Samstag, 7. Dezember 2019

Veganismus Entdeckung der Besserverdiener

Vegane Ernährung: Das Milliardengeschäft mit dem Megatrend
kmu-fotografie.ch

5. Teil: Berlin ist die Hauptstadt der Veganer

Spitzenreiter bei veganen Lokalen ist Berlin: 45 davon listet der Vegetarierbund auf, mehr als in Hamburg, Leipzig, Frankfurt, Düsseldorf oder München.

Der Umsatz mit vegetarischen und veganen Produkten ist 2015 um ein Viertel gestiegen (auf 454 Millionen Euro), der mit Fleisch und Wurst dagegen um 10 Prozent geschrumpft. Selbst die Supermärkte auf dem Land führen mittlerweile vegane Eigenmarken, neben dem Sortiment des Marktführers Veganz.

Berlin, Veganz-Büro Revaler Straße, oberste Etage, Dachterrasse, man hört einen Hund kläffen. Jan Bredack, Gründer und Chef der Marke, kennt seine am schnellsten wachsende Zielgruppe genau: "55 plus". Männer, die über die Frau kommen, die Kinder oder den Arzt, und die wissen wollen, was sie noch essen können. Meist nach einem Schicksalsschlag, Krankheit oder Tod eines nahestehenden Menschen. "Bei mir war es zum Glück eine Frau."

Gesund oder ungesund?
Zu viel Fleisch
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung rät: 300 bis 600 Gramm Fleisch oder Wurst pro Woche reichen. Die Deutschen essen doppelt so viel.
Zu wenig Fleisch
Wer rein vegan isst, muss genug Eisen, Kalzium, Jod, Zink und Omega-3-Fettsäuren zu sich nehmen und den Mangel an Vitamin B12 ausgleichen, das nur in Eiern, Milch und Fleisch vorkommt (in milchsauer vergorenem Gemüse wie Sauerkraut oder Algen in minimalen Mengen), sonst droht Blutarmut.
Trugschluss
Vegan gilt automatisch als gesund, obwohl in Fleischersatzprodukten oft viel Salz, Aroma- und Konservierungsstoffe enthalten sind und (wie bei Billigwürsten) tief in die Kiste der Lebensmittelchemie gegriffen wird.
Fazit
Vegetarier und Veganer sind oft tatsächlich gesünder. Unklar ist, ob das an der Ernährung liegt oder an der Lebensweise: Sie rauchen weniger, trinken weniger Alkohol, essen mehr Gemüse und Obst, treiben mehr Sport und entspannen besser.

Bredack (44), graue Haare, Turnschuhe, grauer Kapuzenpulli, 1,85 Meter, wach, nicht unsympathisch, ist selbst ein Bekehrter, aber einer, der immer noch mit einem gewissen selbstironischen Abstand darüber reden kann, kein Verbissener. Der Kfz-Mechaniker aus dem Osten hat es im Westen nach ganz oben geschafft, BWL-Studium, Eliteuni St. Gallen. Mit 29 zählte er zu den jüngsten Führungskräften bei Daimler, sollte bei Moskau ein Lkw-Werk aufbauen. Er trug Breitling-Uhren, flog zum Abendessen nach New York, aß Currywurst, Mettbrötchen, was eben so da war, wog am Ende 130 Kilo: "Meine Hosen waren breit wie Lkw-Reifen."

Die kritischste Kundschaft

Nach Burn-out, Trennung von seiner Frau, neuer Freundin, die Vegetarierin ist, wird er Veganer (weil konsequent): Wer wolle schon geschredderte männliche Küken, Turbokühe mit Balloneutern kurz vorm Platzen? Bredack mag es drastisch. 2011 gründet er die Supermarktkette "Veganz", hat heute 220 Mitarbeiter, zehn Filialen, selbst in Prag und Wien. Der Umsatz lag zuletzt bei 24 Millionen Euro, dieses Jahr sollen es 80 werden. Im Herbst soll es den ersten Laden in den USA geben. Börsengang? Warum nicht! Vor zwei Jahren schrieb er nebenher die Biografie "Vegan für alle - warum wir richtig leben sollten". Die Energie des Mannes wirkt fast unheimlich.

Bredack hat sieben Kinder mit drei Frauen, eine arbeitet mit im Büro. Je dunkler es wird, desto heller strahlt sein Slogan, die weiße Neonschrift "Wir lieben Leben". Sein Claim war das. "Yes, ve gan" stammt vom Piper-Verlag. "Bei der Nahrung ist der Mensch konditioniert", weiß er. "Ich biete Alternativen." Das kostet: ein No-muh-Käse aus Pflanzenfasern oder Spirulina-Alge von Happy Cheeze aus Cashewkernen 6,79 Euro. Viele, die hier kaufen, lesen genau, was drin ist. "Wir haben sicher die kritischste Kundschaft", sagt er. Der Mann steht unter Strom, muss etwas futtern, schüttet Kekse, Cashewkerne, Goji-Beeren in dunkler Schokolade auf den Tisch. "Lecker, nicht?" Pinke Verpackung, poppig, "so geht das in die USA".

Bald noch mehr Filialen? Darum gehe es nicht, sagt Bredack. Veganz wäre dann auch nicht mehr als ein Delikatessenshop, er will in den Handel. Edeka, Kaiser's, Rewe und DM verkaufen seine Produkte inzwischen. "Wir werden auch Kosmetik machen, ich habe gerade jemanden eingestellt." Jan Bredack denkt groß, hat er schon immer.

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