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Galeria Kaufhof nach dem Verkauf: Warenkette im Chaos

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Galeria Kaufhof nach dem Verkauf an HBC Invasion der Besserwisser - kanadische Chaos-Tage bei Kaufhof

Fünf Monate nach der Übernahme durch die kanadische HBC herrscht in Köln Chaos. Sicher ist nur die Mieterhöhung für die Warenhäuser.

(Der nachfolgende Beitrag stammt aus dem manager magazin von Mitte Februar. Sichern Sie sich die jeweils aktuelle Ausgabe hier.)

Das Verhältnis war von Anfang an schwierig, das Miteinander durch Misstrauen und Missverständnisse gekennzeichnet. Hier die urdeutsche Warenhausfirma Galeria Kaufhof - dort die Hudson's Bay Company aus dem Land der Holzfäller und Bärenfänger, die einst Trappern die Pelze der von ihnen erlegten Tiere abkaufte.

Im Juni 2015 erhielt der kanadische Einzelhandelskonzern (Saks Fifth Avenue, Lord & Taylor, Home Outfitters) den Zuschlag für die Übernahme von Galeria Kaufhof. Die Verkäuferin, die Handelsgruppe Metro , hatte längst die Lust am Warenhausgeschäft verloren, zuletzt kaum mehr investiert und suchte nur noch einen Ausstieg zu finanziell annehmbaren Bedingungen. Den bot HBC, versprach zudem die Weiterentwicklung der Firma sowie die Bereitstellung üppiger Investitionen.

Rosige Zeiten also für Galeria Kaufhof mit den 100 Warenhäusern? Gerade an der Verlässlichkeit solcher Zusagen gab es von vornherein Zweifel. Mancher Kaufhof-Vertreter verlegte sich gar auf Verweigerung.

Eine Haltung, die inzwischen als begründet erscheint. Knapp fünf Monate nachdem die neuen Eigentümer die Macht übernommen haben, herrscht beim Kaufhof Chaos. Die Unsicherheit und Unzufriedenheit wächst. Die Distanz zwischen erster und zweiter Managementebene wird von Tag zu Tag größer.

Auch die Rekrutierung neuer Leute gestaltet sich schwierig. Es soll bereits Bewerbungen von Kaufhof-Managern beim lange Zeit taumelnden Konkurrenten Karstadt geben - eine Umkehrung der Verhältnisse, die noch vor einem Jahr niemand für möglich gehalten hätte.

Mitarbeiter und Lieferanten von Kaufhof sowie Stadtväter an Warenhausstandorten fragen sich, wohin Kaufhof steuert- und ob das deutsche Traditionsunternehmen in den Händen von Hudson's Bay mittelfristig überhaupt eine Chance hat.

Die Erinnerung wird wach an schlechte Erfahrungen mit amerikanischen Eigentümern - etwa wie die Handelskette Wal-Mart  den früheren Filialisten Wertkauf traktierte oder Nicolas Berggruen (54) den Kaufhof-Konkurrenten Karstadt.

Es ist fast ein Déjà-vu. Die Entsandten von HBC führen sich bei Kaufhof auf wie Kolonialherren. Sie lassen die Alteingesessenen spüren, dass sie kein allzu großes Zutrauen in deren Fähigkeiten haben.

Das belgisch-niederländische Führungsgespann, Unternehmenschef Olivier Van den Bossche (40) und Einkaufsgeschäftsführer Edo Beukema (51), bemüht sich, es den neuen Eigentümern recht zu machen - und steht dabei unter verschärfter Aufsicht. Auch weil das Geschäftsjahr 2015/16 (Stichtag: 30. September) schlecht angelaufen ist.

Deal mit HBC durchgepeitscht

Kein gutes Omen dafür, dass Kaufhof demnächst zur Investitionsfähigkeit zurückfinden kann. Zumal das laufende Geschäftsjahr durch Mietsteigerungen in Höhe von etwa 40 Millionen Euro belastet wird, die HBC der Warenhausfirma aufgezwungen hat. Kaufhof steuert womöglich auf einen Verlustabschluss zu.

Einer, der eine solche Entwicklung kommen sah, ist Lovro Mandac (65), 28 Jahre im Unternehmen, 20 Jahre dessen Chef und seit 2014 Vorsitzender des Aufsichtsrats. Der Sohn eines kroatischen Einwanderers überstand etliche Führungswechsel beim früheren Mutterkonzern Metro. Als Finanzer kannte er alle Bilanztricks, um Kaufhof in gutem Licht erscheinen zu lassen - auch noch gegen Ende seiner Karriere, als die ungeschminkten Zahlen eher nach unten tendierten. Mit Leib und Seele war er Warenhausmann und überaus beliebt bei seinen Leuten.

Im Oktober 2014 gab er die operative Führung an Van den Bossche ab, der bis dahin die belgische Tochtergesellschaft Galeria Inno geführt hatte. Vom Aufsichtsrat aus sollte Mandac den auf dem deutschen Markt unerfahrenen Flamen coachen - was der von Anfang an als lästig empfand.

Mandac hatte ohnehin übergeordnete Ziele. Mehr oder minder verborgen arbeitete er auf eine Fusion von Kaufhof und Karstadt hin - zu einer seit mehr als zehn Jahren diskutierten Deutschen Warenhaus AG. In diesem Ziel wusste er sich einig mit dem Karstadt-Eigentümer, dem österreichischen Immobilientycoon René Benko (38). Für Mandac wäre die Integration der Warenhausfirmen die Krönung seiner Laufbahn gewesen.

Im Frühjahr 2015 schien es so weit zu sein. Benko gab ein Angebot für Kaufhof ab, der Zuschlag schien nur eine Frage von Wochen. Doch dann funkten die Kanadier mit einer Offerte dazwischen, was Metro-Chef Olaf Koch (45) sehr gelegen kam. Koch, der Benko weder vertraut noch ihm Sympathie entgegenbringt, peitschte den Deal mit HBC Mitte Juni in einer sonntäglichen Sitzung durch.

Der Metro-Aufsichtsrat hatte kaum eine Alternative dazu, das HBC-Angebot zu akzeptieren. Auch die beiden Arbeitnehmervertreter von Galeria Kaufhof im Metro-Kontrollgremium stimmten zu - und müssen sich das womöglich irgendwann von ihrer Belegschaft vorhalten lassen.

Mandac jedenfalls hatte verloren. Van den Bossche kam die Niederlage seines Mentors ganz recht, um sich zu emanzipieren. Er hieß die Kanadier willkommen.

Dem alten Haudegen Mandac war klar, dass seine Tage bei Kaufhof gezählt waren. Die Übergabe der Firma war für den 1. Oktober 2015 vorgesehen. Mithin blieben ihm noch dreieinhalb Monate, um als Aufsichtsratsvorsitzender von Galeria Kaufhof und als CEO der übergeordneten Galeria Holding Zeichen zu setzen. Die Galeria Holding war bis zum Verkauf an HBC auch Eigentümerin der Warenhausimmobilien.

Umbesetzung der Kaufhof-Geschäftsführung

Schon bald wurde klar, dass HBC den Deal zu einem großen Teil über Mieterhöhungen finanzieren wollte. Der Mietzins für 41 miterworbene Häuser sollte von rund 100 auf 145 Millionen Euro jährlich steigen. In einem auf 20 Jahre angelegten Rahmenvertrag wurden zudem jährliche Anpassungsraten von 2 bis 3,5 Prozent festgelegt.

Mandac sollte das Vertragswerk noch vor der Übergabe an die Kanadier unterschreiben. Doch er weigerte sich: Ex cathedra ließ er die künftigen Eigentümer wissen, er werde sich nicht strafbar machen, indem er Galeria Kaufhof vorsätzlich Schaden zufüge. Intern sparte Mandac zudem nicht mit zynischen Bemerkungen über die HBC-Leute. Manchem schien es, als provozierte Mandac eine Trennung geradezu.

Die Reaktion fiel denn auch entsprechend aus. In der vom 1. Oktober datierenden Mitteilung über die Neubesetzung des Aufsichtsrats durch die Nordamerikaner fand sich kein Wort über den Kaufhof-Veteranen, schon gar kein Dank. Eine große Abschiedsfeier, die nach fast drei Jahrzehnten bei Kaufhof wohl angemessen gewesen wäre, versagten ihm die neuen Herren. Den ihm angebotenen Abschied von seinen Führungskräften in kleinem Rahmen lehnte Mandac ab. Das könne er auch telefonisch erledigen, tat er schmallippig kund.

Seit Oktober 2015 besetzen nun neben dem Frankfurter Anwalt Georg Linde (44) neun Kanadier und US-Amerikaner die Sessel der Kapitaleigner im Aufsichtsrat. Keiner der neun spricht Deutsch. Aus dem Mund des neuen Vorsitzenden Donald Watros (51) klingt "Kaufhof" so ähnlich wie "Koffhoff". Sitzungssprache ist Englisch, mit Rücksicht auf die deutschen Arbeitnehmervertreter wird simultan übersetzt.

Laut Watros ist die Besetzung des Aufsichtsrats fast ausschließlich mit Amerikanern nur eine Übergangslösung. Es würden deutsche Persönlichkeiten gesucht, Namen nennt er nicht.

Watros zögerte indes nicht lange, die Kaufhof-Geschäftsführung umzubesetzen - Loyalitätsgesichtspunkte spielten dabei offensichtlich eine wichtige Rolle. CEO Van den Bossche und Einkäufer Beukema, die sich beide seit dem Zuschlag für die Kanadier kooperativ gezeigt hatten, durften bleiben. Finanzchef Thomas Fett (61) und Personaler Volker Schlinge (42), die durch allzu große Nähe zu Mandac auffielen, waren nicht mehr erwünscht.

Verkaufsgeschäftsführer Rolf Boje (52) ging, weil er ohnehin keine Vertragsverlängerung bekommen hätte - die Arbeitnehmervertreter hatten ihn nie gemocht. Allerdings sah sich Boje auch tiefem Misstrauen der Nordamerikaner ausgesetzt.

HBC-Chairman Richard Baker (50) wird nicht müde, darüber zu lästern, dass es in Europa keine Marketingkompetenz gäbe. Die Amerikaner fühlen sich deutschen Händlern a priori überlegen. Die Vision des US-Boys für Kaufhof ist offenbar, dass möglichst viele Filialen so ähnlich aussehen sollen wie die Macy's-Warenhäuser in den USA. Dass höchstens ein paar Kaufhof-Standorte für solche Formate geeignet sind, übersieht er geflissentlich.

Keine Amerikanisierung, sondern Modernisierung

Watros, der sich nach eigenem Bekunden neun Jahre lang den europäischen Einzelhandelsmarkt angeschaut hat, bemüht sich denn auch, dem Eindruck entgegenzuwirken, HBC werde Kaufhof den American Way of Retail aufzwingen. "Wir wollen keine Amerikanisierung, sondern eine Modernisierung der Filialen", sagt er entschieden. Die tut sicher not, denn im Metro-Konzern durfte Galeria Kaufhof in den vergangenen Jahren immer weniger investieren. Doch wird sich das unter HBC tatsächlich ändern? Watros weiß, dass Wal-Mart, Berggruen und andere in Deutschland verbrannte Erde hinterlassen haben. Nordamerikanische Investoren stehen im Generalverdacht, sie würden in deutsche Firmen nur einsteigen, um ihnen Geld zu entziehen.

Im Fall HBC wurde diese Skepsis durch die Mieterhöhungen genährt, die gleichzeitig mit der Übernahme der Immobilien vorgenommen wurden. Watros entgegnet, die gesamte Transaktion mit den Filialen habe lediglich der Finanzierung der Kaufhof-Übernahme gedient. Die Mietanpassungen seien "auf Marktniveau" erfolgt, und das Geld bleibe im Konzern.

Wann und woher kommt das Geld?

Zumindest Letzteres stimmt nur zum Teil, denn von den Mieterhöhungen profitieren auch einige bedeutende Mitinvestoren. In jedem Fall fehlen die Mittel Galeria Kaufhof. Der nun weiter belastete Cashflow dürfte für nennenswerte Investitionen kaum ausreichen, selbst wenn HBC, wie zugesagt, einen großen Teil im Unternehmen stehen lässt. Zudem musste Kaufhof einen Kredit aufnehmen, um arbeitsfähig zu bleiben. Denn HBC hatte den Warenhauskonzern mit teilentleerter Kasse übernommen, um weniger an Metro bezahlen zu müssen.

Auf welchem Weg Kaufhof die zugesagten Mittel bekommen soll - da bleibt Watros schwammig. Am 1. Oktober 2015 legte die neue Mutter einmalig knapp 100 Millionen Euro Kapital ein. Ein konzernweiter Cashpool, an dem Kaufhof teilnehme, werde vorbereitet.

Geld sei derzeit gar nicht das Problem, so Watros, die Konzepte stünden ja noch nicht fest. Neben dem Macy's-Plan wird für einige große Häuser an einer deutschen Version der zu HBC gehörenden Kette Saks Off Fifth gebastelt. Unter diesem Label soll wie jenseits des Atlantiks künftig Markenbekleidung zu Discountpreisen verkauft werden, mit dem Ziel, junge Leute anzulocken. Mit fünf Saks-Off-Flächen soll Van den Bossche das Format testen, bevor es in 40 Filialen eingeführt wird. Die deutsche Saks-Off-Variante soll als Tochter von Kaufhof geführt werden.

Auch mit der britischen Modekette Topshop wird verhandelt, die auf untervermieteten Flächen auf eigene Rechnung arbeiten soll. Topshop weckt in der Einzelhandelsbranche nicht die besten Erinnerungen. Das Sortiment sollte vor ein paar Jahren die Attraktivität von Karstadt erhöhen - was allerdings gründlich misslang.

Zahlen im angelaufenen Geschäftsjahr nicht berauschend

Was sich tatsächlich bei Kaufhof verändert, darüber wird selbst im Unternehmen gerätselt. Viele Manager der zweiten Ebene fühlen sich weder von ihrer Geschäftsführung mitgenommen noch von den durch die Kölner Zentrale schwirrenden Abgesandten der Amerikaner. Die wiederum beklagen deutsches Bedenkenträgertum. "I don't want you to raise problems, I want you to create solutions", lautet einer ihrer Lieblingssprüche.

Für Unruhe sorgt überdies eine bevorstehende Umstrukturierung im Verkauf. Die Managementschicht unterhalb von Ressortchef Van den Bossche soll verkleinert und zum Teil in die Regionen verlagert werden. Auch Einkaufschef Beukema hat vom Aufsichtsrat das Signal bekommen, seine Mannschaft auszudünnen.

Beide stehen unter Bewährungszwang. Beukema war erst vor 17 Monaten zu Kaufhof gekommen - nicht ahnend, dass er sich schon bald auf einen amerikanischen Eigentümer würde einstellen müssen.

Insider befürchten, dass für Van den Bossche der Job an der Kaufhof-Spitze eine Nummer zu groß ist. Zwar hat er Erfahrung als Chef von Inno - die Kette ist jedoch mit nur 16 Häusern wesentlich kleiner und weit weniger komplex als die deutsche Mutter. Zudem hat sie Monopolistenstatus in den belgischen Innenstädten. Alles in allem eine weit einfachere Aufgabe als die Führung eines deutschen Warenhausunternehmens.

Hinzu kommt, dass Van den Bossche die Finessen der Mitbestimmung weitgehend fremd sind. Ausgerechnet er übernahm im November neben seinem Job als CEO und Verkaufschef auch die Position des Arbeitsdirektors. Schon werden Wetten abgeschlossen, ob der freundliche Belgier in einem Jahr noch im Amt ist.

Zumal die Zahlen für das angelaufene Geschäftsjahr nicht berauschend sind. Die Umsätze mögen laut Van den Bossche im Weihnachtsquartal gestiegen sein - erkauft aber offenbar mit Rabatten. Jedermann konnte sich über Facebook  Rabattgutscheine in Höhe von 15 Prozent für fast das gesamte Sortiment ausdrucken - für einen City-Einzelhändler beinahe ein Offenbarungseid. Wann, wenn nicht in der Adventszeit, will er Gewinn machen? Die Erlöseinbußen drohen Kaufhof in der laufenden Rechnungsperiode ins Minus zu ziehen. 2014/15 war nur ein Ebit von 50 Millionen Euro erzielt worden - kaum mehr als die nun wirksamen Mieterhöhungen.

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