Freitag, 23. August 2019

Game Changer, Teil II Wie Flixbus den Reisemarkt aufmischt

Flixbus: Die drei Gründer
DPA

2. Teil: Es gibt keine Konkurrenz mehr

Mit den Daten von mittlerweile 50 Millionen eigenen Passagieren in ganz Europa wird es für die Researcher in der Münchener Zentrale immer leichter, Fahrgastaufkommen und Preissensibilität vorherzusagen und neue Strecken zu erschließen. "Keiner macht das so granular wie wir", sagt Schwämmlein.

Das Fahren überlassen die Münchener derweil anderen. Betrieben werden die Routen, die der Rechner ausspuckt, von regionalen Busunternehmen im Auftrag von Flixbus. Angenehmer Nebeneffekt: Die Investitionen für die bis zu 460.000 Euro teuren Megaliner stemmen die Partner, nicht Flixbus.

Kalle, der Busfahrer, arbeitet also trotz grüner Krawatte nicht für Flixbus, sondern für einen Mittelständler aus Schleswig-Holstein. Wie der bei einem Ticketpreis von 9,99 Euro für die Fahrt von Hamburg nach Dresden, von dem er auch noch 25 Prozent nach München überweisen muss, zurechtkommt, bleibt sein Geheimnis. Die Firma schweigt - wie alle von mm kontaktierten Flixbus-Partner.

Grund für die Zurückhaltung: Seit der Übernahme von Mein Fernbus gibt es keine ernst zu nehmende Konkurrenz für das grasgrüne Start-up mehr. Und für Busbetreiber keine Alternativen. Das Geschäft mit Tagestouren und Urlaubsreisen trocknet aus, selbst Schulen buchen ihre Klassenfahrten inzwischen über Flixbus - weil die günstiger sind als der lokale Anbieter. "Flixbus nimmt den Busunternehmern die Kundenschnittstelle weg", konstatiert Bain-Experte Sinn. "Dafür erhalten sie Zugang zu einem europaweiten Netz und einer mächtigen Marketing- und Vertriebsplattform."

Gewinn ab einer Auslastung von 67 Prozent

Die Fahrt von Hamburg nach Dresden ist für beide Seiten ein gutes Geschäft: Nur 8 von 49 Sitzplätzen sind unbesetzt, bei einer Auslastung von mehr als zwei Dritteln bringt die Tour Gewinn. Wären da nicht die drei Rentner mit Hut und das türkische Ehepaar, man könnte das Ganze für eine Studienfahrt halten: Die Mehrzahl der Reisenden ist zwischen 20 und 30 Jahre alt.

Kurz vor Berlin baumeln Ladekabel wie Infusionsschläuche von der Decke - die Smartphoneakkus sind alle. "Flixbus hat die Fernreise demokratisiert", sagt BMW-Chef Harald Krüger. "Das ist für mich eine beeindruckende Disruption."

Stolz ist Schwämmlein, der einst Fraktionsvorsitzender der Grünen im Landkreis Fürth war, dass seit der Freigabe des Fernbusmarkts mehr Menschen öffentliche Verkehrsmittel benutzen als vorher. "Die meisten unserer Kunden sind vorher Auto und Mitfahrzentrale gefahren", sagt er. "Und die Bahn hat sogar Passagiere hinzugewonnen, seit es uns gibt." Dieselbetriebene Omnibusse und Klimaschutz sind für ihn kein Widerspruch: "Gemessen am CO2-Ausstoß pro Passagierkilometer sind wir das umweltfreundlichste Verkehrsmittel überhaupt."

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