Sonntag, 8. Dezember 2019

Veganismus Entdeckung der Besserverdiener

Vegane Ernährung: Das Milliardengeschäft mit dem Megatrend
kmu-fotografie.ch

6. Teil: Der Ur-Veganer sieht sich als Antikapitalist

Nicht alle finden das gut. "Wenn jetzt schon Manager vegan werden, warum soll ich das noch sein?", postet ein Kritiker. Die linke Szene mag Bredack nicht, ruft zum Klauen auf, wirft Scheiben ein, verteilt Buttersäure. Der Ur-Veganer sieht sich im Untergrund und als Antikapitalist. "Für die bin ich der Feind", sagt Bredack. Aber das ficht ihn nicht an. "Ein Brokkolisüppchen hätte ich immer für sie."

Die Zunft der Vegan-Venture-Kapitalisten ist klein, noch. Man kennt sich, ist oft sogar befreundet, wie Ex-Superfund-Jongleur Halper und Bredack. Auch Fanta-4-Manager Andreas "Bär" Läsker mischt in der Fleischersatzbranche mit; er speckte mit veganer Ernährung von 160 auf 104 Kilo ab, schrieb ein Buch ("No need for meat: Oder: Vegan ist, wenn man trotzdem lacht") und will Anfang Mai in Stuttgart Deutschlands erste vegane Fast-Food-Kette Xond eröffnen.

Posterboy der Szene ist Attila Hildmann (35), türkischer Herkunft, bei deutschen Adoptiveltern aufgewachsen. Der Physikstudent wollte mal Astronaut werden, fährt Porsche und schreibt Bestseller (wie fast jeder Unternehmer in der Branche, schließlich sind alle irgendwie auf Mission). "Vegan for youth", "Vegan for fit", sieben Titel hat Hildmann mittlerweile vorgelegt und über 1,2 Millionen Bücher verkauft. Nebenbei vertreibt er einen Spiralschneider "vegan with a twist", mit dem aus Kürbis, Karotte oder Zucchini Spaghetti werden.

"Vegan ist das neue Viagra"

Hildmann ist ein begehrter Talkshow-Gast, der Sätze sagt wie: "Vegan ist das neue Viagra." Da schäumt der linke Rand der Veganer. Hildmann findet: Zwang hat beim Essen nichts zu suchen. Zwischenzeitlich hat er sich Vegangsta genannt, ist jetzt aber auf Veganizer umgestiegen. Gangster-Rap und Gemüse - das war dann selbst für seine Anhänger eine Umdrehung zu viel.

Er hat als Schwarzenegger-Fan seine Verkaufsnische gefunden: vom Moppel-Ich zum Friss-dich-rank-Athleten. Der Anlass dafür war ein trauriger: Sein Adoptivvater starb an einem Herzinfarkt, zu hohe Cholesterinwerte. Hildmann wurde Vegetarier, die eigenen Werte besserten sich nicht, im Gegenteil. Bis er begriff: Die Milch muss weg. Er wurde Veganer und zeigt es seither allen: Könnt ihr doch auch, kocht einfach Blumenkohlcurry mit Mandelmus. Das Geschäft läuft fast von selbst.

Komplett irre wird die Veganerwelt, wenn's um das Thema Tofu geht, den ersten und klassischen Fleischersatz. Urgestein der Branche ist Bernd Drosihn (56), Vegetarier, Ökopionier und einer der größten Tofuproduzenten der Republik. Seine Fabrik Tofutown liegt in der Eifel, 80 Kilometer von Köln entfernt, umgeben von Wiesen. "Pflanzen-Metzger" oder "Dr. Tofu" nennt er sich. Früher war er Punkmusiker, hat in New York Saxofon gespielt und sich dort in eine Frau verliebt, die in einem makrobiotischen Restaurant arbeite, das Tofu servierte.

Mit Anfang 20 gründete er dann gemeinsam mit zwei Freunden in Siegburg das Tofukollektiv Soyastern, in einer ehemaligen Metzgerei. Dort gab es große Wannen, um Sojabohnen einzuweichen, zu pürieren und auszupressen. Die Freunde stellten eine Buddha-Figur in die frühere Wurstküche, tanzten, meditierten und baten um Verzeihung für die Verarbeitung der dort einst getöteten Tiere; die alte Metzgerfrau sah ihnen zu, mit verschränkten Armen.

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