Mittwoch, 18. September 2019

Extrempendler: Heute hier, morgen ganz weit fort Wenn zwischen Job und Familie ein Kontinent liegt

Extrempendler: Globale Nomaden
Foto: Privat

Manche Manager reisen ständig zwischen Kontinenten hin und her, weil der Job dort und die Familie hier ist. Wie überlebt man eine solche Tortur?

Der Mann, der da am frühen Samstagmorgen aus Shanghai gelandet ist, sieht irgendwie verdächtig aus. Der deutsche Zollbeamte am Frankfurter Flughafen fischt ihn aus der Traube der Reisenden heraus. Das hätte er sich sparen können: Bilgin Güngörmüs' (42) Koffer ist fast leer. Der Schwabe mit den türkischen Wurzeln grinst den verdutzten Beamten an: "Den fülle ich mit meinen Wochenendeinkäufen auf." Mit Waren von Aldi und mit seiner geliebten Sucuk, der türkischen Knoblauchwurst. Denn am Montag fliegt Güngörmüs schon wieder zurück nach Shanghai.

Güngörmüs' Frau und Kind leben in Kiel, die Eltern im schwäbischen Welzheim, er arbeitet seit Jahren in Shanghai für den Versicherungskonzern Allianz Börsen-Chart zeigen, als Head of International Business. Kiel, Welzheim, Shanghai -– in diesem Dreieck zwischen der ganz großen und der ganz kleinen Welt bewegt sich der Manager.

Güngörmüs ist einer jener Nomaden, die ihren dauernden Bewegungsdrang der Globalisierung zu verdanken haben. Sie pendeln nicht täglich mit Auto, Bus oder Bahn von daheim ins Büro, sie fliegen –- oft mehrmals im Monat, Tausende von Kilometern zwischen den Kontinenten, weil sie in Europa leben und in Asien, Afrika oder Amerika arbeiten.

Diese Nomaden gehören nicht zur privilegierten Kaste der Vorstandschefs, die bequem in den Ledersesseln ihrer Firmenjets um die Welt düsen. Sie fliegen Linie, nicht selten sogar Holzklasse.

Dirk Eilers (61) ist an diesem Dienstagmorgen um kurz vor sechs Uhr mit Singapore Airlines in München gelandet, kurz heimgefahren, dann im Forstenrieder Park eine Runde gelaufen und sitzt jetzt frisch geduscht in seinem Münchener Büro in der Vorstandsetage des Tüv Süd. Eilers ist einer der wenigen deutschen Vorstände, die fern ihrer Zentrale im Dauereinsatz sind. Seit Oktober 2010 leitet er von Singapur aus die Region Asien-Pazifik, seine Familie lebt teils in München, teils in Singapur.

Jeden zweiten Dienstag um neun Uhr kommt der Vorstand zu seiner regulären Sitzung zusammen, in der bayerischen Zentrale. Eilers bleibt meist nur zwei Tage, werden es mehr, rebelliert sein Körper: "Das Schlimmste sind fünf Tage", sagt er.

Binnen der ersten 48 Stunden stelle sich der Organismus noch nicht um, sagt auch Rodger Novak (49), Mediziner und CEO des aufstrebenden Biotech-Unternehmens Crispr Therapeutics. Er pendelt fast jedes Wochenende zwischen Boston (Arbeit) und Basel (Freundin und Wohnort) hin und her. 35 Transatlantikflüge hat er 2015 absolviert. Die Frequenz sei seither "leider nicht geringer geworden". Businessclassflüge und First-Class-Lounges machen ihm das Reisen angenehmer. Aber ob ihm sein Körper die Extrempendelei auf Dauer verzeiht?

Das ständige Jetten durch Klima- und Zeitzonen ist ein permanenter Schlauch - physisch wie psychisch, selbst für robuste und austrainierte Naturen. Novak hält sich fit, geht seit Jahren regelmäßig drei- bis viermal die Woche gegen fünf Uhr morgens laufen. Ohne das Training hätten ihn die Wochenendstrapazen längst erledigt.

Seite 1 von 3

© manager magazin 8/2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung