Sonntag, 15. Dezember 2019

Intrige bei Hewlett-Packard Wie ein deutscher Top-Manager bei einem US-Konzern scheiterte

Zwei Herzen und zwei Seelen: Der damalige HP-CEO Léo Apotheker und seine Finanzchefin Cathie Lesjak im März 2011.

Gerichtsakten zeigen, wie Léo Apotheker als CEO abserviert wurde.

Eine Finanzchefin schreibt an ihren Aufsichtsratsvorsitzenden, der CEO gelte in der Öffentlichkeit als "lebende Leiche". Der antwortet: "Ich verstehe dich", aber im Augenblick sei das Führungsproblem nicht zu lösen. Kurz danach scheitert eine spektakuläre Übernahme des Unternehmens - und der CEO muss gehen. So intrigant kann Wirtschaft sein.

Klingt wie eine absurde Szene aus einer TV-Trashserie? Von wegen. Genauso spielte sich der Abgang von Léo Apotheker (62) im September 2011 bei Hewlett-Packard (HP) Börsen-Chart zeigen ab. Den Einblick in Ränke und Ranküne auf der Beletage eines der größten IT-Konzerne der Welt gewähren nun Dokumente, die das US-Distriktgericht für Nordkalifornien in San Francisco Mitte Dezember der Öffentlichkeit zugänglich gemacht hat.

Das Drama begann im Mai 2011 mit den ersten Verhandlungen um den Kauf des britischen Softwareanbieters Autonomy. Der neue HP-Chef, der zuvor als CEO von SAP Börsen-Chart zeigen gescheitert war und erst im November des Vorjahres seinen Posten angetreten hatte, suchte verzweifelt nach der großen, alles verändernden Übernahme, die dem wankenden Hardwareriesen eine solide Zukunft geben sollte. Nachdem er sich diverse Abfuhren bei US-Unternehmen geholt hatte, kam ihm der Big-Data-Pionier aus Cambridge gerade recht. Im Juli vereinbarte der frankophile Apotheker mit Autonomy-Chef Mike Lynch (56) im normannischen Seebad Deauville, die Firma für gut elf Milliarden Dollar zu kaufen.

Dem Handschlag in Europa folgten hektische Aktivitäten in der kalifornischen HP-Zentrale. Finanzchefin Cathie Lesjak (57) beschäftigte die Wirtschaftsprüfer von KPMG mit der Due Diligence. Die Revisoren beschwerten sich bitterlich über die mangelnde Auskunftsbereitschaft von Autonomy. In einem ersten Entwurf ihres Berichts hissten sie diverse rote Warnflaggen: Es gebe Hinweise auf Ungereimtheiten in der Buchhaltung, Steuerprobleme und Wachstumsschwächen.

Apotheker erfuhr davon nichts. Den Dokumenten zufolge wurde ihm diese frühe Version des KPMG-Gutachtens nicht vorgelegt. Er wurde auch anderweitig nie über die Bedenken unterrichtet. Dabei hatte Apotheker ausdrücklich erklärt, auch das steht in den Akten, die offiziellen Autonomy-Zahlen könnten nur als eine Art erste Orientierung bei der Überprüfung des Übernahmeobjekts dienen.

Lesjaks einzige Einlassung zu dem bevorstehenden Geschäft stammt vom 16. August, zwei Tage vor der Ankündigung des Deals. Darin lehnt sie den Kauf ab, mit der Begründung, er könnte sich negativ auf die Aktie auswirken, der Preis sei zu hoch. An diesem Tag hatte sie Ray Lane (69), dem Chairman, jene Mail geschickt, in der CEO Apotheker als Zombie diffamiert wird.

Léo is a dead man
walking."

HP-Finanzchefin Cathie Lesjak über ihren damaligen CEO Léo Apotheker

Am 18. August winkte der Aufsichtsrat die Übernahme durch. Und das obwohl Lane von Lesjaks Bedenken wusste. Offenbar hatte der Chefkontrolleur zunächst gehofft, den Deal wieder rückabwickeln zu können. Kurz vor der offiziellen Unterzeichnung verlangte er von Apotheker, das Geschäft mit der Zahlung einer Vertragsbruchstrafe zu annullieren. Der Europäer auf dem Chefsessel habe ihn dann aber darüber aufgeklärt, dass dieser Ausweg nach britischem Recht nicht existierte.

Die Nachricht vom Autonomy-Kauf ließ HPs Börsenwert um ein Viertel abstürzen. Der Konzern musste fast neun Milliarden Dollar des Kaufpreises abschreiben. Bis heute gilt die Übernahme als eines der übelsten Beispiele für unfähiges Management und Apotheker als "Anwärter auf den Titel - schlechtester CEO eines Tech-Unternehmens in der Geschichte" ("New York Times"). Schließlich habe der ja nicht einmal den Due-Diligence-Bericht gelesen.

Am 22. September wurde der Vorstandschef mit einer Millionenabfindung gefeuert. Seither lebt er als privater Investor in London. Ein paar Aufsichtsratsposten hat er noch, den wichtigsten beim französischen Konzern Schneider Electric.

Lane musste zwar vom Posten als Chairman abtreten, blieb aber im Board des angeschlagenen IT-Konzerns, heute bei HP Enterprise. Lesjak dagegen überstand das Debakel unbeschadet. Die seit 2007 amtierende Finanzchefin behielt ihren Job. Als CFO des Druckergeschäfts HP Inc. zieht sie weiter die Strippen.

HP wollte keine Fragen zu diesem Fall beantworten.

© manager magazin 2/2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung