Donnerstag, 12. Dezember 2019

Achten Sie: auf Felix Krämer "Autos sind fahrbare Skulpturen"

Koryphäe: Felix Krämer (46) studierte Kunstgeschichte, Archäologie und Volkskunde. Er gilt als einer der besten Kuratoren Europas.

Museumschef Felix Krämer erklärt, warum auch Oldtimer Kunst sind.

Das folgende Interview stammt aus der Oktober-Ausgabe 2018 des manager magazins.

Bislang gab es nur zwei weltweit bedeutende Autoausstellungen in Museen, 1954 in New York und 2005 in Boston. Jetzt hat der deutsche Kurator Felix Krämer Oldtimer zu Kunst erklärt. Der neue Chef des Kunstpalastes Düsseldorf sitzt bei Holunderlimonade im "Ohme Jupp", einer Künstlerkneipe, in die schon Heinrich Heine und Joseph Beuys gingen.

Warum sind Sie denn nicht mit dem Oldtimer da?

Ich fahre gar kein Auto, hatte nie eins. Immer nur Fahrrad, da ist man schneller unterwegs. Und hat auch keine Parkplatzprobleme.

Einen Führerschein haben Sie aber, oder?

Ja. Und ich liebe Autos. Als Kind wollte ich Autodesigner werden. Meine Mutter hat noch die Scribbeleien von damals. Mein Taschengeld habe ich ausgegeben für Autoquartette und Sonderausgaben von "Auto Motor Sport".

Hatten Sie ein Lieblingsauto?

Ich wollte immer einen Morris Minor haben, das Gegenmodell zum deutschen Käfer.

Jungs und Autos, die alte Faszination. Aber was haben die Karren im Museum zu suchen?

Die Idee kam mir, als ein Kunstsammlerfreund mir etwas auf seinem Handy zeigte: Wir scrollten Fotos durch und ich dachte erst, er zeigt mir Henry-Moore-Plastiken. In Wahrheit handelte es sich um Autos. Da hat es bei mir klick gemacht: Autos sind fahrbare Skulpturen, die vibrieren, Geräusche machen und eine Straßenlage haben.

Wovon man nichts mitbekommt, wenn das Auto nur rumsteht.

Dafür schaut der Betrachter genauer hin. Es ist alles da: Kindchenschema, Autos, die mit großen Augen lächeln, schwellende Formen, ein Spiel mit Sexualität zwischen männlichem und weiblichem Formenkanon, der goldene Schnitt. Die Designer wussten genau, was sie tun; Proportionen und ästhetische Prinzipien spielen die gleiche Rolle wie in der Kunst.

Und wie bei Kunst werden auch die Preise bei Oldtimern immer verrückter. Die Messe Art Basel hat jetzt sogar einen Autoableger gegründet, die Grand Basel.

Wir sind an einem Scheidepunkt, und Autos polarisieren. Dieselaffäre hier, Share Economy da. Unsere Wahrnehmung ändert sich. Das ist ähnlich wie bei Uhren. Eigentlich braucht die im Zeitalter von Smartphones keiner mehr. Aber Autos sind wie Uhren nach wie vor Statussymbole, da geht es um Geschichte und Passion.

Ausgerechnet in Zeiten, in denen Autos ihre Sinnlichkeit verlieren, weil sie nur noch mit einer Batterie und auch noch selbst fahren, soll die Sehnsucht nach Blech mit Seele wachsen?

Wann sonst? Wer es sich leisten kann, erfüllt sich heute seinen Kinder- und Jugendtraum und kauft sich eines der Lieblingsfahrzeuge, mit denen er aufwuchs. Ich bin Jahrgang 71, die Autos meiner Kindheit kriegen bereits ein H-Kennzeichen.

Einen Oldtimer in der Garage zu haben ist ganz schön elitär. Wie passt das zu einem eher demokratischen Kunstverständnis?

Das sehe ich anders. Für Autos, auch alte Autos, braucht man weder Abitur noch einen dicken Geldbeutel. Dafür interessiert sich der Bäckermeister genauso wie der Schuljunge, der Studienrat oder der Künstler. Und wer sich einen schicken Oldtimer nicht leisten kann, restauriert eben selbst einen.

Trotzdem sind es meist Männer mit Macht, die berühmt sind für ihre Sammlungen, Modeschöpfer Ralph Lauren etwa oder Talkmaster Jay Leno.

Auch viele Kunstschaffende sind Autonarren, von Andy Warhol über Rem Koolhaas bis Andreas Gursky. Bei den meisten kam der Impuls für Kunst erst ziemlich spät. Die Liebe zum Auto war hingegen von Anfang an da. Ich sprach gerade mit dem Chef eines Großkonzerns, dessen Tag minütlich durchgetaktet ist. Als er beschrieb, wie er in seinem Oldtimer Straße und Auto spürt, wurde er regelrecht emotional. Das sind die Minuten, die er nur für sich hat und die er ganz bei sich ist.

Selbstfindung am Lenkrad?

Mit dem Auto verbinden sich oft sehr private, persönliche Momente. Die finden Sie in anderen Kunstsegmenten nicht.

Bei welchem Modell werden Sie emotional?

In den 80ern gab es den Lancia Y10. Meine damalige Lebensgefährtin fuhr den. Chic, mit Alcantara ausgestattet. Damals wurden Kleinwagen ja als schrottig abgetan. Ich aber mochte diese Luxusanarchie des Lancia und freue mich bis heute, wenn ich noch einen sehe.

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