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Food-Start-Ups: Bayerische Garnelen & Sushi-Ingwer-Würstchen

Foto: Daniel Delang / Crusta Nova

Garnelen aus Bayern, kalorienarme Pizza - Food-Start-Ups boomen Wie deutsche Gründer die Lebensmittel-Multis herausfordern

Klasse statt Masse: Immer mehr Gründer drängen auf den hart umkämpften Markt für Nahrungsmittel. Ihre teils wilden Mixturen kommen bei Kunden und Handel gut an.

Die folgende Geschichte stammt aus der Ausgabe 9/2017 des manager magazins, die Ende August erschien. Wir veröffentlichen Sie hier als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.

Eigentlich drehte sich der Berufswunsch von Marc Schlegel (30) und Matthias Kramer (32) um Frauen. Dann kam ihnen etwas in die Quere: Pizza. Nach ihren Uniabschlüssen tüftelten die beiden an einer Dating-App. Das große Vorbild: Tinder. Liebe im Internetzeitalter. Ein Wisch nach rechts für die Chance auf ein Abenteuer oder ewiges Glück.

Zur Präsentation ihrer Tinder-Kopie Fumaki im Freundeskreis servierte Sportfreak Kramer Pizza mit kalorienarmem Teig aus Leinsamen. Die App fiel durch, die Pizza nicht.

Heute befeuern die Bäcker wider Willen einen Trend, der sich übers Land ausbreitet wie Bratensauce auf dem Teller: Rund 1000 Start-ups werkeln an umweltfreundlichen Knödeln, Sushi-Ingwer-Würstchen oder Tiefkühlcocktails für den Toaster.

Craft Beer, Foodtrucks und Leinsamenpizza: Essen ist die neue Religion

Essen ist die neue Religion. Nach Craft Beer und Foodtrucks erfasst die Revolution nun die Nahrungsmittelindustrie. Handgefertigt statt Masse. Daran glaubt inzwischen sogar der Einzelhandel. Der einst versperrte Weg in die Regale öffnet sich, in den USA erreichen erste Jungunternehmen Milliardenbewertungen.

Ein weißes Reihenhaus aus den 50er Jahren am Rande der Frankfurter Bürostadt Niederrad. 1000 Meter von der Deutschland-Zentrale des Nahrungsmittelgiganten Nestlé  entfernt rollen rechteckige, braune Teigstücke über ein Förderband, eine junge Frau klebt die Etiketten per Hand auf. Alles wirkt ein wenig, als übten ein paar Studenten für "Deutschland sucht den Superbäcker".

Ein Stockwerk darüber sitzt Marc Schlegel in Shorts und schlägt die Beine übereinander. Einen Tag nach der missglückten App-Präsentation wurde aus Fumaki Lizza. Für den Namen, eine Wortschöpfung aus Low Carb und Pizza, brauchte das Duo nur eine Stunde. Der Rest ist eine rasante Lernkurve.

Pizza aus kalorienarmen und glutenfreiem Teig

Mit 400 über Nacht gefertigten Pizzateigen geht es auf einen Wochenmarkt. Schlegel und Kramer wollen ihr Produkt testen und denken an den Aufbau einer Franchisekette. Den Kunden aber schmeckt vor allem der ungewöhnliche Teig, der kalorienarm ist und glutenfrei dazu. Nächste Planänderung.

Im Februar 2016 eröffnet das Gespann einen Onlineshop. Schlegel und Kramer werden Pizzateigversender. Noch im selben Jahr klettert der Umsatz auf 1,4 Millionen Euro. Das Unternehmen ist von Beginn an profitabel. Treue Fans und starke Abverkaufszahlen überzeugen den Einzelhandel. Im laufenden Jahr sollen die Erlöse auf fünf Millionen Euro steigen.

Jetzt übernimmt ein Lohnproduzent die Herstellung, die Minibäckerei im Keller wird zum Labor. Die passenden Saucen zum Pizzateig gibt es schon, aber damit soll noch lange nicht Schluss sein. Ob Brötchen oder Pasta: Lizza will so ziemlich alles aus Leinsamen herstellen. "Wir möchten ein globales Unternehmen aufbauen", sagt Schlegel. "Wir bedienen Megatrends."

Garnelen aus Bayern - für 79 Euro das Kilo

400 Kilometer weiter südlich steht Fabian Riedel (34) das Wasser bis zu den Knien. Seine Karriere klingt wie ein Gag aus dem "Yps"-Heft. Die Hobbykrebszucht eines Freundes hat den Rechtsanwalt vom Weg abgebracht und zum Schalentierexperten gemacht. Statt Mandanten zu beraten, fischt Riedel seit März 2016 Garnelen aus Europas größter Aquakulturanlage am Münchener Stadtrand. 30 Tonnen im Jahr. Kilopreis: 79 Euro.

Die Nachfrage aus Gastronomie und Handel nach den fangfrischen Gambas aus Bayern ist größer als das Angebot. Crusta-Nova-Chef Riedel baut bereits an und will sein Know-how im Ausland an Lizenzpartner vergeben.

Quer durch die Republik stürzen sich Gründer in die Produktion von Nahrungsmitteln. Manche, wie die Augsburger Brüder Denis (36) und Daniel (33) Gibisch, sind als Suppenmeister erfolgreich und erzielen mit Little Lunch, ihrer Antwort auf "Pulversuppen voller Chemieschrott", inzwischen zweistellige Millionenumsätze. Andere wollen die Welt verbessern, wie der Mediziner Zubin Farahani (33), der mit Dörrwerk aus nicht verkäuflichem Obst und Gemüse knuspriges Fruchtpapier und Tomatenchips macht. Der Architekt Felix Pfeffer (34) verarbeitet nicht verkauftes Brot zu ausgefallenen Knödelvarianten und bietet sie unter der Marke Knödelkult verzehrfertig im Glas an.

Der Hype drängt in den Handel

Oft werden einfach nur Trends aus den USA adaptiert, so wie von Jan René Fricke (26), der die Cold-Brew-Kaffeelimonade Caffezza vertreibt. Hoch im Kurs stehen Proteinriegel, Shakes und Chiasamen, mit denen neben dem Hamburger Start-up Hej auch die früheren Rocket-Internet-Manager Philipp Schrempp (32) und Tobias Schüle (30) zweistellige Millionenumsätze bewegen. Selbst gestandene Industriemanager wie Ralf van Deest (51) versuchen ihr Glück als Jungunternehmer. Der langjährige Bahlsen-Geschäftsführer setzt mit Vegawell auf vegane Saucen und Gebäck.

Gemeinsam kreieren sie einen Hype, der aus dem Internet über Szeneviertel und Hipster-Bars in die Regale des Einzelhandels drängt.

Sogar Deutschlands größter Krämer Edeka öffnet dafür die Regalreihen. "Wegen unserer dezentralen Struktur mit den selbstständigen Kaufleuten sind wir der geborene Partner für Start-ups", hofft Vorstandschef Markus Mosa. Rund 150 Gründer haben sich auf der neu eingerichteten Plattform Food-Starter registriert. Die Metro-Tochter Real hat ein Regal mit dem Motto "Das erste Mahl" aufgestellt.

Xylit statt Zucker - der Siegeszug von Xucker

Christian Weiten (46) hat seinen Durchbruch dem Einkaufschef von dm zu verdanken. Der Werber wollte schon seit Jahren sein eigenes Ding machen. Dann kaufte er 2009 ein paar Gramm Xylit in der Apotheke und experimentierte damit. Wochen später bestellte er im Internet ein paar Kilo, verpackte den weitgehend unbekannten Zuckerersatz in seiner Wohnung in kleine Behälter und vertickte sie bei Ebay . Mit Xylit süßen Konzerne wie Wrigley ihre Zahnpflegekaugummis, sonst nutzt den Stoff kaum einer, da er zehnmal so teuer ist wie Zucker.

Inzwischen kommen jährlich 500 Tonnen Xylit und 700 Tonnen des kalorienfreien Ersatzzuckers Erythrit in Weitens Lagerhalle im Süden Berlins an. Unter der Marke Xucker lässt der 46-Jährige Schokolade, Ketchup, Bonbons, Kaugummi, Gummibärchen und Kakao produzieren. Wichtigster Handelspartner: dm. Demnächst folgen Kekse, Müsli und Popcorn. Elf Millionen Euro will er dieses Jahr umsetzen. "Wir wollen unsere Chance nutzen, bevor andere aufwachen", sagt Weiten.

Nestle-Chef Mark Schneider ist alarmiert

Die neue Konkurrenz und erstaunliche Erfolge wie Chobani, ein Joghurthersteller, der innerhalb weniger Jahre den US-Markt eroberte, haben Spitzenmanager wie Nestlé-Chef Mark Schneider alarmiert. "Lokale Marken haben einen Vertrauensbonus. Marketing und Listungen im Einzelhandel waren früher extrem teuer, heute ist das online extrem günstig."

Als Andy Romanowski (31) vor einem Jahr seinen ersten Facebook-Post auf der Toilette absetzte, wusste er nicht recht, was er schreiben sollte. Nun erreicht Kukki mit selbst gedrehten Videos in einer Woche über 500¿000 Menschen. "Uns haben alle ausgelacht", sagt Romanowski.

Man glaubt es sofort. Cocktails in Flaschen füllen, ein paar Eisstäbchen dazu und das Ganze als konservierungsstofffreie Tiefkühlware verkauft - wer braucht das? Ein Investor fand sich nicht. Doch Romanowski und seine Mitgründer Josef Klemm (33), ein Maschinenbauingenieur, und der Elektroniker Saif Hamed (28) ließen sich nicht entmutigen. Es wurde getüftelt und geschraubt, bis 100 Patente eine Produktion der Marke Eigenbau schützten.

"Food ist das neue Internet"

Die Maschinen dröhnen so laut in dem alten Gemäuer des Berliner Goerzwerks, dass vom Wortschwall der Gründer oft nur das Dauergrinsen bleibt. Kurz vor dem Durchbruch im August 2016 war Kukki fast pleite. Inzwischen gibt es die Cocktails für 2,99 Euro bei Kaufland. Dank eines selbst gebastelten Toasters steigt die Nachfrage in der Gastronomie rasant. Das Gerät taut das Gemisch in 30 Sekunden auf. Preis: 299 Euro. Die Bestellung des Kreuzfahrtriesen Aida sorgt für Nachtschichten.

Über studentisches Experimentieren sind die Essenshandwerker weit hinaus, Elon Musks Bruder Kimbal proklamiert bereits: "Food ist das neue Internet. Die globale Softwareindustrie, in der ich mein Geld gemacht habe, ist 400 Milliarden Dollar groß. Das entspricht gerade mal dem Markt für Meeresfrüchte. Der für Lebensmittel ist fünf Billionen Dollar schwer."

Kein Wunder also, dass auch Private-Equity-Investoren das Geschäft für sich entdecken. Der britische Popcornhersteller Propercorn etwa gehört einer Beteiligungsgesellschaft. Start-ups wie der schottische Craft-Beer-Brauer BrewDog, der US-Proteinriegelhersteller Quest Nutrition oder Hampton Creek, ein Produzent veganer Mayonnaise, der tierische Rohstoffe in allen Lebensmitteln ersetzen will, bringen es bereits auf Milliardenbewertungen.

"Die Nahrungsmittelmultis sind aufgewacht", sagt Florian Heinemann, Chef des Berliner Venture-Capital-Anbieters Projekt A. "Das Foodgeschäft ist unterdigitalisiert. Und die Konzerne haben wenig Erfahrung in der Entwicklung zugkräftiger Marken für das immer wichtiger werdende Direktgeschäft."

Ob Oetker, Katjes oder Nestlé , fast alle namhaften Hersteller bauen Beteiligungsfonds auf. Unilever , dem mit der Eismarke Ben & Jerry's eine der bislang wenigen erfolgreichen Integrationen von Manufakturmarken in Großkonzerne gelang, hat sich jüngst das Ketchup-Start-up Sir Kensington's einverleibt. Der Brausekonzern Dr. Pepper hat Bai Brands geschluckt, einen Hersteller antioxidativer Getränke. Für 1,7 Milliarden Dollar.

Landjäger mit Proteinturbo

Die Arriviertenliste der hiesigen Gründerszene ist dagegen bislang eher kurz: Fritz-Kola, MyMuesli, True Fruits und Bionade. Seit einigen Monaten gehört Monkey 47 dazu, ein Gin aus dem Schwarzwald, den der Spirituosenriese Pernod Ricard nun zur Weltmarke aufbauen will.

Die Gründer der ersten Stunde gehören zu den Business-Angels der neuen Generation. Von ihren Erfahrungen profitiert auch Michael Ziegler. Der 29-Jährige klappt seinen Laptop auf und führt durch eine Präsentation über Deutschlands Wursttheken. Durchschnittsalter der Kunden: 50 Jahre, innovative Produkte: 0.

Argumente, mit denen Ziegler und sein Kompagnon Manuel Stöffler (29) ein kleines Wunder gelungen ist. Zwischen Hackfleisch und Haxe führen immer mehr Einzelhändler seine Würstchen der Marke Grillido. Mit dem 80 Jahre alten Fleischwolf von Opa fing Ende 2014 alles an. Das Ziel: kalorienarme Würstchen in ausgefallenen Geschmacksrichtungen wie Sushi-Ingwer, Spinat-Feta und Guarana.

Grillido plant auch Fleischchips

Schon bald war keine Zeit mehr für die lukrativen Jobs bei Daimler und in der Sensorikindustrie. Inzwischen lassen die Wirtschaftsingenieure ihre Würstchen bei Großmetzgereien herstellen. Die erste Umsatzmillion ist erreicht, zwei bis drei peilen die frisch gekürten Sieger des Deutschen Gründerpreises für 2017 an.

Grillido vertreibt auch Saucen und Gewürze, in Kürze folgen Fleischchips. Für Fitnessstudios hat das Gespann Landjäger mit besonders hohem Proteingehalt entwickelt. Als Alternative zum Eiweißshake für Fleischjunkies. "Wir wollen eine Lifestylemarke mit hohem Qualitätsanspruch schaffen", sagt Ziegler. "Doch mehr als 50 Millionen Euro Umsatz passen wohl nicht zum Manufakturversprechen." Eine Food-Marke zu gründen, um Milliardär zu werden, sei verwegen.

Für den Fall, dass der Höhenrausch mit einem Kater endet, sind die jungen Lebensmittelproduzenten ebenfalls gerüstet. Founderholics-Gründer Christopher Prätsch (30) hat eine Mischung aus Elektrolyten, Vitaminen und Pflanzenextrakten entwickelt, die den Körper selbst nach übelstem Alkoholmissbrauch wieder munter machen soll.

One:47 wird gerade an der Uni Mainz getestet. Online ist der Zaubertrank schon erhältlich.

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