Samstag, 14. Dezember 2019

Veganismus Entdeckung der Besserverdiener

Vegane Ernährung: Das Milliardengeschäft mit dem Megatrend
kmu-fotografie.ch

7. Teil: Vleischsalat vom Tofutier

Bis 1990 war der Sojaquark, das Grundnahrungsmittel Asiens, in Deutschland verboten. Das Gewerbeamt wollte Drohsin keine Genehmigung für seinen "Torfu"-Betrieb ausstellen, vermutete dort ein Drogenlabor. Banken verweigerten Kredite, Nachbarn hielten die Gruppe für eine Sekte. Die Polizei sperrte den Betrieb irgendwann, weil das Gesundheitsamt Bedenken gegen das "Tortuffo" hegte. Die Betreiber saßen sogar kurz in Untersuchungshaft.

Heute hat Drosihn 370 Mitarbeiter, produziert rund 10.000 Tonnen jährlich und macht 60 Millionen Euro Umsatz. 2010 erschien sein Buch "Tofu - vom skurrilen Kampf um ein unscheinbares Weltnahrungsmittel". Aus Sojabohnen macht er "Vleischsalat vom Tofutier", vegane Holzfällersteaks und Grillschnecken und neuerdings Käse aus Cashewkernen ("Come on, Bert") - das allerdings von der Milchlobby heftig bekämpft, weil nach EU-Recht Käse aus Milch ist - und nicht aus Nüssen.

Drosihn gilt als frech, lässig, das mag die Szene. Was sie nicht mag: Das Spiel mit der Illusion, etwas zu verspeisen, das noch nach Tier aussieht: "Tofurky", das ganze Tier aus Tofu, täuschend echt. "Vleisch", Fake-Fleisch, hilft dabei, den ein oder anderen ins Veggie-Wunderland zu locken. Auf solche Leute blickt der Vegan-Ultra herab.

Die Wurst gilt als Zigarette von morgen

Wie auch immer: Drosihn hat erreicht, was er wollte, die "Tofuisierung des Abendlandes". Der Mann exportiert Sojasahne bis in die USA, gönnt sich ein Plattenlabel, fördert den Nachwuchs (die Tofu Tussis aus Berlin, die in Markthalle Neun ihre Feinschmeckerware verkaufen), organisiert ein Popfestival und sagt im Fernsehen lustige Sätze wie: "Ich habe einen Cholesterinwert wie ein Baby und kann mich quasi Sandra-Bullock-mäßig biegen wie eine Brezel."

Megatrend fleischlos - die Industrie hat längst verstanden. Seit die Wurst als die Zigarette von morgen gilt, heißt es umdenken. Die Rügenwalder Mühle verkauft Schinken-Spicker aus Hühnereiweiß und Rapsöl, vegetarisch, nicht vegan, Wurstgroßfabrikant Tönnies macht Tofu-Würstchen, Ikea Gemüse-Köttbullar. In der Autostadt in Wolfsburg gibt es in den Restaurants vegane Gerichte. "Mit Erfolg", sagt Kreativdirektorin Maria Schneider (62), die selbst überwiegend vegan isst.

"Die Zahl der sogenannten sensiblen Esser steigt", berichten Nielsen-Marktforscher, nicht nur aufgrund von Nahrungsmittelintoleranzen und Allergien. "Ernährung wird immer mehr zur Glaubensfrage, kulinarische Empfindlichkeiten gelten als Zeichen von Individualität." Oder wie Hanni Rützler sagt, die für das Zukunftsinstitut den "Foodreport" erstellt: "Speisen machen Leute." Laut Marktforscher Mintel sind ab 2020 ein Drittel der Konsumenten für Pflanzenkost offen.

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