Montag, 14. Oktober 2019

Moderne Mitarbeiterführung Management by Fernsteuerung

Freiheit, Agilität, Vertrauen: Drei Beispiele für neues Denken
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3. Teil: Vertrauen statt Kontrolle

Schritt eins sei der Schwerste, sagt die international erfahrene Wirtschaftspsychologin. Der Abschied vom Kontrolldenken verlange von Topleuten eine "gewisse menschliche Größe". Sie müssten die Überzeugung ablegen, "alles am besten zu wissen und zu können".

Wer kooperativ führt, kann nicht einfach wie früher Vorgaben definieren und Ergebnisse kontrollieren; er muss den Sinn einer Aufgabe vermitteln. Im Idealfall erarbeitet man die Ziele gemeinsam und gleichberechtigt, was auch den Teamgeist verstärkt. Dem Chef obliegt es dann, die Ideenfindung zu kanalisieren und den Entscheidungsprozess zu moderieren.

Kein leichtes Unterfangen für einen Manager alter Schule. Einer, der die Tücken des Führens aus der Ferne ausgiebig kennengelernt hat, ist Stefan Engel.

Der Deutschland-Chef von Lenovo Börsen-Chart zeigen sitzt im Obergeschoss seines Reihenhauses am Stadtrand von Hamburg. Als er den Job bei dem Computerbauer vor knapp fünf Jahren antrat, wollte er auf keinen Fall in die Stuttgarter Zentrale wechseln. Er hat sich lieber ein Büro zwischen Schlafzimmer und Bad eingerichtet. Von hier aus leitet er mit Laptop und Smartphone seine mehr als 400 Mitarbeiter, die verteilt sind auf die Standorte Stuttgart, Essen, Wien und Zürich sowie auf osteuropäische Städte.

Wie Engel verbringen auch viele seiner Vertriebsleute, Servicetechniker und Berater einen Großteil ihrer Arbeitszeit auf Reisen, bei Kunden oder zu Hause. Seine Marketingkollegin Maya Panconcelli arbeitet im Sommer sogar manchmal aus dem Ferienhaus ihrer Familie in der Basilikata. Getreu Engels Motto: "Strom und WLAN sind die einzigen Voraussetzungen für einen guten Job."

Kontrolle aus der Ferne funktioniert nicht

Kontrollieren kann Engel von daheim aus niemanden. "Damit würde ich mich ja selbst fertigmachen", sagt er. Wie gut es laufe, muss er beim Chatten und Telefonieren mit seinen Mitarbeitern heraushören. Je enger der Kontakt, desto einfacher ist das. Engel: "Ich merke schon an der Stimme, wenn etwas im Argen liegt."

Das dazu nötige Vertrauen und die Sozialkompetenz habe er sich mühsam antrainieren müssen. "Sensibilität zu entwickeln ist mir altem Raubein echt schwergefallen." Geholfen hat, dass er mit seinen Kollegen zwischendurch auch immer mal ein persönliches Gespräch am Telefon führt.

Neben Feingefühl gehören das akribische Vorbereiten von Meetings sowie das Anwenden moderner Moderationstechniken zum Instrumentenkasten einer gelungenen und effizienten Fernsteuerung. Die Abläufe festlegen, die richtigen Leute für eine Aufgabe identifizieren und das Team einschwören - diese Fähigkeiten sollte ohnehin jeder Chef draufhaben.

Ganz wichtig sind beim Führen virtueller Teams regelmäßige Feedbackrunden, um Missverständnissen vorzubeugen. Neue Ideen hingegen lassen sich fast einfacher generieren als am physischen Konferenztisch. Am elektronischen Whiteboard können die Teammitglieder leichter als am traditionellen Flipchart eigene Gedanken einbringen, können zeichnen, schreiben, Bilder oder Charts einfügen. Per Onlineabstimmung ist der Moderator stets in der Lage, ein schnelles Meinungsbild einzuholen.

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