Freitag, 6. Dezember 2019

Veganismus Entdeckung der Besserverdiener

Vegane Ernährung: Das Milliardengeschäft mit dem Megatrend
kmu-fotografie.ch

Vegan ist der Megatrend des Jahrzehnts. Raus aus der Körnerfresserecke, hin zu schick, edel und teuer.

Es gibt Läden, die gerade alles richtig machen, weil sie den Nerv der Zeit treffen. Das "Daluma" in Berlin-Mitte ist so einer, Hotspot der Ernährungsbeflissenen der Hauptstadt. Hell, licht, an der Wand grüne Federn, Hocker von Ai Weiwei.

Gesundes to go gibt es hier, viel Rohkost, alles vegan - bunte Smoothies wie "Wheat Treat", ein Mix aus Fenchel, Orange, Ingwer, Blaualge, Weizengras und Kokosstaub. Hätte man früher nie freiwillig zusammengekippt. Jetzt muss man es einfach probieren. Grasig, scharf - kickt das Immunsystem nach vorn. Auf der Karte stehen Gerichte wie Chia-Pudding mit AÇaí-Beeren, Quinoa mit Granatapfel-Tahina-Topping und Beluga-Linsen mit Limone, Sprossen und weißem Rettich. Klingt alles ziemlich fancy, auch wenn man manchmal gar nicht weiß, was es ist. Egal. Wer das "Daluma" verlässt, fühlt sich gesund, besser, irgendwie auf der richtigen Seite.

Nächster Halt: "The Bowl", wieder Berlin, diesmal Friedrichshain. Hier essen die Guten, und zwar sauber. Clean-Eating heißt der Trend: wenige Zutaten, frisch, unbehandelt, ohne Aroma- und Konservierungsstoffe, meist vegan. Die Frauendichte ist hoch. Eine hat 269 auf den Arm tätowiert. Die Nummer des Kalbs, das israelische Aktivisten 2013 vor der Schlachtung retteten. Es wurde zum Symbol für Mitgefühl. "Spiritual" steht in neonblauer Schrift an der Wand. Die Süßkartoffel-Pommes mit Chili sind überraschend lecker.

Und dann: Das "Hiltl", der erste pelzfreie Klub Europas, mitten in Zürich. Mit Fuchsschwanzkapuze kommt man nicht rein, hier wird tierleidfrei gefeiert. Früher als Wurzelbunker verschrien, amüsieren sich inzwischen die jungen Reichen der Stadt im ältesten vegetarischen Restaurant, eröffnet 1898 als "Vegetarierheim und Abstinenz-Café". Heute isst man im "Hiltl" Crispy Tofu mit Mango-Apfel-Chutney, gut für den Körper, das Karma, das Klima. Warum nicht kurz die Welt retten, wenn's schmeckt? Willkommen bei den Besseressern. Den Bewussten, die mit jedem Bissen ein Statement abgeben.

All you can eat
Essen ist eine verwirrende Sache geworden. Wer isst was?
Pescetarier
kein Fleisch, aber Fisch
Flexitarier
ab und zu Fleisch
Ovo-Lacto-Vegetarier
kein Fleisch und oft auch keinen Fisch, aber Eier und Milch
Veganer
nichts vom Tier
Frutarier
nur, was die Erde schenkt, nichts, was bei der Ernte die Pflanze schädigt; also Obst, Nüsse, Samen, aber keine Blätter, Wurzeln, Knollen, sprich Kartoffeln oder Möhren
Clean Eater
wollen Zutaten ohne Aroma- und Konservierungsstoffe; kein Weißmehl, kein Zucker
Rohköstler
meist vegan, aber nichts, was über 40 Grad erhitzt wurde, das gilt als "totgekocht"
Freeganer
essen nur Geschenktes oder Weggeworfenes, in den USA als "dumpster diving" ("Mülltonnentauchen") bezeichnet - ein radikales Statement

Vegan ist der Hype des Jahrzehnts, grüner als grün, radikaler als Öko und Bio, weil es auf jede Ausbeutung von Tieren verzichtet. Kein Fleisch, keine Eier, keine Butter, keine Milch, kein Käse, kein Honig, keine Gelatine. 900.000 Deutsche ernähren sich mittlerweile so und gehen damit deutlich weiter als die 7,8 Millionen Vegetarier. In den USA spricht man von "plant-based", das klingt freundlicher, undogmatischer.

Was früher verschrien war als Spleen von Freaks, "die nicht alle Latten am Zaun hatten" (Jan Bredack, Chef der Supermarktkette Veganz), ist an der Spitze der Gesellschaft angekommen. Angestachelt von Studien, die rotem Fleisch attestieren, das Krebsrisiko zu erhöhen, von Lebensmittelskandalen und Gentechnikberichten.

© manager magazin 5/2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung