Jens Frahm - einer der besten Wissenschaftler Deutschlands Der Kernspintomograf

Der Physiker hat die Kernspintomografie revolutioniert. Dank seiner Patente dauern die Untersuchungen nur Minuten - und liefern inzwischen sogar Bilder in Echtzeit. Für seine Verdienste wurde er in die Hall of Fame der deutschen Forschung des manager magazins aufgenommen.
Jens Frahm

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Foto: Mario Wezel für Manager Magazin

Im Leben von Jens Frahm dreht sich alles um die Röhre, jene medizinische Großapparatur, ohne die Radiologen heute quasi arbeitsunfähig wären. Die Röhre stößt derart furchterregende Geräusche aus, dass Patienten sie nur mit Kopfhörern ertragen. Andererseits liefert sie bessere Einblicke ins Innere unseres Körpers als jedes andere Verfahren - und das völlig strahlungsfrei.

Der Kernspin- oder Magnetresonanztomograf, abgekürzt MRT, ist eine Errungenschaft der modernen Medizin - und das Baby von Jens Frahm. Gemeinsam mit seinem Team am Göttinger Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie hat er die physikalischen Grundlagen dieser Technologie erforscht. Seiner Arbeit ist es zu verdanken, dass in der Röhre binnen weniger Minuten genug Bilder erzeugt werden, die dann in einem Film etwa zeigen, ob und woran ein Herz krankt.

Rund 100 Millionen MRT-Untersuchungen werden pro Jahr weltweit abgerechnet. Die Medizintechnikgiganten Siemens , General Electric  und Philips  erzielen so Milliardenerlöse und Traumrenditen. Für sie ist Jens Frahm eine Art diagnostischer Regenmacher.

Der Oldenburger, 1951 in einen Ingenieurshaushalt geboren, kann immer noch nicht genau erklären, warum er ausgerechnet Physik studiert hat. "Gleich nach dem Abi hätte es genauso gut Musik sein können", erzählt er. Frahm spielt damals fast schon professionell Klarinette, finanziert sein Studium durch Auftritte mit Jazzbands. Am Ende siegt die Neugier über die Kunst. "Ich wollte immer Wissenschaftler werden."

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Die Grundlagen der Kernspinresonanz büffelt Frahm bereits für seine Diplomprüfung. Die Röhren bauen schnell wechselnde Magnetfelder auf, rund eine Viertelmillion Mal stärker als das Erdmagnetfeld, und messen die Effekte in Körpergeweben. Das fasziniert ihn. Mitte der 70er Jahre dauert jede dieser Untersuchungen noch Stunden. Kein Kranker kann so lange absolut still liegen. Das Verbesserungspotenzial ist gigantisch.

Frahm und sein Team entwickeln eine Methode, die mit einem Bruchteil der Messwerte, später auch mit schwächeren Magnetfeldern auskommt - und trotzdem gestochen scharfe Bilder aus dem Körperinneren liefert. Mitte der 80er Jahre melden die Göttinger die ersten Patente auf ihr schnelles, verlässliches MRT-Verfahren an: Die Untersuchungszeit war auf ein Hundertstel geschrumpft.

Sofort brechen erbitterte Patentstreitigkeiten los. Keiner der Weltkonzerne will den Akademikern aus der niedersächsischen Provinz Lizenzgebühren zahlen müssen. Während der nächsten Jahre verbringt Frahm mehr Zeit mit Anwälten als im Labor. Den Juristen die komplizierte Technologie zu erklären, damit die dann die Schriftsätze in allen möglichen Sprachen aufsetzen können, kostet Kraft. Das war "Stress pur", erinnert sich der 65-Jährige. 1993, endlich, erkennt das entscheidende US-Gericht an: Die schnelle MRT-Technik funktioniert nur dank der Göttinger Patente.

Volles Risiko gegangen

Die Max-Planck-Gesellschaft, Frahms Arbeitgeber, hatte die Kosten für den Rechtsstreit vorgeschossen, die Prozesse hatten Millionen verschlungen. Eine lohnende Investition: Seither sind weitere Patente hinzugekommen, bis heute haben die Rechteinhaber einen dreistelligen Millionenbetrag mittlerer Größe an Lizenzeinnahmen kassiert.

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Mit dem Geld gründete Frahm die gemeinnützige Biomedizinische NMR Forschungs GmbH. Ihr Auftrag: die Kernspintomografie weiterzuentwickeln. In dem Neubau auf dem Göttinger Max-Planck-Campus beschleunigt ein Team von rund 25 Elektrotechnikern, Physikern und Informatikern das Verfahren immer weiter, sodass es nun sogar Bilder "in Echtzeit" liefert, etwa aus dem Kehlkopf. Das könnte Stotterern zu einem hocheffizienten Sprachtraining verhelfen.

Frahm ist volles Risiko gegangen, seine akademische Karriere konnte er erst fortsetzen, nachdem alle Patentstreitigkeiten beigelegt waren: 1994 habilitierte er dann an der Uni Göttingen, seit 1997 ist er dort außerordentlicher Professor, 2011 wurde er zum Wissenschaftlichen Mitglied der Max-Planck-Gesellschaft berufen.

Der Ausnahmephysiker, der zum Medizintechniker wurde, ist in der Region mittlerweile fest verwurzelt. Er engagiert sich in der Bürgerstiftung Göttingen, spielt in der Seniorenmannschaft des örtlichen Basketballvereins, und das sogar um die Deutsche Meisterschaft. Dienstreisen werden so gelegt, dass er zum wöchentlichen Training zurück ist. Urlaub macht er keinen.

Die Klarinette hat Frahm beiseitegelegt. "Nur zum Zeitvertreib oder ein bisschen nebenher spielen", das genügt seinen hohen Ansprüchen nicht. Erst nach der Emeritierung, also in ein paar Jahren, will er vielleicht wieder anfangen zu üben.

Da ist er ähnlich prinzipientreu wie in Geldfragen. Weil ihm das Bundesforschungsministerium einst bei der Anschubfinanzierung half, wollte Frahm die Fördermillionen später zurückerstatten, als die Lizenzeinnahmen sprudelten. Das hatte die Behörde so noch nicht erlebt. Sie wusste gar nicht, wie sie eine solche Zahlung verbuchen sollte.

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