Donnerstag, 19. September 2019

Netzwerke No Country for young Men

Netzwerke: Wo sich die schwäbische Wirtschaftselite trifft
AP

2. Teil: Der Dreh- und Angelpunkt der schwäbischen Gesellschaft

Wie sich die Zeiten ändern, sieht man an einer winzig kleinen Personalie, die einem Jürgen Hubbert erzählt. Er war früher Pkw-Chef bei Daimler Börsen-Chart zeigen. Jetzt ist er 75 und sitzt in Rentnerkluft (kariertes Sakko, beigefarbene Hose) in einem riesigen Büro im Seitenflügel der Staatsgalerie, das viel zu groß für ihn wirkt. Er ist dünn geworden und hat weißes Haar. In den Regalen stehen dicke Kunstbände, an den Wänden hängen Plakate von Ausstellungen. Von hier aus führt er ehrenamtlich den Freundeskreis der Staatsgalerie, ein Verein mit immerhin 11.000 Mitgliedern.

"Nur die Wilhelma hat mit 30.000 mehr Fördermitglieder", tönt Hubbert stolz. "Wir haben das attraktivste Kulturensemble Deutschlands - nur weiß es keiner." Worüber er weniger gern redet: Dass er neulich eine Absage von Nicola Leibinger-Kammüller einstecken musste. Er hatte sie gebeten, sich für den Freundeskreis zu engagieren. Ausgerechnet Frau Leibinger, Tochter des ehemaligen Trumpf-Chefs und Schwaben-Urgesteins Berthold, Sohn eines Kunsthändlers und selbst Großmäzen. Hubbert guckt vor sich hin - was soll er machen?

Die Kulturszene ist Dreh- und Angelpunkt der schwäbischen Gesellschaft. In keiner Großstadt, in keinem Landstrich Deutschlands sind Wirtschaft und Kultur so eng verflochten wie in der Region Stuttgart. Beiräte und Kuratorien der diversen Kultureinrichtungen sind durchsetzt von Managern und Unternehmern. Bachakademie, Deutsches Literaturarchiv Marbach, Ludwigsburger Schlossfestspiele, Staatsgalerie - überall engagieren sich Wirtschaftsleute.

Im HWWI/Berenberg-Ranking ist Stuttgart zum zweiten Mal hintereinander Kulturhauptstadt der Republik. "Premieren und Vernissagen sind die gesellschaftlichen Highlights der Stadt", sagt Karin Endress, Stuttgarts prominenteste - ja, Klatschreporterin.

Es gibt keine Nachfolgerin für die First Lady der Stadt

Nach den Empfängen ist dann aber auch meist Schluss. Eine Familie wie die Metzlers in Frankfurt, die nach jeder großen Vernissage alle zu sich nach Hause einlädt, gibt es in Stuttgart nicht. Ann-Katrin Bauknecht, immer für Feten zu haben, hat sich in die Schweiz zurückgezogen, eine Nachfolgerin für sie als First Lady der Stadt ist nicht in Sicht. Ariane Piëch etwa, die sich stark für das Ballett engagiert, bleibt im Hintergrund. Dabei wäre sie prädestiniert als Gastgeberin: Ihr Mann ist der Piëch-Sohn Ferdinand ("Nando"), der 2006 den Feinkostladen Böhm übernommen hat, den Käfer von Stuttgart, direkt am Kleinen Schloßplatz. Hier trifft man sich vor allem samstags.

Privatissime wie die Essen, die Brun-Hagen Hennerkes zweimal im Jahr gibt, seien in Stuttgart "eher ungewöhnlich", sagt der Wirtschaftsanwalt, der exzellente Kontakte in die schwäbische Unternehmerszene hält. Eingeladen sind Mittelständler vom Tunnelbohrer Herrenknecht bis Leibinger, natürlich nicht einfach nur so, sondern mit Vortrag, zuletzt von Populärökonom Hans-Werner Sinn.

22 Gäste dürfen kommen, mehr passen nicht an den Tisch. Hennerkes, auch er Mitte 70, steht dandyhaft in grünem Hemd, dunkelorangefarbenen Cordjeans und braunen Schuhen in seinem Wohnzimmer und zeigt aus dem Fenster: Da wohnte der Liener, da der Cordes, da der Werner - alles ehemalige Daimler-Vorstände. Wir sind oben in Degerloch, eine der besten Gegenden Stuttgarts, ruhig, direkt am Wald. "Die Wirtschaftsleute", Hennerkes sagt das fast ein bisschen bedauernd, "treffen sich meist nur zu Geburtstagen und Verabschiedungen." Und dann gern mit alten Schulkameraden.

Lieber als zu Hause kommt man im halb öffentlichen Raum zusammen. Wenn es diskret sein soll in der "Traube Tonbach" (Geschäftsführer Heinrich Finkbeiner: "Bei uns sieht keiner die Autos. Wir legen sehr großen Wert auf Diskretion.") oder im "Weinberghäuschen". Ein geheimnisumwitterter Ort. Dort soll von den Spitzen der Politik und Wirtschaft das Projekt Stuttgart 21 ausgeheckt worden sein. Es gehört samt Weinberg der Industrie- und Handelskammer (IHK). Gerade mal 14 Plätze bietet das Refugium, in das die IHK rund 15-mal im Jahr bei Riesling und Trollinger zu Hintergrundgesprächen mit Ministern und Botschaftern bittet.

Noch abgeschotteter tagt der sogenannte Donnerstagskreis. Seit fünf Jahren leitet ihn Jörg Menno Harms (75), Ex-Deutschland-Chef von Hewlett-Packard Börsen-Chart zeigen. Das gebürtige Nordlicht bestätigt nur, dass es den Kreis seit den 50er Jahren gibt und er sich vier- bis fünfmal im Jahr trifft. Die Liste muss man sich anderweitig besorgen, rund 75 Namen stehen darauf, alles Vorstands- oder Aufsichtsratschefs: Baumann, Dürr, Erdland, Fehrenbach, Grube, Hundt, Klett, Leibinger, Stihl, Veit, Wittenstein und auch, obwohl sie sich wie Nicola Leibinger-Kammüller eher raushält aus der Schwaben-Society - Bettina Würth, die Tochter des Schraubenkönigs. Sie treffen sich, wie der Name nahelegt, donnerstags zwischen 18 und 20 Uhr in den Räumen der LBBW. Es gibt kein Essen. Ein Gast referiert.

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