Montag, 14. Oktober 2019

Stereotype Wie Personalmanager gegen Vorurteile angehen

Schablone im Kopf: Wie Personalmanager mit Stereotypen umgehen.
imago

Zu viele Klischees bestimmen die Personalauswahl, oft zum Nachteil von Frauen. Eine Harvard-Professorin und deutsche Topmanager wollen das ändern.

Die folgende Geschichte stammt aus der Ausgabe 10/2016 des manager magazins, die Ende September erschien. Wir veröffentlichen sie hier als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.

Austin, ein heißer Märznachmittag 2016, South by Southwest. Die Tech-Hipster auf Amerikas wichtigster Internetkonferenz hängen ermattet in ihren Stühlen. Da betritt eine elegante Blonde im weiß-gelben Hosenanzug die Bühne, lobt das Auditorium für sein Durchhaltevermögen - und schaltet auf Angriff. Sie beamt, riesengroß, ein Titelbild des "Economist" auf die Leinwand: rosa Babyschuhe vor schwarzem Hintergrund. Das Magazin prangert den "Gendercide" an, die gezielte Abtreibung von Mädchen. Die Rednerin setzt ihre Pointe: "Chancengleichheit kann eine Frage des Überlebens sein." Alle sind wieder wach.

Ein klassischer Auftritt à la Iris Bohnet (50): konziliant in der Form, inhaltlich die volle Dosis Rebellion. Das war schon zu Schulzeiten so, als die Schweizer Gymnasiastin auf der Matura-Feier eine kämpferische Abschlussrede hielt und sich dafür einen Rüffel vom Bildungsminister einfing. Fürs Studium der Volkswirtschaft zog sie in eine Züricher WG, gemeinsames Kochen, gemeinsame Partys. Es blieb aber immer noch genug Zeit für akademische Höhenflüge: Nach der Promotion ging sie nach Berkeley, schließlich nach Harvard.

Heute leitet die Verhaltensökonomin das Women and Public Policy Program an der weltberühmten Kennedy School of Government, zuvor war sie dort als erste Ausländerin Academic Dean. Rebellin ist sie geblieben. Mit den Mitteln der Forschung kritisiert Bohnet jetzt das Konzernestablishment und die eingefahrenen Methoden der Frauenförderung.

Der gefühlt endlosen Diversity-Debatte haucht die Professorin neues Leben ein. Ihre Botschaft: Unbewusste Vorurteile - "unconscious biases" - verzerren unsere Wahrnehmung. Guter Wille hilft da nichts, denn 80 bis 90 Prozent unserer Entscheidungen treffen wir unbewusst.

Achtsamkeitstrainings für Führungskräfte? Mentorenprogramme für Frauen? Alles Mumpitz, verschwendetes Geld. Was wirklich hilft: Die Spielregeln so zu gestalten, dass gelernte Normen nicht mehr zum Zug kommen.

Diese radikale Denke hat die Wissenschaftlerin zur neuen Ikone der Genderbewegung gemacht. Regierungen, Konzerne, Thinktanks, Davos, die OECD, der IWF, Google, KPMG und L'Oréal - alle laden sie ein, um von ihr zu lernen.

Auch deutsche Unternehmen lassen sich inspirieren. Die "Initiative Chefsache", ein Netzwerk der Topmanager von Schwergewichten wie Bosch, McKinsey und Siemens, hat den Kampf gegen den Bias für eröffnet erklärt (siehe Kästen Seite 96 und 97).

Die Diskussion um die Macht der Vorurteile könnte sich zum wichtigsten Impuls für die Chancengleichheit seit der Frauenquote entwickeln. Und, nebenbei, die Szene der Personalberater mächtig aufmischen. Denn die orientieren sich bei der Kandidatensuche nach wie vor selbstbewusst an ihrer Intuition, vulgo ihrem Bauchgefühl. Wer nicht dem Abziehbild des erfolgreichen Managers entspricht - zu alt, zu dick, Migrationshintergrund, Quereinsteiger oder eben Frau -, läuft Gefahr, aussortiert zu werden. "Klischees" bestimmen zu oft die Personalauswahl, sagt Bettina Volkens, Personalvorstand bei der Lufthansa, Mitglied der Initiative Chefsache: "Das wollen wir reduzieren."

Seite 1 von 3

© manager magazin 10/2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung