Samstag, 20. April 2019

Gefährliche Konjunkturparty Wie heiß läuft Deutschland?

Geldpolitik: Die monetäre Wende
DPA

3. Teil: Der Schlachtplan der EZB

Zumal sich unter der Bühne für den schönen Aufschwung 2017 noch immer der gigantische europäische Schuldenberg versteckt. Mehrere Staaten und viele Unternehmen larvieren nach wie vor am Rande der Insolvenz, marode Kredite zerfressen die Bankbilanzen.

Für die Entschärfung dieser Krise gibt es letztlich nur zwei Wege: Die einzelwirtschaftliche Bilanzreparatur, bei der Schulden getilgt und faule Forderungen abgeschrieben werden - Pleiten inbegriffen. Und die gesamtwirtschaftliche Erholung, also ein möglichst kräftiges, in Teilen auch inflationäres Nominalwachstum, bei dem die Einkommen wieder schneller steigen als die Schulden.

Doch das kann dauern. Und solange die EZB ihren über die Jahre gemixten Stimulanziencocktail nicht absetzt, solange wird auch der Euro eher schwach bleiben und die heimischen Ausfuhren befeuern. Das wiederum wird der neue CEO im Weißen Haus nicht hinnehmen. Er hat klargemacht, dass er das deutsche Exportüberschusswunder notfalls mit brachialen Mitteln beenden will.

In dem ersten währungspolitischen Report, den das US-Finanzministerium Mitte April vorgelegt hat, werden die Deutschen daran erinnert, dass sie eine "Verantwortung" haben, ihren günstigen Wechselkurs zu korrigieren. Washington fordert von Berlin mehr Wachstum daheim - angekurbelt durch den Fiskus.

Handelskrieg mit den USA könnte zu harter Landung führen

Sollte ein Handelskrieg oder ein plötzlicher Euro-Anstieg zusammenfallen mit einer Korrektur an den Börsen und am Immobilienmarkt, könnte das hierzulande zu einer sehr harten Landung führen. Denn je länger die monetäre Wende aufgeschoben wird, desto gefährlicher wird sie. Bei einem Zins von null - oder gar darunter - kennen die Vermögenspreise keine logisch begründbare Obergrenze mehr, werden Aktien oder Häuser am Ende fast blind gekauft.

Umso gewaltiger sind dann die fälligen Wertberichtigungen, wenn die Normalität irgendwann doch zurückkehrt. Banken, die immer neue Kredite zu historischen Billigkonditionen vergeben, kann es brutal erwischen, wenn sie sich dann teurer refinanzieren müssen. Mit zunehmender Dauer der monetären Stützung wird die Absturzgefahr gravierender.

Ein Umsteuern hin zu einem ausgewogeneren Wachstum, das sich mehr aus der Binnennachfrage speist, so wie es die Chinesen derzeit vorexerzieren, wird dann kaum mehr möglich sein. Welches Unternehmen investiert verstärkt in Deutschland, wenn Zölle drohen? Welcher Bürger konsumiert mehr, wenn sein Aktiendepot und sein Immobilienbesitz gerade massiv an Wert eingebüßt haben?

Erst Ausstieg aus Anleihekäufen, dann erst Drehen am Leitzins

Für Peter Praet (68), den EZB-Chefökonomen, ist der Knackpunkt beim allmählichen Entzug nicht das "Wann", sondern das "Wie". Über das Timing könne man notfalls auch kurzfristig neu entscheiden, sofern vorher ein "geordneter Prozess" abgesteckt wurde.

Wie sich Praet diesen Schlachtplan vorstellt, hat er EZB-Watchern jüngst in Frankfurt vorgezeichnet: Zunächst der Ausstieg aus den Anleihekäufen, dann erst das Drehen am Leitzins, also dem Satz für die bei der EZB geparkten Einlagen.

Wer auf eine baldige Korrektur bei diesem verrückten Negativzins spekuliert hatte, bekam von Praet energisch den Kopf zurechtgerückt. Manche Leute diskutierten da ja irgendwelche komplizierten Möglichkeiten: "Ich warne vor solcher Konfusion."

Wenn also irgendwann Entzug, dann auf Methadon. Ganz ohne Stoff, so viel ist klar, geht es nicht mehr.

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