohnehin ist ein rascher Rückzug unrealistisch. Das würde einem Gesichtsverlust der HBC-Spitze gleichkommen, zumal sie einige Partner an den Kaufhof-Immobilien beteiligt hat. Die würden sich getäuscht fühlen. Schon jetzt sorgen sich die Investoren um ihr Geld.

Die Probleme in Europa sind umso gravierender, weil es auf dem Heimatkontinent brennt. Dort verleiden Amazon  & Co. dem stationären Handel in immer gefährlicherem Ausmaß das Geschäft. Zudem bleiben wegen des starken Dollar die Touristen aus. Der Zustrom von Brasilianern, Italienern und Russen ist deutlich schwächer geworden, was vor allem den Warenhäusern in New York starke Einbußen beschert.

Auch für Macy's mit der Tochter Bloomingdale's sind die verlorenen Umsätze schmerzhaft, für HBC wirkt sich die Lage aber besonders kritisch aus. Denn der Konzern ist hoch verschuldet. Erst 2013 hatte HBC für fast drei Milliarden US-Dollar Saks erworben - weitgehend fremdfinanziert. 2015 folgte Galeria Kaufhof, Anfang 2016 kaufte HBC für 250 Millionen Dollar den Onlinefashionhändler Gilt.

Sparprogramm gestartet

Der Konzern verbrennt im operativen Geschäft laufend Geld. Nur in drei der vergangenen elf Quartale war der Konzerngewinn vor Zinsen und Steuern (Ebit) positiv - in den ersten neun Monaten des Geschäftsjahres 2016 mit 250 Millionen US-Dollar hingegen tiefrot.

Der Netto-Cashflow abzüglich Investitionen blieb seit 2014 in den weitaus meisten Quartalen deutlich negativ. Um liquide zu bleiben, ist HBC darauf verfallen, Immobilien zu verkaufen oder Assets höher zu beleihen. Da werden Flaggschiffhäuser in Kanada versilbert, Immobilien in Nordamerika und hierzulande in Joint Ventures eingebracht, das eigene Engagement dort scheibchenweise reduziert und Grundschulden auf andere Objekte erhöht. Seit 2014 summiert sich diese Art der Geldbeschaffung aus der Substanz auf weit über zwei Milliarden Dollar.

Dass dieser Weg nicht ewig weiterverfolgt werden kann, dämmert den Verantwortlichen inzwischen. Im Februar kündigten sie eine "Effizienz-Initiative" an, von der sie Einsparungen in Höhe von knapp 60 Millionen US-Dollar erwarten. Overheads sollen reduziert, die Produktivität in den Warenhäusern erhöht werden. Der Betrag wird indes nicht ansatzweise ausreichen, um den 2016 erlittenen operativen Verlust zu kompensieren.

So hat das Sparprogramm die Börsianer angesichts der fortlaufenden Wertezerstörung nicht beeindruckt. Was sie kurz aufhorchen ließ, waren Meldungen, HBC wolle Macy's übernehmen oder die US-Nobelwarenhauskette Neiman Marcus. Beide Spekulationen sind geeignet, von Hudson's schlechten Zahlen abzulenken - aber gleichermaßen realitätsfern.

Macy's ist von der Marktkapitalisierung sechsmal und vom Umsatz her dreimal so groß wie HBC. Neiman Marcus ist zwar deutlich kleiner, aber hat ebenso wie Macy's große Ertragsprobleme und ist überdies hoch verschuldet. HBC würde sich schwertun, Finanziers zu finden.

So bleibt am Ende vielleicht doch nur ein Ausstieg aus Deutschland. Ein Käufer stünde bereit, sollte HBC eines Tages nach einem neuen Eigentümer für seine Tochter suchen. René Benko würde Kaufhof immer noch gern mit Karstadt fusionieren.

In jedem Fall hätte der Österreicher eine bessere Verhandlungsposition als 2015 gegenüber Metro-Chef Koch. Die Kanadier kämen zu Benko als Bittsteller.

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