Dienstag, 17. September 2019

Google Niemand kennt Dich besser

Google weiß, was seine Nutzer wollen, davon lebt der Konzern. Wer in seine persönlichen Daten schaut, erschrickt über den Detailgrad der Informationen.

Die folgende Geschichte stammt aus der August-Ausgabe 2018 des manager magazins, die Ende Juli erschien. Wir veröffentlichen sie hier als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.

Mit dem Internet war von Anfang an ein Versprechen verbunden: Das Web, hieß es, verbinde Menschen auf der ganzen Welt und ermögliche es, Gleichgesinnte oder gar den Partner fürs Leben zu treffen. Weniger bekannt ist die Möglichkeit, sich selbst neu kennenzulernen. Dazu genügt es, die Website Takeout.google.com zu besuchen, auf der jeder Nutzer einen Großteil der Daten herunterladen kann, die Google in den vergangenen Jahren über ihn gespeichert hat. Hierzu gehören - je nachdem, welche Dienste man benutzt hat - etwa Suchanfragen, Standortdaten, die angesehenen YouTube-Videos, E-Mails oder Informationen, die Smartphones mit Googles Android-Betriebssystem gesammelt haben.

Wer sich durch die Protokolle klickt, bekommt schnell Beklemmungen. "Warum habe ich am 23. Oktober 2014, Standort Mozartstraße 12, um 23:20:44 Uhr nach ,Bier' gesucht? Sah ich mir wirklich so oft spätabends das Video dieser Schnulze an? Den neuen Kollegen habe ich ja regelrecht gestalkt! Und die Bildersuche nach ,Hot pics Scarlett Johansson' während der Arbeitszeit. Peinlich, peinlich. Dabei nehme ich mich selbst doch ganz anders wahr."

Als der irische Programmierer Dylan Curran im vergangenen März sein "Takeout" bestellte, spuckte Google 5,5 Gigabyte an Daten aus. Dazu gehörten auch Dateien und Informationen, die er eigentlich gelöscht hatte. Da Curran, der die Einblicke in den Kopf seines digitalen Zwillings auf Twitter veröffentlichte, besonders viele Dienste des Konzerns nutzt, konnte er komplette Tagesabläufe aus der Vergangenheit rekonstruieren. Werbekunden konnten gar sein geschätztes Gewicht abfragen.

Es ist zwar prinzipiell bekannt, dass Internetkonzerne persönliche Daten sammeln - vor allem um perfekt zugeschnittene Anzeigenplätze zu verkaufen. Aber erst ein Blick ins Archiv des eigenen Lebens macht den meisten Menschen klar, was das eigentlich bedeutet. "Wollt ihr euch mal richtig gruseln?", fragte Curran in seiner Twitter-Analyse, für die er über 260.000 Likes sammelte.

Bei vielen Menschen lassen sich Krankheiten, Affären oder sexuelle Präferenzen aus den Daten ableiten. Oft würde schon die Veröffentlichung der Suchhistorie ausreichen, um sie bloßzustellen. Polizisten und Geheimdienste haben das schon vor Jahren begriffen, ein Datenleck wäre der gesellschaftliche Super-GAU. Spätestens seit dem Skandal um die britischen Politikberater von Cambridge Analytica steigt deshalb der Druck auf Politiker, die Sammelpraxis stärker zu regulieren.

Google rühmt sich zwar zu Recht des hohen Sicherheitsniveaus seiner Systeme - aber ein Restrisiko bleibt stets. Anfang Juli etwa wurde bekannt, dass Mitarbeiter von Firmen, die Zusatzprogramme für den E-Mail-Dienst Gmail anbieten, die Nachrichten der Nutzer mitlesen konnten - angeblich, um die Algorithmen zu verbessern.

Google betont gern, dass sich das Sammeln persönlicher Daten prinzipiell abstellen lasse und man mit den Informationen nur das "Erlebnis" der Nutzer verbessere. Die Widerspruchsmöglichkeiten sind aber vielen unbekannt und müssen teils mehrfach bestätigt werden.

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