Mittwoch, 1. April 2020

Das Mittelmeer in schrecklich schön Die Jet-Setter von Ibiza

Ibiza: Schrecklich schön
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6. Teil: 24 Stunden Ekstase

Nun ist Krawinkel wieder zurück, hat eine Wohnung im Landesinnern und schimpft über die "völlig geistesgestörten" Preise. Camacho würde das Adlernest gern wieder losschlagen, für über 30 Millionen Euro.

Auf dem Hügel gegenüber thront die Megavilla von Anton Schrobenhauser, Inhaber und ehemaliger Torwart der SpVgg Unterhaching.

Natürlich gibt es auch noch die Geerdeten, die das Ursprüngliche der Insel bewahren wollen. Allen voran Daniel Witte mit seinem Sal de Ibiza (das in den tiffanyblauen Tontöpfen), der als Kind mit seinen beiden Geschwistern eingequetscht auf dem Rücksitz eines Porsche 911 nach Ibiza kam. Der Vater, zu Geld gekommen mit einer Vertretung für Stihl-Motorsägen, kaufte damals ein kleines Häuschen (65 Quadratmeter) direkt am Meer, wo heute gar nicht mehr gebaut werden dürfte.

Auch Claus Sendlinger, CEO der Design Hotels, sieht sich als Bewahrer. Getreu dem Motto "Die Farm ist der Golfplatz des 21. Jahrhunderts" hat er vor einem Jahr das "La Granja"-Farmhotel eröffnet. Er will "die andere Seite von Ibiza" stärken: gesundes Essen, ökologische Landwirtschaft, Yoga, Klangmeditation, Vollmondfeste. Zurück zu den Wurzeln.

Doch Leute wie Witte und Sendlinger gehen in dem Bespaßungszirkus fast unter. Abertausende raven sich Nacht für Nacht in den Discos in Ekstase, und das betrifft nur die Stunden zwischen zwei und sechs Uhr in der Früh. Während der restlichen 20 Stunden sorgen Beachklubs und Dayparty-Hotels für Halligalli. "Blue Marlin", "Ushuaïa" und "Privilege" sind jeweils die größten ihrer Art, das "Pacha" ist die berühmteste aller Diskotheken.

In den VIP-Lounges der Playa D'en Bossa gehen fantastische Summen über den Tresen. Die reguläre Armand-de-Brignac-Bestellung kommt in Zwölf-Liter-Flaschen, zu 120¿000 Euro das Stück. Die Tischvergabe folgt einer strengen Rangordnung. Die schlechtesten Plätze kosten 10¿000 Euro aufwärts.

"Die Vibes aber bringen die, die sich gerade mal den 70-Euro-Eintritt leisten können, das gibt den VIPs den Kick." Macht trifft auf Masse - keiner kennt das Erfolgsmodell Ibiza so gut wie Abel Matutes, der Pate der Insel. Seinem Clan gehören ganze Küstenstreifen, er entscheidet, wer Geschäfte machen darf und wer nicht, er kassiert dann die Lizenzgebühren.

Der Senior war nach dem EU-Beitritt Spaniens acht Jahre Kommissar in Brüssel und Ende der 90er Außenminister, Tochter Stella später Inselrätin. 2005 löste sie einen Aufstand aus, als sie für den Bau von Autobahnen und Untertunnelungen eintrat, subventioniert von der EU.

Offiziell gehört der Familie ein Zehntel der Insel, gefühlt ist es mindestens die Hälfte. "Ohne sie geht gar nichts", heißt es, "sie hat überall ihre Finger drin." 700 Millionen Euro trägt allein die Palladium-Hotelkette zum Umsatz des Matutes-Konzerns bei, dort hat der Sohn das Sagen. Hinzu kommen Beteiligungen (42,5 Prozent) an den Fährgesellschaften Trasmediterránea und Balearia (700 Millionen Euro Umsatz), Anteile an der Großbank Santander und Air Europa, an Baufirmen, Asphaltfabriken, Steinbrüchen, Ländereien und die Fischfarm Cupi Mar, weltgrößter Seezungenproduzent.

Vor allem aber sind die Matutes die Könige der Nacht auf Ibiza. Die Diskothek "Space" haben sie jüngst erworben und wiedereröffnet unter dem Label "Hï". Der Beachklub "Hotel Ushuaïa" gehört ihnen (mit 5000 feierwütigen Gäste ist er jeden Tag von 16 Uhr bis Mitternacht proppevoll), das "Hard Rock Hotel" (das erste überhaupt in Europa). Alles legendär, alles top of the pops.

Abel Matutes junior empfängt in der Avenida Bartolomé Roselló Nummer 18, dem Hauptquartier in Ibiza Stadt. Der jugendliche 40-Jährige mit MBA (er hat in Brüssel und Madrid studiert) humpelt. Am Vortag ist ihm beim Tennis ein Muskel gerissen. In seinem Büro liegen Aktenstapel herum, übervolle Kartons stehen auf dem Boden, die Möblierung in durchgängigem Nussbaumholz lässt nicht erahnen, dass hier einer am Werk ist, der nur hippes Fünfsterniges auf die Beine stellt.

Die Schrankwand quillt über von gerahmten Familienfotos, seine Frau ist Amerikanerin und Fachfrau für Marketing, die vier Kinder sind noch klein. "Sie können sich denken, bei uns zu Hause herrscht das reinste Chaos." Er grinst stolz. Die fünfte Generation des Matutes-Imperiums darf als gesichert gelten.

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