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Misserfolge und Comebacks: Grandios gescheitert ... und wieder dabei

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Wenn Topmanager scheitern "Schreien Sie!"

Ron Sommer, Leo Apotheker und Anton Schlecker sind grandios gescheitert, Andreas von Zitzewitz und Lars Hinrichs sind wieder dabei: Was man aus Rückschlägen lernen kann, erklärt der Wirtschaftspsychologe Heinrich Wottawa.

mm: Herr Professor Wottawa, Personalmanager sprechen gern davon, dass sie Menschen mit Ecken und Kanten wollen. Andererseits gibt es in vielen Unternehmen immer noch eine Null-Fehler-Kultur, die Zeiträume für Erfolgsmessungen werden kürzer, und in Beratungen heißt es: "up or out". Was gilt denn nun?

Wottawa: Lineare Karrieren sind wunderbar, wenn es nur darum geht, Fachwissen zu erwerben. Persönlichkeit entwickeln Sie so nicht. Firmen brauchen potenziell unangepasste Personen und sagen das auch immer - aber bitte im Zuständigkeitsbereich anderer Führungskräfte, nicht bei mir selbst!

mm: Was genau können Manager mit Ecken und Kanten denn besser?

Wottawa: Eine Führungskraft, deren Aufgabe es sein wird, viele Freistellungsgespräche zu führen ...

mm: ... also Mitarbeiter zu entlassen ...

Wottawa: ... wird das besser machen, wenn sie weiß, wie es sich anfühlt, gefeuert zu werden. Zudem sagt die Biografie viel darüber aus, wie stressresistent jemand ist, wenn mal etwas schiefgeht. Leute, bei denen immer alles glattläuft, scheitern dann gern an Kleinigkeiten.

mm: Sie als Wissenschaftler glauben also an Kalendersprüche wie "Jedem Scheitern wohnt eine Chance inne", "Laufen lernt man durch Hinfallen" oder "Jedes Ende ist ein Anfang"?

Wottawa: Lernen am Misserfolg ist ein ganz wichtiges Lernprinzip. Nur stark erlebte Dissonanzen führen zu affektiven Veränderungen.

mm: Auf gut Deutsch: Aus Fehlern lernt man.

Wottawa: Genau. Wie es in Amerika heißt: Learn to fail - or fail to learn. Allerdings muss man diesen Lernprozess auch zulassen. Das wird leider oft durch die sogenannte hedonistische Verzerrung verhindert. Dieser Effekt lässt die Führungskraft bei einem Misserfolg denken: Schuld haben die äußeren Umstände und die Pfeifen in meinem Team. An mir liegt es garantiert nicht. Und: Jeder kann mal Pech haben. Vor allem bei nicht mehr ganz jungen männlichen Entscheidungsträgern ist diese - natürlich unbewusste - selbstwertschonende Tendenz zur Interpretation der Welt besonders deutlich.

Rückschläge machen uns besser - wenn wir daraus lernen

mm: Sind Frauen denn weniger hedonistisch?

Wottawa: Wir haben in verschiedensten Studien gesehen, dass Frauen Fehler viel stärker auf sich zurückführen und ihr eigenes Versagen persönlich nehmen.

mm: Aber das hieße doch dann, dass sie lernfähiger sind. Warum wimmelt es dann nicht von weiblichen Topmanagern?

Wottawa: Die hedonistische Verzerrung hat auch Vorteile - ich akzeptiere, dass ich mal scheitern kann und trotzdem ein toller Hecht bin. Auch der psychische Druck hoher persönlicher Verantwortung lässt sich dadurch viel leichter ertragen, da haben Männer wohl Vorteile. Eine Teamleiterin fragt sich eher: Wenn mir dieser Fehler, den ich gemacht habe, dieses Leid, das ich anderen damit zugefügt habe, schon so nahegeht - will ich dann wirklich Abteilungsleiterin werden?

mm: Scheitern ist also subjektiv?

Wottawa: Absolut. Nur Sie selbst definieren die Tiefe des Sturzes. Idealerweise fallen Sie die ersten Male früh in Ihrer Karriere.

mm: Aber kommt es nicht gerade in dieser Phase darauf an, alles richtig zu machen, die Weichen zu stellen?

Wottawa: Das muss kein Widerspruch sein. In der Ausbildung können Sie in einem geschützten Raum Erfahrung sammeln. Scheitern gehört auch dazu, nicht umsonst bauen gute Traineeprogramme solche Klippen ein. Dort werden auch Ziele gesetzt, die ein Trainee wohl nicht erreichen kann, man lässt ihn bewusst gegen die Wand fahren. Der Sturz ist dann zwar subjektiv heftig, aber objektiv gesehen war es ein Stolpern.

mm: Sie haben herausgefunden, dass wir letztlich alle gleich reagieren, wenn es richtig kracht. Was ist demzufolge eine angemessene Reaktion auf einen großen Misserfolg?

Wottawa: Geben Sie zu, dass gerade die totale Katastrophe passiert. Schreien Sie, toben Sie, lassen Sie die Welt untergehen und sich mit. Reagieren Sie irrational und emotional. Und: Bleiben Sie zu Hause, betrachten Sie sich als krank. Sich einzureden, dass mir das alles nichts ausmacht, hat keinen Sinn.

"Wie geht es weiter? Wie geht es anders?"

mm: Ist es nicht viel wichtiger, präsent zu sein, Schadensbegrenzung zu versuchen und zu beweisen, dass ich nicht aufgebe?

Wottawa: Nein, nicht in dieser ersten Phase. Jetzt bloß keinen zusätzlichen Stress erzeugen. Arbeiten Sie weiter, erleben Sie sofort den nächsten Misserfolg, weil Sie Ihr aktuelles Projekt auch in den Sand setzen werden. Denn Ihr Hirn, Ihr Verstand ist völlig aus dem Gleichgewicht. Sie wollten den Berg erklimmen und sind in der Gletscherspalte gelandet.

mm: Wie lange verharrt jemand in dieser sogenannten emotionalen Phase?

Wottawa: Das können drei Tage sein oder ein Jahr, abhängig von der persönlichen Krisenkompetenz. Davon, wie viele dieser heftigen Dissonanzerlebnisse Sie schon durchgemacht haben.

mm: Wie geht's dann weiter - was ist der nächste Entwicklungsschritt?

Wottawa: Wenn Sie ganz unten sind und sich ausgetobt haben, fangen Sie irgendwann an zu verhandeln. Sie denken weiter, überlegen Alternativen. Erst hier kann Ihnen auch ein Berater helfen, vorher bringen Coaches und dergleichen eher wenig.

mm: Man fängt also an, sein Umfeld wieder wahrzunehmen.

Wottawa: Es folgt die Neuorientierung. Man muss überlegen: Was hat dieser Totalabsturz aus und mit mir gemacht? Wie geht es weiter? Wie geht es anders? Menschen mit Visionen sind hier schnell durch. Für alle anderen gilt: Wenn Sie jetzt zu schnell fliehen, haben Sie die Krisensituation nicht optimal genutzt. Der erneute Aufstieg wird dann sehr anstrengend. Oder führt, was noch schlimmer ist, zu einem falschen Ziel.

mm: Dass die Verarbeitung von Misserfolgen so strukturiert und vorhersehbar ist und am Ende sogar noch etwas bringen kann, mag viele beruhigen. Trotzdem ist die Welt voll von gescheiterten Personen - denken wir an Léo Apotheker, der erst bei SAP  rausflog, dann bei Hewlett-Packard .

Wottawa: Die Auswirkungen von Misserfolgen hängen extrem davon ab, welche Chancen und Ressourcen jemand hat. Eine Kündigung kann bei einem 30-Jährigen, der bald wieder etwas Vergleichbares findet, sehr viel helfen - bei einem 55-Jährigen ohne Chancen wohl weniger. Es geht auch um die Tiefe des Absturzes - zu extrem zu scheitern ist genauso wenig sinnvoll wie gar nicht zu scheitern. Und bisweilen kommen Manager in der emotionalen Phase auch darauf, dass sie das alles nicht mehr wollen, und steigen ganz aus.

mm: Die entscheidende Frage ist wohl: Wie bereite ich mich bestmöglich auf den Absturz vor?

Wottawa: Scheitern Sie.

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