Montag, 19. August 2019

Gründerparadies im hohen Norden Was Deutschland vom Gründerparadies Finnland lernen kann

Polar Position: Finnlands neue Digital-Champions
DPA

Finnland hat nach dem Niedergang von Nokia geschafft, wovon andere nur reden: ein Paradies für Gründer zu werden. Und nun übernimmt ein IT-Unternehmer die Regierungsspitze.

Der alte Pekka Rantala hätte dieses Büro wohl nicht gemocht: viel zu bunt, auf dem Sofa lümmeln Kuscheltiere, mies gelaunte Vögel, tölpelhaft dreinblickende Schweine, auch noch in Grün. Was soll das? Ich bin doch kein Kind mehr!

Seit Januar sitzt Rantala nun hier, in der Zentrale des Handyspieleentwicklers Rovio, dessen Vorstandschef er geworden ist. Für das offizielle Foto musste er in einem roten Kapuzenpulli posieren - er, Rantala, seriöser Haarschnitt, seriöse Brille, ein weit gereister Industriemanager von 48 Jahren.

14 Jahre lang hatte er für Nokia Börsen-Chart zeigen gearbeitet. Das war seine Welt, sein Weg, Aufstieg in einem stolzen Großkonzern, der zu seinen besten Zeiten über 20 Prozent von Finnlands Exporten produzierte.

Jetzt verkauft Rantala Spiele wie "Angry Birds", wo ebenjene grünen Schweine mit ebenjenen Vögeln abgeschossen werden, die da als Plüschversion auf seinem Sofa liegen. In Hollywood wird daraus gerade ein Film gedreht, 2016 soll er in die Kinos kommen. Rovio möchte nicht mehr bloß spielen, sondern ein echter Unterhaltungskonzern sein. "Ich habe nicht viel darüber nachgedacht", sagt Rantala über seinen Wechsel, "ich bin meinem Gefühl gefolgt."

Digitalindustrie als nationaler Hoffnungsträger - und eine neue Regierung

Die Verwandlung des Pekka Rantala erzählt viel von dem heißen Ritt, den auch sein Heimatland seit einigen Jahren durchmacht. Finnland hat sich binnen kürzester Zeit zu einem Sehnsuchtsort für junge Gründer entwickelt, die Digitalindustrie avancierte zum nationalen Hoffnungsträger. Nach der Wahl im April steht zudem ein Regierungswechsel an: Der millionenschwere IT-Unternehmer Juha Sipilä von der Zentrumspartei wird die Regenbogenkoalition des konservativen Ministerpräsidenten Alexander Stubb als Regierungschef ablösen.

Der Weg Finnlands zum digitalen Gründerparadies kann anderen Nationen durchaus als Vorbild dienen. Während sich Deutschland am vermeintlichen Innovationsfeuer wärmt, das in Berlin lodern soll, sind die Finnen - bescheiden und leise, wie es ihre Art ist - an ganz Europa vorbeigezogen: 135 Millionen Euro Wagniskapital flossen 2013 in Startups, in Relation zum Bruttoinlandsprodukt so viel wie nirgendwo sonst auf dem Alten Kontinent.

In Espoo, 15 Minuten von Helsinki entfernt, werden jedes Jahr rund 400 neue Firmen gegründet, im ersten Halbjahr 2014 sammelten sie 46 Millionen Euro Kapital ein. Spieleentwickler wie Rovio und Supercell ("Clash of Clans") sind so innerhalb weniger Jahre von Studentenklitschen zu wertvollen Unternehmen geworden. Anfang Februar ging das finnische FinTech-Startup Ferratum in Frankfurt an die Börse und kassierte von den Investoren für 30 Prozent der Anteile 111 Millionen Euro.

© manager magazin 3/2015
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