Achten Sie auf: Friedrich von Metzler "Wir überstürzen zu viel"

Privatbankier Friedrich von Metzler über echten und vermeintlichen Wandel - und seine große Leidenschaft.
Ein Herz für die Naturforscher: Friedrich Metzler mit Tochter Elena

Ein Herz für die Naturforscher: Friedrich Metzler mit Tochter Elena

Foto: Getty Images

Bislang kannte man Friedrich von Metzler (75) vor allem als Bankier und Kunstmäzen. Jetzt interessiert er sich mehr und mehr für die Naturforschung. Wir treffen ihn im Senckenberg-Museum in Frankfurt zwischen Dinosaurierskeletten, ausgestopften Tieren und Versteinerungen. Hier war er schon als Kind oft, der Name seiner Familie ist in die Sandsteinplatte mit den Stiftungsgründern eingemeißelt. Leise Stimme, sehr gerade Haltung, verbindliche Art - man merkt sie ihm an, die Herkunft aus alter Familie. Aber das hat ihn nie daran gehindert, sich findig einzusetzen für Menschen und Dinge, die ihm am Herzen liegen.

manager magazin: Brexit, Handelskriege, Flüchtlingskrise, Polkappenschmelze, Bienensterben - geht die Welt langsam unter?

Friedrich von Metzler: Wenn ich mir die Geschichte ansehe, bin ich froh, dass ich heute lebe. Die Welt ist überschaubarer und friedlicher als zur Zeit meiner Eltern - trotz der ganzen Konflikte und der Populisten weltweit.

Und einem gigantischen Ressourcenverbrauch, der in einen immer dramatischeren Klimawandel mündet. Es gibt ernst zu nehmende Szenarien, dass es in New York schon Ende dieses Jahrhunderts so heiß sein wird wie in Bahrain und dass Miami im Meer versinken wird. Bereitet Ihnen das keine Sorgen?

Jeder, der in den Nachrichten die wachsende Zahl von Naturkatastrophen verfolgt, macht sich Sorgen. Andererseits sind solche Entwicklungen erdgeschichtlich nicht völlig anormal. Die Eiszeit, die Tatsache, dass die Sahara mal Roms Kornkammer war - es gab schon diverse Klimabrüche, die sogar zu einem kompletten Neustart des Ökosystems geführt haben. Allerdings scheint diesmal der Mensch eine größere Rolle in dem Prozess zu spielen.

Haben Sie deshalb Ihre Liebe für die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung entdeckt?

Die habe ich nicht jetzt erst entdeckt. Meine Familie hat die Gesellschaft vor 200 Jahren mitgegründet, ich bin seit Langem im Kuratorium. Leider wird in der Öffentlichkeit das Engagement für die Kunst mehr wahrgenommen. Naturwissenschaftliche Themen haben noch nicht den Stellenwert, aber das ändert sich gerade.

Wird Klimaschutz im Hause Metzler jetzt wichtiger?

Ich zumindest habe mich in den vergangenen Jahren mehr damit beschäftigt. Wir unterschätzen, was wir der Umwelt antun: Wenn man Tauchroboter in 10.000 Meter Tiefe schickt, wo noch keiner gewesen ist, entdeckt man unbekannte Tiere - und Plastik. Der Mensch ist überall, selbst wenn er es gar nicht weiß.

Der amerikanische Präsident Donald Trump tut so, als gäbe es die Erderwärmung gar nicht. Wie wütend macht Sie das?

Ich neige grundsätzlich nicht dazu, wütend zu werden, und sehe das eher nüchtern. Erscheinungen wie Trump gehen vorüber, wenn die rechtsstaatlichen Institutionen funktionieren. Wir können das also verkraften. Schlimmer ist der Grund seiner Wahl, die Zerrissenheit der US-Gesellschaft. Und dass so viele ernst zu nehmende Leute trotz allem seine Nähe suchen. Das hat mich sehr negativ überrascht.

Tatsächlich hat aber auch Berlin bisher bei seinen Klimazielen versagt. Müssen jetzt die Bürger die Welt retten?

Wer sonst! Es liegt doch ohnehin alles in unseren Händen. Wir Frankfurter hatten es ja noch nie so mit der Obrigkeit, hier läuft vieles privat, und das mit großem Erfolg. Ich ziehe seit Jahrzehnten durch die Stadt und erkläre den Leuten, dass wir mit Senckenberg die fünftgrößte naturwissenschaftliche Forschungsgesellschaft weltweit haben. Wir spielen da in einer Liga mit dem American Museum of Natural History. Und eine Zoologische Gesellschaft haben wir auch noch, die gibt es in dieser Form sonst nur in New York und London. Und die Kreditanstalt für Wiederaufbau ist einer der größten Finanziers von Naturreservaten auf der Erde. Die meisten Frankfurter wissen das alles überhaupt nicht.

Und wie entrinnen wir nun der Bedrohung durch CO ?

Erstaunlicherweise ist das Gros der westlichen Welt sich ja einig, dass etwas gegen den Klimawandel unternommen werden muss. Dass uns bewusster wird, anders leben zu müssen. Gerade für ein Autoland wie Deutschland ist das bemerkenswert.

Das Bewusstsein vieler Autokonzerne hörte am Prüfstand auf.

Deswegen sollten wir nun aber nicht alles auf die Karte Elektromobilität setzen. Bisher kann doch keiner abschätzen, wie das die Umwelt tatsächlich be- oder entlastet. Batterien sind weder in der Herstellung noch in der Entsorgung wirklich nachhaltig; das Recycling muss erst organisiert werden. Solche Schnellschüsse können auch richtig viel Schaden anrichten; von den Hunderttausenden Maschinenbauingenieuren, die beschäftigt werden wollen, mal ganz abgesehen.

Radikale Lösungen

Ohne Veränderungswille keine Innovation.

Mag sein, aber der energiepolitische Aktionismus nach dem Reaktorunfall in Fukushima hat das Gegenteil von dem bewirkt, was man erreichen wollte. Der Ausstieg aus der Atomenergie von heute auf morgen hat zu hohen Stromkosten geführt, was die Energiewende eher erschwert. Wir überstürzen zu viel.

Radikale Lösungen wie Geoengineering, bei dem der Mensch Gott spielt und den Planeten praktisch in ein weißes Tuch hüllt, damit die Sonnenstrahlen reflektiert werden, halten Sie dann wahrscheinlich ebenfalls für Humbug?

Nein, da bin ich durchaus offen. Ohne radikale Lösungen kriegen wir das Problem nicht in den Griff.

Friedrich von Metzler

Wir hätten vermutet, Sie als Banker würden das Thema lieber über finanzielle Anreize regeln.

Da sind wir ja schon sehr weit. Das Assetmanagement in unserem Haus hat seinen Investitionsprozess in den vergangenen Jahren komplett auf Nachhaltigkeit umgestellt. Das ist kein Feigenblatt mehr. Die institutionellen Investoren achten inzwischen sehr darauf, ob CEOs nach ökologischen und sozialen Prinzipien handeln. Wenn nicht, werden sie abgestraft.

Der Markt funktioniert?

Ja, schauen Sie doch mal nach China.

Nirgendwo auf der Welt leidet die Umwelt mehr unter dem Dreck.

Genau das haben die Chinesen begriffen, und nun steuern sie konsequent dagegen. Dabei überspringen sie etablierte Technologien zum Teil einfach und bringen sich direkt auf den neuesten Stand. Vor 20 Jahren war der Umweltschutz in China kein Thema, heute ist er zu einem zentralen Baustein des Geschäftsmodells geworden.

Wie sieht denn der Beitrag zum Klimaschutz bei Metzler aus? Haben Sie Sonnenkollektoren auf dem Dach?

Zu Hause nicht, aber unser neues Bankhaus ist ökoeffizient gebaut. In fünf Jahren, wenn sich die Umwelttechnik weiterentwickelt hat, werden wir wieder nachrüsten müssen. So ist das eben.

Die Senckenberg Gesellschaft gilt mit einem Millionenetat als gut ausgestattet. Wie abhängig ist sie von Ihren Spenden?

Wir spenden regelmäßig. Aber viel entscheidender ist, dass wir seit 200 Jahren das Kapital der Gesellschaft verwalten. Zweimal in der deutschen Geschichte war das Geld nichts mehr wert: Die Frankfurter Universität zum Beispiel verlor alles, genauso wie viele Privatanleger, weil sie auf vermeintlich sichere Staatsanleihen gesetzt hatten. Bei Senckenberg ist ein großer Teil des Vermögens noch vorhanden. Wir Metzlers hatten einen guten Teil in einem breit gestreuten Aktienportfolio angelegt.

Viele Reiche haben zuletzt ihre Liebe zu Afrika entdeckt und reisen ständig dorthin, um sich für den Tier- und Naturschutz zu engagieren. Tun Sie das auch?

Ich bin Frankfurter und am liebsten daheim. Sie sehen ja, was hier noch alles zu tun ist. Da kann ich doch unmöglich wegfahren!

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