Montag, 23. September 2019

Netzwerke No Country for young Men

Netzwerke: Wo sich die schwäbische Wirtschaftselite trifft
AP

5. Teil: Ein Promill an die "Babbelrunde"

Am frühen Nachmittag trifft man ihn in der "AmiciBar", Wilhelmer trinkt Tee, er ist ein bisschen heiser. "Die Nacht war lang." Er schwärmt vom neuen Wasen-Publikum: "Hier kommt inzwischen alles - vom einfachen Bürger bis zum Multimillionär." Im Regal der Bar stehen Champagner- und Wodka-Flaschen aller Marken, die Flasche Armand de Brignac für 36.000 Euro sicherheitshalber in einer Vitrine. Das "Gourmet Vorspeisen Brettle" mit schwäbischen Tapas gibt's für äußerst bescheidene 14,80 Euro.

An diesem Abend sind die Festzelte brechend voll. Boss-Chef Claus-Dietrich Lahrs pendelt zwischen der Breuninger- Party und der Top-Wasenparty von Society-Dame Karin Endress. Fast alle tragen Tracht: Die Männer stecken in Lederhosen, die Frauen in Dirndln. Es wird geschunkelt, getanzt, gejohlt. Vor allem die Generation der Mittzwanziger bis Endvierziger lasse es krachen, beobachtet Festwirt Wilhelmer.

Ja, es gibt sie, die Jungen. Viele der Jungmanager und Unternehmersöhne sind international ausgebildet und sprechen nicht mal mehr richtig Schwäbisch. Sie drängeln sich nicht mehr in stickige Weinstuben, sondern bevorzugen Lokale wie den Italiener "Oggi" oder den In-Griechen "Cavos", der auf zwei Ebenen für 500 Personen Platz bietet, und wo mehr umgesetzt wird als im Stammhaus in München. Im "Cavos" soll sogar schon auf den Tischen getanzt worden sein. Verrückt!

Die Partystadt Nummer zwei

"Stuttgart ist hinter Berlin Partystadt Nummer zwei." Der das ganz im Ernst sagt, ist der Stuttgarter Szenekoch Jörg Mink (54, "Zur Linde"). Vor sechs Jahren hat er die Gastronomie im "Schloss Solitude" übernommen. Ein weitläufiges Gebäude im Grünen oberhalb von Stuttgart, mit vielen Räumen - zu viele für ein Restaurant. Da kam Mink die Idee: "Die letzten drei Räume trennen wir ab und machen daraus Klubräume". So was wie der "China Club" im Berliner "Adlon" schwebte ihm vor.

Mink holte seinen Kumpel Erwin Staudt dazu und gründete den "Business Club Stuttgart Schloss Solitude". Tiefe schwarze und rote Ledersessel, hohe Räume, große Sprossenfenster, vorn eine Bar, hinten ein Raucherraum. Jetzt hätten die Jungunternehmer endlich einen Ort für sich, sagt Staudt. Das Durchschnittsalter liegt bei 35 Jahren, der Frauenanteil bei 20 Prozent.

Deutlich unkonventioneller geht es in der "Babbelrunde" des Ditzinger Logistikunternehmers Stephan Hewel (50) zu. 240 Mitglieder zählt er inzwischen, darunter Größen wie Mark Bezner (Olymp) und Volker Gerstenmaier (Chef der Privatbank Ellwanger & Geiger). Hewel ist extrem gut verdrahtet, er entscheidet, wer reinkommt. Die Runde trifft sich einmal im Monat zum Essen, das kostet zwischen 100 und 150 Euro, das Geld geht an eine soziale Einrichtung. Ab 16 darf man beitreten. Hewel: "Sonst surfen sie nur bei Facebook rum. Hier lernen sie reale Leute kennen."

Ganz ohne schwäbische Tradition kommt aber auch Hewel nicht aus: Wer bei einem Treffen ein Geschäft einfädelt, muss ein Promill davon an die Babbelrunde abgeben. Von nix kommt äba nix.

© manager magazin 11/2014
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