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Machtspiele: Wer bei Schaeffler Einfluss hat

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Schaeffler-Chef Klaus Rosenfeld Der Richelieu der deutschen Wirtschaft

Als Banker ist Klaus Rosenfeld brillant, als Taktiker ein Genie. Aber ist er auch der richtige Mann, um den Technikkonzern Schaeffler zu führen?

Als sich Klaus Rosenfeld (48) und Klaus Deller (52) vor gut einem Jahr erstmals zu einem längeren Gespräch trafen, führten sie, zumindest gefühlt, denselben Milliardenkonzern. Der eine, Deller, sollte bald den Vorstandsvorsitz des fränkischen Automobilzulieferers Schaeffler übernehmen; der Vertrag war unterschrieben. Der andere, Rosenfeld, war seit einem halben Jahr Schaefflers Vorstandschef. Übergangsweise, nach dem nicht ganz freiwilligen Abschied des langjährigen Konzerngranden Jürgen Geißinger (55). Rosenfeld würde wieder ins Glied rücken, ihm als Finanzchef zuarbeiten. Dachte Deller.

Und so sollte Rosenfeld an diesem Abend in dem Münchener Restaurant eine Art Statusbericht liefern: die detaillierten Ergebnisse der vergangenen Monate, aktuelle Personalien, die mittelfristige Planung.

Tatsächlich tauschte man beim Essen allerlei Banalitäten aus; im Fußball nennt man so etwas Ballgeschiebe im Mittelfeld. Erst zum Schluss, quasi als Abschiedsgeschenk, überreichte Rosenfeld seinem künftigen Chef ein dickes Infopaket: den frisch gedruckten Geschäftsbericht 2013.

Der Krieg war erklärt, auch ohne Worte. Diese beiden würden keine Freunde mehr. Der frühere Dresdner-Bank-Vorstand Rosenfeld hatte längst Gefallen am Chefposten gefunden - und bei Aufsichtsräten seine Chancen ausgelotet. Rosenfeld hatte über Jahre gesät; für das Unternehmen, aber auch für sich selbst. Warum sollte jetzt, wo Geißinger endlich weg war, ein anderer seine Ernte einfahren?

Die dunkle Seite der Macht - Rosenfeld trägt den Dolch im Gewande

Als er am 17. März 2009 als letztes Vorstandsmitglied der Dresdner Bank sein Büro an der Frankfurter Gallusanlage geräumt hatte und einen Tag später mainaufwärts nach Herzogenaurach gefahren war, hatte die Schaeffler-Gruppe vor dem Aus gestanden. Die Übernahme des Wettbewerbers Continental  war viel teurer geraten als gedacht. Schaeffler saß auf zwölf Milliarden Euro Schulden. Das Eigenkapital war negativ, Schaeffler so gut wie pleite.

Dann kam Rosenfeld. Er refinanzierte Kredite, verkaufte Conti-Anteile, optimierte und restrukturierte. Rosenfeld "trat in den Kreditverhandlungen viel forscher auf, als wir uns das getraut hatten", staunt ein altgedienter Schaeffler-Mann. Er forderte niedrigere Zinsen und Gebühren, lockte mit Zusatzgeschäften und hielt später Wort. Er drohte gar mit Insolvenz. Einige Schaeffler-Gläubiger - Rosenfeld wusste das - hätten die dann fälligen Milliardenabschreibungen nicht verkraftet.

Gäbe es Klaus Rosenfeld nicht, gäbe es wahrscheinlich auch die Schaeffler-Gruppe mit ihren 82.000 Mitarbeitern nicht mehr. Zumindest wäre sie nicht so fidel wie heute. Das glauben viele, vor allem Rosenfeld selbst. "Schaeffler ist sein Baby", sagt einer seiner engen Zuarbeiter.

Dieses Baby hat sich zu einer Art Wunderkind entwickelt. Die Eigentümer Maria-Elisabeth Schaeffler-Thumann (73) und ihr Sohn Georg Schaeffler (50) sind reicher als je zuvor. Das aktuelle Vermögen pendelt um 24 Milliarden Euro, das manager magazin führte sie im Herbst auf Platz drei der reichsten Deutschen.

Das ist die leuchtende Seite, die des Retters Klaus Rosenfeld.

Doch es gibt auch eine dunkle Seite. Die des Meisters der Intrige. "Er trägt den Dolch im Gewande", sagt einer, der Rosenfelds Kabale zu spüren bekam.

Klaus Rosenfeld ist so etwas wie der Kardinal Richelieu der deutschen Wirtschaft. Er dient den Schaefflers so ergeben wie Richelieu im 17. Jahrhundert dem französischen König Ludwig XIII. Mal devot, mal dominant, lenkt er seine Arbeitgeber geschickt wie der Kardinal seinen König. Er stärkt sie und nutzt sie zugleich, um eigene Interessen zu maximieren. Geht es darum, am Herzogenauracher Hof Widersacher aus dem Weg zu räumen, versteht er sich wie sein historisches Ebenbild auf die Schmeichelei wie die Intrige.

So mimt der stets geschliffene Banker gegenüber Georg Schaeffler den höflichen Diener ("Jawohl, Herr Schaeffler!"); er machte sich als Helfer bei dessen Steuerproblemen in den USA unentbehrlich - und klagte gegenüber Vertrauten, wie häufig er deshalb in die USA fliegen müsse.

Wirklich nur Gewinner?

Mit seinem Vorstandschef Geißinger kooperierte er im Alltagsgeschäft - und opponierte gegen ihn im Gesellschafterkreis. Die Pläne für den ersten milliardenschweren Verkauf von Conti-Aktien und die damit verbundene Umschuldung zum Beispiel habe er dem CEO fast bis zur letzten Minute verschwiegen, berichten Beteiligte. Dabei war es Geißinger, der den Banker bei Schaeffler gegen interne Widerstände durchgeboxt hatte.

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Auch dem Beinahechef Deller sicherte Rosenfeld volle Unterstützung zu. Gleichzeitig machte er bei den Gesellschaftern so geschickt und hartnäckig Stimmung, dass die Schaefflers ihren Kandidaten Deller im Juni 2014 wieder ausluden - und Rosenfeld statt seiner inthronisierten.

Ein knappes Jahr später herrscht der Banker fast so allmächtig wie Geißinger zu seinen besten Zeiten. Die Schaefflers lassen sich als Vorbildunternehmer feiern, ihr Konzern dürfte 2015 wieder mit einer zweistelligen Umsatzrendite glänzen. Rosenfelds Vorgänger haben sehr ordentliche Abfindungen kassiert, Deller ist mittlerweile als Vorstandsvorsitzender zur Knorr-Bremse AG zurückgekehrt.

Alles gut also. Nur Gewinner.

Wirklich? Gilt das auch für die Beschäftigten? Kann ein Banker einen Konzern auf Kurs halten, der mit hochpräzisen Spezialteilen wie Ventiltriebsystemen und Stößeln glänzt? Dessen wichtigste Stärken nicht in Marketing und Design liegen, sondern in hochinnovativen, kaum kopierbaren Fertigungstechniken?

Wie soll ein Kreditexperte die Strategie für einen Autozulieferer festlegen?

Die Zweifel sind groß, im Unternehmen wie bei seinen großen Kunden aus der Industrie. "Wie soll ein Kreditexperte die langfristige Strategie für einen solchen Konzern festlegen?", fragt der Chef eines großen Konkurrenten.

Eine valide Antwort darauf lässt sich erst in einigen Jahren geben. Schaeffler war zu Rosenfelds Amtsantritt bestens mit Aufträgen versorgt, die Fabriken sind in gutem Zustand. "Das Unternehmen würde selbst fünf Jahre Missmanagement überstehen", sagt ein Schaeffler-Mann.

Was also kann dieser Klaus Rosenfeld, der sich den Technikexperten Peter Gutzmer (61) als Vize-CEO an seine Seite geholt hat? Er selbst mochte manager magazin keine Antworten geben. Auch die Schaeffler-Gruppe lehnte jede Stellungnahme ab. Stattdessen hielt Rosenfeld kurz nach Erscheinen des mm im März in der "Welt am Sonntag" dagegen: Der Vergleich mit Richelieu passe nicht. "Ich würde mich eher als Teamspieler bezeichnen."

In dem beschaulichen mittelfränkischen Städtchen Herzogenaurach fällt der gebürtige Bonner schon optisch auf. Fast zwei Meter groß, die dunklen Anzüge sitzen perfekt wie die wuchtige Welle im dunklen Haar. Wer Rosenfeld trifft, kann seinen glatten, selbstbewussten Auftritt leicht als arrogant empfinden. Und ist dann erstaunt, wie artig sich ein Mann mit einer solchen Aura unterzuordnen weiß.

Steiler Aufstieg - "Rosenfeld war der härteste von allen"

Etwa als Maria-Elisabeth Schaeffler beim Empfang des Autoherstellerverbands VDA vor einem Jahr Klaus Deller - damals noch im Status des Wunschkandidaten - und dessen Frau erblickte. Die Matriarchin bedeutete dem einige Meter entfernt stehenden Rosenfeld scharf: Hierher! Er folgte prompt und begrüßte die Dellers an ihrer Seite.

Rosenfeld wohnt die Woche über in Herzogenaurach. Er hat ein Penthouse in Sichtweite der Schaeffler-Zentrale gekauft, Rosenfelds Frau und seine vier Kinder leben weiter in Frankfurt. Freitags arbeitet der Schaeffler-Chef deshalb öfter in der Bankenmetropole. Bittet er zum persönlichen Gespräch, müssen Mitarbeiter schon mal aus dem Frankenland anreisen.

Dabei, das bestätigen Unterstützer wie Gegner, agiert Rosenfeld mit höchstem Einsatz. Immer. Und war dabei schon früher, wie ein Weggefährte aus Bankzeiten konstatiert, "extrem anpassungsfähig".

So legte er in seinen 18 Jahren bei der Dresdner Bank einen steilen Aufstieg hin. Gleich in Rosenfelds ersten vier Jahren im Finanzierungsgeschäft wurde der zuständige Vorstand Bernhard Walter auf ihn aufmerksam und machte ihn zu seinem Assistenten. Walter stieg zum Vorstandssprecher auf; auch Rosenfeld wurde wichtiger. 2000 koordinierte er für (den kürzlich verstorbenen) Walter die Fusionsverhandlungen mit der Deutschen Bank , bereitete Geheimtreffen mit Investmentbankern, Anwälten und Wirtschaftsprüfern vor.

"Ein Tiger für Herzogenaurach"

Als die Fusion platzte und Walter sein Amt an Bernd Fahrholz (67) weiterreichte, blieb Rosenfeld als Chefassistent an Bord. Der eher seriöse und gesetzte Walter, der versierte Machtpolitiker Fahrholz - der wendige Rosenfeld kam mit den beiden höchst unterschiedlichen Charakteren gut aus, er blieb im Zentrum der Macht.

Als Fahrholz' Sherpa verhandelte Rosenfeld mit der Commerzbank , er leitete nach der Übernahme durch die Allianz  das Integrationsbüro und war so auch bei der neuen Mutter in München gleich gut vernetzt. "Wir haben alle immer nur gearbeitet, unterbrochen von ein paar Stunden Schlaf", erinnert sich einer von Rosenfelds damaligen Kollegen. "Rosenfeld war der Härteste von allen - und dabei immer für einen Witz zu haben."

So fiel er auch in München auf und fand schnell neue Freunde. Der damalige Allianz-Vorstandschef Henning Schulte-Noelle (72) gratulierte dem Jungbanker, so erzählte es Rosenfeld stolz, persönlich zur Geburt eines seiner Kinder. Und beförderte ihn 2002 kurz nach der Übernahme zum Finanzvorstand der Dresdner Bank. Mit 36 Jahren.

Rosenfeld weiß sich zu inszenieren - etwa am Morgen nach seinem Abgang bei der Dresdner. Bevor er an diesem ersten Arbeitstag bei Schaeffler nach Herzogenaurach fuhr, arrangierte er im Frankfurter Büro der Kommunikationsberatung Brunswick ein Hintergrundgespräch für ein paar Journalisten. So trat er den neuen Job mit der passenden medialen Begleitmusik an ("Ein Tiger für Herzogenaurach", "Ein Konzertmeister für schwierige Fälle"). Er hatte von seinen Auftritten als Violinist im Orchester "The Management Symphony" erzählt.

Die neuen Fans

Der Wechsel zu Schaeffler kam für Rosenfeld im richtigen Moment - und es war für ihn das richtige Unternehmen. Denn der Wälzlager- und Präzisionsteilespezialist brauchte in seiner Notlage nichts dringender als einen gewieften Finanzierungsspezialisten.

Dieser Existenzkampf ist gewonnen, Rosenfeld jetzt CEO. Er lenkt ein Unternehmen, das Verlässlichkeit, Kreativität und Innovationskraft (Nummer zwei bei Patentanmeldungen in Deutschland) als seine Werte definiert.

Und er hat auch als Chef schnell neue Fans gefunden. Betriebsräte und Gewerkschafter lobten, wie gut sie neuerdings in Entscheidungen eingebunden werden. "Rosenfelds Art zu kommunizieren ist für die Beschäftigten eine neue Welt", sagte der bayerische IG-Metall-Bezirksleiter und stellvertretende Schaeffler-Aufsichtsratschef Jürgen Wechsler kurz nach dessen Amtsantritt.

Rosenfeld erneuerte die Konzernstruktur ("One Schaeffler"), nutzte dazu eine von Vorgänger Geißinger vorbereitete Blaupause. Technisch bleibt er auf dem alten Kurs, wertet wichtige Schaeffler-Produkte durch mehr Elektronik auf.

Beim ungleich größeren Zulieferer Continental, zu 46 Prozent in Schaeffler-Besitz, sind die Meinungen über Rosenfelds erstes Jahr geteilt. Immerhin, die schwerfällige Zusammenarbeit in gemeinsamen Projekten ist seit dem Führungswechsel einfacher geworden. Zuvor hatten Topmanager der Autosparte immer wieder über Geißingers arg spontane Ideen gestöhnt.

Rosenfelds Joker: Technikchef Peter Gutzmer

Die profitorientierte Rosenfeld-Denke passt da besser. Selbst mit Schaefflers Technikchef Peter Gutzmer, in Hannover eigentlich als Spaltpilz verschrien, haben sich die Conti-Leute arrangiert. Gutzmer rief zwar zunächst eine hochrangig besetzte Kooperationskommission aus, von der bei Continental  niemand wusste. Seither aber agiert er konstruktiv. Die - wenigen - Kooperationen funktionieren.

Gutzmer ist Rosenfelds Joker. Ihn hatte er schon genutzt, um sich gegen Deller durchzusetzen.

Eigentlich wollte Maria-Elisabeth Schaeffler einen Techniker an der Spitze ihres Unternehmens. So hatte es der 1996 verstorbene Georg Schaeffler seiner Frau eingeschärft, so riet es ihr auch der zu Geißinger-Zeiten noch sehr enge Vertraute und Conti-Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle (66). Ein Banker kam für sie nicht infrage, da mochte Rosenfeld noch so viel für den Konzern getan haben.

Doch der Finanzchef spielte die richtige Karte: Gutzmer. Der Technikchef, in der Branche nicht eben als Genie bekannt, war amtsmüde. Auf seiner Geburtstagsparty hatte er seinen Abschied angekündigt - sehr zum Unwillen Maria-Elisabeth Schaefflers: Ein wichtiger Ingenieur wollte ihren Konzern, ihre Ersatzfamilie, schon mit 60 Jahren verlassen. Das tat weh.

Rosenfeld nutzte diese Enttäuschung. Er gab ein bisschen Macht ab, um viel mehr zu gewinnen; stellte Gutzmer die Beförderung zum stellvertretenden Vorstandschef in Aussicht und überzeugte ihn, fünf Jahre dranzuhängen. Mutter und Sohn vermittelte er den Eindruck, sie hätten die Wahl: entweder ein Führungsgespann, das sich ideal ergänzt. Oder, falls Deller tatsächlich käme, ein Ingenieur an der Spitze, aber der Verlust dieses Gespanns. Passend kursierten Gerüchte, die Deutsche Bank umwerbe Rosenfeld.

Schlechte Stimmung im Vorstand

So tritt bei wichtigen Kundenbesuchen nun häufig ein ziemlich ungleiches Duo für die Schaeffler-Gruppe an: der geschniegelte Rosenfeld und der bodenständige Gutzmer mit seinem nackenlangen Grauhaarschopf. Witze über "Plisch und Plum" machen die Runde. Rosenfeld dürfte das egal sein. Er weiß, dass Automobilgranden wie VW-Lenker Martin Winterkorn und Daimlers Entwicklungschef Thomas Weber in Diskussionen tief in technische Details einsteigen. Dann überlässt er das Wort Gutzmer, kokettierend, er sei ja nur der Finanzer und noch in der Einarbeitung.

So gut das von Rosenfeld dominierte Duo harmoniert: Zweifel bleiben, bei Kunden wie Kollegen.

Die Stimmung im Vorstand ist seit längerem angespannt. Rosenfeld räumt rücksichtslos weiter auf. Kurz vor der Bilanzvorlage im März erfuhren Personalchef Kurt Mirlach (57) und Industrievorstand Robert Schullan (57) - beides Schaeffler-Veteranen und Geißinger-Gefolgsleute -, dass sie künftig nicht mehr gebraucht werden.

Für Schullan fand man kürzlich einen Nachfolger, den bisherigen Bosch-Rexroth-Vorstand Stefan Spindler (53). Ein neuer Personalchef wird nach wie vor gesucht. Rosenfelds Ansprüche sind hoch. Schaeffler sei "weit entfernt von einem modernen, kapitalmarktorientierten Managementniveau", schimpfte Rosenfeld vor zweieinhalb Jahren über die Qualität seiner Vorstandskollegen.

Er selber indes nervt mit Marathonsitzungen, die er minutiös protokollieren lässt - und so in die Länge zieht. Kollegen berichten von Rekordmeetings, die zwölf Stunden dauern.

Technische Fragen prallen ab

Auch Gutzmers Beförderung ist längst nicht bei allen so gut angekommen wie bei den Schaefflers. Vor allem Produktionsvorstand Oliver Jung (53) fühlt sich zurückgesetzt.

Dabei ist Jung für Schaefflers Erfolg fast wichtiger als Vize Gutzmer. Die üppigen Aufträge, die hohen Preise und Renditen, beruhen vor allem auf Präzision; das hat auch mancher besorgte Automanager dem neuen Chef fast predigtgleich erklärt.

Schaefflers Produkte, die Stößel, Wälz- und Nockenwellenlager sind nicht besonders kompliziert. Schaefflers Fertigungsprozesse schon, die Genauigkeit, mit der in den Werken gearbeitet wird. Gerade dafür indes interessiere sich Rosenfeld nicht, heißt es in Herzogenaurach. "Den bekommen Sie nur unter Zwang in die Fabrik", klagt ein Produktionsmann. Rosenfeld mochte das nicht stehenlassen. "Wenn ich die Chance habe, in eine Fabrik zu schauen, tue ich das", sagte er der "Welt am Sonntag".

Fakt ist: Manager wie Jung, Schullan und Gutzmer genießen Freiheiten, die in der Ära Geißinger undenkbar gewesen wären. Wo der langjährige Chef sich selbst um scheinbare Randthemen kümmerte, mischt sich Rosenfeld erst gar nicht ein. Technische Fragen prallten zumeist an ihm ab, heißt es im Führungszirkel. Wollten Spezialisten aus der Welt der Werke mit ihm Fachliches diskutieren, bleibe er, wenn er überhaupt Zeit finde, an der Oberfläche.

Das Geld ist knapp: Wie will Rosenfeld entscheiden?

Das mag man einem Banker nachsehen. Dieser Banker aber verteilt auch das Geld. "Wie will Rosenfeld entscheiden, wo die Investitionen am dringendsten benötigt werden?", fragt ein Geschäftsführer. Die Investitionen, die Ausgaben für Fabriken und Maschinen, für Forschung und Entwicklung stehen in Herzogenaurach schon lange im Fokus. Das Geld ist knapp, Rosenfeld muss sparen.

Um die Kredite bedienen zu können, benötigt Schaeffler Umsatzrenditen, die für die meisten Konkurrenten illusorisch wären. Selbst die 2014 erreichte operative Marge von 12,6 Prozent lässt keinen großen Spielraum.

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Ausgerechnet Schaefflers Stärke in der Produktion verleitet auch noch dazu, zu wenig zu investieren. "Es wirkt sich ja nicht auf das Ergebnis aus", erläutert ein ausgeschiedener Topmann. "Nicht im laufenden Jahr, nicht im nächsten und auch nicht im übernächsten." Es dauert bis zu zehn Jahre, bis sich Schaeffler-Fabriken amortisieren. Die Geduld bringen nicht viele auf; der Markt für Wälzlager ist global ein hochprofitables Oligopol mit hohen Eintrittsbarrieren. Die Werke laufen, mit leichten Anpassungen, teilweise 30 Jahre. "Welche Margen da am Ende möglich sind, können Sie sich denken", sagt ein Manager.

Wer zu lange untätig bleibt, gefährdet indes auch in diesem Geschäft seine Gewinne. Insbesondere in den USA bräuchte Schaeffler dringend zusätzliche Werke.

Immerhin hat Rosenfeld die Ausgaben gesteigert; so wurden weitere Anlagen in China gebaut. 2014 investierte er 7,1 Prozent vom Umsatz, deutlich mehr als die 5,1 Prozent des Vorjahres. Der Zielkorridor liegt bei 6 bis 8 Prozent.

Gemeinsam mit seinem Vorgänger Geißinger plädierte Rosenfeld deshalb in der Vergangenheit im Aufsichtsrat wiederholt für höhere Investitionen. Vergeblich. Die Familienholding und die Schaeffler AG drücken zusammengenommen mehr als neun Milliarden Euro Schulden.

Conti-Aktien verkaufen, um Schuldenlast zu senken?

Die Lösung dieses Problems wäre einfach. Rosenfeld könnte Conti-Aktien verkaufen und so den Schuldenberg abtragen. 10 Prozent brächten etwa 4,2 Milliarden Euro. Genug, um die Kredite auf ein erträgliches Maß zu senken. Und nicht so viel, dass man die Mehrheit in der Hauptversammlung verlöre. Doch insbesondere Georg Schaeffler fürchtet einen Verlust der Kontrolle. "Dann hätte sich der ganze Ärger um die Conti-Übernahme nicht gelohnt", hat er einmal gesagt.

Auch ein Börsengang der Schaeffler AG wäre möglich, ein Teilverkauf, bei dem die Gesellschafter über ihre Familienholding die Kontrolle sowohl über Schaeffler als auch über Conti behielten. Das wiederum will Maria-Elisabeth Schaeffler bisher nicht. Sie sähe darin einen Verrat am Vermächtnis ihres verstorbenen Mannes.

Als Finanzchef hatte Rosenfeld gemeinsam mit Geißinger 2013 an einem dritten Szenario gearbeitet. Ein chinesischer Investor wollte einsteigen. Die Gespräche scheiterten. Rosenfeld habe einmal mehr den Doppelagenten gegeben, berichten Familienkreise. Mit Geißinger habe er vereinbart, die Familie erst zu informieren, wenn die Kapitalspritze endverhandelt sei. Den Gesellschaftern indes sei zugetragen worden, Geißinger habe hinter ihrem Rücken verhandelt. Im Verdacht: Rosenfeld.

Es ist nicht einfach am Hofe Schaeffler. Mutter und Sohn sind längst nicht immer auf einer Linie. Wiederholt hat die Matriarchin Vertrauten gegenüber Georgs ständige Reisen in die USA beklagt. Dort arbeitete der Junior lange als Anwalt; in Dallas leben drei seiner vier Kinder.

Immer wieder holt sich die Mutter Rat in ihrem illustren Freundeskreis; der ehemalige Magna-Co-Chef Siggi Wolf (57) gehört dazu, der frühere Präsident des deutschen Industrieverbands BDI, Hans-Olaf Henkel (75); die Kitzbüheler-Fraktion um Conti-Aufseher Reitzle und den Goldman Sachs-Banker Alexander Dibelius (55) und, natürlich, die neue Nummer eins, der seit August 2014 mit Maria-Elisabeth verheiratete Jürgen Thumann (73), auch er ehemaliger BDI-Präsident.

Das nächste Schlachtfeld: Continental

Georg verschanzt sich häufig hinter der Mutter, ist aber zugleich als Eigentümer von 80 Prozent der Schaeffler-Anteile der Mächtigere und hat gegen den damaligen Wunsch Maria-Elisabeths den Vorsitz im Aufsichtsrat übernommen. Dort hat er sich den Ruf eines Zauderers erworben. "Er weiß, was er will - und dann auch mal wieder nicht", hat Rosenfeld den Thronfolger einmal beschrieben.

Das Machtgeflecht derer zu Schaeffler ist verschlungen. Da hilft Rosenfelds Wendigkeit. Immer wieder hat der CEO die beiden auf seine Linie gebracht. Wiederholt Aktienverkäufe durchgesetzt, Geißinger nach und nach geschwächt, sich selbst im Tandem mit Gutzmer aus scheinbar aussichtsloser Position an die Spitze taktiert. Dominant fast wie Geißinger, aber anders als sein 15 Schaeffler-Jahre operativ erfolgreicher Vorgänger diplomatisch, mit perfekten Manieren und, bei Bedarf, eben auch unterwürfig. Selbst in die Geschäftsführung der Familienholding haben Mutter und Sohn Rosenfeld berufen, ihn zu einer Art Vermögensverwalter gemacht, verantwortlich auch für die Beteiligung an Continental.

46 Prozent besitzen die Schaefflers am viertgrößten Autozulieferer der Welt der aktuelle Wert der Anteile liegt bei knapp 20 Milliarden Euro. Rosenfeld sitzt dort im Aufsichtsrat, er wacht im Prüfungsausschuss über die Finanzen; und er mischt sich stärker ein, als es Conti-Managern lieb ist.

So wie vor einigen Wochen bei der Vorbereitung der Hauptversammlung. Conti-Chef Elmar Degenhart (56) und Finanzvorstand Wolfgang Schäfer (55) wollten von den Aktionären eine Vorratsgenehmigung, um sich gegebenenfalls Kapital besorgen und neue Investitionen finanzieren zu können. Das sei nicht nötig, befand Rosenfeld. Conti habe in den vergangenen Jahren genug investiert und solle lieber die Dividende ordentlich erhöhen. Das Ergebnis: 3,25 Euro Dividende pro Aktie statt der für 2013 gezahlten 2,50 Euro.

Rosenfeld weitet seine Macht aus, von Herzogenaurach auf Hannover. Schaeffler-Führungskräfte verbreiteten um den Jahreswechsel, er habe es auf den Posten Wolfgang Reitzles abgesehen und wolle selbst die Spitze des Conti-Aufsichtsrats übernehmen (manager Magazin 2/2015). Rosenfeld dementierte.

Auf jeden Fall war es so, dass Maria-Elisabeth Schaeffler ihre Hand über den Münchener Multiaufsichtsrat hielt. Sie kennt sein hohes Ansehen bei Investoren und hat nicht vergessen, dass sich der Conti-Kurs unter Reitzle mehr als verfünffacht hat.

Reitzle war lange Maria-Elisabeths wichtigster Berater. Seit ihrer Hochzeit mit Thumann hat er jedoch an Einfluss verloren. Das weiß Rosenfeld natürlich, so wie er auch weiß, dass Reitzle vergangenes Jahr Deller und nicht ihn als CEO-Kandidaten vorgeschlagen hatte.

Conti wird ein Schlachtfeld bleiben. Der Zweck heiligt die Mittel, heißt es. Oder mit den Worten Richelieus, wenn er gegen innere und äußere Feinde vorging: La fin justifie les moyens.