Googles Chef-Innovator über Firmenkultur "Mit einem Fußballkicker ist es nicht getan"

Der Deutsche Frederik Pferdt ist beim kalifornischen Wissensgiganten Google für die Innovationen zuständig. Und die lassen sich über die Umgebung steuern, sagt er.
Frederik Pferdt: Der promovierte Wirtschaftspädagoge vom Bodensee ist Chief Innovation Evangelist bei Google, lehrt in Stanford und berät UN-Institutionen in Genf. Der Vater von drei kleinen Kindern bewundert deren Neugier und Vorstellungskraft.

Frederik Pferdt: Der promovierte Wirtschaftspädagoge vom Bodensee ist Chief Innovation Evangelist bei Google, lehrt in Stanford und berät UN-Institutionen in Genf. Der Vater von drei kleinen Kindern bewundert deren Neugier und Vorstellungskraft.

Foto: Corbis via Getty Images

Die folgende Geschichte stammt aus der Ausgabe 10/2016 des manager magazins, die Ende September erschien. Wir veröffentlichen sie hier als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.

mm: Herr Pferdt, Sie nennen sich Chief Innovation Evangelist. Braucht Google (Kurswerte anzeigen) einen neuen Messias?

Frederik Pferdt: Mein Job ist, sicherzustellen, dass unsere Mitarbeiter Selbstvertrauen in ihre Kreativität finden, dass sie diese Kreativität ausleben und zugleich auch ihre Innovationsfähigkeit und ihren Erfindergeist nutzen, um neue Ideen auch in die Realität umzusetzen.

mm: Wie können Sie den Kollegen dabei helfen?

Pferdt: In unserem Unternehmensalltag versuchen wir, eine Kultur zu schaffen, in der Menschen glücklich sind und sich wohlfühlen.

mm: Glück ist ein großer Anspruch.

Pferdt: Absolut. Und auch ein sehr großes Ziel. Aber wir wollen unseren Leuten tatsächlich eine Umgebung bieten, in der sie sich glücklich fühlen, an etwas zu arbeiten, das Bedeutung hat, für sie selbst und den Rest der Welt. Innovation kann nicht verordnet werden, man muss sie gestalten. Und dazu bedarf es zuallererst der psychologischen Sicherheit.

mm: Psychologische Sicherheit bezogen worauf?

Pferdt: Jeder muss auch Fehler machen dürfen, ohne gleich seinen Job, seine Beförderung zu riskieren. Um neue Dinge auszuprobieren, muss man sich sicher fühlen, darf keine Angst haben, seine Meinung einzubringen. Genau das unterscheidet ein produktives, innovatives Team von einem nicht produktiven.

mm: Und dieses Gefühl lässt sich nur durch eine bestimmte Umgebung vermitteln?

Pferdt: Ja, Google etwa steht für Offenheit, Transparenz und optimistisches, spielerisches Denken. Und dazu bedarf es der entsprechenden physischen Umgebung. Mit einer Tischtennisplatte und einem Fußballkicker ist es nicht getan.

mm: Wie muss ein solches Anreizsystem denn gestaltet sein?

Pferdt: Bei Google haben wir beispielsweise ein Programm, das nennt sich Peer-Bonus-System. Jeder Mitarbeiter kann einem Kollegen einen Bonus von 100 Euro geben, wenn dieser Kollege mit seinen spezifischen Fertigkeiten dabei geholfen hat, eine Idee umzusetzen oder ein Projekt durchzuführen. Wir haben schnell gelernt, dass es gar nicht so sehr das Geld ist, das die Leute motiviert, sondern die Tatsache, dass sich diese Hilfe herumspricht und Kollaboration anerkannt wird.

mm: Dennoch steht am Anfang immer die Idee. Wie schaffen Sie es, im Alltag die Kreativität lebendig zu halten?

Pferdt: Keine Monotonie einkehren lassen! Wenn man immer an denselben Ort zurückkehrt, immer mit denselben Menschen spricht, bleiben auch die Denkweisen und Ideen immer dieselben. Andere Dinge tun, andere Orte besuchen, mit anderen Menschen sprechen, aus der Routine ausbrechen - das erzeugt Neues.

mm: Worauf haben Sie denn bei dem Campus der Google-Zentrale in Mountain View am meisten geachtet?

Pferdt: Die physische Umgebung ist die Körpersprache eines Unternehmens. Die kann geschlossen, zurückhaltend und risikoscheu sein. Oder offen, einladend und optimistisch. Die Umgebung verkörpert die Werte, für die eine Firma steht.

mm: Und wie manifestiert sich das nun konkret bei Google?

Pferdt: Ich habe mein eigenes Experiment vor drei Jahren gestartet, mit "The Garage" in Mountain View, eine Umgebung, die einlädt zum Experimentieren und zum Entwickeln von Prototypen. The Garage ist unfertig und verändert sich ständig, sie ist flexibel und bietet unterschiedliche Materialien für Experimente.

mm: Und jeder hat Zugang?

Pferdt: Ja, 24 Stunden, sieben Tage die Woche. Es gibt keine Restriktionen, man kann dort machen, was man möchte.

"Leidenschaft für die Arbeit erzeugt man nicht durch Präsenzpflicht"

mm: Mischen Sie dort kleine mit größeren Räumen, oder ist alles ein großes Labor?

Pferdt: The Garage ist ein Mix, nur wenn persönliche Nähe entsteht, fließen auch Ideen, wird Vertrauen geschaffen. Ganz wichtig ist dabei, dass wir den Mitarbeitern auch die Möglichkeit geben, von zu Hause zu arbeiten. Die Technologie dafür existiert ja.

mm: Wie ist das bei Google gelöst?

Pferdt: Jeder darf arbeiten, wo er möchte und wann er möchte. Es gibt kein System, das sagt, du darfst nur einen Tag in der Woche von zu Hause arbeiten und du musst von neun bis fünf arbeiten. Das ist in einem globalen Unternehmen ohnehin kaum möglich, sonst hätten wir wegen der Zeitverschiebung keinerlei Kontakt mit Asien.

mm: Wie stellen Sie sicher, dass sich die relevanten Leute noch regelmäßig sehen?

Pferdt: Menschen kommunizieren heute anders als früher, da läuft viel über digitale Wege. Leidenschaft für die Arbeit erzeugt man nicht durch Präsenzpflicht. Zumal wir inzwischen nicht mehr 60, sondern 60.000 Leute sind.

mm: Wie gelingt es Ihnen persönlich denn, sich aus der Routine zu befreien?

Pferdt: Sie werden mich selten im gleichen Restaurant sehen, ich schlafe nie im gleichen Hotel und versuche täglich, neue Dinge zu entdecken, mich auf Neues einzulassen. Wir als Unternehmen hinterfragen uns ständig: Warum können wir dies oder das eigentlich nicht zehnmal so schnell?

mm: Google ist bekannt für seine Paranoia, irgendwann nicht mehr der Beste zu sein. Ist das eher hilfreich oder schädlich?

Pferdt: Hilfreich, deshalb überprüfen wir unsere Innovationskultur ja auch ständig. Sobald wir sehen, dass wir in eine Routine verfallen oder nur noch Durchschnitt liefern, werden sofort alle nervös. Wir orientieren uns wenig an anderen, jedoch ist unser Fokus immer auf den Nutzer und seine Bedürfnisse ausgelegt.

mm: Wo sehen Sie bei Google noch Nachholbedarf?

Pferdt: Bei der Diversität. Wir haben jetzt sieben Produkte, die von einer Milliarde Menschen täglich benutzt werden, und wir entwickeln Technologien und Produkte, die für jeden Menschen dieser Welt nützlich sind und gleichzeitig schnell und umsonst. Wir müssen sicherstellen, dass an all diesen Projekten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten, die die gesamte Welt repräsentieren. Und da haben wir noch große Defizite.

mm: Das heißt: Auch Googles Führungskräfte sind zumeist weiß und männlich?

Pferdt: So ist es, deshalb hat das Thema Diversity höchste Priorität in diesem Jahr. Unser Ziel ist, "the most inclusive workplace in the world" zu werden.

mm: Sie sind doch so schon eines der wichtigsten Ausflugsziele im Silicon Valley?

Pferdt: Das stimmt wohl. Bis zu 20.000 Menschen pro Monat besuchen unser Headquarter in Mountain View, da kommen ganze Regierungsabordnungen, Schulklassen, Freunde, Familien und wollen von uns lernen. Das ist natürlich eine große Ehre für uns, zeigt aber gleichzeitig, dass wir mehr Verantwortung in der Welt haben, wie die Zukunft aussieht. Wir werden diesen September mit 18 Jahren erst mal erwachsen.