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Ibiza: Schrecklich schön

Das Mittelmeer in schrecklich schön Die Jet-Setter von Ibiza

Hippies und Hedgefonds, Models und Mogule: Die Partyinsel war immer schon mehr Weltanschauung als Urlaubsparadies. Jetzt hat die lebensfrohe Business-Society sie für sich entdeckt. Was bleibt von dem alten Zauber?

Die folgende Geschichte stammt aus der August-Ausgabe 2017 des manager magazins, die Ende Juli erschien. Wir veröffentlichen sie hier als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir für das neue Jahr gleich ein Heft-Abo.

Alle sind sie da, aber den meisten wäre es lieber, wenn das keiner wüsste. Kolja Hebenstreit etwa, mit seinem Team Europe Multigründer und einer der wichtigsten Start-up-Investoren der Republik. Bekannt für seine rauschenden Geburtstagspartys in Berlin, mietete er jetzt kurz vor dem Börsengang von Delivery Hero auf Ibiza eine ganze Farm. Tagsüber Strategiesitzungen am Pool, abends wurde ordentlich gefeiert.

Einer der großen Berliner Digitalconférenciers gibt sich mit mieten nicht mehr zufrieden, er baut gerade ein Haus in seiner ibizenkischen Traumlocation. Und damit darüber nicht geredet wird, lässt er alle am Projekt Beteiligten Vertraulichkeitserklärungen unterschreiben.

Digitalo-Entrepreneur goes Ibiza - für viele Hauptstadtgründer war es keine weite Anreise, als Chris Glass, der Trendscout des "Soho House", dem Hang-out der Szene, vor ein paar Wochen zu seinem 40. Geburtstag auf die Insel lud.

Fabian Schmidt, Gründer und Chef von Fanmiles, verbringt seit Jahren viele Wochenenden auf Ibiza. Er philosophiert gern und lange darüber, dass die Insel für die gleichen Werte stehe wie das neue Berlin: "Liberalität und Toleranz, Offenheit und Inklusion". Das zähle für ihn im Business wie privat. Da macht er "keine Kompromisse".

Ibiza ist längst mehr als nur eine schöne Insel. Es ist Statement, fast schon Weltanschauung.

Wer Ibiza hört, denkt an Hollywoodstars, Oligarchen, Mogule, Models. Und natürlich: Party. Bei Jimmy am Coco Beach schlägt im Sommer von den Hells Angels über Helene Fischer bis zu Ronaldo und Messi so ziemlich alles auf. In Klubs wie dem "Pacha" und dem "Ushuaïa" wird die VIP-Crowd bespaßt von Star-DJs wie David Guetta, Sven Väth oder Mladen Solomun, die für einen zweistündigen Auftritt 300.000 Euro kassieren sollen.

Party, People, Prominenz - das kennt man ja von Ibiza. Nun aber entdeckt auch der kreative, unorthodoxe Teil der globalen Wirtschaftselite die Insel zunehmend für sich: Eine unfassbare Ansammlung von Milliarden, Macht und Herrschertiteln kommt da inzwischen zusammen, und von Sommer zu Sommer wird sie größer.

Althippies als Folklore

Die Ursprünglichkeit der Insel, ihre Schönheit und Eleganz, dazu die Lässigkeit barfüßiger Hippie-Idylle und eine gewisse Wurschtigkeit gegenüber dem Reichtum (die einen sind selbst vermögend, den anderen ist Geld egal) bilden das perfekte Setting für diesen Hype. Ein paar Skandale und ein bisschen True Crime liefern die nötige Unterhaltung. Da versucht ein Unterwäschemodel im Koksrausch mit dem Privatjet zu fliehen, nachdem sie einen 500.000-Euro-Ferrari gecrasht hat, da wird ein Waffenring gesprengt und illegales Bauland verschoben. Genau der Cocktail, der dem Business-Jetset so schmeckt.

Die viel größere Schwesterinsel Mallorca fällt dagegen immer mehr ab. Sie ist fest in der Hand des alten, gediegenen deutschen Geldadels, dem der kosmopolitische Zirkus auf Ibiza eher zuwider ist.

Die Invasion der Reichen hat Ibiza stark verändert. Es fühlt sich ein bisschen an wie Manhattan: Die Milliardäre und Millionäre diktieren die Hauspreise, die Menüs in den Restaurants und die Drinks in den Klubs und Bars. Ende Juni machte das Fünfsternehotel "Nobu" am Strand von Talamanca auf, mit viel Glamour und Fusionsküche. Die Althippies und Aussteiger, also die Urtouristen, sind zur Folklore geworden. Sie können sich die Insel kaum mehr leisten.

Luxus neben Understatement, Althippies neben Protzoligarchen, Jung neben Alt. Ibizas Betriebsgeheimnis ist auf Versöhnung der Extreme ausgelegt, noch funktioniert dies, geht der Nachschub nicht aus.

In der Hochsaison fliegen 120 Privatjets am Tag ein. Zu viele für den kleinen Flughafen, vergangenes Jahr wurde die Aufenthaltserlaubnis auf drei Stunden beschränkt. Kein Platz.

Von den Fähren rollt eine nicht enden wollende Flotte von Limousinen, die sich abends wie eine schwarze Bolidenkarawane in Bewegung setzt, Richtung Party. Bisher fuhr der eingesessene Millionär eine alte Schrottkiste, heute brausen Ferraris, Lamborghinis, Maseratis und Luxus-SUVs durch die Bilderbuchlandschaft.

Die David Geffens, Lakshmi Mittals oder Roman Abramowitschs lassen sich verhätscheln wie absolutistische Regenten. Für den russischen Oligarchen wird an den Sandbuchten, die als besonders fancy gelten, regelmäßig ein Stück Strand abgeschirmt und komfortabel hergerichtet. In den angesagten Restaurants gehen die Reservierungen gleich für die gesamte Location ein, Kenner schließen Wetten ab, welches der vielen geblockten Lokale er am Ende tatsächlich aufsucht.

Im Hafen liegt eine Superjacht neben der anderen - das Präfix tragen nur Boote, die länger als 60 Meter sind und einen Hubschrauberlandeplatz haben. Gerade läuft die "Lionheart" ein, sie gehört dem Besitzer der Modekette Topshop, Philip Green, einer der reichsten Engländer. Das Boot soll 150 Millionen Euro gekostet haben. Kurz darauf kommt die "Nachtwind", direkt dahinter noch ein Superding, auf dem sich eine junge Schöne im giftgrünen Seejungfrauenkostüm räkelt. In der Hochsaison stehen die Schiffe beim Einparken im Hafen von Ibiza Stadt regelmäßig im Stau.

Die Königsfamilien aus Saudi-Arabien und Jordanien legen an. Männer und Frauen auf getrennten Jachten, die der Männer ein gutes Stück größer. Das Herrscherschiff "Prince Abdulaziz" läuft kurz nach Ramadan ein und bleibt ganze 100 Tage lang die Sensation im Hafen, dessen Liegegebühren mit die höchsten im ganzen Mittelmeerraum sind. Weil die Schaulustigen recht nah kommen, wünschten die Königlichen aus dem Morgenland eine Schutzmauer. Nach langem Hin und Her und Protesten aus der Bevölkerung einigte man sich auf eine halbhohe Plexiglaswand.

Davor stehen schwarz gekleidete Männer, mit Knopf im Ohr. Die Sicherheitstrupps und Bataillone von Bediensteten im Schlepptau der Scheichs okkupieren ganze Etagen des Fünfsternegrandhotels.

Lieber als auf dem Schiff oder im Hotel wohnt der verwöhnte Jetset aber in den eigenen vier Fincawänden. Der langjährige Formel-1-Pate Bernie Ecclestone hat gerade für 30 Millionen Euro ein großes Anwesen in Porroig gekauft, seine Tochter sucht noch. Popröhre Shakira gehört eine Luxuswohnung in der Life Marina, Sängerkollege James Blunt und seine Frau Sofia Wellesley haben in ihrem 150 Jahre alten Haus auch eine eigene Disco.

Ibiza ist wie Berlin-Mitte

Mallorca kann da nur schwer mithalten. Zwar wird auch die Nachbarinsel langsam internationaler und ein wenig bunter. Ansonsten: viel altes Geld, viel alte Deutschland AG, viel praller Mittelstand. Die Achleitners, Logistikmilliardär Klaus-Michael Kühne, Bertelsmann-Patriarchin Liz Mohn, der Reederclan Rickmers, Ex-Lufthansa-Chef Jürgen Weber, Ex-McKinsey-Chef Herbert Henzler, Ex-Eon-Chef Wulf Bernotat, Ex-EnBW-Chef Utz Claassen und natürlich sein Gegenspieler Ex-AWD-Eigner Carsten Maschmeyer. Das Ganze garniert mit Til Schweiger, Sabine Christiansen und Franziska van Almsick.

Viel Ex, alles etwas in die Jahre gekommen. Mallorca ist gefühlt so groß wie Berlin, man muss wissen, wen man wo treffen möchte, man muss sich verabreden, Gesellschaften zu Hause geben, alles mühsam. Ibiza dagegen mit seinen nur 40 mal 20 Kilometern Flächenmaß ist wie Berlin-Mitte, ständig läuft man jemandem über den Weg. Während die große Schwester heiraten und Kinder kriegen will, lässt es Ibiza, die kleine, am liebsten Tag und Nacht krachen.

Das lockte schon früh die Kreativen an. Modeschöpferin Jil Sander hat seit Jahren eine einsam gelegene Finca in den Hügeln von Santa Agnès, Regisseurin Doris Dörrie und ihr Lebensgefährte Martin Moszkowicz, Chef von Constantin Film, unweit davon, genauso wie Filmemacher Wim Wenders oder Tote-Hosen-Sänger Campino.

Wolfgang Joop verbringt viel Zeit auf der Insel, "weil Ibiza eben nicht spießig ist und ich das Gefühl habe, hier gut alt werden zu können". Jahrelang war er mit seinem Lebenspartner Gast im Haus von Tochter Jette. Als sie über Kreuz lagen, richtete er sich im edlen Agroturismo des "Cas Gasi" bei Margaret von Korff ein, bei der auch Mario Testino, Richard Gere oder Kate Moss den Rückzug in die totale Ruhe zelebrieren. Dann hat Joop eine Finca entdeckt, die er nun mit viel Sinn fürs Authentische renovieren lässt.

Amir Kassaei, Bad Boy der Werbeszene und Kreativchef bei DDB, pendelt zwischen Santa Gertrudis und Barcelona. Wenn es um seine zweite Heimat geht, fällt er gleich in Fachjargon: "Ibiza ist als Lifestyle-Insel eine internationale Marke geworden." Jenseits von Partys und Promis machen für ihn "die Querdenker und Querulanten die Faszination aus". Mallorca? Mochte er nie.

Bobby Dekeyser, ehemaliger Torwart des FC Bayern und Gründer der Outdoormöbelmarke Dedon, einer der wilderen deutschen Unternehmer, lässt sich im Buch "Ibiza Bohemia" über "die magische Anziehungskraft der Insel" zitieren: "Du kannst Ibiza nicht erklären. Entweder du spürst es oder nicht; es ist auch nicht für jeden. Ibiza zwingt dich, loszulassen."

Auch deutsche Bosse erliegen diesem Charme, vor allem jene mit einem Hang zum Ausschweifen. Udo Müller etwa, Chef des Werbevermarkters Ströer, ist bekannt für seine heißen Partys, für die er stets andere Locations mietet. Bei der jüngsten, Mitte Juli, hatten die Gäste im Kostüm aufzulaufen. Alles drehte sich um den Mann im Mond, der wieder mal voll war.

Ebenfalls feste Größen auf der Insel: die Sal.-Oppenheim-Pleitiers Matthias Graf von Krockow, Georg Baron von Ullmann und Josef Esch, Ex-Tom-Tailor-Chef Dieter Holzer, über Jahre einer der bestbezahlten deutschen Manager, dessen Vorgänger Micky Rosenblat (heute im Immobiliengeschäft), Axel Herberg, Ex-Deutschland-Chef der Private-Equity-Gesellschaft Blackstone, und natürlich Lenny Fischer, der einstige Shooting-Star-Banker.

Abtauchen vor der Realität

Gediegenere Vermögen finden sich natürlich auch auf Ibiza, aber es sind die eher bunteren Vögel der großen Familien, wie der Privatbankierssohn Helmut von Finck, bekannt durch seine frühere Bhagwan-Connection und die Erbstreitigkeiten mit den braveren Brüdern, oder Ingvild Goetz, Schwester des Versandhauskönigs Michael Otto und eine der wichtigsten Kunstsammlerinnen des Landes. Goetz, die die Wintermonate auf Ibiza verbringt, beauftragte 1983 den Künstler Michael Buthe mit dem Bau eines Meditationsturms auf ihrem Anwesen und hielt zur Einweihung ein Ritual ab, bei dem die Bauern erschreckt weggerannt sein sollen.

Ihren Mann Stephan, M&A-Stratege, sah man vor zwei Jahren in der Buchhandlung Libro Azul in Santa Gertrudis sitzen und aus seinem Roman "Der Mantel" lesen. In blauen Pluderhosen mit weißen Punkten beantwortete er gut gelaunt die Fragen des belesenen deutschen Publikums, diskutierte über komplizierte Familienstrukturen und verdrängte Traumata. Im Zentrum des Geschehens ein Hund namens Shiva.

Vor allem für Herzensbekundungen ist Ibiza wie gemacht. Nachdem Rihanna ihren ersten Liebesurlaub mit Saudi-Milliardär Hassan Jameel auf der Insel verbracht hat, folgt jetzt Hans Georg Näder, Prothesenmilliardär, Mäzen und Philanthrop. Der Ottobock-Eigner feiert dort nächstes Jahr Pfingsten Hochzeit mit Nathalie Scheil ("Es war Liebe auf den ersten Blick").

Viele von denen, die es nach Ibiza zieht, wollen noch mal was anderes machen in ihrem Leben. So wie Guy Laliberté, Gründer des weltweit bekannten Cirque du Soleil, der sein Milliardenbusiness verkauft und von Mick Flick das spektakuläre "007 Haus" nördlich der Cala Llentia erworben hat. Laliberté mischt jetzt Ibiza auf. Im "Heart" verbindet er gemeinsam mit den Brüdern Albert und Ferran Adrià, berühmt durch ihre "El Bulli"-Molekularküche, Gastronomisches, Musik und Kunst. Mit "Lune Rouge" hat er eine Lager- zur Kunsthalle verwandelt und will Ibiza zur "Premium Kultur-Destination" machen. Sonntags übt er DJ und legt mit Sven Väth auf.

Ein anderer dieser Ich-ändere-mein Leben-Typen ist Burnbrae-Eigner Jim Mellon, Englands Warren Buffett. Er hat Büros in Berlin und London, arbeitet aber fast die Hälfte des Jahres von Ibiza aus. Man trifft ihn im Café "Can Carun", in Flip-Flops, Shorts und T-Shirt mit "Take it Easy Arizona"-Aufdruck. Mehr als Laptop und Smartphone braucht er für den Job nicht, und wenn ihn die Touristen zu sehr nerven, steigt er in seine schnittige "Phenom 300", die jederzeit startklar bereit steht.

Der sich ausbreitende Luxus wird allmählich zum Logisproblem - für die weniger Privilegierten. Weil das Personal nicht zwischen Festland und Insel hin- und herpendeln kann und die Mieten unerschwinglich sind, übernachten viele im Auto oder auf den Balkonen, die geschäftstüchtige Ibizenker ihnen teuer vermieten. Zum Duschen empfiehlt sich eine Mitgliedschaft im Fitnessklub.

Am anderen Ende der Dienstleisterskala stehen Leute wie Joe Buckle. Der Concierge-Service-Betreiber erfüllt seinen vermögenden Kunden jeden Wunsch, rund um die Uhr. Die meisten haben nur einen: anonym bleiben.

Von Johnny Depp über P Diddy bis hin zu den Saudi-Prinzen - alle vertrauen sich Buckle an, wenn sie durch die Klubs ziehen. Als Leonardo DiCaprio doch mal auf einen anderen Concierge auswich, sah er sich plötzlich 2000 Fans ausgeliefert, die alle gleichzeitig ein Selfie mit ihm einforderten. Er ergriff die Flucht.

"Alles dreht sich ums Rampenlicht, die einen wollen unbedingt rein, die anderen es zwingend meiden", sagt Buckle. Kahler Schädel, Dreitagebart, pinkfarbenes Poloshirt, das obligatorische Holzperlenarmband, eine monströse Taucheruhr. Seine Augen sondieren das Terrain. Berufskrankheit. Es sei auf Ibiza sehr einfach, abzutauchen, sagt er, vor den Medien wie vor der Realität.

Leer gefegter Immobilienmarkt

Die spanische Ausgabe des "Harpers's Bazaar" hat mal ausgerechnet, dass Ibiza auf die höchste Dichte an Celebrities kommt, plus mehr als fünf Millionen Touristen, die sehen wollen, was die Promis so treiben.

Auch die Altauswanderer, die freien Kreativen, Artdirektoren, TV-Produzenten, Möbeldesigner und Musiker sehen Ibizas Turbogentrifizierung mit Unbehagen. "Hätte ich die Verbundenheit nicht von früher", behauptet Modefotografin Sabine Liewald, "ich würde heute nicht mehr kommen." Manche können es sich schlichtweg nicht mehr leisten.

Der Immobilienmarkt ist völlig leer gefegt, die Kaufsummen, die aufgerufen werden, sind utopisch. Seit 2014 sind die Preise im Luxussegment um jährlich 20 Prozent gestiegen, die einschlägigen Makler (Ibiza One, Engel & Völkers, Kühn & Partner, Heike Fischer's The Agency) sind so gut wie ausverkauft.

Die Topklientel sucht nach Villen, die nah am Jachthafen und an den Vergnügungstempeln liegen, wenn möglich in der ersten Meereslinie, zumindest aber besten Blick auf die Wellen bieten. Und natürlich ganz viel Privatsphäre haben.

Unter 20 Millionen Euro ist da nichts zu kriegen, in den drei teuersten Lagen, S'Estanyol, Ibiza Hills und Can Rimbau, kosten Fincas mindestens 30 Millionen. 1-b-Lagen fangen an bei 10¿000 Euro pro Quadratmeter. Wichtiger als die Makler sind bei der Haussuche oft die Concierges. Wunscherfüller Joe Buckle hat auch hier seine Finger im Spiel.

Der Markt ist so heiß gelaufen, dass mittlerweile schon mit nicht erteilten Baugenehmigungen gehandelt wird. Die Inselregierung will den Wildwuchs jetzt stoppen. Künftig muss ein Grundstück mindestens 15¿000 Quadratmeter groß und plan sein, um ein 300 Quadratmeter großes Haus errichten zu dürfen. Hanglagen sind fortan verboten.

Christian Krawinkel, der legendäre Bauunternehmer, errichtete in den 90ern über der Ortschaft Jesus noch eine 1000-Quadratmeter-Residenz samt Helilandeplatz, bis dato das größte Anwesen auf der Insel. "Protz hoch hundert", gibt er zu, "heute schäme ich mich dafür."

Krawinkel konnte es nie flott genug gehen. Es musste das schnellste Rennboot sein (eine 3000-PS-Cougar) und der stärkste Heli (ein Agusta). In der Garage parkten sechs Harleys. Als der Happy Hippie in finanzielle Not geriet, verkaufte er das 56¿000 Quadratmeter riesige Areal mit Blick auf die Altstadt von Ibiza und bis nach Formentera 2002 für zehn Millionen Euro an den Kubaner Miguel Camacho. Der brachte für die Anzahlung eine Papiertüte voller Geldscheine mit.

24 Stunden Ekstase

Nun ist Krawinkel wieder zurück, hat eine Wohnung im Landesinnern und schimpft über die "völlig geistesgestörten" Preise. Camacho würde das Adlernest gern wieder losschlagen, für über 30 Millionen Euro.

Auf dem Hügel gegenüber thront die Megavilla von Anton Schrobenhauser, Inhaber und ehemaliger Torwart der SpVgg Unterhaching.

Natürlich gibt es auch noch die Geerdeten, die das Ursprüngliche der Insel bewahren wollen. Allen voran Daniel Witte mit seinem Sal de Ibiza (das in den tiffanyblauen Tontöpfen), der als Kind mit seinen beiden Geschwistern eingequetscht auf dem Rücksitz eines Porsche 911 nach Ibiza kam. Der Vater, zu Geld gekommen mit einer Vertretung für Stihl-Motorsägen, kaufte damals ein kleines Häuschen (65 Quadratmeter) direkt am Meer, wo heute gar nicht mehr gebaut werden dürfte.

Auch Claus Sendlinger, CEO der Design Hotels, sieht sich als Bewahrer. Getreu dem Motto "Die Farm ist der Golfplatz des 21. Jahrhunderts" hat er vor einem Jahr das "La Granja"-Farmhotel eröffnet. Er will "die andere Seite von Ibiza" stärken: gesundes Essen, ökologische Landwirtschaft, Yoga, Klangmeditation, Vollmondfeste. Zurück zu den Wurzeln.

Doch Leute wie Witte und Sendlinger gehen in dem Bespaßungszirkus fast unter. Abertausende raven sich Nacht für Nacht in den Discos in Ekstase, und das betrifft nur die Stunden zwischen zwei und sechs Uhr in der Früh. Während der restlichen 20 Stunden sorgen Beachklubs und Dayparty-Hotels für Halligalli. "Blue Marlin", "Ushuaïa" und "Privilege" sind jeweils die größten ihrer Art, das "Pacha" ist die berühmteste aller Diskotheken.

In den VIP-Lounges der Playa D'en Bossa gehen fantastische Summen über den Tresen. Die reguläre Armand-de-Brignac-Bestellung kommt in Zwölf-Liter-Flaschen, zu 120¿000 Euro das Stück. Die Tischvergabe folgt einer strengen Rangordnung. Die schlechtesten Plätze kosten 10¿000 Euro aufwärts.

"Die Vibes aber bringen die, die sich gerade mal den 70-Euro-Eintritt leisten können, das gibt den VIPs den Kick." Macht trifft auf Masse - keiner kennt das Erfolgsmodell Ibiza so gut wie Abel Matutes, der Pate der Insel. Seinem Clan gehören ganze Küstenstreifen, er entscheidet, wer Geschäfte machen darf und wer nicht, er kassiert dann die Lizenzgebühren.

Der Senior war nach dem EU-Beitritt Spaniens acht Jahre Kommissar in Brüssel und Ende der 90er Außenminister, Tochter Stella später Inselrätin. 2005 löste sie einen Aufstand aus, als sie für den Bau von Autobahnen und Untertunnelungen eintrat, subventioniert von der EU.

Offiziell gehört der Familie ein Zehntel der Insel, gefühlt ist es mindestens die Hälfte. "Ohne sie geht gar nichts", heißt es, "sie hat überall ihre Finger drin." 700 Millionen Euro trägt allein die Palladium-Hotelkette zum Umsatz des Matutes-Konzerns bei, dort hat der Sohn das Sagen. Hinzu kommen Beteiligungen (42,5 Prozent) an den Fährgesellschaften Trasmediterránea und Balearia (700 Millionen Euro Umsatz), Anteile an der Großbank Santander und Air Europa, an Baufirmen, Asphaltfabriken, Steinbrüchen, Ländereien und die Fischfarm Cupi Mar, weltgrößter Seezungenproduzent.

Vor allem aber sind die Matutes die Könige der Nacht auf Ibiza. Die Diskothek "Space" haben sie jüngst erworben und wiedereröffnet unter dem Label "Hï". Der Beachklub "Hotel Ushuaïa" gehört ihnen (mit 5000 feierwütigen Gäste ist er jeden Tag von 16 Uhr bis Mitternacht proppevoll), das "Hard Rock Hotel" (das erste überhaupt in Europa). Alles legendär, alles top of the pops.

Abel Matutes junior empfängt in der Avenida Bartolomé Roselló Nummer 18, dem Hauptquartier in Ibiza Stadt. Der jugendliche 40-Jährige mit MBA (er hat in Brüssel und Madrid studiert) humpelt. Am Vortag ist ihm beim Tennis ein Muskel gerissen. In seinem Büro liegen Aktenstapel herum, übervolle Kartons stehen auf dem Boden, die Möblierung in durchgängigem Nussbaumholz lässt nicht erahnen, dass hier einer am Werk ist, der nur hippes Fünfsterniges auf die Beine stellt.

Die Schrankwand quillt über von gerahmten Familienfotos, seine Frau ist Amerikanerin und Fachfrau für Marketing, die vier Kinder sind noch klein. "Sie können sich denken, bei uns zu Hause herrscht das reinste Chaos." Er grinst stolz. Die fünfte Generation des Matutes-Imperiums darf als gesichert gelten.

Machtkampf der Klubbesitzer

Ibiza ist ein toller Ort fürs Geschäft, "hier kannst du alles verkaufen, wenn du gut positioniert bist", sagt er. Die Matutes waren die Ersten, die den Fünfsterneluxus und die Daypartys systematisch aufzogen. Aus reiner Not heraus, sagt Matutes. "Unsere Dreisternehäuser konnten mit den Pauschalangeboten in Ägypten nicht mehr konkurrieren." Also riskierten sie etwas.

Ideen für neue Geschäfte gehen der Familie nicht aus. Sie möchten Golfplätze bauen und Shopping Malls. Nichts von alledem hat die Regierung genehmigt, vorerst. Daher holte der Junior erst mal die Mercedes Benz Fashion Week Madrid zur Premiere ins "Ushuaïa". Der Hype muss schließlich gefüttert werden.

Dass Ibiza in Bewegung bleibt, dafür sorgt schon der gnadenlose Machtkampf der Klubbesitzer. Es gehe nicht sonderlich zivil zu, sagt Matutes. Jeder hat seine Anwälte.

Matutes erbitterter Gegenspieler ist Ricardo Urgell. 80 Jahre alt inzwischen, aber immer noch ein markanter Mann. Ihm gehörte lange das "Pacha", der legendäre Klub mit den zwei Kirschen als Erkennungszeichen. Gerade hat er 90 Prozent seiner Gruppe verkauft an den Investmentfonds Trilantic Capital Partners - für stolze 350 Millionen Euro. Die neuen Eigner wollen damit weltweit Furore machen. Drogenfrei soll es künftig zugehen, heißt es. Das erntet nur wissendes Grinsen. Urgell gibt zu, manchmal einfach nur deshalb Resorts wie das "Destino" am Strand von Talamanca zu kaufen, weil sonst wieder Matutes zugelangt hätte. Niemand muss Sorge haben, dass Ibiza einschläft.

Zumal noch ein Deutscher in der Szene kräftig mitmischt: Christian Braun, noch keine 40, Typ Sonnyboy, Sohn Münchener Auswanderer. "Hippie ist, wenn die Menschen friedlich nebeneinander leben können", sagt er fröhlich.

Braun ist 1987 im Alter von neun mit seinen Eltern aus München auf die Insel gekommen. Die haben dort den Schickeriaspot "Schampus-Bar" betrieben. Mutter Mucki brachte nur einen alten Lastwagen voller Plunder mit und wurde zum Musterbeispiel einer Hippiekapitalistin.

Sie startete mit einer winzigen Pension für Freunde und Bekannte, im Winter verkaufte sie Gürtel, "mit diesem Nieten- und Schlingenzeugs". Nebenbei handelte sie mit Immobilien, die sie selbst renovierte.

Heute ist Mucki mehrfache Millionärin, wohnt bilderbuchmäßig an der Marina in einem von Jean Nouvel entworfenen Bau, und ihr "Casa Munich" läuft bestens. CEOs wie Carsten Spohr (Lufthansa) und Fußballer wie Mario Gomez steigen hier ab, wenn sie auf Ibiza urlauben und noch keine eigene Finca haben.

Am teuersten Strand des Südens, der Playa D'en Bossa, gehören den Brauns gleich zwei einschlägige Institutionen, der "Nassau Beach Club" und das "Tanit" direkt nebenan. Ihr Restaurant "Cas Costas" im Landesinneren verköstigt die Alternativelite mit Bioware, der historische "Palacio Bardaji" hatte schon Roman Abramowitsch und Quincy Jones zu Gast. Beim richtigen Angebot (knapp zehn Millionen) wären sie aber durchaus bereit, das historische Kleinod zu verkaufen.

Denn Sohn Christian hat große Pläne: Er will das Ibiza-Feeling nach Miami exportieren und dort ein riesiges Fanareal aufbauen, samt Hotel und einem 3000 Quadratmeter großen Beachklub. Das Genehmigungsverfahren ist bereits im Gange.

Nicht ausgeschlossen, dass es auch auf Ibiza bald so zugeht wie in Miami. Die letzten Hippies bräuchten dann definitiv eine neue Bleibe.