Freitag, 6. Dezember 2019

Gefährliche Konjunkturparty Wie heiß läuft Deutschland?

Geldpolitik: Die monetäre Wende
DPA

Das Super-Doping der Niedrigzinsen wirkt, aber die EZB verschleppt den Entzug. Die Republik erlebt die gefährlichste Konjunkturparty seit der Wiedervereinigung.

Die folgende Geschichte stammt aus der Ausgabe 5/2017 des manager magazins, die Ende April erschien. Wir veröffentlichen sie hier als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.

Die Entscheidung über den Schlachtplan fällt wohl beim Betriebsausflug. Nach Tallinn in Estland reisen die Euro-Hüter zu ihrer jährlichen Auswärtssitzung. Bei einer der ganz kleinen Notenbanken werden sie sich dann auch ein bisschen selbst feiern, üblicherweise trifft man sich vorher zu einem behaglichen Dinner.

Doch in der Sache wird es für die Zentralbanker jetzt richtig ungemütlich, paradoxerweise wegen ihres Erfolgs. Ihr monetäres Doping, das im Laufe der Jahre beständig verstärkt wurde, hat seine Wirkung erzielt: Die Gefahr fallender Preise und einer sich selbst verstärkenden Pleitenspirale in Europa ist gebannt.

EZB-Chef Mario Draghi (69) gab im März offiziell Entwarnung: "Die Deflationsrisiken sind weitgehend verschwunden." Höchste Zeit, die Extremtherapie zu beenden. Eigentlich.

Doch die große Mehrheit im EZB-Rat hat es damit überhaupt nicht eilig. Zu einem echten Entzug, einem "Exit" aus der ultralaxen Politik, wie ihn die US-Notenbank Fed inzwischen durchzieht, ist noch kaum einer bereit. Nur die Dosis ihrer Käufe von Staatsanleihen haben die Zentralbanker etwas herabgesetzt.

Geldkur laut Draghi "angemessen" - nur Deutsche wollen Ende des Dopings

Die Geldkur funktioniere und sei weiterhin "angemessen", betont Draghi bei jeder Gelegenheit. Als die Devisenmärkte Ende März kurz auf einen stärkeren Euro setzten, schwärmten sofort seine geldpolitischen Tauben aus: Die Agentur Reuters erfuhr gleich von sechs Quellen "im oder in der Nähe des EZB-Rats", dass man keine Kursänderung beabsichtige.

Allein die Deutschen drängen auf ein Ende des Dopings. Denn ihnen drohen die heftigsten Verwerfungen. Schon heute sind die Symptome des überdosierten Billigstgeldes überall zu erkennen: Die Aktienindizes sind auf Rekordjagd, die Bau- und Immobilienbranche schwebt in Ekstase, die Arbeitslosigkeit hat sich fast verflüchtigt. Zugleich ächzt das Finanzsystem, wächst der Volkszorn über neue Bankgebühren, Nullzins und drohenden Geldwertverlust.

Immobilienblase: Je länger das Doping anhält, desto größer die Gefahr

Je länger das Doping anhält, desto größer die Gefahr, dass die wildeste Konjunkturparty seit der Wiedervereinigung mit einem Notfalleinsatz endet. Besonders die Exportsucht der deutschen Volkswirtschaft wird durch den billigen Euro nicht kuriert, sondern weiter verschärft - bis ein lauter Knall die Seligkeit beendet. Und sei es, weil US-Präsident Donald Trump den Wirtschaftskrieg erklärt.

Vor der Notenbank in Tallinn hocken zwei steinerne Riesentauben, künstlerische Verkehrspoller. Dabei gilt der Gouverneur der Eesti Pank, der seine Kollegen hier im Juni empfängt, im EZB-Rat eher als Falke. 1992 hat Ardo Hansson, damals erst 33 und noch Regierungsberater, die Währung seines kleinen Landes über einen Currency Board fest mit der D-Mark verschweißt.

Auch Mario Draghi schätzt den Gastgeber. Beide haben ihren Wirtschaftsdoktor in den USA gemacht - Draghi am MIT, Hansson in Harvard. Der Este hat als Berater in vielen Ländern gearbeitet, während der Finanzkrise war er Weltbank-Chefökonom in China.

Hansson weiß, wie Blasen entstehen - und platzen.

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