Dienstag, 18. Juni 2019

Factor Investing - Absicherungs-Strategie im Abschwung Eine Medizin gegen den persönlichen Finanz-Crash

Factor Investing: Platz-Angst
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3. Teil: Faktorfesseln für Star-Trader

Selbst die Star-Trader großer Hedgefonds werden mittlerweile von Risikomanagern kontrolliert, die laufend Dutzende von Faktoren des Portfolios messen. "Das ist wie ein kritischer Blick auf die Nährstoffe beim Essen", sagt Geraldine Sundstrom, die von der "Financial Times" 2014 zu einer der "profiliertesten Frauen in der europäischen Hedgefondsbranche" gekürt wurde.

Der Fokus auf den Faktor helfe, es mit einzelnen Bestandteilen wie Zucker oder Fett nicht zu übertreiben. "Aber am Ende bestellt man immer noch ein ganzes Gericht", sagt die Französin, die nach Stationen bei großen Hedgefonds seit drei Jahren für die Allianz-Tochter Pimco in London arbeitet. Dort ist sie zuständig für die Asset Allocation europäischer Kunden - und hat stets die Faktor-Nerds im Nacken.

Sundstrom ist kein akademischer Überflieger wie AQR-Gründer Asness. Ihren Qualifikationsnachweis zum Einstieg in die Fondsbranche erwarb sie am Abendcollege Birkbeck und nicht an einer der Eliteuniversitäten. Sie ist auch kein hibbeliges Energiebündel wie der Amerikaner, den es nie lange auf einem Stuhl hält. Cool behauptet sie, dass traditionelle Modelle, die nach wie vor auf menschlichem Urteil basieren, automatisierten Methoden überlegen seien. "Ich hatte jedenfalls eine positive Rendite 2008 und 2009", sagt sie spitz. Anders als die neuen Varianten habe ihr bewährter Ansatz den Beweis erbracht, dass er funktioniert. Die Einschätzung der Wirtschafts- und Marktlage könne man nicht Maschinen überlassen.

Aber auch reinrassige Faktorstrategien haben allerdings durchaus Erfolge vorzuweisen. Einige Multi-Faktor-Aktien-ETF verloren bei Börsenturbulenzen deutlich weniger als der Gesamtmarkt (siehe obere Tabelle). Andere Anbieter wiederum haben den neuen Investmentansatz noch nicht im Griff.

Factor Investing mit Fonds
Investmentfonds mit Multi-Faktor-Modellen
Name Rendite p. a. / Kosten1 Wertpapier-kennnr. Anlagestrategie
AQR Style Premia 4,36 / 0,75 A12AJF Aktien, Bonds, Devisen ab 100.000 Euro
Amundi Gl. Eq. Multi Smart All. 11,36 / 0,40 A114GH Aktien global, leicht reduziertes Risiko
Goldman Sachs Eq. Factor Wld. 10,76 / 0,65 A1XES7 Aktien global, leicht reduziertes Risiko
Goldman Sachs Eq. Factor Euro. k. A. / 0,55 A1161M Europa-Version des globalen ETF
iShares MSCI Euro. Multifactor k. A. / 0,45 A14YPB Aktien Europa mit Multi-Faktor-Modell
1| Annualisierte Rendite nach Kosten, drei Jahre bis 31.10.2017 und laufende Kosten, in Prozent.
Quelle: Morningstar
Absicherungsstrategien für die Spätphase der Rallye
Investmentfonds mit Multi-Faktor-Modellen
Name Rendite p. a. / Kosten1 Wertpapier-kennnr. Anlagestrategie
DB Platinum IV Systemat. 1,46 / 1,01 A0YDDV Quant-Pionier David Harding (Winton)
SEB Asst Selet. Opportunistic 6,94 / 1,55 A0NGJJ Quantfonds von Hans-Olov Bornemann
THEAM Quant Multi Asset Div. 8,74 / 1,75 A2AHHQ Quant-Strategie der Bank BNP Paribas
Wallrich Wolf Prämienstrategie 6,70 / 1,63 A2ARRT Optionsstrategie mit Risikoreduktion
Alken Absolute Return Europe 6,14 / 1,85 A1JFDZ Wachstumsaktien, Short-Absicherung
Jupiter Europe Class L 8,45 / 2,02 A0YC43 Long-Short-Aktienfonds
Lupus Alpha All Opportunities 9,27 / 2,12 A0M99W Nebenwerte mit Short-Absicherung
ML Marshall Wace TOPS 5,72 / 1,85 ML0EPX Belohnt City-Insider für Anlagetipps
Xetra Gold ETF 5,69 / 0,36 A0S9GB 5 bis 10 Prozent Gold als Crash-Police
1| Annualisierte Rendite nach Kosten, drei Jahre bis 31.10.2017 und laufende Kosten, in Prozent.
Quelle: Morningstar

Die Deutsche Bank, die in ihren Studien das "neue Paradigma" ausführlich preist, musste die Grenzen der Methode erkennen. Ein Multi-Faktor-Fonds der Tochtergesellschaft DB Platinum wurde nach wenigen Jahren mangels Erfolg wieder eingestampft.

Der Londoner Hedgefonds Fulcrum kommt seit fast zehn Jahren bei der Rendite über die Nulllinie kaum hinaus. Andere Produkte laufen besser, aber dem Markt trotzdem weit hinterher. "Was da präsentiert wurde, war sehr überzeugend", erinnert sich ein Anlageberater, der sich auf einen französischen Faktorspezialisten einließ. "Aber jetzt schwitzen wir Blut und Wasser."

Wie leidensfähig Faktorfans sein müssen, zeigt schon die Karriere von Pionier Asness. Während der Techbubble der späten 90er Jahre lag sein damals noch junger Hedgefonds so daneben, dass er Monat für Monat 2 Prozent Verlust einfuhr. Die Kunden flohen in Scharen.

Asness warf seinen Vater gegen dessen Willen aus dem Fonds und zahlte ihn aus, "weil ich ihn nicht mit in den Abgrund reißen wollte". Wäre der Crash vom März 2000 wenige Monate später gekommen, gäbe es AQR nicht mehr, gibt der Gründer zu. Auch zu Beginn der Finanzkrise 2007 verlor AQRs Flaggschiff-Fonds stark, bevor er sich erholte und seine Überlebensfähigkeit in der Krise bewies.

Die Nahtoderfahrung von Asness zeigt, warum es nicht klug ist, mit allem Kapital voll gegen eine Spekulationsblase zu wetten, selbst wenn sie für kühle Rechner offensichtlich ist: Massenhysterien wie der Dotcom-Boom oder der Bitcoin-Wahn können viel länger und weiter gehen, als die Skeptiker glauben. Wer gegen Bitcoin Börsen-Chart zeigen wettet, muss aushalten können, dass der Preis sich zwischenzeitlich noch mal verdoppelt.

AQR meidet solch einseitige Wetten seit Langem. Seit dem Techcrash "hatten wir fast 20 Jahre Evolution bei unseren Modellen", sagt AQR-Principal Palazzolo. Damals habe der Fonds noch viel stärker auf Value Investing gesetzt. Nun steckten viele andere Konzepte in den Strategien, nicht zuletzt die vielen neuen Faktorideen.

Die Befürchtung, dass Risikofaktoren selbst überbewertet und crashgefährdet seien, weist Palazzolo zurück. "Die Renditen des Factor Investing könnten in den kommenden Jahren geringer sein als früher, weil mehr Investoren ihnen nachjagen", räumt er ein. Aber die Faktoren blieben wertvoll, "um Anleger vom reinen Finanzmarktrisiko wegzubewegen". Denn nur Aktien und Bonds, je zur Hälfte im Depot, brächten künftig höchstens noch 2 Prozent Rendite pro Jahr, warnt Asness.

Ein bisschen mehr sollte das geballte Wissen der Chicago-Boys schon schaffen.

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