Mittwoch, 1. April 2020

Das Mittelmeer in schrecklich schön Die Jet-Setter von Ibiza

Ibiza: Schrecklich schön
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4. Teil: Abtauchen vor der Realität

Gediegenere Vermögen finden sich natürlich auch auf Ibiza, aber es sind die eher bunteren Vögel der großen Familien, wie der Privatbankierssohn Helmut von Finck, bekannt durch seine frühere Bhagwan-Connection und die Erbstreitigkeiten mit den braveren Brüdern, oder Ingvild Goetz, Schwester des Versandhauskönigs Michael Otto und eine der wichtigsten Kunstsammlerinnen des Landes. Goetz, die die Wintermonate auf Ibiza verbringt, beauftragte 1983 den Künstler Michael Buthe mit dem Bau eines Meditationsturms auf ihrem Anwesen und hielt zur Einweihung ein Ritual ab, bei dem die Bauern erschreckt weggerannt sein sollen.

Ihren Mann Stephan, M&A-Stratege, sah man vor zwei Jahren in der Buchhandlung Libro Azul in Santa Gertrudis sitzen und aus seinem Roman "Der Mantel" lesen. In blauen Pluderhosen mit weißen Punkten beantwortete er gut gelaunt die Fragen des belesenen deutschen Publikums, diskutierte über komplizierte Familienstrukturen und verdrängte Traumata. Im Zentrum des Geschehens ein Hund namens Shiva.

Vor allem für Herzensbekundungen ist Ibiza wie gemacht. Nachdem Rihanna ihren ersten Liebesurlaub mit Saudi-Milliardär Hassan Jameel auf der Insel verbracht hat, folgt jetzt Hans Georg Näder, Prothesenmilliardär, Mäzen und Philanthrop. Der Ottobock-Eigner feiert dort nächstes Jahr Pfingsten Hochzeit mit Nathalie Scheil ("Es war Liebe auf den ersten Blick").

Viele von denen, die es nach Ibiza zieht, wollen noch mal was anderes machen in ihrem Leben. So wie Guy Laliberté, Gründer des weltweit bekannten Cirque du Soleil, der sein Milliardenbusiness verkauft und von Mick Flick das spektakuläre "007 Haus" nördlich der Cala Llentia erworben hat. Laliberté mischt jetzt Ibiza auf. Im "Heart" verbindet er gemeinsam mit den Brüdern Albert und Ferran Adrià, berühmt durch ihre "El Bulli"-Molekularküche, Gastronomisches, Musik und Kunst. Mit "Lune Rouge" hat er eine Lager- zur Kunsthalle verwandelt und will Ibiza zur "Premium Kultur-Destination" machen. Sonntags übt er DJ und legt mit Sven Väth auf.

Ein anderer dieser Ich-ändere-mein Leben-Typen ist Burnbrae-Eigner Jim Mellon, Englands Warren Buffett. Er hat Büros in Berlin und London, arbeitet aber fast die Hälfte des Jahres von Ibiza aus. Man trifft ihn im Café "Can Carun", in Flip-Flops, Shorts und T-Shirt mit "Take it Easy Arizona"-Aufdruck. Mehr als Laptop und Smartphone braucht er für den Job nicht, und wenn ihn die Touristen zu sehr nerven, steigt er in seine schnittige "Phenom 300", die jederzeit startklar bereit steht.

Der sich ausbreitende Luxus wird allmählich zum Logisproblem - für die weniger Privilegierten. Weil das Personal nicht zwischen Festland und Insel hin- und herpendeln kann und die Mieten unerschwinglich sind, übernachten viele im Auto oder auf den Balkonen, die geschäftstüchtige Ibizenker ihnen teuer vermieten. Zum Duschen empfiehlt sich eine Mitgliedschaft im Fitnessklub.

Am anderen Ende der Dienstleisterskala stehen Leute wie Joe Buckle. Der Concierge-Service-Betreiber erfüllt seinen vermögenden Kunden jeden Wunsch, rund um die Uhr. Die meisten haben nur einen: anonym bleiben.

Von Johnny Depp über P Diddy bis hin zu den Saudi-Prinzen - alle vertrauen sich Buckle an, wenn sie durch die Klubs ziehen. Als Leonardo DiCaprio doch mal auf einen anderen Concierge auswich, sah er sich plötzlich 2000 Fans ausgeliefert, die alle gleichzeitig ein Selfie mit ihm einforderten. Er ergriff die Flucht.

"Alles dreht sich ums Rampenlicht, die einen wollen unbedingt rein, die anderen es zwingend meiden", sagt Buckle. Kahler Schädel, Dreitagebart, pinkfarbenes Poloshirt, das obligatorische Holzperlenarmband, eine monströse Taucheruhr. Seine Augen sondieren das Terrain. Berufskrankheit. Es sei auf Ibiza sehr einfach, abzutauchen, sagt er, vor den Medien wie vor der Realität.

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