Donnerstag, 24. Oktober 2019

Factor Investing - Absicherungs-Strategie im Abschwung Eine Medizin gegen den persönlichen Finanz-Crash

Factor Investing: Platz-Angst
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2. Teil: Proteinshakes fürs Portfolio

Bislang sind die AQR-Fonds nur in Europa für Großanleger erhältlich, die Mindestanlagesumme beträgt 100.000 Dollar. Doch das soll sich bald ändern, verspricht Chris Palazzolo, Asness' Vertriebschef für Europa. AQR werde neue Fondsklassen für Privatanleger auflegen.

Die Faktorjünger glauben, dass Asness' Doktorvater Eugene Fama (78) mit dem mathematischen Nachweis der Faktorrenditen etwas ähnlich Spektakuläres gelungen ist wie den Entdeckern von Kohlehydraten und Proteinen einst für die Ernährung. Der Professor erhielt dafür 2013 den Wirtschaftsnobelpreis. Sein Schüler mixt und verkauft heute die Protein-shakes für das Portfolio, nach Famas Ideen.

Als Asness 1988 zum Studium nach Chicago kam, hatte Fama gerade bewiesen, dass gemessen an Umsatz und Gewinn niedrig bewertete Aktien ("Value-Aktien") langfristig erstaunlich mehr Rendite bringen als teurere Titel. Davon inspiriert, entdeckte Asness, dass auch der dem Value genau entgegengesetzte Faktor unerwartet gut funktioniert. Also jene Aktien, die bereits im Kurs gestiegen sind. Seine Strategie nutzt die stets gleichen Fehler irrationaler, gefühlsgesteuerter Anleger aus. Asness weiß aus eigener Erfahrung, wie es ist, viel zu lange an Verlierern festzuhalten - sein erfolgloses Lieblings-Eishockeyteam New York Rangers ist "eine Foltermaschine für Fans" (Asness).

Er erkannte, dass Investoren ähnlich unvernünftig treu an Verlierern kleben. Dann wieder springen sie auf Trends auf, weil sie bei den Gewinnern sein wollen, obwohl es längst zu spät ist. Und sie meiden Billigtitel, selbst wenn der Preis das Risiko überkompensiert.

Der Praxistest der neuen Ideen begann 1995, als Asness bei Goldman Sachs Börsen-Chart zeigenanheuerte. Er setzte zunächst auf eine Multi-Faktor-Strategie aus Momentum und Value: Sein Modell würde dann mehr Aktien kaufen, wenn sie attraktiv bewertet sind - ohne indes zu stark gegen Markttrends und -übertreibungen zu setzen. So hoffte er, lange Phasen der Underperformance zu vermeiden, die für traditionelle Value-Investoren typisch sind.

Asness stieg bei der Investmentbank schnell zum Star-Trader auf. 1998 gründete er mit Kollegen AQR.

Seine Goldman-Modelle managen heute andere, Daniel Jakubowski etwa. Bei der Münchener Investmentboutique Assenagon verwaltet er im Auftrag des Indexfondsanbieters Source den Goldman Sachs Factor Investing Strategy ETF. Wie das bei Modethemen so sei, sagt Jakubowski, irgendwann springen alle auf.

Auch Großanleger lehrt er das Faktorisieren. Mehrere Kunden haben bereits darauf umgestellt, darunter eine deutsche Versorgungskasse. Bei seiner letzten Sitzung wollte das Investmentkomitee von Jakubowski nicht wissen, ob es die Aktienquote verringern, sondern ob es den Depotanteil des Faktors "Low volatility" erhöhen solle. "Low vola" setzt auf Aktien mit stabilen Cashflows und geringeren Kursschwankungen.

Solche Defensivfaktoren kommen bei Crashgefahr zum Tragen. Jakubowski glaubt, dass deren kluger Einsatz den Verlust eines Aktiendepots bei einem Crash wie 2008 von 55 Prozent auf 40 Prozent reduzieren kann. In einem Mischportfolio mit Anleihen sinkt das Verlustrisiko noch deutlicher. Genau das ist es, was die Pensionskässler wünschen. Sie hievten den Anteil crashresistenter Ansätze auf 35 Prozent hoch. Vertrauen ist gut, defensive Faktoren sind besser.

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