Interview über die Pläne von Jaguar Land Rover Jaguar-Chef: "Uns droht ein Engpass bei den Batterien"

CEO Ralf Speth spürt neue Abhängigkeiten im Elektrozeitalter und sagt, wie er den perfekten Sturm aus Brexit, Dieselkrise und Digitalisierung überstehen will.
ANDERE ZEITEN Ralf Speth (62) hat Jaguar Land Rover erfolgreich aus der Krise geführt. Nun musste er 1000 Mitarbeiter entlassen.

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Foto: AFP

Das folgende Interview stammt aus der Juli-Ausgabe 2018 des manager magazins, die Ende Juni erschien. Wir veröffentlichen sie hier als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.

Herr Speth, bei Jaguar scheinen die goldenen Zeiten vorbei zu sein. Gerade mussten Sie 1000 Mitarbeiter entlassen, weil die Dieselverkäufe eingebrochen sind. War es ein Fehler, so stark wie kein anderer Hersteller auf den Diesel zu setzen?

Ralf Speth: Nein, das war absolut kein Fehler. Moderne Mobilität braucht auch künftig moderne Diesel. Die haben im Vergleich zu Benzinern einfach wesentlich geringere CO2-Emissionen, bei ähnlichen Stickoxid- und Feinstaubwerten. Die emotionale Diskussion wird sich hoffentlich bald wieder auf wissenschaftlich belegbare und fundierte Fakten stützen. Auch Regierungen und Städte werden dann wieder auf den Diesel setzen - schon um die in Kyoto und Paris zugesagten Klimaziele zu erreichen.

Wird denn Jaguar Land Rover seine CO2-Ziele erfüllen?

Wir haben die richtigen Produkte, um diese Werte zu erreichen. Ab 2020 bieten wir unseren Kunden die Möglichkeit, bei allen Modellen den Grad der Elektrifizierung zu wählen. Als erster Premiumhersteller in Europa fertigt Jaguar mit dem I-Pace sogar ein echtes Elektrofahrzeug in Serie. Beim Range Rover und Range Rover Sport haben wir zusätzlich Plug-in-Hybride eingeführt.

Und was, wenn der Kunde nicht so kauft, wie Sie es sich wünschen? Also weder Diesel noch Elektro?

Der Kunde entscheidet nach seinen Bedürfnissen. Voraussetzung einer schneller wachsenden Elektromobilität ist eine flächendeckende Infrastruktur an Ladestationen. Da muss die Politik liefern.

Tesla-Chef Elon Musk zieht in Europa sein eigenes Ladenetz hoch.

Tesla investiert für seinen exklusiven Kundenkreis in markenspezifische Schnellladestationen an strategisch interessanten Punkten. Das mag für einige wenige akzeptabel sein. Wer aber einen schnellen Wandel anstrebt und sämtliche Verbrenner durch vollelektrische Autos ersetzen will, braucht eine flächendeckende Infrastruktur. Die müssen Netzbetreiber und Energieversorger bereitstellen.

Wie verkauft sich der I-Pace?

Das Auftragsbuch ist so gut gefüllt, dass uns im kommenden Jahr ein Engpass bei den Batterien droht, obwohl wir natürlich einen Puffer eingeplant haben.

Sie beziehen die Akkus von LG Chem, einem der wenigen Batteriehersteller. Fühlen Sie sich abhängig?

Wir arbeiten mit mehreren Batterieherstellern zusammen. Aber geopolitisch werden sich tatsächlich neue Abhängigkeiten ergeben: weg von Ölförderländern wie Saudi-Arabien und den USA und hin zu asiatischen Staaten, die über eine effiziente Batterieproduktion verfügen.

UNTER STROM Mit dem I-Pace hat Jaguar als erster etablierter Premiumhersteller ein komplett elektrisches SUV auf den Markt gebracht

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Mit dem I-Pace hat Jaguar als erster etablierter Premiumhersteller ein komplett elektrisches SUV auf den Markt gebracht

Foto: Jaguar

Trauen Sie sich eine eigene Zellfertigung nicht zu?

Eigene Zellfabriken brauchen wir nicht unbedingt. Aber die Herstellung der Batteriemodulepakete wollen wir nah an die Fahrzeugmontage bringen. Das ist Kerntechnologie, die müssen wir beherrschen.

Können Sie solche Investitionen als kleiner Hersteller überhaupt stemmen?

Wir sind kein Massenhersteller, aber der Jaguar I-Pace zeigt, dass eine kleine, kreative und agile Mannschaft mit klarer Ausrichtung durchaus Technologieführer sein kann. Zudem arbeiten wir mit innovativen Zulieferern zusammen. Die Batterie ist das zentrale Element des Elektroantriebs. Da müssen sich auch Regierungen und Universitäten mit der Industrie zusammentun.

Zuletzt sind Ihre Gewinne deutlich eingebrochen. Das macht Ihre Innovationskraft nicht stärker.

Mobilität ist im Umbruch, für alle gleichermaßen. Wir müssen unser Kernportfolio verfeinern und ausbauen, parallel dazu Elektroautos auf den Markt bringen und uns auf autonomes Fahren, Konnektivität und Mobilitätskonzepte vorbereiten, die auf gemeinsamer Nutzung basieren. Bei uns kommt hinzu, dass wir Jaguar und Land Rover auf ein noch höheres Niveau heben wollen, mit mehr Investitionen in Forschung und Entwicklung und neuen internationalen Produktionsstätten.

Eine enorme Chance

Im vergangenen Geschäftsjahr ist die Ebit-Marge auf 3,8 Prozent gefallen. Sollten sich die Investoren auf noch weniger einstellen?

Nein, wir planen langfristig mit einer Marge von 7 bis 9 Prozent.

In den letzten acht Jahren haben Sie den Absatz vervierfacht: auf rund 614.000 Autos. Wie viel müssen Sie verkaufen, um in der neuen Autoära mithalten zu können?

Wir wollen immer ein Auto weniger im Markt haben, als nachgefragt wird. Wir werden keine quantitative Volumenstrategie fahren, sondern wie bisher nachfrageorientiert Premium anbieten. Wir wollen schließlich nachhaltig profitabel weiterwachsen.

Wenn es zu einem harten Brexit kommt, drohen Ihnen Mehrkosten von einer Milliarde Euro im Jahr - rund zwei Drittel Ihres Gewinns. Dann war es das mit der nachhaltigen Profitabilität.

Niemand hat bisher einen harten Brexit gefordert. Sollten die WTO-Regeln Anwendung finden, würden unsere Autos, die wir in den EU-Binnenmarkt exportieren, mit 10 Prozent besteuert. Das träfe rund ein Viertel unserer Produktion. Hinzu kämen die Zölle auf die Materialien, die wir aus Europa, insbesondere aus Deutschland, importieren.

Wie groß ist dieser Anteil?

Wir importieren etwa 40 Prozent. Da auch die Gewinne der Zulieferer einbrechen würden, müssten die ihre Preise erhöhen. Wir als Hersteller würden so doppelt bestraft. Ich hoffe daher noch immer, dass beide Seiten eine enge Kooperation finden. Die englischen Ökonomen Adam Smith und David Ricardo haben bereits vor gut 200 Jahren dargelegt, dass freier und fairer Handel zum Besten für die Bevölkerung ist. Nicht nur wirtschaftlich.

Ausgerechnet in dieser schwierigen Zeit verlangt Ihr Eigner Tata Motors höhere Dividenden von Ihnen. 2018 müssen Sie 50 Prozent mehr ausschütten, und der Anteil soll weiter steigen.

Ratan Tata hat bis dato sehr geringe Dividenden eingefordert. Auch jetzt bleibt uns genug Freiraum, um überproportional zu investieren und unsere Strategie zu verfolgen.

Beim autonomen Fahren nutzen Sie die Technologie der Google-Ausgründung Waymo. Bereitet es Ihnen keine Sorgen, sich nun auch hier an einen Techgiganten zu binden?

Überhaupt nicht. Dieses vielschichtige Thema kann nicht eine Firma im Alleingang stemmen. Heute sterben im Verkehr jedes Jahr 1,25 Millionen Menschen, das entspricht rund sieben Jumbojetabstürzen pro Tag. Wir können dies mit einer gemeinsamen Anstrengung verhindern. Das ist eine enorme Chance.

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