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Geldanlage: Der bessere Buffett

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Das besondere Näschen des John Malone Der bessere Buffett

John Malone schaffte in den vergangenen 38 Jahren mehr Rendite als Warren Buffett. Im Kampf gegen Amazon setzt er auf Tech-Nischen und Events.

Die folgende Geschichte stammt aus der Januar-Ausgabe 2018 des manager magazins, die Ende Dezember erschien. Wir veröffentlichen sie hier als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.

Das Auditorium im Times Center in Midtown Manhattan ist bis auf den letzten Platz besetzt. Fast 400 Investoren und Analysten sind Mitte November zum Investor Day von Liberty Media gekommen, um einen 76-Jährigen im grauen Anzug zu sehen, der unbeweglich in seinem Sessel auf der Bühne ruht wie eine alte Spinne in ihrem Netz - und sich an seinem jüngsten Fang erfreut. "Der Formel-1-Deal ist ein großartiges Beispiel für kreative Finanzierung", sagt John Malone. Liberty Media habe die Kontrolle über eine Sportikone erhalten, ohne viel Geld dafür auszugeben. Das Geschäft sei schlecht geführt worden, was er nun ändern werde. Fette Beute.

Malone ist bekannt und berüchtigt als der weltgrößte Kabelmogul. Doch diese Beschreibung wird ihm nicht gerecht. Er ist mehr, viel mehr. Der Mann zieht die Fäden in einem Geflecht aus einem Dutzend börsennotierter Gesellschaften, von denen viele irgendwas mit Liberty heißen. Der Rest des Namens wechselt häufig mal.

Sein Flaggschiff Liberty Media taufte Malone im Herbst 2016 in Liberty Formula One um. Zuvor hatte er mehrere separate Börsenfirmen abgespalten, wie es so seine Art ist. Wer am 28. März 1991 die erstmals unter diesem Namen gelistete Liberty Media gekauft und alle Spin-offs behalten hätte, säße heute auf mehr als 20 Börsentiteln.

"Einer der Vorteile einer irren Kapitalstruktur ist, dass wir jemanden kaufen können, der an die Börse gehen möchte, es aber nicht hinbekommt", sagt Malone. Einer, der es nicht hinkriegt, war aus Malones Sicht auch Formel-1-Impresario Bernie Ecclestone (87). Den selbstbewussten Briten beförderte er bereits wenige Monate nach der Übernahme ins Off. Als Berater des Boards sei er jetzt "so hoch oben, dass ich nichts mehr sehe, wenn ich runterschaue", ätzte Ecclestone. Worin seine Beratertätigkeit bestehe? "Weiß ich nicht, sie haben mich nie gefragt." Statt Ecclestone managen nun Profis die Formel 1.

Der andere Grund für die fast zwei Dutzend Börsenlistings in Malones Reich: "Wir mussten die Sachen aufspalten, um Unternehmenssteuern zu vermeiden", gesteht seine rechte Hand Greg Maffei.

Superinvestoren: Rendite pro Jahr, in Prozent

Superinvestoren: Rendite pro Jahr, in Prozent

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Der Nachteil des kaum noch überschaubaren Firmengewirrs: Anders als Investorenlegende Warren Buffett kann Malone nicht so leicht Kapital zwischen seinen Firmen verschieben. Und er bekomme nicht die gebührende Anerkennung als Investor, sagt Vermögensverwalter Patrick Brennan, der viel Geld in Malone-Unternehmen gesteckt hat. "Wenn Liberty ein Konglomerat wäre wie Berkshire , wäre es eines der größten Techunternehmen der Welt, aber weniger attraktiv für Anleger", meint Brennan. "Denn bei Malone ist weniger mehr." Weniger Größe, weniger Steuern, mehr Rendite.

Die an Wahnsinn grenzende Kreativität bei der Finanzierung und den Geiz beim Steuerzahlen kombiniert Malone mit einem geradezu beängstigenden Gespür für unterbewertete, skalierbare Geschäftsmodelle. Das Ergebnis: In knapp 40 Jahren hat er seinen Investoren mehr Rendite geliefert als Buffett. Mit dem TV-Kabelnetzbetreiber Tele-Communications Inc. (TCI) aus Denver schaffte der Elektroingenieur und Ex-McKinsey-Berater von 1973 bis 1998 (Verkauf an AT & T) phänomenale 30,3 Prozent pro Jahr. Der US-Leitindex S&P 500 brachte in der Zeit nur halb so viel Gewinn. Hedgefondsmanager William Thorndike zählt Malone in seinem Buch "The Outsiders" zu jenen acht CEOs (neben Buffett), die langfristig mehr Rendite erzielten als GE-Legende Jack Welch.

Selbst unter den Outsidern ist Malone ein Außenseiter: Nur ihm gelang es, nach dem Verkauf seines Lebenswerks noch mal neu anzufangen. Nach dem AT&T-Deal schuf er Liberty Media. Das Techportfolio ließ die Konkurrenz erneut weit hinter sich. Wer 2003 Liberty-Media-Aktien erwarb, hat seither 13 Prozent Rendite pro Jahr erzielt. Buffetts Berkshire Hathaway  schaffte nur gut die Hälfte: 7,5 Prozent.

"John Malone ist einer der besten Investoren der Welt", sagt Chris Hohn, Gründer des Hedgefonds The Children's Investment (abgekürzt wie Malones Firma: TCI). Von Unkundigen wird Malone dagegen immer noch verkannt als Raider und Steuervermeider - im Gegensatz zum Orakel aus Omaha, das bei Deals indes auch nie mehr Steuern zahlt als nötig.

Die Anti-Amazon-Strategie

Diese geringere Wertschätzung nagt bei Malone und Maffei am Ego. Auf dem Investorentreffen spielten sie ein ironisches Video ein, in dem Maffei eine Sitzung mit einem Motivationscoach simuliert und dabei in die Kamera brüllt: "Ich bin smart genug! Ich bin gut genug! Und ich bin, verdammt noch mal, besser als Buffett, oder wenigstens Munger!"

Buffett und seinen Kompagnon Charlie Munger imitieren Malone und Maffei auch bei ihren Auftritten als Duo. Während Multimilliardär Buffett mit seiner Vorliebe für Burger und Cherry Coke kokettiert und sich volkstümlich gibt, spielt Malone gern den Cowboy. Tatsächlich aber ist der Sohn eines GE-Ingenieurs und einer Lehrerin aus Milford, Connecticut, ein konservativer Ostküstenintellektueller, den seine Herkunft und sein Yale-Abschluss mehr geprägt haben als die Rocky Mountains. Der Kabel-Cowboy ist in Wahrheit ein Tech-Yankee.

Die Öffentlichkeit betrachtet Malone, trotz all seiner Bemühungen um ein bodenständiges Image, nicht als innovativen Selfmademan, sondern als superreichen Schurken. Wie Schwefel klebt das "Darth Vader"-Etikett an ihm: Den Spitznamen verpasste ihm der frühere US-Vizepräsident Al Gore. Dabei sieht sich Malone, um bei "Star Wars" zu bleiben, eher in der Rolle des Rebellen Luke Skywalker. Er kämpft gegen die Übermacht aus Facebook , Amazon , Netflix  und Google  (FANG).

"Der disruptivste wird Jeff sein", warnt Malone. Amazon-Chef Bezos, der Mann mit den 100 Milliarden Dollar Privatvermögen, sei "der Todesstern, der sich jeder Branche des Planeten bis auf Schlagdistanz annähere". Wer Endkunden etwas verkaufe, sei akut von Amazon bedroht.

Der libertäre Trump-Fan Malone hat mit seiner Liberty-Guerilla den Kampf gegen die linke Westküsten-armada aufgenommen. Dabei verfolgt der Anti-FANG-Aktivist wie die Rebellen bei "Star Wars" die Taktik "Hit and run" (zuschlagen und weglaufen).

Die Hit-Strategie verfolgen die Unternehmen, die sich am Vormittag des Liberty Investor Day präsentieren. Sie besetzen lukrative Onlinenischen, indem sie den Techgiganten einen Teil ihrer Net-Domäne streitig machen und von ihnen profitieren. So wie die Buchungsplattform Expedia, die jahrelang viel günstigen Nutzertraffic von Google bekam. Auch SiriusXM gehört dazu, dessen Tochter Pandora die am dritthäufigsten genutzte App in den USA ist, übertroffen nur von Google und Facebook. Oder der Shoppingsender QVC, der längst zu 50 Prozent übers Internet verkauft und dessen Desperate-Housewife-Influencer ihre Schminkanleitungen und Kochtipps via YouTube und Facebook live verbreiten.

Das an jüngere Kunden gerichtete Schwesterportal Zulily baut mit 220 Softwareingenieuren neue Kanäle, zwei Drittel der Käufe werden über Mobilgeräte abgewickelt. Im Sommer übernahm QVC den Rivalen Home Shopping Network (HSN) und hat nun mehr als 20 Millionen Kunden. Beim Investor Day verdoppelte Maffei die angepeilten Synergien auf gut 200 Millionen Dollar bis 2021. "Wir schaffen ein Werbevideo-Powerhouse." Das hat Amazon nicht vorzuweisen.

Charter Communications wiederum ist die Wunderwaffe in Malones Techarsenal. "Was ist eine der sichersten Wetten, die Sie heute eingehen können?", fragt Malone-Kenner Brennan und gibt die Antwort gleich selbst: "Dass künftig mehr Daten konsumiert werden als bisher."

Womit wir beim Prinzip Charter wären: Keiner biete so schnell und so günstig Webzugänge, schwärmt Hedgefondsmanager Hohn, der fast 5 Prozent der Charter-Aktien hält: "Das ist wie eine Mautstraße für das Internet." Hierin liegt für ihn der Wert des Unternehmens - nicht so sehr im Pay-TV-Geschäft, das Charter auch betreibt.

Der Marktanteil der Kabelanbieter bei US-Breitbandanschlüssen werde von gut 10 auf mindestens 55 Prozent steigen, glaubt Hohn. Schon jetzt laden 80 Prozent der Smartphonenutzer ihre Videos über ein solches Netz. Hohn geht davon aus, dass Charters Aktienkurs von derzeit knapp 350 Dollar auf deutlich mehr als 500 Dollar steigen wird. Gewiefte Privatanleger können über die Aktie Liberty Ventures fast 20 Prozent günstiger einsteigen (siehe Tabelle).

Sein europäisches Kabelgeschäft bündelt Malone in Liberty Global. Auch wenn der Geschwindigkeitsvorteil hier gegenüber DSL-Zugängen kleiner ist, bietet die Aktie eine interessante Teilverkaufswette: Insbesondere das Geschäft mit den 13 Millionen deutschen Haushalten in Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Hessen unter der Marke Unitymedia weckt Begehrlichkeiten bei Rivalen wie Vodafone. Anhand von jüngsten Branchenübernahmen ergebe sich ein Aktienkurs von 55 Dollar für Liberty Global, fast das Doppelte des aktuellen Kurses, rechnet Jeffrey Wlodarczak vor, Analyst bei Pivotal Research in New York.

"Wir glauben an die Power von live"

Der "Weglaufen"-Teil von Malones Strategie wurde am Nachmittag des Investorentreffens offenbar: Formel 1 und Live Nation. Beide Firmen setzen auf Erlebnisse, die nicht digitalisierbar sind, so wie der ohrenbetäubende Lärm und das Beben der Erde an der Formel-1-Strecke oder der wummernde Bass im Bauch bei einem Konzert. "Wir glauben an die Power von live", sagt Adjutant Maffei. Mit Konzerten und Sport dringe man nach wie vor durch die ganzen Nebengeräusche von Videospielen und Apps: "Damit bekommen wir die Zeit und das Geld der Kunden." Plus die Sponsoringausgaben der Konzerne.

You never tax MaloneDie Renditetricks des Ebitda-Erfinders

Die Formel 1 will Liberty bei Fans und Sponsoren in ganz neue Dimensionen hieven. Maffei möchte "aus jedem Rennen ein Superbowl-Weekend machen". Um das US-Football-Finale herum steigen drei Tage lang Konzerte und Events. Liberty hat das Recht, die Zahl der Rennen von 20 auf 25 auszubauen. Die Spektakel sollen so begehrenswert werden, dass die Techriesen dafür zahlen, Videos davon verbreiten zu dürfen. Wenn Facebook und Netflix künftig mehr Zuschauer haben als die TV-Sender, ergebe es für sie Sinn, bei den Lizenzen mitzubieten.

Die Gefahr bei Malones Guerillakampf gegen die Westküste: Seine Truppen können schnell pulverisiert werden, wenn einer der FANG-Giganten sich das Segment vorknöpft. Derzeit wird Libertys Onlinereisegeschäft von Google durchlöchert wie ein kleiner X-Wing-Fighter von Darth Vaders Mutterschiff. "Google saugt viel Profit aus dem Reisemarkt ab", klagt Maffei. Der Suchmonopolist sei "ein viel aggressiverer Player geworden" und kassiere nun kräftig für die Nutzerströme, die er zuvor fast kostenlos an die Portale Expedia und TripAdvisor weitergeleitet hat.

TripAdvisor-Gründer Stephen Kaufer setzt im Überlebenskampf auf 160 Millionen treue Kunden, die monatlich direkt die Seite besuchen, weil sie dort mehr Bewertungen von Hotels, Restaurants und Erlebnissen finden als irgendwo sonst. Diese Nutzer sind der Schutzschild, der Googles Attacke abwehren soll. Die bei vielen Hotels und Restaurants an der Tür klebenden TripAdvisor-Bewertungen sind für die Marke wertvolle Werbung, ganz ohne Google.

Malone lässt seinen CEOs in der Regel viel Freiheit, zugleich hat der Chairman hohe Ansprüche ans Ergebnis. Kaufer hatte versucht, die Einnahmen pro Kunden zu erhöhen, indem er TripAdvisor zur Buchungsplattform für Hotelzimmer ausbaute. Doch "Instant Booking" floppte.

Maffei zwang Kaufer auf der Bühne, das Scheitern einzugestehen. "Haben wir einen Fehler gemacht und zu viel Geld für Instant Booking investiert?", fragte er. Ja, antwortete Kaufer pflichtschuldig. "Ich glaube an das Produkt, aber es hat weniger geliefert, als ich dachte." Sinn der quälenden Live-Selbstkritik: Den Anlegern beweisen, dass TripAdvisor die gescheiterte Strategie nicht länger verfolgt.

Kaltakquise im Hotel und im Autohaus

Stattdessen wird das Team Energie künftig ins Wachstum von Restaurant- und Erlebnisbewertungen stecken. Da gebe es noch enorm viel Potenzial, sagt Steve Gorelik, Manager des Fonds Firebird US Value. 2017 sei dieses Geschäft erstmals profitabel gewesen, für 2018 erwartet er bis zu 150 Millionen Dollar Gewinn (Ebitda).

Bei einer branchenüblichen Bewertung entspräche das einem Firmenwert zwischen zwei und vier Milliarden Dollar allein für das Nicht-Hotel-Geschäft; derzeit ist ganz TripAdvisor für 4,8 Milliarden Dollar zu haben. Beim Aktienkurs hält Gorelik die 60-Dollar-Schwelle für überschreitbar, gegenwärtig liegt er bei knapp 35 Dollar.

Expedia ist Malones zweite Investition in den stark wachsenden Onlinereisemarkt. Sein größter Schutzwall gegen die Techriesen ist das Vertriebsnetz, das die Hotelkunden betreut. "Das ist für Google kaum zu kopieren", sagt Wesley Lebeau, Fondsmanager des CPR Global Disruptive Opportunities. Der Ebitda-Gewinn soll 2018 um mehr als 10 Prozent steigen, die Aktie ist mit dem 22-Fachen des dann erwarteten Nettogewinns günstig.

Wer mit Rabatt bei Malone einsteigen will, muss Liberty-Tracker kaufen. Diese Hüllen enthalten Aktien operativer Firmen, ohne Stimmrechte. Liberty SiriusXM etwa gibt es fast 20 Prozent günstiger als die SiriusXM-Aktie. Der Konkurrent von Spotify, Deezer, Amazon Music und Apple Music besitzt zwei Alleinstellungsmerkmale: Er verbinde Musik mit exklusiven Inhalten, sagt Malone, beliebte Talkshows, Live-Sportreportagen, Radiokanäle von Popstars wie Eminem oder Ozzy Osbourne.

Exklusiv ist auch die Art, wie das Bezahlradio Kunden gewinnt: über einen kostenlosen Probemonat für Autokäufer. In fast allen besseren Modellen sei SiriusXM vorinstalliert, sagt CEO Jim Meyer. Künftig will er aber nicht mehr nur die 18 Millionen Neuwagenkäufer pro Jahr, sondern auch die 40 Millionen Gebrauchtwagenkäufer erreichen. Dazu hat SiriusXM ein Netz geknüpft, bei dem Händler Verkäufer und Käufer von Altautos melden. Das könnte die für Ende 2017 angepeilte Neuabonnentenzahl von 1,4 Millionen kräftig steigern. Anders als bei Amazon oder Uber, die mit explodierenden Transportkosten ringen, steigen die Kosten bei SiriusXM mit neuen Kunden kaum.

Dass Liberty 2009 bei dem Musikanbieter eingestiegen ist, war Maffeis Idee, aber typisch Malone. Als SiriusXM auf dem Höhepunkt der Finanzkrise vor der Pleite stand, lieh Liberty ihm 400 Millionen Dollar - gegen das Recht, 40 Prozent der Aktien kaufen zu können. Für 12.500 Dollar. Dank der üppigen Rückkäufe durch SiriusXM hält Malone inzwischen 69 Prozent, Börsenwert: mehr als 17 Milliarden Dollar.

Auf dem Investorentag wurde Malone gefragt, ob er weitere Unternehmen sehe, die nicht der FANG-Gang zum Opfer fallen würden und trotzdem günstig seien. Da müsse man schon notleidende, kriselnde Unternehmen kaufen oder solche, die große Synergien fürs Liberty-Portfolio brächten, antwortete er. "Du musst eben was Einzigartiges finden."

Bisher ist ihm das noch stets gelungen.

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