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Frankfurt: Kunst-, Restaurant- und Bauszene

Foto: Markus Hintzen für manager maguzin

Hype um Frankfurts Aufstieg Der neue Mainstream

Bembeltown war gestern, Deutschlands Finanzhauptstadt wird gehypt wie nie. Vor allem dank eines Netzwerks jüdischer Hipster, die die Banker fast vergessen lassen.

Die folgende Geschichte stammt aus der Ausgabe 2/2017 des manager magazins, die Ende Januar erschien. Wir veröffentlichen Sie hier als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.

Ihr Held ist fort, und noch wissen die Frankfurter nicht so recht, wie sie damit umgehen sollen. 15 Jahre lang hat der smarte Wiener Max Hollein (47) die Kunstszene am Main dominiert. Mit seiner einzigartigen Kombination aus Sachverstand und Street-Smartness, Schmäh und Charme machte er als Fundraiser die vermögenden Bürger der Stadt zu Minimäzenen. Als Dreifachimpresario trimmte er Städel Museum, Liebieghaus und Schirn-Kunsthalle auf Weltklasseniveau.

Zum Abschied verneigte sich tout Frankfurt tränenreich vor dem Wunderkind, das nun die Fine Arts Museums of San Francisco leitet. Seither reisen ihm die Frankfurter wie Groupies hinterher, um ihren Phantomschmerz zu lindern. Nachfolger Philipp Demandt (45) konnte noch keine Akzente setzen.

"Hollein war einzigartig", seufzt Sylvia von Metzler (60), Chefin des Städelschen Museums-Vereins, Bankiersgattin und just zurück von einem Kurzurlaub mit Freundinnen in Nordindien. Von dort hat sie eine veritable Erkältung mitgebracht. Was sie nicht daran hindert, sich von ihrem Büro im Main-Ufer-nahen Bankhaus aus sofort wieder kopfüber in die Planung der nächsten Salons und Fundraising-Dinner zu stürzen.

Als Multimäzenin und Alma Mater der Stadt war sie eng mit Hollein. Beim Geldeintreiben haben beide es zur Meisterschaft gebracht: 85 Prozent des Städel-Etats sind privat finanziert, das Spendennetzwerk ist engstmaschig. Nach Vernissagen bitten Sylvia und Gatte Friedrich (73) Künstler, Politiker und Manager traditionell noch in ihre Sachsenhausener Villa.

Die Einladungen sind die begehrtesten der Stadt. "Auf hohem Niveau versacken" könne man, schwärmt ein Dauergast. Auch die Kanzlerin war schon da und von Hollein entzückt.

Mehr als ein Quantum Wehmut kommt aber nicht auf. Es wäre auch untypisch für Frankfurt. Die Main-Metropole ist höchst pragmatisch und gewohnt, nichts geschenkt zu bekommen. Zwar war sie jahrhundertelang Krönungsort deutscher Kaiser, aber nie eine Residenzstadt wie München. Dieses Vermächtnis prägt Frankfurt bis heute: Oberbürgermeister Peter Feldmann (58; SPD) gilt als knauseriger Nonvaleur, der öffentliche Auftritte meidet. Trägheit kann da nicht aufkommen.

Tatsächlich hat sich Frankfurt vor allem dank spendabler Großbürger stets aus sich selbst heraus erneuert - und jetzt, nach der Finanzkrise, den Aufstieg zur globalen Metropole geschafft. Die Erweiterung der City zum Fluss, das Aufblühen des Ostends mit der architektonischen Ikone EZB, die imposante Goethe-Universität rund um das geschichtsträchtige I.G.-Farben-Haus, die international gefeierte Wiedergeburt des Bahnhofsviertels als Gastro- und Artdistrikt: Frankfurt hat sich neu erfunden.

Jüdisches Netzwerk

Nicht mehr Großbanker in angestaubten Herrenklubs geben den Ton an. Die Dauerkrise hat die Geldgötter müde gemacht und der Stadt die Emanzipierung von der Finanzbranche erleichtert. Für Tempo sorgen wagemutige Unternehmer oftmals jüdischen Ursprungs, die die Stadt mit coolen Bars, Hotels und Restaurants überziehen. Alles verdichtet auf wenigen Quadratkilometern, was Frankfurt mit 730.000 Einwohnern zur kleinsten Businessgroßstadt Europas macht. Wer auf sich hält, wohnt nicht mehr barock-piefig im Taunus, sondern in der City. Bembeltown war gestern.

Der Imagewandel, vor allem im Ausland, ist frappierend. Und er korrespondiert mit dem Bedeutungsverlust klassischer It-Citys (und ihren Disagios): London (Brexit), Paris (Hollande), Mailand (Italien).

Der "Economist" stuft Frankfurt auf Rang sechs der lebenswertesten Großstädte in Europa ein, weit vor London; die Berater von Mercer voteten Frankfurt auf Platz sieben der Städte mit der besten Lebensqualität weltweit. Vom "Guardian" bis zur "New York Times" widmeten angelsächsische Qualitätsmedien Stadt und Bahnhofsviertel Elogen. Frankfurt, das mit rund 30 Prozent auf den höchsten Ausländeranteil aller deutschen Städte kommt, gilt als aussichtsreichster Brexit-Profiteur. Dass das Echo im Inland schwächer ausfällt, halten sie am Main für verkraftbar. Für eine objektive Würdigung des lange belächelten Rivalen ist die Selbstverliebtheit in Berlin, Hamburg und München zu stark ausgeprägt.

Findet auch Albert Speer (82). "Die Diskrepanz zwischen nationaler und internationaler Wahrnehmung ist groß", sagt der global gefeierte Stadtplaner und Vordenker des neuen Frankfurt. In den 70ern entwickelte er den ersten Hochhausrahmenplan, der den brutalen Abriss der Gründerzeitvillen im Westend stoppte und der Innenstadt Form und Funktion gab.

Südlich der City, in einem unscheinbaren Sachsenhausener Bürokomplex, liegt Speers Planungsbüro AS+P; von hier aus jettet er um die Welt und schiebt Projekte an: Megacitys in China, Fußballstadien in Katar, Olympische Spiele überall. Gerade ist er aus Riad zurück, wo er für die Saudis prächtige Regierungsbauten entwirft.

"In Asien gilt Frankfurt wegen seiner polyzentrischen Struktur als Stadt der Zukunft", sagt Speer. "Keine Banlieue, die City saugt nicht alles ab. So können sich auch andere Stadtteile entwickeln. Das Ostend etwa." Dessen Reanimierung nimmt so richtig Fahrt auf, seit die Europäische Zentralbank 2015 hierhergezogen ist. Rund um die markant-schiefen EZB-Doppeltürme explodieren die Immobilienpreise. Der neue Hafenpark am Main sorgt bei gutem Wetter für mediterrane Atmosphäre in dem ehemaligen Arbeiterviertel, das so gehypt wird wie kein anderes.

Kulturelles Epizentrum ist der Kunstverein "Familie Montez", der 2014 in die denkmalgeschützten Rundbögen der Honsellbrücke eingezogen ist. Zuvor war "Montez"-Gründer Mirek Macke (57) - Städel-Schüler, Rauschebartträger, Organisator legendärer Partys, Star der Frankfurter Offszene - jahrelang mit Ausstellungen heimatlos durch die Republik geirrt. Sein Vermieter in der City wollte ihn nicht mehr.

Bauherr Zielke sorgt für Lärm

Dann endlich reagierte die Stadtregierung im Römer und übergab Macke die 1000 Quadratmeter großen Kasematten. Deren radikal-minimalistischer Style verbreitet Berliner Nachwendeflair. Anfangs gab es weder Strom noch fließend Wasser.

Nun ist das "Montez" wieder da und Heimat skurriler Lokalhelden wie Maler und Bildhauer Max Weinberg (88), der immer noch wie besessen produziert, sowie internationaler Größen. Kürzlich war die New Yorker Starfotografin Annie Leibovitz (67) hier, um ihre Wanderausstellung "Women: New Portraits" zu präsentieren. Frankfurt war einziger deutscher Zwischenstopp unter weltweit zehn Städten.

Auftraggeber ist die Schweizer Großbank UBS. Doch PR-trächtiges Engagement der Financial Community ist selten geworden. Ihre großen Bildersammlungen haben die Geldhäuser alle noch, zeigen indes mögen sie die Schätze kaum mehr. Zu ramponiert ist das Image, zu viel Krisenschutt abzutragen. Und über allem wachen die spaßbefreiten Compliance-Watchdogs.

Der Verdruss spiegelt sich im gesellschaftlichen Leben, in dem die Großbanker nur noch eine Nebenrolle spielen. So frugal wie das Geschäft ist inzwischen auch ihr Habitus. Deutsche-Bank-CEO John Cryan (56) etwa gräbt sich lieber in seinem Büro ein und fahndet nach Sparpotenzial. Ein Socializer wird aus dem kleinen Mann mit der großen Aufgabe nicht mehr. Von seinen meist ausländischen Vorstandskollegen hat ohnehin keiner seinen Lebensmittelpunkt in Frankfurt.

Bauherr Zielke sorgt für Lärm

Börsenchef Carsten Kengeter (49) ist in London zu Hause, Commerzbank-CEO Martin Zielke (54) noch in Bruchköbel im Main-Kinzig-Kreis. Demnächst zieht er nach Bad Homburg, Brandschutzmauer an Brandschutzmauer mit FAZ-Geschäftsführer Thomas Lindner (51). Die Nachbarschaft soll von den Umbauarbeiten an Zielkes neuem Heim nur mäßig begeistert sein.

Allein DZ-CEO Wolfgang Kirsch (61), Deutsche-Bank-Fossil Jürgen Fitschen (68) und der omnipräsente Bundesbankvorstand Andreas Dombret (56) werden auf dem gesellschaftlichen Parkett bankseitig mit hoher Taktung wahrgenommen.

Natürlich trifft man sich zu den üblichen Charity-Dinners, im Hessischen Kreis um Stefan Quandt (50), der Oper, dem Senckenberg-Museum. Organisiert von den Metzlers, Morgan-Stanley-Legende Lutz Raettig (73) und Gattin Katherine oder Beate Heraeus (65), der Ex von Unternehmergrande Jürgen (80).

Ausschweifende Partys

Ende November kamen alle bei der Operngala zusammen: 900 Gäste an 90 Tischen auf der Drehbühne der Alten Oper, bis den ersten schwindelig wurde. Meist ist nach Anbruch der Dunkelheit Schluss, die Arbeit frisst alle auf. "In München gehen sie im Nerz in die Oper, in Frankfurt in Jeans und dann zurück ins Büro", sagt Sylvia von Metzler.

Ausschweifende Partys wie zu Beate Heraeus' 60. Geburtstag sind selten geworden. Da feierte die Vieillesse dorée im Taunus-Kloster Eberbach. Motto: "La Famiglia". Die Haniels, Langenscheidts, Raettigs, Haubs waren da. Höhepunkt war ein inszenierter Überfall mit Mafioso-Look-alikes und MPs.

Tempi passati. Die alte Garde hat an Schwung verloren, die Traditionsklubs haben an Bedeutung eingebüßt - Interieur und Publikum altern inzwischen gemeinsam.

Der "Union Club" etwa war lange natürlicher Anlaufpunkt für auswärtige Manager mit Integrationswillen und Schlafdefizit. Gern erinnern sie sich an Matthias Graf von Krockow (67), dazumal Chef des später krachend fallierten Kölner Bankhauses Sal. Oppenheim. Der nächtigte 2004 geschlagene drei Monate in einem der Gästezimmer des Klubs, um tagsüber frisch zu sein für die Übernahmeverhandlungen mit der Frankfurter BHF.

Abends futterte sich der wuchtige Adelsmann durch die Speisekarte des hauseigenen Sterne-Restaurants "Villa Merton". Erstklassig aufgetischt wird noch immer, gesellschaftlicher Knotenpunkt ist der "Union Club" längst nicht mehr.

Ganz tief abgestiegen ist die Konkurrenzveranstaltung Frankfurter Gesellschaft (FG). Die residiert in der feinen Villa Bonn nahe dem Grüneburgpark, morgendliche Laufmeile fitnessbesessener Investmentbanker. Die holzgetäfelte Noblesse des neoklassizistischen Gründerzeitkastens steht im krassen Gegensatz zu den Absurditäten, die sich hinter den schweren Vorhängen zutragen. So ringt die 1919 gegründete Institution seit Jahren mit sich, ob außer Ex-OB Petra Roth (72; "Ich bin hier das einzige Mitglied ohne Glied!") Frauen reindürfen. Eine Mehrheit ist dafür, Hardliner blockieren den Beschluss vor Gericht, die Lokalpresse feiert.

Die FG-Führung um Rüdiger Freiherr von Rosen (73) wirft das nicht aus der Bahn, das Geld sitzt locker. So hat das Präsidium, wie Insider berichten, den Anbau eines Fahrstuhls für 800.000 Euro beschlossen, um angemessen Rücksicht auf die fortschreitende Vergreisung der Mitglieder zu nehmen. Indes: Der Aufzug soll bereits im ersten Stock des zweigeschossigen Gebäudes enden. Für einen handelsüblichen Treppenlift, der auch die zweite Etage erreicht und nur 100.000 Euro gekostet hätte, konnte sich die Führung nicht erwärmen.

Hang zum Milieu

Mehr Weitsicht beweist Jürgen Jeske (81), Rosens Vorgänger als FG-Präsident. Wiewohl quicklebendig, hat sich der ehemalige "FAZ"-Herausgeber auf dem Hauptfriedhof schon mal einen gewaltigen Grabstein setzen lassen, um die Nachwelt dereinst wissen zu lassen, wer da ruht: "9. Präsident und Ehrenmitglied der Frankfurter Gesellschaft".

So viel Standesdünkel erlauben sich Banker heute nicht mehr. Die Institute leisten sich allenfalls noch eine Loge in der Commerzbank-Arena, Heimat der Frankfurter Eintracht. Die ist unter ihrem langjährigen Vorstandschef Heribert Bruchhagen (68) nicht nur schuldenfrei, sondern auch zum neuen Society-Spot geworden. Selbst den versnobten Hamburgern gilt die Eintracht als Vorbild, dort soll Bruchhagen nun als CEO die notorische Skandalnudel HSV befrieden.

Bei seinem alten Arbeitgeber füllen die Lücke derweil zwei Alphamännchen, die noch dazu die ganze Bandbreite der Stadt repräsentieren: Präsident Peter Fischer (60), Liebhaber schrill-bunter Anzüge mit Hang zum Milieu, gibt den volkstümlichen Part; der sinnenfreudige Aufsichtsratschef und "Börsenguru" Wolfgang Steubing (67) bespaßt die Businesselite. Mit Support von Philip Holzer (51), wie Alexander Dibelius (57) ehedem Deutschland-Primus von Goldman Sachs und heute als Investor Büronachbar von Ex-BHF-Chef Björn Robens (46).

Kaum etwas symbolisiert die Zeitenwende so sehr wie der Aufstieg des Volkssports Fußball zum Gesellschaftsevent - zu alten Glanzzeiten galt ein Stadionbesuch für Topbanker noch als unziemlich. Der Bail-out des einst maroden Klubs durch ein Bankenkonsortium (Metzler, DZ, Helaba, BHF) vor ein paar Jahren wurde geheim gehalten, als handele es sich um eine Warzenentfernung.

Derlei Berührungsängste sind Micky Rosen (49) und Alex Urseanu (45) fremd. Auch die Gründer der Gekko Group haben eine Arena-Loge, darauf angewiesen sind sie nicht. Ihre Restos und Event-Locations ("Kane & Abel", "Palais") setzen auch so Standards. Mit dem "Moriki", Frankfurts bestem Japaner, hat sich das Duo im Fuß der Deutsche-Bank-Twintowers eingenistet. Dort speisen die Topshots des Geldhauses lieber als in der Konzernkantine.

Ihr burlesker Fünf-Sterne-Hoteltempel "Roomers" ist Treffpunkt für verschwiegene Business Lunchs und Hide-out mit cooler Spa-Landschaft, entworfen von Til Schweigers Bruder Nik (51). "Frankfurt ist eine internationale und multikulturelle Stadt, stylish, anders und voller Leben", steckt Rosen den Rahmen ab - und sich selbst die nächste Zigarette an.

Urseanu und er sitzen in der "Roomers Bar" mit ihrem gewaltigen 360-Grad-Tresen in schwarzem Lack-Look. Der Laden brummt. Das war zu Beginn noch ganz anders: Rosen und Urseanu hatten das Hotel 2009, kurz nach dem großen Börsen-Crash, eröffnet. Bad Timing.

Nach Lehman stand die Zeit still. "Viele Unternehmen haben Tophotels aus den Buchungsetats genommen und Firmenfeiern gestrichen", erinnert sich Urseanu. Doch der Spuk war rasch vorbei, seither wächst die Gekko Group fast ungebremst. Ständig werden neue Projekte geplant und umgesetzt. Ihr "Roomers"-Hotelkonzept haben die Macher schon auf Baden-Baden und Berlin ("Provocateur") ausgeweitet, demnächst ist München dran.

Partner ist Namensvetter Aby Rosen (56), nicht mit Micky verwandt, aber ebenfalls Frankfurter. Vor 30 Jahren nach New York ausgewandert und heute Immobilientycoon, manischer Kunstsammler (ihm gehören Dutzende Werke von Warhol, Hirst, Koons) und Party-Host, der zur Art Basel Miami in seinem Nachtklub "The Wall" dekadente Partys schmeißt.

Namensgeber Kosher Nostra

Besonders am Herzen liegt Rosen und Urseanu das heimische Bahnhofsviertel, in dem sich die Gekko-Zentrale sowie zwei weitere ihrer Hotels finden. Den gastronomischen Sidekick zum Wiederaufstieg des lange von Junkies beherrschten Quartiers liefern die befreundeten Brüder James (44) und David (41) Ardinast.

Deren bekannteste Läden "Maxie Eisen" und "Stanley Diamond" sind nach Mobstern der Kosher Nostra benannt, New Yorks jüdischer Mafia der 20er Jahre. Kein Zufall: Die Ardinasts sind Juden, wie Urseanu, Micky und Aby Rosen. Und wie Ardi Goldman (54), Enfant terrible und als Immobilieninvestor seit Jahren Mastermind hinter vielen Klubs (der wegen einer unschönen Korruptionssache auf der Ersatzbank sitzt). Oder wie Lior Ehrlich (49), dem fast in jedem Stadtteil ein Lokal gehört. Und natürlich wie Berlin-Hipster Oskar Melzer (42), der in Frankfurt mit den Ardinasts das "Stanley Diamond" betreibt und in der Hauptstadt das "Louis Pretty" (einst ebenfalls ein jüdischer Gangster).

In keiner anderen deutschen Stadt war der jüdische Einfluss auf Wirtschaft und Geisteswesen so groß wie in Frankfurt, vor dem Holocaust und bis heute. Das gilt vor allem für die Immobilienszene: Josef Buchmann (85), Moses Korn, Ignatz Bubis, Michael Baum (70) haben die City nach dem Krieg aufgebaut. Heute schieben KSW- Wohnbau-Chef Daniel Korn (48) oder Aby Rosen und sein Frankfurter Statthalter Samuel Singer (41; Mutter Rachel ist Ehrenpräsidentin der Women's International Zionist Organisation) mit der RFR Holding von New York aus immer neue Projekte an.

Neu ist, dass auch die Gastro- und Klubszene zunehmend jüdisch geprägt ist. Ein Masterplan steckt nicht dahinter. Man kennt sich eben seit Kindertagen, war mit der Zionistischen Jugend im Ferienlager, hat Bar Mizwas veranstaltet und trifft sich regelmäßig in der Synagoge. "Der Zusammenhalt ist heute noch sehr eng, wir arbeiten alle in freundschaftlicher Atmosphäre miteinander", sagt Micky Rosen.

Das tut der Stadt gut, sie ist aufgewacht. Das spüren allen voran die Immobilienmakler. Der Markt boomt, ist international aber noch günstig, was Frankfurt zum großen Brexit-Gewinner machen könnte.

Noch ist kein einziger Investmentbanker von London an den Main zwangsumgezogen, doch die Bonanza ist schon in vollem Gang. 16 Wohnhochhäuser werden in den nächsten Jahren fertiggestellt und Frankfurts schon jetzt imposanter Skyline den nächsten Stempel aufdrücken.

In dem von Korns KSW umgebauten Westend-Wohnhochhaus "Onyx" (Tiefgarage mit beheizter Sportwagenrampe, Hundewaschplatz) ging das Filetstück - ein Penthouse über drei Stockwerke mit 640 Quadratmetern Wohnfläche und 340 Quadratmeter großer Dachterrasse - für kolportierte 15 Millionen Euro über den Tisch. Deutschland-Rekord. Gekauft haben soll ein Erbe der Boehringer-Sippe Engelhorn.

Spektakuläres Penthouse

Das spektakuläre Penthouse am neuen Opernplatzensemble mit 400 Quadratmetern umlaufender Dachterrasse wird für 20.000 Euro im Monat vermietet. Und die Topetage im "Henninger Turm", in dem Steakhouse-Tausendsassa Christian Mook (47; "Surf 'n Turf", "Ivory Club", "Zenzakan", "Mon Amie Maxi") bald sein neues Rooftop-Restaurant eröffnet, ging im Bieterverfahren angeblich für einen zweistelligen Millionenbetrag an die Ferrero-Familie.

An Reiz verloren hat dagegen der Taunus. In den 70ern und 80ern standen Kronberg, Königstein, Bad Homburg bei Wirtschaftsgrößen hoch im Kurs, und viele sind auch noch da: die Quandts, Fraport-CEO Stefan Schulte (56), Bafin-Präsident Felix Hufeld (55), Goldman-Chef Wolfgang Fink (50), Ex-SAP-CFO Werner Brandt (63), Bundesbanker Dombret, PwC-Boss Norbert Winkeljohann (59).

Wer wie ein pensionierter Ex-Topmann der Deutsche-Bank-Tochter DWS über 1000 Quadratmeter Wohnfläche, Heimkino und Pool mit Glasboden, unter dem Koi-Karpfen schwimmen, verfügt, muss ja nicht zwingend weg.

Es mangelt jedoch an jungen Zuzüglern. Die Preise im Taunus stagnieren auf hohem Niveau. Der Weg zur Arbeit ist weit, die Stadt wird immer attraktiver, die Kinder sind aus dem Haus und wollen nicht zurück. "Die Nachfrage nach hochwertigem Geschosswohnungsbau ist in Frankfurt höher als im Taunus", sagt Daniel Ritter (45), Chef beim Makler von Poll. Es sind hauptsächlich Chinesen, Araber und Asiaten, die noch kaufen: zwecks Risikostreuung und Flucht vor den Despoten daheim.

Aber selbst die neureichen Ausländer drängen in die Stadtmitte, beobachtet Oliver Gripp (51) von Engel & Völkers (E&V). "Die kommen selbst aus großen Städten, denen ist der Taunus oftmals zu langweilig." Bei von Poll haben sie sogar russische und chinesische Makler angestellt, um deren Landsleuten die Wohnungssuche zu erleichtern. Die Spleens zu kennen gehört zur Willkommenskultur.

So sprang E&V-Mann Gripp kürzlich ein Chinese kurz vor dem Kauf einer millionenteuren Neubauvilla in Sachsenhausen ab: Die benachbarte Pathologie hatte den abergläubischen Asiaten in Angst und Schrecken versetzt.

Zugeschlagen hat der Chinese letztlich doch noch, in einem anderen Stadtteil. Denn in Boomtown Frankfurt nichts zu kaufen ist eben auch keine Alternative.

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