Fotostrecke

Bayern, BVB, Schalke: Die Kennzahlen der Bundesliga-Klubs

Foto: Getty Images

Fußballmanagement Die dunkle Seite der Bundesliga

Bilanzakrobatik, Vereinsmeierei, halbseidene Partner: Viele deutsche Profiklubs wirtschaften sich trotz des aktuellen Bundesliga-Booms ins Abseits - und werden zur leichten Beute.
Von Thomas Mersch, Stefan Merx und Christoph Neßhöver

Beim Trainingslager seiner Kicker in Abu Dhabi hatte auch Carl-Edgar Jarchow Selbstbewusstsein getankt. Den 2015 auslaufenden Millionenvertrag mit dem Vermarkter Sportfive, tönte der Vorstandschef des Hamburger Sport-Vereins Anfang des Jahres, werde er nicht verlängern. Wirbt der HSV seine Sponsoren selbst an, spart das schließlich die Provisionen.

Heute, kurz nach Start der neuen Bundesliga-Saison, ist von Scheidung keine Rede mehr. Anfang Juni hat Jarchow den Vertrag mit Sportfive vorzeitig bis 2020 verlängert. Der Vermarkter erlässt dem Klub dafür einen Kredit in Höhe von 12,4 Millionen Euro, der in zwei Jahren fällig gewesen wäre.

So weit ist es gekommen. 30 Jahre nach dem Gewinn des Europapokals der Landesmeister liegt das Wohl des Traditionsklubs in der Hand eines Rechtevermarkters. Zum dritten Mal in Folge wird der HSV wohl eine Saison mit Verlust beenden. Und von der Substanz leben, auch das läuft nicht mehr: Das Eigenkapital ist vollständig aufgezehrt.

Der HSV mag zurzeit der am schlechtesten geführte Erstligaklub im Lande sein. Doch auch für viele andere Vereine gilt: Wenn Pokale locken oder der Abstieg droht, bleibt die kaufmännische Tugend auf der Strecke. Und nicht nur die.

Tiki-Taka auf dem Platz, Tricki-Taka im Büro

Wirtschaftlich drohen immer mehr Klubs auf der dunklen Seite zu landen, wie die Kennzahlen der Bundesligaklubs zeigen. Weil viele Manager mehr in ihr kickendes Kapital investieren, als sie sich leisten können, umdribbeln sie die Insolvenzordnung und bandeln mit halbseidenen Partnern an. Tiki-Taka auf dem Platz, aber Tricki-Taka im Büro.

Die Folgen:

  • Schalke 04 wies 2012 ein negatives Eigenkapital von 75,7 Millionen Euro aus.
  • Die Borussia aus Mönchengladbach bräuchte fast sieben Jahre, um ihre Schulden aus dem Cashflow zu tilgen, die Hertha aus Berlin gar zehn. Ein Mittelständler gälte mit solchem Verschuldungsgrad als Pleitekandidat.
  • 1899 Hoffenheim gibt fast zwei Drittel des Umsatzes für Spielergehälter aus.
  • Und in der zweiten Liga kämpfen die Traditionsklubs 1. FC Köln, 1860 München und 1. FC Kaiserslautern nach Jahren des Missmanagements gegen den betriebswirtschaftlichen Offenbarungseid.

Wer sich selbst so schwächt, wird zur leichten Beute. So verhökern klamme Klubs ihr letztes Leibchen an Spielerberater, Vermarktungsagenturen und dubiose Tickethändler.

Und wenn gar nichts mehr geht, holen sich Klubmanager Bares beim heimlichen Zentralbanker der Liga: Schraubenkönig Reinhold Würth.

Solider als Spanien und Italien - doch auch hier spielen Vereine hohes Risiko

Der Umsatz der Bundesliga lag in der Saison 2011/12 erstmals über zwei Milliarden Euro. 14 der 18 Erstligisten erwirtschafteten ein positives Ergebnis nach Steuern, die Eigenkapitalquote lag im Schnitt bei 44,4 Prozent, meldet die Deutsche Fußball Liga (DFL), das Zentralorgan der Profivereine. Auch sei es den Erstligaklubs gelungen, insgesamt den "substanziellen" Gewinn von 55 Millionen Euro zu erzielen, frohlockte Reinhard Rauball, der der DFL und Borussia Dortmund  als Präsident dient.

Auch im internationalen Vergleich sieht sich die Bundesliga vorn. Ihre Erlösquellen sind ausgewogener als die englischer oder italienischer Klubs. Auch mit einer durchschnittlichen Gehaltsquote von 51 Prozent scheint hierzulande das gute Maß gewahrt. Das hat die Beratungsgesellschaft Deloitte in ihrer jährlichen Analyse der fünf großen europäischen Ligen ermittelt.

Der gefühlte Vorsprung der Bundesliga resultiert vor allem daraus, dass in Spanien oder Italien der Wahnwitz längst galaktische Ausmaße angenommen hat. Klubs wie Real Madrid und der FC Barcelona schieben Schuldenberge im dreistelligen Millionenbereich vor sich her.

Neue Regeln: Die Zeit der Bescheidenheit könnte schnell kommen

"Aber auch in der Bundesliga wird oft mit hohem Risiko gewirtschaftet", sagt Hannover-96-Boss Martin Kind, der aus einem Laden für Hörgeräte eine Kette mit mehr als 600 Filialen und 150 Millionen Euro Umsatz gemacht hat. "Wir sollten uns nicht für klüger als andere halten, ein bisschen Demut täte der Liga ganz gut."

Die Zeit der Bescheidenheit könnte schnell kommen, und sie wird erzwungen wie in der Bankenwelt nach der Finanzkrise: durch strengere Regeln.

DFL-Chef Christian Seifert plant, die Lizenzierung zu verschärfen. Europas Fußballboss, Uefa-Präsident Michel Platini, verlangt von Spitzenklubs, künftig nicht mehr Geld auszugeben, als sie im Kerngeschäft einnehmen. Und EU-Wettbewerbskommissar Joaquín Almunia schneidet die Profiklubs von einer beliebten Finanzquelle ab: der Steuerkasse.

All das reißt den Fußball heraus aus der Sonderwirtschaftszone und zwingt ihn hinein in die Realwirtschaft.

Die Professionalisierung stockt

Bei der Transparenz fängt es an. Klubs, die sich so gern öffentlich inszenieren, bilanzieren lieber im Geheimen. Viele Fußballfirmen lassen sich gar nicht in die Zahlen schauen. Kein Wunder: Marc Strauß vom Centrum für Bilanzierung und Prüfung an der Universität des Saarlandes hat die Bilanzen von zwölf aktuellen Erstligisten geprüft - und jede Menge Rot gesehen.

Die Professionalisierung im Ligamanagement stockt. "Etliche BundesligaKlubs haben den gewaltigen Sprung in ihrem Business nicht nachvollzogen, den der deutsche Fußball seit der Heim-WM 2006 wirtschaftlich und gesellschaftlich gemacht hat", sagt Christoph Schickhardt. Der Anwalt aus Ludwigsburg berät Profiklubs und gilt als Vertrauter von Bundestrainer Joachim Löw.

Das fängt schon mit der Rechtsform an. Noch immer firmieren Klubs mit dreistelligen Millionenumsätzen wie Schalke oder Hamburg als eingetragene Vereine. Dabei dürfen e.V.s nur als Nebenzweck unternehmerisch tätig sein.

Selbst der einzige börsennotierte deutsche Klub, Borussia Dortmund, fremdelt mit den Kapitalmarktregeln. Anno 2009 musste die schwarz-gelbe Fußballfirma ihre Bilanzen rückwirkend für drei Jahre korrigieren. 2004 hatte der damals äußerst klamme Verein 28 Millionen Euro, die er vom US-Sportartikler Nike  als "Signing Fee" für einen Ausrüstervertrag erhalten hatte, komplett als Ertrag im ersten Jahr gebucht und so die Gewinn-und-Verlust-Rechnung aufgehübscht.

Geht gar nicht, fanden die Bilanzpolizisten von der Deutschen Prüfstelle für Rechnungslegung: Das Handgeld müsse über die Laufzeit des Nike-Vertrags verteilt verbucht werden. An der Buchungspraxis in der Liga hat das Beispiel BVB jedoch wenig geändert. Oft wird bilanziell getrickst, dass sich die Torbalken biegen.

Schalke 04 als Meister komplexer Konzernstruktur

Da ist die Linke-Tasche-Rechte-Tasche-Finte. Logenvermarktung, Catering oder Merchandising werden in eigene GmbHs ausgegliedert und dann Verbindlichkeiten und Erträge zwischen Töchtern und Mutter hin- und hergeschoben, um die wahre Lage zu verschleiern. Als ein Meister komplexer Konzernstruktur gilt Schalke 04: Der Klub hat acht Sub-GmbHs laufen.

Dann gibt es die freihändige Bewertung des kickenden Kapitals. Finanzchefs wie Peter Peters von Schalke verweisen gern auf die stillen Reserven. Man habe die Spieler ja nur konservativ bilanziert. Aber ein Kreuzbandriss kann diese Reserven im Nu dezimieren.

Dritter Kniff ist das Vorziehen von Einnahmen. Der klamme 1. FC Köln ließ sich unter Präsident Wolfgang Overath zweimal die Einnahmen aus einem mehrjährigen Vertrag mit dem Vermarkter IMG auf einen Schlag auszahlen. Diese zwölf Millionen Euro hätte Overaths Nachfolger, Ex-Bayer-Vorstand Werner Spinner, heute gern, um den hoch verschuldeten Klub zurück in die 1. Liga zu führen.

Einnahmen vorziehen: Modell St. Pauli und VfL Osnabrück

Auf den Gipfel treiben die Methode der FC St. Pauli und der VfL Osnabrück. Sie verkauften einen Teil ihrer Dauerkarten gleich für das ganze Fanleben - gegen eine satte Einmalzahlung, die sofort die Finanznot lindert. "Einem Unternehmen, das künftig erwirtschaftete Einnahmen vorzieht, steht in der Regel das Wasser bis zum Hals", sagt Christian Weber, der in seiner Dissertation an der Universität Münster die Bilanzen der Profiklubs geflöht hat.

Die buchhalterische Kreativität in der Liga hat solche Ausmaße angenommen, dass manche Klubchefs gar das Finanzamt zu Hilfe rufen: Er wünsche sich mehr Betriebsprüfungen, um die Grundsätze ordentlicher Buchführung in Erinnerung zu rufen, sagt der Boss eines renommierten Bundesligisten.

Nirgendwo sonst in der Wirtschaft ist die Versuchung größer, die ökonomische Ratio einem heißen Herzen zu opfern. König Fußball kürt auch Klubchefs zu Königen. Wie mittelalterliche Gutsherren dürfen sie ihre Wappen auf dem Wams tragen, haben Hymnen wie Nationalstaaten und Museen mit Preziosen aus glorreicher Vergangenheit. "Die emotionale Rendite ist super", schwärmt etwa Ex-EnBW-Chef Utz Claassen, der 20 Prozent am spanischen Zweitligisten RCD Mallorca sein Eigen nennt. Ende der 90er Jahre versuchte der Manager sein Glück mal als Präsident von Hannover 96.

Testfall für die Vernunft

Die Versuchung zu zocken wird durch das erfolgreichste Fußballprodukt der Welt angefacht, die Champions League. Mehr als 900 Millionen Euro schüttet die Uefa an die 32 Klubs der Siegerliga aus. Was für die wenigen Privilegierten wie Bayern München und Borussia Dortmund ein Segen ist, kann für andere zum Fluch werden. Wollen sie mit dem Duopol mithalten, um mitzukassieren, überstrecken sie sich finanziell: immer teurere Spieler, immer höhere Kosten.

Ein Klub wie der VfB Stuttgart, der sich 2009 einmal für die Liga der Großen qualifizierte, saß danach auf den enormen Fixkosten eines teuren Kaders ohne entsprechende Einnahmen und stürzte sportlich und wirtschaftlich ab.

Immerhin: Ab der neuen Saison steigen die Erträge der Bundesliga aus den TV-Rechten dank eines neuen Vertrags um mehr als 50 Prozent: 2,5 Milliarden Euro fließen bis 2017 für bewegte Bilder an die deutschen Klubs.

Für Heribert Bruchhagen sind die frischen TV-Millionen aber auch ein Testfall für die wirtschaftliche Vernunft: "Verantwortlich wäre es, mit einem Teil der zusätzlichen TV-Gelder das Eigenkapital zu stärken, anstatt es in immer teurere Transfers und höhere Spielergehälter zu stecken", sagt der Vorstandschef der Eintracht Frankfurt AG. Seine gequälte Miene verrät: Ihm fehlt der Glaube.

Wolfgang Holzhäuser ist seit über 30 Jahren im Fußballgeschäft. Der Geschäftsführer von Bayer 04 Leverkusen diente auch schon als DFB-Liga-Sekretär und DFL-Präsident. In seinem Büro in der BayArena hat er eine lauschige Jazzecke eingerichtet, vom Schreibtisch geht der Blick des Betriebswirts direkt aufs Spielfeld. 90 Minuten Match bedeuten für den Manager Leiden. Denn das Drama da unten - Fehlpässe, versemmelte Hundertprozenter, blinde Schiris - poppt später als Zahl auf einem seiner Apple-Rechner wieder auf. In Euro und Cent.

"Umsatzschwankungen wie im Fußball sind betriebswirtschaftlich kaum beherrschbar", sagt Holzhäuser. Wenige Wochen vor Ende der Saison entscheidet sich für ihn, ob er für die nächste Saison mit einem Umsatz von 90 oder 130 Millionen Euro planen kann. Alles hängt davon ab, ob sich sein Klub für die Champions League qualifiziert oder nicht. Ein Pfostentreffer, und alles ändert sich.

Insolvenz vermeiden - bei maximalem sportlichen Erfolg

25 Millionen Euro im Jahr überweist die Bayer AG  ihrer Fußballtochter, deren Geschäfte Holzhäuser seit 1998 führt. Wie kein zweiter Bundesliga-Manager muss er sich der Businesskultur eines Dax-Konzerns stellen.

Holzhäuser regelt die Dinge gern ordentlich. Den Werbewert seines Teams lässt er gleich von zwei Agenturen errechnen, den Durchschnitt meldet er dann dem Konzernmarketing. Den Bilanzwert seiner Spieler ermitteln die Wirtschaftsprüfer von KPMG, um jede Stille-Reserven-Akrobatik zu verhindern.

Dax-Regeln hin oder her: Beruflich bleibt Fußballer Holzhäuser Kunstturner, permanent im Spagat: "Ziel eines Klubmanagers ist es eigentlich ständig, eine Insolvenz zu vermeiden - bei maximalem sportlichen Erfolg."

Dieses Denken bestimmt bisher die Spielregeln. Hauptsache, keinem Klub geht mitten in der Saison das Geld aus. Sonst ist fast alles erlaubt. Nach dieser Maxime haben sich die 36 Profiklubs der ersten beiden Ligen ihr Grundgesetz geschnitzt - die Lizenzierungsordnung.

Die Liga-Logik: Schuldenbremsen gelten nur für andere

So detailliert das Werk an anderer Stelle ist - mindestens 30 Zentimeter hoch müssen etwa die Rückenlehnen aller Sitzplätze im Stadion sein, zudem "anatomisch geformt und unverrückbar befestigt" -, das Eigenkapital spielt für die Lizenzerteilung nur eine untergeordnete Rolle. Prasser wie Schalke 04 oder den HSV lässt die Liga gewähren, solange sie glaubhaft machen, irgendwoher genug frisches Geld beschaffen zu können.

Stichtag ist stets der 30. Juni. Fehlt es einem Klub an Barem, wird im GmbH-Gewirr umgebucht, und Lieferanten werden auf das nächste Jahr vertröstet. Cash is king. Man kennt sich, man winkt sich gegenseitig durch. Die Liga-Logik: Wir sind ja nicht das Finanzamt. Schuldenbremsen gelten nur für andere. So kann es nicht weitergehen, findet Holzhäuser: "Es nützt nichts, wenn sich ein Klub jedes Jahr Liquidität beschafft, parallel aber seine Schulden immer weiter steigen." Schließlich sei auch Überschuldung ein Insolvenzgrund.

Die DFL hat verstanden. Sie will die Bücher der Ballsportvereine endlich kritischer prüfen. Der Dienstleister muss auch mal den Spielverderber geben, der Businessvernunft zuliebe. Ab März 2014 will DFL-Chef Seifert Konzernabschlüsse zur Grundlage der Lizenzierung machen. "Das ist der richtige Ansatz", lobt BVB-Boss Hans-Joachim Watzke. "So kann bald kein Klub mehr toxische Assets in Tochterfirmen verstecken."

Neue Regeln aus Brüssel

Vorbild der DFL ist das Financial Fair Play der Uefa: Konzernbilanzen prüfen - und nur noch ausgeben, was man auch einnimmt. Theoretisch klingt das gut.

In der Praxis werkeln Klubs derweil an neuen Tricks. Werden etwa Zuwendungen als Sponsorengeld deklariert, sind sie nach der Break-even-Vorschrift der Uefa zulässig. So hat Etihad Airways bei Manchester City 460 Millionen Euro für Sponsoring und den Etihad Campus hingelegt. Die Airline wird vom Halbbruder des City-Eigners Scheich Mansour bin Zayed Al Nahyan geführt.

Entscheidende Frage für die Uefa: Wo liegt der Marktwert eines Sponsorings? Also der Fair Value, den auch ein Dritter zu zahlen bereit wäre. Nur den darf der Klub im Uefa-Verfahren ansetzen.

Beispiel Volkswagen : Konzernchef Martin Winterkorn muss sich bald fragen lassen, ob er seine hundertprozentige Fußballtochter VfL Wolfsburg nicht zu kräftig alimentiert.

Was die Uefa dagegen sagen wolle, fragt Investor Kind. Die Bewertung eines Sponsorenvertrags könne "ausschließlich bei den Vertragspartnern liegen". Im Zweifel trifft man sich vor Gericht.

Mit DFL und Uefa kennen sich die Klubs aus. Einen Dritten haben die meisten Klubs hingegen noch gar nicht auf der Rechnung, die EU-Kommission. Die schickt sich an, ihnen den Zugang zu einer besonders praktischen Geldquelle zu versagen: der Steuerkasse.

Streit um Beihilfen aus der Steuerkasse

Ende 2012 hat die EU-Wettbewerbsbehörde alle Mitgliedsländer um Stellungnahmen gebeten, wie es mit öffentlichen Beihilfen im Profifußball aussieht. Vor Kurzem hat sie Prüfverfahren gegen fünf niederländische Klubs eröffnet. Mit diversen Deals hatten Kommunen ihre Klubs finanziell gestützt. Eindhoven etwa kaufte dem PSV für 48,4 Millionen Euro ein Grundstück ab und vermietet es günstig wieder an ihn zurück.

Die Deutschen fühlen sich sicher. Dass keine Bundesligaklubs von den Ermittlungen betroffen seien, belege, dass die Ehrenerklärung der Bundesregierung die Wettbewerbshüter überzeugt habe, heißt es in EU-Diplomatenkreisen.

Wolfgang Kreuzer hält das für naiv. Die EU-Wettbewerbsbehörde sei "ein schlafender Riese", den die Profiklubs "nicht unterschätzen dürfen", sagt der Nürnberger Anwalt, der auf diesem Gebiet Klubs berät. Bis zu zehn Jahre zurück kann die EU prüfen und die Rückzahlung von Subventionen fordern.

Zu finden geben dürfte es so einiges. Schalke 04 verkaufte einst Anteile an seinem Stadion an eine Tochterfirma der Stadt Gelsenkirchen und holte sich so 15 Millionen Euro frisches Geld. Liga-Krösus Bayern München ließ sich Erschließung und Anbindung der Allianz-Arena vom Staat mitbezahlen, kam damit aber bisher in Brüssel durch.

Die Geschäftsgrundlage der Bundesliga schnurrt zusammen. Die rustikale Businesskultur wichtiger Geschäftspartner dehnt sich eher noch aus.

Da sind einmal die Spielerberater. Diese Fußball-Headhunter optimieren die Karrieren ihrer Kicker und ihr eigenes Einkommen. Berater sind große Ich-AGs, die viele kleine Ich-AGs vermarkten.

Fall Lewandowski: Die Klubs machen es Beratern oft zu leicht

Üblicherweise bemisst sich die Provision des Beraters allein am Jahresgehalt des Spielers. Rund 10 Prozent sind gängig. Nun jammern viele Klubchefs nicht nur, dass manche Berater 30 Prozent mehr verlangten. Auch an Transfererlösen beim Weiterverkauf ihrer Spieler wollten diese nun beteiligt werden.

Wie rau die Sitten geworden sind, zeigt der Fall Robert Lewandowski. Bis 2014 ist der Stürmer an Borussia Dortmund gebunden. Sein Berater Cezary Kucharski, Abgeordneter im polnischen Parlament, wollte ihn aber zu Bayern München lotsen. Und behauptete kess, der BVB habe seinem Klienten längst einen Wechsel zugesagt. Was Klubboss Watzke wütend dementierte.

Klar: Einer von beiden hat gelogen. Aber winkt das große Geld, sind Verträge nicht mehr viel wert. Denn bei einem neuen Klub verdient nicht nur Lewandowski mehr, sondern auch sein Berater.

Viele Klubvertreter brandmarken Berater als Buhmänner. Aber die Klubs machen es den Agenten auch leicht. Standardverträge, etwa für Transfers, gibt es nicht. Auch zu einer Clearing-Stelle, die etwa in Englands Premier League alle Deals prüft, hat sich die Bundesliga noch nicht entschließen können.

Also boomt das Berater-Business. Über 70 Millionen Euro an Provisionen kassierten sie zuletzt hierzulande im Jahr, schätzen Branchenkenner.

Dennoch hat Gregor Reiter kein Verständnis für die Klubbosse. "Ein Spielerberater ist kein Bankräuber, der mit vorgehaltener Waffe kommt und Geld verlangt", sagt der Geschäftsführer der Deutschen Fußballspieler-Vermittler Vereinigung (DFVV). Niemand werde gezwungen, mit Beratern zu sprechen. Aber im Zweifel bleibt eben die wirtschaftliche Ratio meist auf der Strecke. "Wenn ein Verein bei einem Transfer 20 Prozent Provision bezahlt, dann sagt er damit doch auch: Das ist es mir wert, auch um zu verhindern, dass der Spieler beim Konkurrenzklub anfängt", sagt Reiter.

Methoden wie im Rotlichtbezirk

Allzu oft sind die Klubs ihren geschäftlichen Partnern unterlegen. Zum Beispiel den Vermarktern wie Sportfive, Infront oder IMG. Die besorgen Sponsoren für Banden oder Kunden für Businesssitze. Dafür stellen sie den Klubs 15 bis 20 Prozent Provision in Rechnung.

Doch die lockt längst nicht nur der bequeme Rundumservice. Die Vermarkter versüßen einem Klub den Vertragsabschluss mit millionenschweren "Signing Fees". Je klammer der Klub, desto lieber greift er zu - siehe 1. FC Köln, siehe HSV.

Nummer eins in Deutschland ist die Agentur Sportfive, die zur französischen Lagardère-Gruppe gehört. Neben dem HSV hat Sportfive noch acht Bundesligisten unter Vertrag, darunter auch Borussia Dortmund.

"Wir haben Vorteile, die kein anderer Vermarkter hat", sagt Deutschland-Chef Philipp Hasenbein. Er verweist auf eine Vertriebsdatenbank mit über 120.000 Kontakten. 85 Sportfive-Verkäufer lässt er ausschwärmen. "Da muss viel zusammenkommen, damit einer sagen kann: Das können wir besser machen."

Mag sein. Aber auch der Cash-Durst der Bundesliga öffnet manche Tür.

Und selbst mit eher zwielichtigen Partnern wie der Internetticketbörse Viagogo paktieren die Klubs, um einen schnellen Euro zu machen.

Viagogo organisiert den Weiterverkauf von Eintrittskarten. Weil die Londoner Firma 25 Prozent vom Verkaufspreis als Gebühr berechnet, hat sie ein großes Interesse daran, die Preise möglichst in die Höhe zu treiben. Beim Champions-League-Finale im Mai schnellten die Börsenpreise für einen VIP-Sitz bis auf 31.427 Euro in die Höhe.

Viagogo lockt mit Bargeld

Abgewickelt werden die Viagogo-Deals auch mal in Hotelzimmern in Stadionnähe, so etwa beim letzten Saisonspiel des erklärten Viagogo-Gegners Dortmund. Dort bekamen Kunden die erstandenen BVB-Karten von angetrunkenen Minijobbern ausgehändigt, begleitet von willkürlichen Strafandrohungen. Eine Businesskultur à la Rotlichtbezirk, Teile der Liga verdienen mit.

Eigentlich klagen die Klubs seit Jahren über den Schwarzmarkt. Aber Viagogo lockt mit Barem, um sein Geschäft durch Verträge mit den Klubs zu legitimieren. "Viagogo wollte sofort 250.000 Euro zahlen bei Unterschrift", erzählt Frankfurts Boss Bruchhagen. "Ich habe es in 30 Sekunden weggewischt. Aber wer weiß, was ich gemacht hätte, wenn ich das Geld gebraucht hätte?"

Acht andere Bundesligisten nahmen das Geld, auch der hoch verschuldete FC Schalke 04. Lange inszenierte sich der Klub als erbitterter Gegner des Schwarzmarkts, nun legitimierte er den Graumarkt. Dafür sollte der Klub für drei Jahre 3,6 Millionen Euro kassieren. Aber die Fans gingen bei der Mitgliederversammlung im Juni gegen die Preistreiberei auf die Barrikaden. Neun Tage nach Inkrafttreten der Vertrags kündigte Klubboss Clemens Tönnies Viagogo - fristlos.

Ihm war wohl klar geworden, was andere Manager längst kapiert hatten: Mit Viagogo als Partner fördert die Liga den Sittenverfall. Die sozialverträglich gesetzte Preisstruktur, ein Grund für volle Stadien hierzulande, wird verscherbelt.

Und wenn alle Handgelder vereinnahmt, alle Bilanztricks erschöpft sind und auch die Fans über Anleihen ihrem Lieblingsverein das Ersparte anvertraut haben, weiß jeder Klubmanager, dass er immer noch eine Chance hat: Er kann in Friedrichshafen anrufen.

Reinhold Würth, der heimliche Zentralbanker

Dort sitzt das Internationale Bankhaus Bodensee (IBB). Die Minibank mit 1,2 Milliarden Euro Bilanzsumme gibt Fußballfirmen auch dann noch Kredit, wenn es sonst kaum einer mehr tut.

Wenn der Lizenzierungsausschuss der DFL die Zahlenwerke der Problemklubs studiert, finden die Prüfer dort oft den Namen IBB. Der ist kaum ein Fußballdeal zu heikel. Transferrechte, Zuschauereinnahmen, Sponsorengelder: Die IBB akzeptiere fast alles als Sicherheiten von den Klubs. Fast die Hälfte der Erst- und Zweitligavereine soll zu ihren Kunden zählen.

Rege nachgefragt wird etwa das Angebot der Bank, Transfersummen teilweise vorzufinanzieren. So kann ein Klub kurzfristig die Liquidität schonen.

Mehrheitseigentümer Reinhold Würth

Nicht selten ist die Bodenseebank bei Vereinen an Bord, die jeden Cent brauchen. So war es 2011 bei 1860 München, so war es bei der insolventen Alemannia aus Aachen. Und so war es vor zehn Jahren in Dortmund, als der BVB an der Insolvenz vorbeischrammte.

Im Fußball sei die IBB "in Deutschland Marktführer", brüstete sich Vorstand Klaus Gallist bei der Bilanzpressekonferenz im vergangenen Jahr. Sogar bei ausländischen Champions-League-Teilnehmern finanziere die IBB Spielertransfers.

Ihr Risiko lässt sich die IBB natürlich ordentlich bezahlen. Stolze 19,8 Prozent betrug zuletzt die Eigenkapitalrendite vor Steuern. Das dürfte den Mehrheitseigentümer freuen. Der heißt Reinhold Würth. Seit 2006 gehören dem Schraubenkönig aus Künzelsau 90 Prozent der IBB.

Was EZB-Chef Mario Draghi für Südeuropas Pleitestaaten ist, ist Würth für darbende Bundesliga-Klubs: die letzte Hoffnung auf frisches Geld.

Ein Klubmanager sagt, halb anerkennend, halb neidisch: "Wenigstens für den Würth ist die Bundesliga ein glänzendes Geschäft."

Übersicht: Die Kennzahlen der Bundesligaklubs

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.