Montag, 21. Oktober 2019

Frankreich Völker, hört die Signale

Frankreich und Deutschland im Vergleich: Welche Probleme Macron jetzt lösen muss
Getty Images

Unter einem Präsidenten Macron könnte die Republik zum Reformmotor für ganz Europa werden. Denn die Wirtschaft ist robuster, als viele denken.

Die folgende Geschichte stammt aus der Ausgabe 4/2017 des manager magazins, die Ende März erschien. Wir veröffentlichen sie hier als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.

Schwarzer Anzug, hellblaues Hemd, keine Krawatte, der Minister aus Paris betritt die Bühne. Die Smartphones blitzen, die Meute jubelt. Sie hat das Gefühl, den Beginn von etwas Großem mitzuerleben.

Rund 200 Gründer, Programmierer und Wagnisfinanzierer sind an diesem Abend im April 2016 in das Loft von Balderton Capital gekommen, um Emmanuel Macrons Auftritt in London zu sehen. Frankreich brauche "Beschleunigung", verkündet er. "Ihr seid Teil einer ökonomischen Revolution!", ruft er der nach London emigrierten französischen Tech-Szene zu.

Offiziell ist die staatliche Start-up-Initiative "La French Tech" der Gastgeber des Abends, aber ohne den charismatischen Ex-Investmentbanker, der in der sozialistischen Pariser Regierung das Ressort für Wirtschaft und Digitales führt, wäre wohl kaum einer hier. Wenige Tage zuvor hat Macron eine eigene politische Bewegung gegründet: "En Marche!" - "Vorwärts!" Progressiv und proeuropäisch will sie sein, ihre Initialen entsprechen den seinen: E.M.

Heute, knapp ein Jahr später, ist Macron (39) tatsächlich Europas große Hoffnung. Seine Risikobereitschaft, seine Talente und eine kaum mehr zu fassende Kette politischer Überraschungen haben ihn in die Rolle des Favoriten bei der anstehenden Präsidentschaftswahl katapultiert. Einer Wahl, bei der es um weit mehr geht als um die Frage, wer in den nächsten fünf Jahren im Élysée-Palast sitzt. Auf dem Spiel steht Frankreichs wirtschaftliches Comeback. Und die Zukunft der Europäischen Union.

Macron verspricht Erneuerung durch Weltoffenheit

Frankreichs alte Links- und Rechts-Parteien wirken erledigt. Eine flirrende Anti-Eliten-Stimmung prägt diesen Wahlkampf, ja, ein Systembruch liegt in der Luft. In die zweite, die entscheidende Wahlrunde am 7. Mai wird fast sicher Marine Le Pen (48) einziehen, die Chefin des fremdenfeindlichen Front National (FN). Sie verspricht nicht nur eine andere Republik, sondern auch ein anderes Europa: Frankreichs Ausstieg aus dem Euro, seinen Einstieg in einen neuen Protektionismus. Für die Wirtschaft und die EU-Politik wäre das weit dramatischer als die Schocks, die Brexit und Trump ausgelöst haben.

Früher haben die Franzosen den FN stets mit großer Mehrheit abgelehnt. Doch darauf ist kein Verlass mehr. Etwas muss sich bewegen, heißt es im Land - vorwärts oder eben rückwärts. Man will endlich wieder auf Augenhöhe mit den Deutschen kommen, die in Europa ökonomisch so übermächtig geworden sind.

Macron, der die Regierung im vergangenen Sommer mit Aplomb verlassen hat und nun gegen seine alten Förderer und Parteifreunde antritt, verspricht Erneuerung durch Mut und Weltoffenheit, nicht aus Furcht und Retronationalismus. Ein beginnender Aufschwung verschafft ihm Rückenwind. Die Zeichen mehren sich, dass Frankreichs Wirtschaft ihr Vertrauen wiederfindet - und anknüpft an alte Erfolge.

Vor allem die schwer gebeutelten Industrieregionen, verwandt mit jenem "Rust Belt", der in Amerika Trump wählte, hatten die Hoffnung zuletzt verloren. Gelingt es dem Politstar aus Paris, selbst den abgestürzten Arbeiterhochburgen den Glauben an sich zurückzugeben, kann ihm den Sieg keiner mehr nehmen.

© manager magazin 4/2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung