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Vegane Ernährung: Das Milliardengeschäft mit dem Megatrend

Foto: David Biedert

Veganismus Entdeckung der Besserverdiener

Vegan ist der Megatrend des Jahrzehnts. Raus aus der Körnerfresserecke, hin zu schick, edel und teuer.
Von Viola Keeve

Es gibt Läden, die gerade alles richtig machen, weil sie den Nerv der Zeit treffen. Das "Daluma" in Berlin-Mitte ist so einer, Hotspot der Ernährungsbeflissenen der Hauptstadt. Hell, licht, an der Wand grüne Federn, Hocker von Ai Weiwei.

Gesundes to go gibt es hier, viel Rohkost, alles vegan - bunte Smoothies wie "Wheat Treat", ein Mix aus Fenchel, Orange, Ingwer, Blaualge, Weizengras und Kokosstaub. Hätte man früher nie freiwillig zusammengekippt. Jetzt muss man es einfach probieren. Grasig, scharf - kickt das Immunsystem nach vorn. Auf der Karte stehen Gerichte wie Chia-Pudding mit AÇaí-Beeren, Quinoa mit Granatapfel-Tahina-Topping und Beluga-Linsen mit Limone, Sprossen und weißem Rettich. Klingt alles ziemlich fancy, auch wenn man manchmal gar nicht weiß, was es ist. Egal. Wer das "Daluma" verlässt, fühlt sich gesund, besser, irgendwie auf der richtigen Seite.

Nächster Halt: "The Bowl", wieder Berlin, diesmal Friedrichshain. Hier essen die Guten, und zwar sauber. Clean-Eating heißt der Trend: wenige Zutaten, frisch, unbehandelt, ohne Aroma- und Konservierungsstoffe, meist vegan. Die Frauendichte ist hoch. Eine hat 269 auf den Arm tätowiert. Die Nummer des Kalbs, das israelische Aktivisten 2013 vor der Schlachtung retteten. Es wurde zum Symbol für Mitgefühl. "Spiritual" steht in neonblauer Schrift an der Wand. Die Süßkartoffel-Pommes mit Chili sind überraschend lecker.

Und dann: Das "Hiltl", der erste pelzfreie Klub Europas, mitten in Zürich. Mit Fuchsschwanzkapuze kommt man nicht rein, hier wird tierleidfrei gefeiert. Früher als Wurzelbunker verschrien, amüsieren sich inzwischen die jungen Reichen der Stadt im ältesten vegetarischen Restaurant, eröffnet 1898 als "Vegetarierheim und Abstinenz-Café". Heute isst man im "Hiltl" Crispy Tofu mit Mango-Apfel-Chutney, gut für den Körper, das Karma, das Klima. Warum nicht kurz die Welt retten, wenn's schmeckt? Willkommen bei den Besseressern. Den Bewussten, die mit jedem Bissen ein Statement abgeben.

All you can eatEssen ist eine verwirrende Sache geworden. Wer isst was?

Vegan ist der Hype des Jahrzehnts, grüner als grün, radikaler als Öko und Bio, weil es auf jede Ausbeutung von Tieren verzichtet. Kein Fleisch, keine Eier, keine Butter, keine Milch, kein Käse, kein Honig, keine Gelatine. 900.000 Deutsche ernähren sich mittlerweile so und gehen damit deutlich weiter als die 7,8 Millionen Vegetarier. In den USA spricht man von "plant-based", das klingt freundlicher, undogmatischer.

Was früher verschrien war als Spleen von Freaks, "die nicht alle Latten am Zaun hatten" (Jan Bredack, Chef der Supermarktkette Veganz), ist an der Spitze der Gesellschaft angekommen. Angestachelt von Studien, die rotem Fleisch attestieren, das Krebsrisiko zu erhöhen, von Lebensmittelskandalen und Gentechnikberichten.

Aus dem Mädchenessen ist ein Milliardenmarkt geworden

Veganer gelten heute als Visionäre: Twitter-Mitgründer Biz Stone (42) isst genauso tierfrei wie Risikokapitalinvestor Joichi Ito (49), Levi's-Chef Chip Bergh (58) oder Elizabeth Holmes (32), Amerikas jüngste, derzeit etwas strauchelnde Selfmademilliardärin (Theranos). Und viele Film- und Popstars sowieso: Brad Pitt, Moby, Bryan Adams, Pamela Anderson, Anne Hathaway. Apples Steve Jobs war gar Rohköstler.

Vegetarier, Veganer, Clean-Eater - die Spirale dreht sich weiter und weiter. Es geht längst nicht mehr allein ums Essen, der Trend hat auch Kleidung, Kosmetik, Autos, Champagner und Küchengeräte erfasst. Tierfrei ist schick, glamourös und bisweilen teuer. Besseressen für Besserverdiener - aus dem Mädchenessen ist ein Milliardenmarkt geworden, und alle wollen mitverdienen.

Man trifft auf schillernde Unternehmer, die früher ihr Geld mit Hedgefonds gemacht haben, auf Überzeugungstäter, die irgendwo in der Eifel Tofu herstellen, und auf Tech-Tycoone aus dem Silicon Valley, die angesichts der wachsenden Weltbevölkerung in neuem Essen ein gigantisches Geschäft sehen und geradezu besessen sind von Fleischersatz, am besten gleich aus dem 3-D-Drucker.

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Die Kommerzialisierung der Bewegung wird von den Ur-Veganern abgrundtief gehasst. Es gibt regelrechte Glaubenskriege ums Gemüse. Aber die Puristen sind längst in der Minderheit, die Business- und Hipster-Veganer haben übernommen.

"Daluma", "The Bowl", "Hiltl" - die Namen schreibt sich Jens Spudy gleich mal auf. Der Mann ist 54, einer der einflussreichsten Anlageberater Deutschlands und Veganer, zumindest weitgehend. Morgens nimmt er Dinkelgrieß mit Banane zu sich und Hirsemilch, dazu einen Smoothie mit Ingwer, Spinat, Waldkräutern, das ganze Programm. "Zu Hause kochen wir vegan." Nur im Restaurant gibt es manchmal noch Eier, Fisch, Fleisch.

Der Erfolg: Cholesterinwerte wieder normal, Blutdruck 120 statt wie früher 150, 25 Kilo weniger Gewicht in sechs Monaten - die Zahlen kennt Jens Spudy, als ginge es um eine Aktienbewertung. Der Körper als Investment, nachhaltig, langfristig, so sieht er das. Er will Herzinfarkt und Schlaganfall vorbeugen. "Ich habe immer Bio gekauft, war nie ein Freund von Massentierhaltung, aber jetzt fühl ich mich fitter." It comes with the second wife - die These des "Businessweek"-Reports "The Rise of the Power Vegans" trifft voll auf Spudy zu. Er hat die Anteile an seiner alten Firma verkauft, eine neue gegründet und noch mal geheiratet, eine Ärztin. Zur Hochzeit gab es vegane Currywurst von Hamburgs "Landhaus Scherrer". Mit seiner Frau hat er einen veganen Kochkurs gemacht.

Vegane Businessschuhe und tierfreies Sexspielzeug

Doch beim Essen ist längst nicht Schluss. Der Trend ist beinahe uferlos. Kein Monat, in dem nicht ein neues Buch rauskommt, "Vegan für Faule", "Peace Food", "La Veganista" oder "McVeg". Es gibt vegane Businessschuhe von Avesu und Luxusmode von Umasan. Das Berliner Label der Zwillingsschwestern Sandra und Anja Umann entwirft Avantgarde-Fashion aus Hanf, Sojaseide oder Eukalyptusfasern, schwarz, asymmetrisch. Anja Umann hat zwei Jahre für den Stardesigner Yohji Yamamoto in Paris und Tokio gearbeitet. Frauen können die Kleidung von Umasan tragen, Männer nur als existenzialistische Großstädter. Als CEO im Elfenlook zum Businesslunch? Schwierig.

Und weiter geht's: Vegane Kosmetik (i+m aus Berlin, Dr. Bronner's), vegane Autos (Tesla hat auch diesen Trend erspürt und bestückt seine E-Mobile auf Wunsch mit Kunstledersitzen), vegane Hotels (Daunenbetten sind so out), selbst Flussreisen und Sexspielzeug gibt es in veganer Ausführung, die Peitschen sind dann aus recycelten Fahrradschläuchen.

Vegan ist eine Haltung, und jeder soll es sehen. Das fängt beim Kochen an, es wird zelebriert, natürlich braucht man dafür die richtige Küche. 2015 wurde auf der Kölner Möbelmesse "Vooking" vorgestellt, eine Edelküche für Best Ager mit Kaufkraft: 70.000 Euro soll der Prototyp mit Getreidemühle, Mörser, Kühlschrank samt vier Klimabereichen kosten.

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Jenseits des Showeffekts hat sie auch einen praktischen Sinn, denn Veganer und Vegetarier kochen anders, müssen mehr Lebensmittel waschen und zerkleinern, ziehen selbst Weizengras. Entworfen haben die Küche drei Designer, ein Koch und ein Tischler. Lieferzeit: sechs bis zwölf Monate. Wer nicht warten will, geht zu Bulthaup. Die b2 kommt der Vooking schon recht nahe.

Das Equipment ist dann Männersache. Um Smoothies perfekt zu pürieren, Gemüse zu trocknen, hat die Firma Keimling Naturkost den "Vitamix Pro 750" (899 Euro) und das "Excalibur EXC10EL Dörrgerät" (995 Euro) im Programm. Der Hersteller hat 120 Mitarbeiter, sitzt in Buxtehude und ist einer der führenden Onlineshops für Rohköstler. 1984 hatte Eigner Winfried Holler dort noch sein Geschäft für "Naturspeisewaren".

Ausgerechnet der Vegantrend, der eigentlich auf Verzicht ausgerichtet ist, kommt inzwischen luxuriös und kostspielig daher. Es gibt Kaviar aus Algen und veganen Champagner (Blanc de Blanc 2006, Duval-Leroy, 65 Euro). War der nicht immer vegan? Man lernt: Das kommt auf den Wein an, aus dem er gemacht wird. Traditionell klärt man Trübstoffe mit Gelatine, Kasein oder Proteinen der Fischblase. Der Filter, das Tiereiweiß, landet zwar gar nicht in der Flasche, strikte Veganer lehnen das trotzdem ab. Deshalb wird nun auch natürlich geklärt: bei Wilhelm Zähringer, Baden, Neumer in Rheinhessen oder beim Champagnerhaus Duval-Leroy von 1859. Den neuen, edlen Veggieschaumwein schenkt auch "Schloss Elmau" aus.

Vegan wird schick

Vegan wird schick - das gilt vor allem für die Restaurantszene. Ja, es gibt sie noch, die Lokale mit diesen lustigen Namen, die nach Hippiefröhlichkeit und selbst gestrickt klingen: "FreundSaft", "Möhren Milieu", "Ökoelvis", "Krümelküche", "Happenpappen", "Alge 8" oder "Wir essen Blumen". Aber wer möchte da bitte mit Geschäftskunden lunchen?

In London hört sich das schon anders an ("Vanilla Black", "The Gate"), genauso wie in Brighton ("Terre à Terre"), Mailand ("Joia"), New York ("Kajitsu", ein Michelin-Stern 2015) oder L.A. ("Crossroads"). Klingt weltläufiger - und so schmeckt es auch. In New York serviert die junge, schöne TV-Köchin Chloe Coscarelli im "by Chloe" Grünkohleis. Und Popstar Moby, auch schon 50 und seit 28 Jahren Veganer, lädt in seinem "Little Pine" in L.A. zu gebratenem Blumenkohl und Rosenkohl mit Fenchel an Apfelessig.

Die alten deutschen Kohlsorten reloaded. "Kale", also Grünkohl, schreibt Franziska Schmid in ihrem Buch "Local Superfoods" ist so beliebt (ob frittiert oder als Salat), dass Beyoncé es auf ihrem Shirt im Musikvideo trägt. In Kalifornien ist Kale zum Eiweiß der Avantgarde avanciert, gehört zum Lifestyle wie das Surfen.

Fleischlos essen auf Sterneniveau

Amerika rules, wie so oft. Aber die Deutschen holen auf. Seit 2014 kann man im "Tian" fleischlos auf Sterneniveau essen, ausgerechnet in München, der Haxen-, Brezen- und Weißwurststadt. Das Restaurant am Viktualienmarkt wirkt edel, Creme, Flieder, lichtes Blau, viele Lüster, Olivenholz auf dem Tisch. Küchenchef Christoph Mezger (er heißt wirklich so) serviert Pflanzenkost auf höchstem Niveau: Rote Bete mit Dill, Sesam, Salzkaramell und vegetarische Auster (Ingwergel, marinierte Gurke, gefrorene Joghurt-Crumble, Meeresspargel und Austernblätter). Schmeckt nach Auster, obwohl keine drin ist. Raffinierte vegane Menüs gibt es auch.

Das "Tian" gehört einem Wiener, dem Ex-Superfund-Gründer, Multimillionär und Vegetarier Christian Halper (47). Vor sechs Jahren verkaufte er Superfund-Anteile für, so heißt es, einen dreistelligen Millionenbetrag. Jetzt betreibt er ein Hotel in Kärnten mit Gärtnerei und vier "Tian"-Restaurants, vielleicht auch bald eines in Berlin.

Vom Finanzhai zum Veggie-Entrepreneur - Halper, ein netter, zurückhaltender Mensch, nennt es "Midlife-Chance", die erste Hälfte des Lebens hat er der Börse gewidmet, die zweite gehört den Beeten. In Kärnten züchtet er Gemüse und Kräuter. Er glaubt inzwischen, unser Körper sei für tierische Nahrung nicht geschaffen. Früher, als er noch Fleisch aß, hat er oft schlecht geschlafen, sich unwohl gefühlt. Seit 2012 ernährt er sich anders, besser, wie er findet. Sein "Tian" in Wien ist eines der wenigen vegetarischen Restaurants weltweit mit Michelin-Stern. "Es gibt kein Volk der Welt, das viel Fleisch isst und gesund und alt wird", deklamiert Halper. "Ich kenne keins." Ist ja alles Glaubenssache.

Berlin ist die Hauptstadt der Veganer

Spitzenreiter bei veganen Lokalen ist Berlin: 45 davon listet der Vegetarierbund auf, mehr als in Hamburg, Leipzig, Frankfurt, Düsseldorf oder München.

Der Umsatz mit vegetarischen und veganen Produkten ist 2015 um ein Viertel gestiegen (auf 454 Millionen Euro), der mit Fleisch und Wurst dagegen um 10 Prozent geschrumpft. Selbst die Supermärkte auf dem Land führen mittlerweile vegane Eigenmarken, neben dem Sortiment des Marktführers Veganz.

Berlin, Veganz-Büro Revaler Straße, oberste Etage, Dachterrasse, man hört einen Hund kläffen. Jan Bredack, Gründer und Chef der Marke, kennt seine am schnellsten wachsende Zielgruppe genau: "55 plus". Männer, die über die Frau kommen, die Kinder oder den Arzt, und die wissen wollen, was sie noch essen können. Meist nach einem Schicksalsschlag, Krankheit oder Tod eines nahestehenden Menschen. "Bei mir war es zum Glück eine Frau."

Gesund oder ungesund?

Bredack (44), graue Haare, Turnschuhe, grauer Kapuzenpulli, 1,85 Meter, wach, nicht unsympathisch, ist selbst ein Bekehrter, aber einer, der immer noch mit einem gewissen selbstironischen Abstand darüber reden kann, kein Verbissener. Der Kfz-Mechaniker aus dem Osten hat es im Westen nach ganz oben geschafft, BWL-Studium, Eliteuni St. Gallen. Mit 29 zählte er zu den jüngsten Führungskräften bei Daimler, sollte bei Moskau ein Lkw-Werk aufbauen. Er trug Breitling-Uhren, flog zum Abendessen nach New York, aß Currywurst, Mettbrötchen, was eben so da war, wog am Ende 130 Kilo: "Meine Hosen waren breit wie Lkw-Reifen."

Die kritischste Kundschaft

Nach Burn-out, Trennung von seiner Frau, neuer Freundin, die Vegetarierin ist, wird er Veganer (weil konsequent): Wer wolle schon geschredderte männliche Küken, Turbokühe mit Balloneutern kurz vorm Platzen? Bredack mag es drastisch. 2011 gründet er die Supermarktkette "Veganz", hat heute 220 Mitarbeiter, zehn Filialen, selbst in Prag und Wien. Der Umsatz lag zuletzt bei 24 Millionen Euro, dieses Jahr sollen es 80 werden. Im Herbst soll es den ersten Laden in den USA geben. Börsengang? Warum nicht! Vor zwei Jahren schrieb er nebenher die Biografie "Vegan für alle - warum wir richtig leben sollten". Die Energie des Mannes wirkt fast unheimlich.

Bredack hat sieben Kinder mit drei Frauen, eine arbeitet mit im Büro. Je dunkler es wird, desto heller strahlt sein Slogan, die weiße Neonschrift "Wir lieben Leben". Sein Claim war das. "Yes, ve gan" stammt vom Piper-Verlag. "Bei der Nahrung ist der Mensch konditioniert", weiß er. "Ich biete Alternativen." Das kostet: ein No-muh-Käse aus Pflanzenfasern oder Spirulina-Alge von Happy Cheeze aus Cashewkernen 6,79 Euro. Viele, die hier kaufen, lesen genau, was drin ist. "Wir haben sicher die kritischste Kundschaft", sagt er. Der Mann steht unter Strom, muss etwas futtern, schüttet Kekse, Cashewkerne, Goji-Beeren in dunkler Schokolade auf den Tisch. "Lecker, nicht?" Pinke Verpackung, poppig, "so geht das in die USA".

Bald noch mehr Filialen? Darum gehe es nicht, sagt Bredack. Veganz wäre dann auch nicht mehr als ein Delikatessenshop, er will in den Handel. Edeka, Kaiser's, Rewe und DM verkaufen seine Produkte inzwischen. "Wir werden auch Kosmetik machen, ich habe gerade jemanden eingestellt." Jan Bredack denkt groß, hat er schon immer.

Der Ur-Veganer sieht sich als Antikapitalist

Nicht alle finden das gut. "Wenn jetzt schon Manager vegan werden, warum soll ich das noch sein?", postet ein Kritiker. Die linke Szene mag Bredack nicht, ruft zum Klauen auf, wirft Scheiben ein, verteilt Buttersäure. Der Ur-Veganer sieht sich im Untergrund und als Antikapitalist. "Für die bin ich der Feind", sagt Bredack. Aber das ficht ihn nicht an. "Ein Brokkolisüppchen hätte ich immer für sie."

Die Zunft der Vegan-Venture-Kapitalisten ist klein, noch. Man kennt sich, ist oft sogar befreundet, wie Ex-Superfund-Jongleur Halper und Bredack. Auch Fanta-4-Manager Andreas "Bär" Läsker mischt in der Fleischersatzbranche mit; er speckte mit veganer Ernährung von 160 auf 104 Kilo ab, schrieb ein Buch ("No need for meat: Oder: Vegan ist, wenn man trotzdem lacht") und will Anfang Mai in Stuttgart Deutschlands erste vegane Fast-Food-Kette Xond eröffnen.

Posterboy der Szene ist Attila Hildmann (35), türkischer Herkunft, bei deutschen Adoptiveltern aufgewachsen. Der Physikstudent wollte mal Astronaut werden, fährt Porsche und schreibt Bestseller (wie fast jeder Unternehmer in der Branche, schließlich sind alle irgendwie auf Mission). "Vegan for youth", "Vegan for fit", sieben Titel hat Hildmann mittlerweile vorgelegt und über 1,2 Millionen Bücher verkauft. Nebenbei vertreibt er einen Spiralschneider "vegan with a twist", mit dem aus Kürbis, Karotte oder Zucchini Spaghetti werden.

"Vegan ist das neue Viagra"

Hildmann ist ein begehrter Talkshow-Gast, der Sätze sagt wie: "Vegan ist das neue Viagra." Da schäumt der linke Rand der Veganer. Hildmann findet: Zwang hat beim Essen nichts zu suchen. Zwischenzeitlich hat er sich Vegangsta genannt, ist jetzt aber auf Veganizer umgestiegen. Gangster-Rap und Gemüse - das war dann selbst für seine Anhänger eine Umdrehung zu viel.

Er hat als Schwarzenegger-Fan seine Verkaufsnische gefunden: vom Moppel-Ich zum Friss-dich-rank-Athleten. Der Anlass dafür war ein trauriger: Sein Adoptivvater starb an einem Herzinfarkt, zu hohe Cholesterinwerte. Hildmann wurde Vegetarier, die eigenen Werte besserten sich nicht, im Gegenteil. Bis er begriff: Die Milch muss weg. Er wurde Veganer und zeigt es seither allen: Könnt ihr doch auch, kocht einfach Blumenkohlcurry mit Mandelmus. Das Geschäft läuft fast von selbst.

Komplett irre wird die Veganerwelt, wenn's um das Thema Tofu geht, den ersten und klassischen Fleischersatz. Urgestein der Branche ist Bernd Drosihn (56), Vegetarier, Ökopionier und einer der größten Tofuproduzenten der Republik. Seine Fabrik Tofutown liegt in der Eifel, 80 Kilometer von Köln entfernt, umgeben von Wiesen. "Pflanzen-Metzger" oder "Dr. Tofu" nennt er sich. Früher war er Punkmusiker, hat in New York Saxofon gespielt und sich dort in eine Frau verliebt, die in einem makrobiotischen Restaurant arbeite, das Tofu servierte.

Mit Anfang 20 gründete er dann gemeinsam mit zwei Freunden in Siegburg das Tofukollektiv Soyastern, in einer ehemaligen Metzgerei. Dort gab es große Wannen, um Sojabohnen einzuweichen, zu pürieren und auszupressen. Die Freunde stellten eine Buddha-Figur in die frühere Wurstküche, tanzten, meditierten und baten um Verzeihung für die Verarbeitung der dort einst getöteten Tiere; die alte Metzgerfrau sah ihnen zu, mit verschränkten Armen.

Vleischsalat vom Tofutier

Bis 1990 war der Sojaquark, das Grundnahrungsmittel Asiens, in Deutschland verboten. Das Gewerbeamt wollte Drohsin keine Genehmigung für seinen "Torfu"-Betrieb ausstellen, vermutete dort ein Drogenlabor. Banken verweigerten Kredite, Nachbarn hielten die Gruppe für eine Sekte. Die Polizei sperrte den Betrieb irgendwann, weil das Gesundheitsamt Bedenken gegen das "Tortuffo" hegte. Die Betreiber saßen sogar kurz in Untersuchungshaft.

Heute hat Drosihn 370 Mitarbeiter, produziert rund 10.000 Tonnen jährlich und macht 60 Millionen Euro Umsatz. 2010 erschien sein Buch "Tofu - vom skurrilen Kampf um ein unscheinbares Weltnahrungsmittel". Aus Sojabohnen macht er "Vleischsalat vom Tofutier", vegane Holzfällersteaks und Grillschnecken und neuerdings Käse aus Cashewkernen ("Come on, Bert") - das allerdings von der Milchlobby heftig bekämpft, weil nach EU-Recht Käse aus Milch ist - und nicht aus Nüssen.

Drosihn gilt als frech, lässig, das mag die Szene. Was sie nicht mag: Das Spiel mit der Illusion, etwas zu verspeisen, das noch nach Tier aussieht: "Tofurky", das ganze Tier aus Tofu, täuschend echt. "Vleisch", Fake-Fleisch, hilft dabei, den ein oder anderen ins Veggie-Wunderland zu locken. Auf solche Leute blickt der Vegan-Ultra herab.

Die Wurst gilt als Zigarette von morgen

Wie auch immer: Drosihn hat erreicht, was er wollte, die "Tofuisierung des Abendlandes". Der Mann exportiert Sojasahne bis in die USA, gönnt sich ein Plattenlabel, fördert den Nachwuchs (die Tofu Tussis aus Berlin, die in Markthalle Neun ihre Feinschmeckerware verkaufen), organisiert ein Popfestival und sagt im Fernsehen lustige Sätze wie: "Ich habe einen Cholesterinwert wie ein Baby und kann mich quasi Sandra-Bullock-mäßig biegen wie eine Brezel."

Megatrend fleischlos - die Industrie hat längst verstanden. Seit die Wurst als die Zigarette von morgen gilt, heißt es umdenken. Die Rügenwalder Mühle verkauft Schinken-Spicker aus Hühnereiweiß und Rapsöl, vegetarisch, nicht vegan, Wurstgroßfabrikant Tönnies macht Tofu-Würstchen, Ikea Gemüse-Köttbullar. In der Autostadt in Wolfsburg gibt es in den Restaurants vegane Gerichte. "Mit Erfolg", sagt Kreativdirektorin Maria Schneider (62), die selbst überwiegend vegan isst.

"Die Zahl der sogenannten sensiblen Esser steigt", berichten Nielsen-Marktforscher, nicht nur aufgrund von Nahrungsmittelintoleranzen und Allergien. "Ernährung wird immer mehr zur Glaubensfrage, kulinarische Empfindlichkeiten gelten als Zeichen von Individualität." Oder wie Hanni Rützler sagt, die für das Zukunftsinstitut den "Foodreport" erstellt: "Speisen machen Leute." Laut Marktforscher Mintel sind ab 2020 ein Drittel der Konsumenten für Pflanzenkost offen.

Die US-Tech-Tycoone sind besessen vom Pflanzenessen

Geradezu besessen vom neuen Pflanzenessen sind die US-Tech-Tycoone. Microsoft-Gründer Bill Gates, reichster Mann der Welt, investiert in kalifornische Start-ups wie Hampton Creek Foods (Just Mayo, Mayonnaise aus Erbsen statt Ei) oder Beyond Meat, wo seit November letzten Jahres der ehemalige McDonald's-Chef Don Thompson im Board sitzt. Von der weltgrößten Fast-Food-Kette zum veganen Start-up - wenn das keine Burgerschlacht wird.

Ex-Paypal-Chef Peter Thiel steckt Geld in Fleisch aus dem 3-D-Drucker (Modern Meadow), genauso wie Li Kashing, der zweitreichste Asiate. Google-Gründer Sergey Brin gab niederländischen Forschern 33.0000 Dollar für Burger aus dem Labor.

Erweckung allerorten. Selbst bei einer Kasinogröße wie Steve Wynn. 2010 traf er auf einer Jacht den Telekom-Tycoon Gulu Lalvani. Der wirkte agil, fit, 20 Jahre jünger, ganz ohne Facelift, nur die Ernährung umgestellt. Wynn schloss sich ihm an und hat seither in Las Vegas und Macau vegane Gerichte auf der Karte. Für das Magazin "Businessweek" Anlass genug, den nächsten Trend zu verkünden: "The Rise of the Power Vegans".

Essen als Bekenntnis, Luxus oder Selbsterfahrung. Gründe für den Aufbruch in die vegane Ära gibt es reichlich. Dabei könnte doch alles so einfach sein, lästert Foodaktivist Michael Pollan: "Ich kenne außer dem Menschen kein einziges Lebewesen, das bei der Ernährung den Rat von Experten braucht."