Revolution in der Gesundheitswirtschaft Können Daten wirklich heilen?

Die digitale Revolution wird die Medizin schneller, sicherer und preisgünstiger machen. Kann das auch im verkrusteten deutschen System gelingen?
IBM-Chefin Rometty stilisiert den Einsatz künstlicher Intelligenz im Gesundheitssystem bereits als "Moonshot"

IBM-Chefin Rometty stilisiert den Einsatz künstlicher Intelligenz im Gesundheitssystem bereits als "Moonshot"

Foto: Maja Hitij/ picture alliance / dpa

Bald soll es so weit sein. In den nächsten Monaten will Siemens-Chef Joe Kaeser seine Healthcare-Sparte so verselbstständigt haben, dass er alle Optionen für die "Healthineers", wie sich die Medizintechniker seit Neuestem nennen, ziehen kann: einen Börsengang, eine Fusion oder einen Verkauf. Letzteres kommt eigentlich nicht infrage, denn der Gesundheitssektor ist bei Siemens (Kurswerte anzeigen) das Geschäftsfeld mit der höchsten Marge: gut 16 Prozent. Für Kaeser sind die Healthineers daher integraler Bestandteil des Konzerns. Warum will er dann trotzdem für alle Eventualitäten gerüstet sein?

Weil in dem Geschäft derzeit alles möglich ist - und kaum etwas bleiben wird, wie es war. Die Digitalisierung hat den Gesundheitsmarkt mit voller Wucht erfasst. Was Experten momentan unter dem Schlagwort "E-Health" an Zukunftsszenarien entwickeln, hat mit der klassischen Gesundheitsvorsorge und Medizintechnik, also mit der Diagnose und Therapie, wie wir sie bislang kennen, nicht mehr viel zu tun. Künftig werden Indikationen per Smartphone automatisch an unsere digitale Krankenakte weitergeleitet, die dann die Einweisung ins Krankenhaus veranlasst, wo Roboter im Operationssaal helfen. "Jedes Produkt wird irgendwie vernetzt sein", sagt Kaeser-Rivale und Philips-Chef Frans van Houten.

Wer diesen Umbruch hin zu mehr genetischer und molekularbiologischer Diagnostik mitgestalten will, und das will Kaeser, muss flexibel sein. Das heißt: Zukaufen zu Preisen, die bei Siemens alle Grenzen sprengen würden. Investieren in Größenordnungen, die für die Healthcare-Sparte bisher nicht darstellbar waren. Wie schon die Tech-Größen Google (Kurswerte anzeigen), Facebook  oder Apple  spielen auch die E-Health-Anbieter nach anderen Maßstäben.

Nicht zu Unrecht. Denn Big Data eröffnet dem verkrusteten Gesundheitssektor endlich die Chance, effizient zu wachsen. "Wir brauchen eine neue Medizin", sagt Bernd Griewing, Neurologe und Vorstand der Rhön-Klinikum AG. Eine, die alle Daten der modernen Hightechheilkunst verknüpft - vom Blutwert bis zum Kernspintomogramm, von der Gewebeprobe zur Hirnstromkurve, von der Genomanalyse zum Operationsprotokoll. Natürlich gekoppelt an die vielen populären Gesundheits-Devices, die der Markt heute bereitstellt: von Fitnesstrackern über Apps bis zur Telemedizin.

Die neue digitale Medizin wird schneller, sicherer und rentabler sein, weil sie die Kliniken mit Daten versorgt, von Software unterstützt wird und so das rapide wachsende medizinische Fachwissen aus Studien und Experimenten in alle Prozesse integriert.

Genanalysen, Laborwerte, Röntgenbefunde, Test-Scores - Big Data mache aus Rohstoffen "Wertstoffe", sagt der für die E-Health-Sparte zuständige Siemens-Manager Arthur Kaindl. Dazu müssen Ärzte, Labore und Krankenhäuser allerdings technologisch kräftig aufrüsten, was bei den strengen deutschen Datenschutzgesetzen und den rigiden Strukturen der öffentlich-rechtlichen Krankenkassen derzeit schier unmöglich scheint.

Doch die Digitalisierung bahnt sich ihren Weg, egal, ob Deutschland dabei ist oder nicht. Laut einer Untersuchung der Unternehmensberatung Arthur D. Little sind die Umsätze mit digitalen Techniken und Big Data in der Medizin global um durchschnittlich 21 Prozent per annum gewachsen in den vergangenen Jahren. Bis 2020 soll sich der digitale Gesundheitsmarkt noch einmal verdoppeln: auf dann 233 Milliarden Euro (siehe Grafik).

Gesunde Größe: Digitaler Gesundheitsmarkt weltweit, in Mrd. Dollar

Gesunde Größe: Digitaler Gesundheitsmarkt weltweit, in Mrd. Dollar

Foto: manager magazin

Diese Aussicht lässt nicht nur die etablierten Hersteller von Medizintechnik umdenken. Sie lockt auch neue Angreifer an. Die üblichen Verdächtigen von der US-Westküste haben sich längst breitgemacht: Amazon (Kurswerte anzeigen), Salesforce  und Microsoft  bieten gigantische Speicher und Cloud-Services zur Verarbeitung der riesigen Datenmengen an. Der Alphabet-Konzern  lässt in seiner Sparte Google Health Sensorsysteme zur Überwachung von Diabetespatienten entwickeln (Verily); den Genomanalytiker 23andme, der riesige Datenbanken mit dem Erbgut seiner Kunden betreibt, finanziert der Suchmaschinenkonzern seit 2007. Apple erprobt zusammen mit dem Massachusetts General Hospital eine App zur Überwachung von Millionen Diabetikern, die eine drohende Unterzuckerung bereits Stunden vorher ankündigt.

Beim Ostküsten-Wettbewerber IBM  wird der Einsatz der künstlichen Intelligenz im Gesundheitssystem gar zum "Moonshot" stilisiert. Mit der neuen Sparte Watson Health, benannt nach dem hauseigenen Supercomputer, will IBM-Chefin Virginia Rometty in neue Geschäftsfelder vorstoßen und endlich wieder in den Wachstumsmodus schalten. 5000 Menschen arbeiten bei Watson Health.

Die Platzhirsche tun alles, um ihr Territorium zu verteidigen. Siemens will die Datenflüsse aus seinen Labortechnikgeräten und bildgebenden Verfahren (Röntgen, Ultraschall, CT, Kernspintomografie) endlich so zusammenführen, dass sie in unzweideutige Diagnosen münden. Ein erster wichtiger Schritt hierzu wurde schon gemacht: Die Bilder und Befunde aller bildgebenden Verfahren werden künftig in einem standardisierten Verfahren gespeichert. Sie lassen sich überall aufrufen und ablesen - "ähnlich wie ein VHS-Video, das in jedem Sony-, Panasonic- oder B&O-Player läuft", erläutert Kaindl. Eine standardisierte Bildauswertung stellt dann sicher, dass die Untersuchungsergebnisse eines Philips-CT beim selben Patienten zur selben Diagnose führen wie jene eines Siemens- oder GE-Geräts.

Die Ära der totalen Vernetzung

Auch die kleineren Spezialanbieter bereiten sich auf die Ära der totalen Vernetzung vor. Qiagen , Weltmarktführer bei der Ausrüstung von Genlaboren aus Hilden bei Düsseldorf und seit mehr als zehn Jahren im Tec-Dax gelistet, hat längst digital aufgerüstet - und zugekauft. Für Qiagens neues Sequenziersystem Genereader, das zum ersten Mal alle Arbeitsschritte von der Aufbereitung der Proben bis zum Abschlussbericht voll automatisiert, wurden die Datenbanken der Unternehmen CLC Bio und Ingenuity Systems sowie Biobase übernommen und integriert. Seither greifen auch die Pharmamultis und große Forschungseinrichtungen auf Qiagens Sortiment zurück, wenn sie komplexe Genanalysen vornehmen.

Die Bioinformatik, wie die systematische Auswertung unterschiedlicher Daten aus Genetik und Medizin heißt, mache "einen immer größeren Teil unseres Geschäfts aus", sagt Qiagen-Vorstand Laura Furmanski. Der rheinische Biotech-Konzern wächst in dem Marktsegment jedes Jahr zweistellig.

Auch Big Pharma kann sich dem technologischen Wandel nicht entziehen. Neun der 20 größten Pharmakonzerne haben in den vergangenen zwei Jahren E-Health-Projekte angestoßen, oft in Kooperation mit Tech-Unternehmen. Roche  arbeitet mit SAP  zusammen, Sanofi  mit Google , Novartis  erforscht mit Microsoft  Bewegungsabläufe von Multiple-Sklerose-Patienten.

Bei dem weltgrößten Pillenhersteller aus der Schweiz heißt der Datenwertstoff "Real World Evidence" (RWE). Eingang ins System finden nur die harten Fakten von Laborwerten, radiologischen Messungen und anderen klinischen Angaben. Das meist gehaltlose Grundrauschen aus Geplauder und Gerüchten, aus Halbverdautem und Hörensagen, das sich etwa in den sozialen Netzwerken sammeln lässt, bleibt unberücksichtigt.

Nur dieser glaubwürdige Datenwertstoff könne die Basis liefern für den fundamentalen Strategiewechsel hin zu einer "Medizin jenseits von Pillen", den Novartis-CEO Joseph Jimenez ausgerufen hat. Er will sich künftig nicht mehr eine einzelne Arzneidosis bezahlen lassen, sondern den Behandlungserfolg eines Medikaments.

Das bedeutet: Statt der einzelnen Operation, Bestrahlung, Infusion oder Injektion werden nur noch Heilungen, Symptomfreiheit oder verlängerte Überlebenszeiten vergütet. Anders lasse sich moderne Hightechmedizin gar nicht mehr finanzieren, so Jimenez. 70 Prozent aller Patienten werden schon bald an chronischen Krankheiten leiden, die mehr oder weniger lebenslang behandelt werden müssen.

Von solch futuristischen Gedankenspielen und Geschäftsmodellen ist das deutsche Gesundheitswesen noch weit entfernt. Die gesetzlichen Krankenversicherungen honorieren nach wie vor die Fallpauschalen der Krankenhäuser und die Einzelleistungen der Ärzte nach einem immer absurderen Punktekatalog. Da wird Patienten- und Datenschutz vorgeschoben an Stellen, wo sich längst anonymisierte Daten einsetzen lassen, etwa bei der Einsatzplanung und Optimierung von medizintechnischem Gerät.

Die vielen einfachen und hilfreichen Apps - allein in Apples App-Store finden sich Tausende Gesundheits- und Fitnessprogramme (vom Schnarchtest bis zur Pillenerinnerung) - stoßen bei den Entscheidern im deutschen Gesundheitswesen kaum auf Anerkennung. Anders als etwa in den Niederlanden oder in Kanada gebe es hierzulande noch nicht einmal klinische Prüfungen, um die Wirksamkeit und Effizienz neuartiger Apps zu ermitteln, klagt Alexander Schachinger, Geschäftsführer der Beratungsfirma EPatient RSD aus Berlin.

Dabei ließen sich schon innerhalb der bestehenden Strukturen enorme Kosten einsparen, würden Kassen, Mediziner und Kliniken ihre Ressourcen und Arbeitsprozesse stärker von Algorithmen steuern lassen. Allein bei den sogenannten Heil- und Hilfsmitteln, rechnet der McKinsey-Berater Stefan Biesdorf vor, konnten dreistellige Millionenbeträge pro Jahr gespart werden, seitdem die Krankenkassen beim Einsatz bestimmter Rollstühle, häuslicher Beatmungsgeräte und Pflegedienste auch das Alter und das Risikoprofil des jeweiligen Patienten einbeziehen. Höchste Zeit also für eine breit angelegte Digitalstrategie.

Komplett vernetzt und steuerbar

Genau das hat Bernd Griewing bei der Rhön-Klinikum AG (RKA) vor, zumindest im kleineren Maßstab. Im konzerneigenen Uniklinikum Gießen und Marburg werden derzeit alle digitalen Systeme verknüpft. Die Leistungsabrechnung und die Patientenakten samt aller Labordaten und Röntgenbilder mit jedem Doktor und jeder Pflegekraft. Das Ziel: Ärzte und Schwestern sollen künftig jede Infusionspumpe, jede Sonde von überall prüfen und fernsteuern können.

Rund 40 Millionen Euro lässt sich die RKA diese Rundumvernetzung bis Ende 2017 kosten. Weitere drei Jahre sind schon projektiert, aber noch nicht kalkuliert. Der Anspruch ist, auch die gigantischen Medizindatenbanken einzubinden, auf die IBMs Watson Health zurückgreifen kann.

Diese "selbst lernende Maschine" (Griewing) bewertet die Ergebnisse eines jeden Arbeitsschritts und pflegt diese Erkenntnis in künftige Aussagen ein. Watson versteht normale Umgangssprache, kann Texte erfassen - etwa aus digital veröffentlichten Fachjournalen - sowie Bilder, Röntgen-, Ultraschall- oder Kernspinaufnahmen interpretieren. Mit seiner künstlichen Intelligenz soll Watson den Ärzten der RKA bei schwierigen Therapien beratend zur Seite stehen.

Noch klingt das, als wolle einer nach den Sternen greifen. Ein für deutsche Verhältnisse eher ungewöhnlicher Anspruch. Die US-Tech-Giganten indes sind genau für solche Ambitionen bekannt.