Hall of Fame Der Feuerkopf

Jürgen Hambrecht ist neues Mitglied in der Hall of Fame. Der Topmanager glüht für den Erfolg: So positionierte er die BASF im Reich der Mitte. So agierte er in Berlin. So setzt er sich für frühkindliche Bildung ein.
Jürgen Hambrecht: Wenn sich der langjähriger Vorstandschef des Chemiekonzerns BASF, einschaltet, dann werden Dinge bewegt

Jürgen Hambrecht: Wenn sich der langjähriger Vorstandschef des Chemiekonzerns BASF, einschaltet, dann werden Dinge bewegt

Foto: Thomas Dashuber für manager magazin

Jetzt reicht es Jürgen Hambrecht (66) aber. Einen Investor nach dem anderen telefoniert er ab an jenem denkwürdigen 6. Mai. Eben, kurz vor der Hauptversammlung, hat Wolfgang Mayrhuber als designierter Aufsichtsratschef der Lufthansa zurückgezogen, weil ihn die US-Aktionärsvertretung ISS ablehnt. Die Fluglinie steht führungslos, der Aufsichtsrat, und damit auch Hambrecht, düpiert da.

Doch Nein heißt für Hambrecht nicht Nein. Mayrhuber müsse unbedingt Aufsichtsratschef der Lufthansa  werden, beschwört Hambrecht internationale Fondsmanager. Die ISS-Empfehlung sei haltlos, getroffen ohne jede Kenntnis der deutschen Corporate Governance. Das Ergebnis ist bekannt: Mayrhuber stellt sich zur Wahl und bekommt die nötige Mehrheit.

Einige Monate zuvor in Stuttgart. Auch dort droht Chaos. Im Daimler-Aufsichtsrat haben sich der Vorsitzende Manfred Bischoff (71) und Betriebsratschef Erich Klemm (59) verhakt. Der Arbeitnehmervertreter stemmt sich gegen die Vertragsverlängerung von Vorstandschef Dieter Zetsche (60). Nichts bewegt sich. Doch Hambrecht - hier wie bei der Lufthansa einfaches Aufsichtsratsmitglied - nimmt sich der Sache an und gewinnt den baden-württembergischen IG-Metall-Bezirksleiter und Daimler-Aufseher Jörg Hofmann als Vermittler. Wenig später bekommt Zetsche den Anschlussvertrag, allerdings begrenzt auf drei Jahre.

Hambrecht bewegt was

Wenn sich Jürgen Hambrecht, langjähriger Vorstandschef des Chemiekonzerns BASF, einschaltet, dann werden Dinge bewegt. Das hat viel mit der Kraft seiner Argumente zu tun. "Mir hat es schon immer Spaß gemacht, die fundiertere Beweisführung zu haben und besser informiert zu sein, um an der richtigen Stelle meinen Punkt zu machen", gibt Hambrecht zu Protokoll.

Während er in deutlich schwäbischem Tonfall solche kämpferischen Sätze von sich gibt, spannt sich der asketische Mann mit dem kurz geschorenen grauen Haupthaar. Die Arme schnellen ruckartig nach vorn. Das Gesicht, in dem sich Streben und Ehrgeiz eingegraben haben, beginnt heftig zu arbeiten.

Seine eigentliche Gabe wird sichtbar. Franz Fehrenbach, ehemaliger Bosch-Chef und langjähriger Freund von Hambrecht, nennt sie: Feuer entfachen. "Wenn er spricht, dann spürt jeder, wie er für ein Thema brennt. Das überzeugt."

Kaum einer unter den Größen der deutschen Wirtschaft gleicht Hambrecht an Willens- und Überzeugungskraft. Was ihm wichtig ist, verfolgt er mit der vereinten Energie von Geist und Körper. Stets vertritt er eine klare Position. Immer kämpft er vehement auch für die Umsetzung, selbst in aussichtslosen Fällen. Zuletzt glühte er in der Ethikkommission für sichere Energieversorgung, die die Bundesregierung nach der Katastrophe von Fukushima eingesetzt hatte, als einziger Industriemann für die Atomkraft.

Als Verbandsführer machte er die Chemie salonfähig

Seit er 2011 altersbedingt aus dem BASF-Vorstand ausschied, ist es zwar etwas ruhiger um ihn geworden. Aber das wird sich ändern, wenn er nach absolvierter Abkühlung (die ihm naturgemäß nicht leichtfiel) 2014 voraussichtlich in den Aufsichtsrat der BASF  einziehen und den Vorsitz übernehmen wird.Das Mandat hat sich Hambrecht durch vielfältige Leistungen verdient.

Mühelos reiht er sich ein in die Phalanx der großen BASF-Führer, zu denen etwa Jürgen Strube zählt. Bereits als einfaches Vorstandsmitglied sorgte Hambrecht maßgeblich dafür, dass sich der heute weltgrößte Chemiekonzern in China ganz vorn positionierte. In seiner acht Jahre währenden Amtszeit als Nummer eins trieb er den Umbau vom Allerweltschemie-Konglomerat zum hoch spezialisierten Partner von Endverbraucherindustrien weiter voran. Deshalb kann sich die BASF heute rühmen, wesentliche Teile von Autos, Nahrungs- und Waschmitteln oder Turnschuhen herzustellen.

Als Verbandsführer machte er die Chemie salonfähig. Er beschwichtigte die Grünen mit einem Auftritt auf ihrem Parteitag 2008 in Erfurt und bugsierte Ex-Partei-Chef Reinhard Bütikofer in einen Dialog mit dem Branchenverband VCI. Hambrecht: "Das war eine Sensation."

Meinungsfreudiger Manager

Sein gesellschaftliches Engagement ist beachtlich. Unter seiner Führung unterstützen bis heute über 100 Unternehmen die Wissensfabrik, eine Initiative zur Förderung der frühkindlichen Bildung. Obendrein war er als Chef des Asien-Pazifik-Ausschusses die deutlich vernehmbare Stimme der deutschen Wirtschaft in China-Fragen. Als Kanzlerin Angela Merkel 2007 den Dalai Lama empfing und damit die chinesische Führung brüskierte, protestierte Hambrecht lautstark und nahm dafür in Kauf, dass seine bis dahin einflussreiche Position in Berlin bröckelte.

Bis heute rechtfertigt er seinen Standpunkt: "Wenn die Kanzlerin gleichzeitig den damaligen Vorsitzenden der Bischofskonferenz Karl Lehmann und den zu der Zeit amtierenden evangelischen Bischof Wolfgang Huber eingeladen hätte, hätte es kein Problem mit den Chinesen gegeben."

Wenn Hambrecht sich einmal eine Meinung gebildet hat, dann ist er davon kaum noch wegzubekommen. Das galt auch im Fall der Genkartoffel, die er bis zum Schluss seiner Amtszeit gegen den Willen der Öffentlichkeit in Deutschland heimisch machen wollte. Erst Nachfolger Kurt Bock (54) lenkte ein und verlagerte die Forschung in die USA.

"Was der kann, kann ich auch!"

Hambrecht hat schon immer sein eigenes Ding gemacht. Als Gymnasiast in der Heimatstadt Reutlingen konzentrierte er sich vor allem auf die Zeit nach dem Unterricht. Statt Mathe und Englisch galt seine Leidenschaft Fußball und Hockey. Hambrecht: "Ich war kein guter Schüler. Ich habe immer nur so viel gelernt, wie nötig war, um durchzukommen."

Der Vater, ein Malermeister, der morgens noch mit dem Handkarren loszog, ließ ihn gewähren. Die Mutter, ehrgeiziger und geschäftstüchtiger als ihr Mann und deshalb für die Buchführung zuständig, triezte "den Bub" dagegen mit der Addition langer Zahlenkolonnen. "Das hat mir wahnsinnig gestunken."

Den elterlichen Betrieb mochte Hambrecht dann partout nicht übernehmen, obwohl er dort in den Ferien zuweilen mitgeholfen hatte. Er erwog, den Traum des Vaters zu leben, der lieber sang und auf Leinwand malte, als zu tapezieren und zu streichen. An die Kunsthochschule hätte er gehen können. Aber damals reifte die Erkenntnis: "In der Kunst gibt es Begabtere als mich." Heute sammelt er Holzschnitte (von HAP Grieshaber), aber auch Werke von Weltkünstlern wie dem Bildhauer Stephan Balkenhol.

Hambrecht, der Raketenmann

Ein anderes Fach kam zunächst nicht infrage. So ging er für zwei Jahre zur Raketenartillerie der Bundeswehr. Der Sold verschaffte ihm die Freiheit, sein Studium selbst finanzieren zu können.

Nach einem Eignungstest riet man ihm, Lehrer zu werden. Doch der Geprüfte orientierte sich lieber an vier ehemaligen Mitschülern, die bereits ein Chemiestudium begonnen hatten. Einer der vier hatte im Abitur noch schlechter abgeschnitten als Hambrecht. So sagte er sich: "Was der kann, kann ich auch!"

Spätestens seitdem verliert sich jede Spur von Müßiggang im Leben des Jürgen Hambrecht. Fortan geht es zu wie in jener Anekdote aus der Studienzeit, die Hambrecht erzählt.

Als die Apo-Studenten sich Ende der 60er Jahre des Unibetriebs bemächtigen und auch Hambrecht vom Besuch der Vorlesungen abzuhalten drohen, startet er mit Gleichgesinnten ein Ablenkungsmanöver. Die Hambrecht-Truppe schenkt vor dem Hörsaal Fassbier aus und lauscht dann drinnen ungestört den Worten des Professors.

Übernimmt Hambrecht einmal Verantwortung, dann entzieht er sich nicht

Später, als Manager, saß er bereits morgens um halb sieben im Büro. Der Frühdienst erlaubte es Hambrecht, um vier Uhr nachmittags wieder zu Hause zu sein. So konnte er sich um den damals noch einzigen Sohn (Hambrecht hat zwei Söhne und zwei Töchter) kümmern, während seine Frau als Ärztin an der Klinik in Ludwigshafen Dienst schob.

Übernimmt Hambrecht einmal Verantwortung, dann entzieht er sich nicht. Selbst dann nicht, wenn die Verlockung groß ist, wie etwa im Jahr 1993.

Hambrecht ist damals Leiter der Technischen Kunststoffe und steckt tief in den roten Zahlen. Da bekommt er das Angebot, als Bereichsleiter Asien nach Hongkong zu wechseln. Für Hambrecht hätte sich ein Traum erfüllt. Die bisherigen Wirkungsstätten hatten wenig Klang: Ludwigshafen, Münster, dann wieder Ludwigshafen. Hambrecht lehnt dennoch ab. Abgewirtschaftet wie der Bereich war, wollte er ihn nicht abgeben. Er beschied: "Den drehe ich erst noch." Danach ging's nach Hongkong.

Der Mann ist geradeheraus ("Ich sage, was ich denke, und tue, was ich sage") und prinzipienfest. Er glaubt an Freiheit, Wettbewerb, Eigenverantwortung und sozialen Ausgleich, all das, wofür Ludwig Erhard, Vater der sozialen Marktwirtschaft, stand.

50 Prozent Freizeit? Nicht wirklich

Nur das Ziel, das er mit sich selbst vereinbart hatte, ist noch nicht erreicht. 50 Prozent Freizeit hatte er sich verordnet. Tatsächlich sind es 30 Prozent geworden.

Neuerdings engagiert sich Hambrecht auch als Start-up-Investor. An einer Kölner Rucksackfirma hat er sich beteiligt. Ebenso an einem israelischen Unternehmen, das sich mit der Parkinson-Krankheit beschäftigt, außerdem an einer belgischen Gesellschaft, die ein Chippflaster gegen Atemnot im Schlaf entwickelt hat.

Anfang Juli wird er zunächst mal sein Freizeitkonto aufbessern. Dann startet Hambrecht mit seinem Similauner-Kollegen Ulrich Lehner (Henkel , ThyssenKrupp ) eine Alpenüberquerung. Start ist in Garmisch. Das Ziel ist Bozen.

Schon sieht Hambrecht die großen Eisflächen der Gletscher vor sich und die Klettersteige, die überwunden werden müssen - und freut sich darauf.

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