Donnerstag, 17. Oktober 2019

Netzwerke No Country for young Men

Netzwerke: Wo sich die schwäbische Wirtschaftselite trifft
AP

Im Ländle herrschen noch die alten Herren. Man trifft sich in Hinterzimmern oder beim VfB. Die Jungen machen ihr eigenes Ding.

Isny - Am 29. November trafen sie sich wieder, zum "schwäbischen Davos", wie sie es nennen. Die 88 Zimmer des "Berghotels Jägerhof" in Isny, ein 14.000-Einwohner-Städtchen irgendwo im schwäbischen Allgäu, sind dann voll belegt.

Die VW-Lenker Ferdinand Piëch und Martin Winterkorn wohnen regelmäßig Tür an Tür mit den Schwaben-Bossen Franz Fehrenbach (Bosch), Hartmut Jenner (Kärcher), Frank Mastiaux (EnBW Börsen-Chart zeigen), Stefan Sommer (ZF) und Hans Peter Stihl, nur Wüstenrot-Chef Alexander Erdland fährt lieber abends nach Hause. Fast alle reisen mit ihren Ehefrauen an, ein paar Bundespolitiker kommen auch. Treffen der schwäbischen Wirtschaftselite, klammheimlich, gänzlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit, jedes Jahr am ersten Advent.

Gastgeber der illustren Runde ist der Schwabe Helmut Aurenz (76). Der Unternehmer aus Ludwigsburg, dem der "Jägerhof" gehört, ist durch den Verkauf von Blumenerde reich geworden. Außerdem sitzt er seit über 20 Jahren im Audi-Aufsichtsrat, weil er mal Anfang der 90er beim World Economic Forum im echten Davos mit seinem neuen Quattro neben Ferdinand Piëchs Quattro parkte und so mit ihm ins Gespräch kam.

Aurenz' Gipfel im Allgäu ist überschaubar, fast familiär. "Jeder muss ein Geschenk für alle Teilnehmer mitbringen", darauf legt er großen Wert. Bosch-Aufsichtsratschef Fehrenbach zum Beispiel verteile gern Bohrmaschinen.

Verschwiegen und bescheiden

Auch im vergangenen Jahr wurde - wie immer - ein aktuelles Thema diskutiert, diesmal die "Zukunft durch digitale Vernetzung - Chancen und Herausforderungen". Die Redner waren - wie immer - ziemlich prominent: Bundesminister Alexander Dobrindt und Ex-FBI-Chef Robert S. Mueller III. Moderator war - wie immer - Matthias Wissmann, Präsident des Verbands der Automobilindustrie (VDA) und vor allem, wie Aurenz, Ludwigsburger. Und zur Entspannung stand - auch das wie immer - vor dem Hotel die gesamte Flotte des VW-Konzerns, vom Lamborghini bis zum Scania-Brummi.

Wer Lust hatte, konnte Samstagnachmittag ein bisschen durch die Gegend brettern. "Die Polizei ist informiert", sagte Aurenz. Will heißen: Sie drückt beide Augen zu, sollten die Bosse an jenem Nachmittag auf den Landstraßen rund um Isny etwas schnell unterwegs sein. Eigentlich redet Aurenz nicht über seinen Minigipfel: "Au, jetzt habe ich schon viel zu viel gschwätzt", maßregelte er sich selbst. Und beendete das Gespräch, bevor er noch mehr ausplauderte.

So ist das in Schwaben, einem der wohlhabendsten Landstriche Deutschlands. Die Schwaben-Society ist bis ans kartellartig Grenzende verschwiegen ("Net schwätza, schaffa"), baut auf enge, private Kontakte, bleibt gern unter sich und mag es diskret und bescheiden. Man zeigt seinen Reichtum nicht, alles hat seine Ordnung. In Stuttgart gibt es kein Schickimicki wie in München, kein Bussibussi, keine Celebrities, keine Boulevardpresse, kein Schuhbecks, keinen FC Hollywood, kein Ehepaar Sixt.

Stattdessen hat die Stadt die eher ernsthafte "Stuttgarter Zeitung", die Weinstuben "Fröhlich" und "Zur Kiste" und haufenweise alte Herren alter Schule: Die Wirtschaftsbosse der Region, mit ihren Firmen oft der einzige Arbeitgeber in ihren Dörfern, wuchtige Patriarchen, dazu viele (auch viele Ex-)Topmanager der Republik. Sie geben noch immer den Ton an. Man trifft sich in kleinen Zirkeln, ab und an zu Hause, lieber aber in den Hinterzimmern der einschlägigen Restaurants. In der Öffentlichkeit sehen lässt man sich allenfalls in der VIP-Loge des VfB oder beim Volksfest in Cannstatt.

Nur leider: Die Schwaben-Connection löst sich langsam auf, die jüngere Generation der Firmenchefs, die meisten um die 50, ist internationaler und hat es nicht mehr so mit dem alten Klüngel daheim. Und die ganz Jungen machen sowieso ihr eigenes Ding. Schwaben - no Country for young Men?

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