Schöpfer eines Weltkonzerns: Heinz Hermann Thiele Der Besessene

Er hat den Weltkonzern Knorr-Bremse geschaffen und dafür seine Gesundheit geopfert. Rastlos ist er geblieben.
Foto: Dirk Bruniecki für manager magazin

Heinz Hermann Thiele (76), Eigentümer der Münchener Knorr-Bremse AG, schließt keine Kompromisse. Entweder er setzt sich durch - auch gegen die härtesten Widersacher - oder er tritt den Rückzug an.

Bislang hat der Multimilliardär die meisten Auseinandersetzungen gewonnen. Nur vor zwei Jahren stand er einmal auf der Verliererseite. Als Präsidiumsmitglied des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft plädierte er vehement für die Abschaffung der EU-Sanktionen gegen Russland. Man überhörte sein Mahnen, das Gremium nahm nach Thieles Dafürhalten gegenüber der deutschen Regierung zu spät und nicht eindeutig genug Stellung. Thiele reagierte harsch: Ende 2015 verließ er den Ausschuss.

Die Niederlage nach achtjährigem Einsatz wurmt den Unternehmer bis heute. Seit Dekaden macht er Geschäfte im Osten. Er kennt Wladimir Putin persönlich und nennt ihn "vielleicht keinen lupenreinen Demokraten, aber einen sehr fähigen Politiker", was man an der positiven wirtschaftlichen Entwicklung der letzten zwei Jahre erkennen könne. Thiele setzt auf die Zusammenarbeit mit dem Präsidenten: "Wir brauchen die Aussöhnung mit Russland, sonst gibt es keine nachhaltige Friedensordnung in Europa."

Thiele lässt nie locker. Nicht, wenn es um Russland geht, und erst recht nicht in seinem eigenen Reich, bei Knorr-Bremse.

"Das Unternehmerleben ist ein unvermeidlicher, immerwährender Kampf", sagt er bei seiner Dankesrede anlässlich der Aufnahme in die Hall of Fame.

Der Selfmademan ist bekannt für seine Härte. Wer nicht liefert, fliegt. Reihenweise hat er Führungskräfte ziehen lassen.

Rein formal bekleidet Thiele seit 2016 keine Ämter mehr bei Knorr, er ist nur noch Ehrenvorsitzender des Aufsichtsrates. De facto aber bestimmt er nach wie vor die Strategie, mischt sich auch in Detailfragen ein, egal ob es um Qualitätsprobleme oder Personalia geht.

Kritik an seiner Omnipotenz und dem erbarmungslosen Umgang mit Mitarbeitern weist Thiele zurück. Der Aufstieg von Knorr zum Weltmarkt- und Technologieführer für Zug- und Lkw-Bremsen ist ihm zu verdanken. "Ich bin voll ins Risiko gegangen", sagt der Unternehmer. Da sei es doch normal, dass er sich für den Erhalt seines Lebenswerks einsetze.

Kurz nach seinem zweiten Staatsexamen heuert der Jurist als Sachbearbeiter in der Patentabteilung bei Knorr an, 15 Jahre später wird er Knorr-Chef und kauft sich Stück für Stück in den Konzern ein. Alfred Herrhausen, damals Vorstandssprecher der Deutschen Bank, sichert ihm per Handschlag finanzielle Unterstützung zu. Gleichwohl hat Thiele große Angst vorm Scheitern, denn er besitzt "nichts außer einem nicht abbezahlten Haus".

1989 gehört ihm die marode Firma komplett. Ihre Zukunft ist völlig offen, niemand weiß, ob der Hersteller überhaupt noch saniert werden kann.

Doch Thiele schafft die Wende. Er erkennt frühzeitig den Zwang zur Globalisierung und holt bereits 1989 einen ersten Großauftrag aus China herein.

Voller Stolz blickt er auf seine "aktive Zeit" zurück, also auf die 30 Jahre, in denen er erst Vorstands- und dann Aufsichtsratsvorsitzender von Knorr war: "Zwischen 1985 und 2015 hat sich der Umsatz verdreißigfacht, das Ergebnis vor Zinsen und Steuern ist um 20.000 Prozent gestiegen", rechnet Thiele vor.

Für 2017 kalkuliert er mit Erlösen von rund sechs Milliarden Euro, der operative Gewinn (Ebit) soll deutlich über 800 Millionen Euro liegen. 2018 wird noch praller, denn Knorr kauft Firmen en masse. Einer der größten Brocken, den sich Thiele vorgenommen hatte: der schwedische Hersteller von Luftfederungen und Bremssystemen, Haldex.

Um das Unternehmen lieferte sich Thiele ein Bietergefecht mit dem Friedrichshafener Automobilzulieferer ZF. Das Haldex-Management sprach sich explizit gegen Knorr-Bremse aus, die Schlacht schien verloren. Doch mit Heinz Hermann Thiele muss man auch noch rechnen, wenn schon alles entschieden scheint. Er legte auf das satte ZF-Gebot von 120 Kronen pro Haldex-Aktie noch mal fünf Kronen drauf und zog die Aktionäre auf seine Seite.

Rund 580 Millionen Euro hätte die Firma gekostet - am Ende aber blies Thiele doch zum Rückzug: Das Haldex-Management sträubte sich gegen die Angreifer, da war selbst dem alten Haudegen die Atmosphäre zu feindlich.

Für seinen Einsatz zahlt Thiele insbesondere in der Anfangszeit "einen hohen Preis". Rastlos reist er durch die Welt, bis zu 170 Tage pro Jahr ist er unterwegs. Seine Frau sieht er kaum, die Ehe geht kaputt. "Nur ein Besessener tut sich so etwas an", sagt Thiele, "das kann ich niemanden empfehlen."

Der persönliche Preis: "Ich habe mich fast umgebracht

In seiner Jugend sprintet er 100 Meter in 10,8 Sekunden, heute reicht die Kraft nur noch für Wanderungen. "Ich habe mich fast umgebracht", sagt der massige Mann. Dreimal erkrankt er schwer - kommt aber immer wieder auf die Füße.

Was er sich selbst abverlangt, erwartet Thiele auch von seinen Mitarbeitern: ständige Höchstleistung. Und weil er extrem misstrauisch ist, hängt am Eingang der Münchener Knorr-Hauptverwaltung eine Stechuhr, an der ein Großteil der Angestellten stempeln muss.

Thiele hält alles unter Kontrolle und lässt sich von niemanden etwas vorschreiben, schon gar nicht von den Gewerkschaften. 2004 tritt Knorr aus dem Arbeitgeberverband aus. Heute zahlen die Münchener zwar in etwa Tariflöhne, verlangen aber 42 Stunden Einsatz pro Woche. Die Beschäftigten müssen also zwei Stunden mehr arbeiten als anderswo - unentgeltlich.

Die 5000 Knorr-Beschäftigten in Deutschland (weltweit: 25.000) wehren sich nicht, denn ihre Arbeitsplätze sind sicher. Nur Mitarbeiter einer Fabrik in Berlin, die Knorr kürzlich übernommen hat, begehren auf. Thiele zeigt kein Entgegenkommen, er sitzt den Konflikt einfach aus. Sein Konzern taucht regelmäßig in der Liga der besten Arbeitgeber für technische Berufe in Deutschland auf - von ein paar Aufmüpfigen lässt er sich da nicht einschüchtern.

In der deutschen Wirtschaft gibt es viele, die schon mal mit Thiele zusammengerasselt sind. Sie haben ihn als unerbittlich gegenüber anderen (und sich selbst) erlebt, als aufbrausend und brutal, wenn einer Fehler macht. Er gilt als undurchschaubar, weil er zu den meisten immer Distanz hält. Kumpanei mag er nicht, weder Angestellten noch Geschäftspartnern hat er je das Du angeboten.

Doch es gibt auch den charmanten Thiele, der mit Lob nicht geizt und verzeiht, sofern es ihm nützt. Zum Beispiel in der Causa Klaus Deller: Der verließ den Knorr-Vorstand und zog als designierter CEO zum Automobilzulieferer Schaeffler. Als Deller noch vor Amtsantritt in Herzogenaurach ausgebootet wurde, nahm ihn Thiele wieder zurück und machte ihn 2015 zum Konzernchef.

Seinem CEO Deller vertraut Thiele, zumindest in Maßen. So kann er sich stärker um seine anderen Engagements kümmern. In Uruguay betreibt er eine Estanzia mit 8500 Rindern und 12.500 Schafen. In Südafrika gehört ihm eine Plantage mit 600 Angestellten, die Avocados, Mangos und Zitrusfrüchte anbauen. So wie Knorr-Bremse werfen auch die Landgüter gute Gewinne ab.

Aber ums Geld geht es Thiele erst in zweiter Linie. Ihn treibt der Wunsch nach Anerkennung, nach Größe. 2011, als er kurz vor seinem 70. Geburtstag stand, kauft er Aktien des sauerländischen Bahnspezialisten Vossloh und baut seinen Anteil nach und nach aus. Gleichzeitig versucht er die Vossloh-Erben, die 30 Prozent der Anteile halten, zur Kooperation zu bewegen.

Achtmal trifft er sich mit den Alteigentümern, immer verlaufen die Gespräche ergebnislos. "Wir konnten uns nicht einigen", sagt der damalige Familiensprecher Peter Langenbach. "Alle Vorschläge liefen darauf hinaus, dass Herr Thiele im Unternehmen das Sagen hat."

Das hat er dann trotzdem. Anfang Juni 2013 übernimmt Thiele im Handstreich den Vossloh-Aufsichtsratsvorsitz, wenige Monate später verkaufen die meisten der Vossloh-Nachkommen entnervt ihre Anteile an institutionelle Investoren. Wieder einmal hat Thiele alle Ziele erreicht: Er hält mittlerweile 45 Prozent an Vossloh, ohne ihn läuft nichts in der Zentrale im Städtchen Werdohl.

In Vorstand und Aufsichtsrat sitzen seine Gewährsleute, die Restrukturierung des angeschlagenen Konzerns ist auf gutem Weg. Ende Mai dieses Jahres hat Thiele die Leitung des Kontrollgremiums aufgegeben, aber ist immer noch allgegenwärtig.

Künftig will er nur noch 40 statt 70 Stunden die Woche arbeiten. Ein kleines bisschen hat er schon zurückgesteckt. Er kommt jetzt nur noch an drei Tagen in der Woche in sein weitläufiges Münchener Knorr-Büro, sitzt allerdings jedes Wochenende am Schreibtisch, damit er am Montag gut präpariert ist für die Gespräche mit seinen Leuten.

Vor zwei Jahren hat er sich zum ersten Mal einen langen Urlaub auf Sardinien gegönnt. Eine Gewohnheit indes gibt er nicht auf: Von jedem Flecken der Welt aus ruft er regelmäßig morgens zwischen acht und zehn Uhr seine Führungskräfte an.

Auch die Reisen sind nicht viel weniger geworden. Als Aufsichtsratschef der Knorr-

Selfmademillionär

Töchter in Amerika, Österreich und Südafrika ist er bei jeder Sitzung vor Ort. Und einmal pro Jahr schaut er bei jeder größeren Landesgesellschaft nach dem Rechten. "Ich muss schließlich informiert sein", so Thiele, "andernfalls hätte ich das Gefühl, etwas falsch zu machen."

Weil er so viel unterwegs ist, leistet er sich First-Class-Flüge und steigt nur in den besten Hotels ab. Oft begleitet ihn seine zweite Ehefrau, die 41-jährige Nadia. Das Paar ist seit 2011 verheiratet. Die Ukrainerin, eine studierte Germanistin, kümmert sich bei Knorr-Bremse um soziale Engagements.

Nadia Thiele brachte ihren heute 19 Jahre alten Sohn mit in die Ehe. Heinz Hermann Thiele hat zwei Kinder. Ihnen vermacht er bereits Ende der 90er Jahre die Mehrheit der Anteile an der Familienholding Stella. Der Vater hält nur noch weniger als 50 Prozent, hat sich aber 75 Prozent der Stimmrechte und ein Paket an Sonderrechten gesichert. So verfügt er bei der Generalversammlung über sämtliche Befugnisse. "Ich bin die Knorr-Hauptversammlung, weil ich dort alle Stimmen vertrete", sagt Thiele, "das hat den Vorteil, dass in einer halben Stunde alles vorbei ist."

Tochter Julia Thiele-Schürhoff, eine Anwältin, leitet die Hilfsorganisation Global Care, die von Knorr mit ein bis zwei Millionen Euro pro Jahr finanziert wird. Ihr Bruder Henrik verantwortete im Konzern gemeinsam mit zwei anderen leitenden Managern das Geschäft mit Eisenbahnbremsen in Asien. 2015 sollte er in den Vorstand einziehen. Kurz vorher gab es Streit mit dem Vater. Henrik Thiele verließ die Firma und verfolgt jetzt eigene Investitionsprojekte.

Bei rund zehn Milliarden Euro liegt das Vermögen der Thieles inzwischen, die Familie gehört zu den reichsten Deutschen. Der Patron könnte sich zur Ruhe setzen, zumal er sein Firmenreich offenbar gut bestellt hat: Knorr-Chef Deller hält schon über zwei Jahre durch, er kommt mit dem Übervater gut aus. Der frühere Vossloh-CEO Hans Schabert hat seinen Vertrag aus familiären Gründen nicht verlängert. Ihn ersetzte Thiele im Frühjahr durch Andreas Busemann, der frühere Bahnvorstand Volker Kefer wurde Aufsichtsratsvorsitzender.

Es läuft also. Und trotzdem rennt Thiele weiter. "Ich bin Unternehmer", sagt der Patriarch, "und werde bis zum letzten Atemzug unternehmerisch tätig sein."

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