Dienstag, 28. Januar 2020

Gründerparadies im hohen Norden Was Deutschland vom Gründerparadies Finnland lernen kann

Polar Position: Finnlands neue Digital-Champions
DPA

3. Teil: "Früher waren sichere Konzernjobs cool - heute wagen die Leute etwas"

Im dunklen Norden sollte sich das ab 2010 ändern, als die frisch fusionierte Aalto-Universität ihre Türen öffnete. 420 Millionen Euro darf sie jedes Jahr ausgeben - bei lediglich 20.000 Studenten. Zum Vergleich: Die doppelt so große Universität Hamburg verfügt nur über einen ähnlich hohen Etat.

Die Studenten der drei Aalto-Disziplinen werden nicht voneinander getrennt. Mit speziellen Kursen und Förderprogrammen entfachen die Professoren ihren Gründergeist. Die Universität ist wie ein Katalysator, der neue Produkte und Unternehmen ausspuckt.

Nahezu alle wichtigen Neugründungen der letzten Jahre gehen irgendwie auf Aalto zurück: Etwa weil die Gründer dort studierten, Personal rekrutierten oder sich einst im universitätseigenen Accelerator trafen. "Startup Sauna" wird der intern genannt, 145 Unternehmen hat er seit 2010 hervorgebracht.

Die Sauna ist ein rot geklinkertes, schmuckloses Unigebäude. Ihr Name stammt von dem holzvertäfelten Konferenzraum in der Mitte. Ansonsten herrscht hier, um es nett auszudrücken, kreatives Chaos. Was Finnlands Regierungschef nicht davon abhält, immer mal wieder Staatsgäste wie Großbritanniens Premier David Cameron oder Russlands Ministerpräsidenten Dmitrij Medwedew vorbeizubringen und ihnen stolz die Keimzelle der Bewegung zu präsentieren.

"Früher waren sichere Konzernjobs cool", sagt Miki Kuusi von Slush, "heute wagen die Leute etwas." Die Risikoscheu der Finnen sei einem neuen Pioniergeist gewichen - auch weil viele kaum eine andere Chance hatten.

Seit Nokias Zusammenbruch hängt Finnland in der Rezession fest

Spätestens seit dem Zusammenbruch Nokias, dessen stolzes Handygeschäft an Microsoft Börsen-Chart zeigen verkauft wurde, hängt Finnland in der Rezession fest, die wichtige Holzindustrie hat nicht die Kraft, das Land wieder nach oben zu ziehen. Nun liegen alle Hoffnungen auf Rovio & Co., die einmal die tiefe Grube füllen sollen, die Nokia hinterließ.

Dabei wäre der gegenwärtige Startup-Boom ohne den einstigen Branchenprimus gar nicht möglich gewesen. Erst durch Nokia lernten viele Finnen, sich auf dem Weltmarkt zu bewegen und "global zu denken", wie es der ehemalige Nokia-Präsident und heutige SAP-Aufsichtsrat Pekka Ala-Pietilä formuliert.

Tausende gut ausgebildete Mitarbeiter hat der einstige Vorzeigekonzern in den letzten Jahren auf den Arbeitsmarkt entlassen. Wer sich selbstständig machen wollte, konnte jeweils bis zu 25.000 Euro Zuschuss beantragen, "Bridge" heißt das Förderprogramm.

So kommt es, dass sich viele Ex-Nokianer heute in den Startups wiederfinden. Jonas Geust etwa, der 15 Jahre für Nokia arbeitete und dort zuletzt für die N-Serie verantwortlich war. Die drögen Smartphones also, die gegen Apple Börsen-Chart zeigen und Samsung Börsen-Chart zeigen keine Chance hatten.

Geust ist CEO von Rightware, einer Firma, die ein virtuelles Autocockpit namens Kanzi entwickelt hat: Tacho und Drehzahlmesser weichen einem Bildschirm, der mit hochauflösenden 3-D-Elementen bestückt werden kann. Wie in einem Computerspiel.

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