Donnerstag, 20. Juni 2019

Georgien ist die neue It-Destination Zauberberg trifft Technoklub

Georgien: Der Berg ruft (und der Luxus auch)
Getty Images

Kaukasus reloaded: Berge, höher als die Rockies, Raverpartys, Luxushotels, Spitzenweine - Georgien hat alles, was Reisende lieben.

Die folgende Geschichte stammt aus der Juli-Ausgabe 2018 des manager magazins, die Ende Juni erschien. Wir veröffentlichen sie hier als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.

Georgien nimmt seine Touristen mittlerweile so ernst, dass es manchmal fast schon skurril wird. Der Niederländer Jesper Black (31) hat das erlebt. Er ist 2016 der sechsmillionste Tourist. Als er in Tiflis aus dem Flugzeug steigt, wird er in eine Limousine gewinkt und bekommt einen Umschlag gereicht: "You are a very special guest for us. Prepare for surprises. Georgia."

Auf einer riesigen Werbetafel der nächtlichen Hauptstadt flimmert "He has arrived", dazu sein Foto. "Absolutely ridiculous", denkt Black. Ihm wird mulmig. Wenn sie meine Organe wollten, beruhigt er sich, hätten sie keine S-Klasse geschickt.

Eine Motorradstaffel begleitet ihn zum Regierungspalast. Roter Teppich, Nationalhymne, ein Mann öffnet die Wagentür: Abendessen zu zweit mit dem damaligen Premierminister Giorgi Kwirikaschwili. Das Menü für den Ehrengast durften die Georgier Wochen vorher auf einer eigens eingerichteten Homepage wählen. Trommelwirbel, Messertanz, eine Woche durchs Land reisen - gratis. Heute lebt Black in Georgien.

Natürlich steckte hinter der Kampagne eine Marketingagentur, und natürlich war der sechsmillionste Besucher nicht ganz zufällig ein gut aussehender Blogger mit Selfiestick. Das habe sie schon ein bisschen gesteuert, räumte die Agentur später ein. Aber der Rest: alles echt.

Georgien tut was für sein Image. Kein anderes Ex-Ostblockland will derzeit schneller und entschlossener der Europäischen Union beitreten als die 3,7-Millionen-Republik, die wie ein Splitter zwischen Europa, Russland und den Nahen Osten gefallen ist, zwischen Kaukasus und Schwarzem Meer, so groß wie Bayern.

Kulturkampf
Tiflis ist derzeit die Lieblingslocation der Raver. Das "Bassiani" mit seinen Betongängen und Darkrooms in der alten Schwimmhalle eines sowjetischen Fußballstadions wird als das neue "Berghain" gehandelt. Angesagt ist auch das "Khidi" ("Brücke", siehe erstes Foto), wo in einem Brückenpfeiler auf drei Dancefloors über dem Fluss getanzt wird, unter lila Neonlicht.
Der neue Lifestyle hat so seine Gegner: Im Mai stürmte die Polizei das "Bassiani" bei einer Drogenrazzia, der Klub wurde geschlossen. Ein Vorwand, sagen die Besitzer, die einen Angriff auf den freiheitlichen Lebensstil wittern, der den Russen nicht passt. Andere vermuten auch die Kirche hinter der Aktion.
Die Betreiber stellten am "Black Friday" klar: "Wir wollen nicht in einem Polizeistaat leben." Zigtausende demonstrierten vor dem Parlament gegen die Schließung des Klubs. So politisch war Rave lange nicht mehr. Nun ist das "Bassiani" wieder offen.

Seit 1991 ist das Land unabhängig, seit 2003 eine Demokratie, seit 2013 eine stabile. Der letzte Krieg in den Grenzgebieten liegt zehn Jahre zurück. 2015 hat Georgien mit der Weltbank einen Businessplan erstellt, seither bekämpft Tiflis entschlossen die Korruption und erschließt das Land für den Tourismus. Alternativen dazu gibt es kaum, Georgien hat keine Rohstoffe.

Die Osteuropäer wollen aber nicht irgendein weiteres Urlaubsziel sein auf der Weltkarte der Easyjetsetter. Sie verstehen sich als High-End-Destination - egal ob bei Hotels, Klubs oder Wein.

Die Hauptstadt Tiflis gilt schon als das neue, bessere Berlin. Alles noch so schön kaputt, nicht totsaniert. Verfallene Häuser mit verzierten Holzbalkons, manche Gebäude im Bohème-Viertel Vera müssen sogar von Stahlträgern gestützt werden. Doch zwischen den Ruinen gedeiht Neues: Designhotels, die fast schon so teuer sind wie in Brooklyn. Start-up-Hubs, Galerien, Kunstcafés und Klubs. Jeder Techno-DJ, der was auf sich hält, will in Tiflis auflegen.

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