Montag, 23. September 2019

Netzwerke No Country for young Men

Netzwerke: Wo sich die schwäbische Wirtschaftselite trifft
AP

3. Teil: Das wahre Machtzentrum liegt in der Provinz

Doch Schwaben ist weit mehr als nur Stuttgart. Viele Örtchen führen ein gesellschaftliches Eigenleben. Esslingen, Göppingen, Ludwigsburg, Böblingen, Reutlingen, Heilbronn, das Hohenlohische (wo sich alles um drei 79-jährige Schulkameraden dreht: Reinhold Würth, sein Konkurrent Albert Berner und Gerhard Sturm, Mitinhaber von EBM-Papst, die regelmäßig gemeinsam essen gehen und Geburtstag feiern).

Und natürlich: Bietigheim-Bissingen, 40.000 Einwohner, 20 Kilometer nördlich von Stuttgart. Prominentester Bürger ist Ex-Porsche-Chef Wendelin Wiedeking, auch König von Bietigheim genannt, oder, wie OB Jürgen Kessing es ausdrückt, "unser Patriarch". Kessing residiert im schmucken Rathaus, wo das Wort Schulden ein Fremdwort ist und die Feuerwehr deshalb im Cayenne zu den Einsätzen rasen kann.

Das wahre Machtzentrum Bietigheims liegt direkt gegenüber, im Restaurant "Friedrich von Schiller". Wiedeking wohnte zu Beginn seiner Porsche-Zeit sechs Monate lang über dem Restaurant und aß unten regelmäßig Nierle und Kutteln. Legendär im "Schiller" ist Tisch 16. Hier wurde der VW-Porsche-Deal ausgeheckt. Hier treffen sich heute noch Wiedeking, sein Ex-Finanzchef Holger Härter und die lokale Prominenz wie Mark Bezner, Chef des Hemdenherstellers Olymp. Das geht dann auch mal ohne Gastredner, da wird einfach nur gegessen und gezecht.

Einmal im Jahr pafft dort auch der Zigarrenkreis, zu dem Ex-Schaeffler-Chef Jürgen Geißinger aus dem nahen Remstal dazustößt - und Günther Oettinger, bis 2010 der Landesvater, seither EU-Kommissar. Fast jedes Wochenende ist er im Ländle und pflegt seine alten Freund- und Seilschaften. Die Unternehmerwelt schwärmt wie IHK-Chef Andreas Richter von ihm: "Den Günther konnte man immer anrufen. Er war der Liebling der Wirtschaft."

Winfried Kretschmann wird kritisch beäugt

Oettingers Nachnachfolger, der Grüne Winfried Kretschmann, hat es dagegen schwer, er wird kritisch beäugt, ebenso wie Fritz Kuhn, der grüne Oberbürgermeister von Stuttgart. Der leistete sich ein dummes Eigentor, als er sich im ersten Satz auf der VfB-Mitgliederversammlung als FC-Bayern-Fan outete. Das kam nicht gut an. Ohnehin stehen die grünen Regenten gesellschaftlich eher im Abseits - oder begeben sich selbst dorthin. "Der Kretschmann geht doch lieber zur Blutritt-Prozession nach Weingarten", sagt ein Unternehmer verächtlich. Und dem Fahrrad fahrenden Verkehrsminister Winfried Hermann, der einen Brilli im Ohr und nie Krawatte trägt, kann der schwäbische Unternehmer sowieso nichts abgewinnen.

Auch andere stehen auf der schwarzen Liste. Unternehmer wie Trigema-Chef Wolfgang Grupp etwa, der sich im Mercedes 600 chauffieren und in seiner reetgedeckten Villa auf der Alb von einem Butler bedienen lässt. Da fällt schon mal - der Schwabe kann saugrob sein - das Wort "Vollidiot". Oder "Flüchtlinge", wie man die Weggezogenen nennt, etwa das Ehepaar Haasis (er war lange Sparkassen-Präsident, sie CDU-Politikerin), die an den Starnberger See gezogen sind.

Die "Traube Tonbach", das "Schiller", der Schwabe mag seine Lokale. Und zwar so sehr, dass er sie sich im fernen Berlin nachgebaut hat. Das "Hermanns Einkehr" in Wilmersdorf ist so ein Laden. Da trifft man Landsleute, die, wie so viele, noch einen Koffer samt Wohnung in Berlin haben. Ex-Daimler-Manager Matthias Kleinert oder Ex-IBM-Chef Erwin Staudt. Wer was auf sich hält in Schwaben, ist in Berlin präsent. Helga Breuninger aus der Dynastie des Stuttgarter Edelkaufhauses etwa, die verstoßene Tochter, der der Vater nicht zugetraut hatte, das Unternehmen zu führen, ist gleich ganz übersiedelt und hat mit ihrer Stiftung Frieden gefunden.

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