Sonntag, 8. Dezember 2019

Veganismus Entdeckung der Besserverdiener

Vegane Ernährung: Das Milliardengeschäft mit dem Megatrend
kmu-fotografie.ch

4. Teil: Vegan wird schick

Vegan wird schick - das gilt vor allem für die Restaurantszene. Ja, es gibt sie noch, die Lokale mit diesen lustigen Namen, die nach Hippiefröhlichkeit und selbst gestrickt klingen: "FreundSaft", "Möhren Milieu", "Ökoelvis", "Krümelküche", "Happenpappen", "Alge 8" oder "Wir essen Blumen". Aber wer möchte da bitte mit Geschäftskunden lunchen?

In London hört sich das schon anders an ("Vanilla Black", "The Gate"), genauso wie in Brighton ("Terre à Terre"), Mailand ("Joia"), New York ("Kajitsu", ein Michelin-Stern 2015) oder L.A. ("Crossroads"). Klingt weltläufiger - und so schmeckt es auch. In New York serviert die junge, schöne TV-Köchin Chloe Coscarelli im "by Chloe" Grünkohleis. Und Popstar Moby, auch schon 50 und seit 28 Jahren Veganer, lädt in seinem "Little Pine" in L.A. zu gebratenem Blumenkohl und Rosenkohl mit Fenchel an Apfelessig.

Die alten deutschen Kohlsorten reloaded. "Kale", also Grünkohl, schreibt Franziska Schmid in ihrem Buch "Local Superfoods" ist so beliebt (ob frittiert oder als Salat), dass Beyoncé es auf ihrem Shirt im Musikvideo trägt. In Kalifornien ist Kale zum Eiweiß der Avantgarde avanciert, gehört zum Lifestyle wie das Surfen.

Fleischlos essen auf Sterneniveau

Amerika rules, wie so oft. Aber die Deutschen holen auf. Seit 2014 kann man im "Tian" fleischlos auf Sterneniveau essen, ausgerechnet in München, der Haxen-, Brezen- und Weißwurststadt. Das Restaurant am Viktualienmarkt wirkt edel, Creme, Flieder, lichtes Blau, viele Lüster, Olivenholz auf dem Tisch. Küchenchef Christoph Mezger (er heißt wirklich so) serviert Pflanzenkost auf höchstem Niveau: Rote Bete mit Dill, Sesam, Salzkaramell und vegetarische Auster (Ingwergel, marinierte Gurke, gefrorene Joghurt-Crumble, Meeresspargel und Austernblätter). Schmeckt nach Auster, obwohl keine drin ist. Raffinierte vegane Menüs gibt es auch.

Das "Tian" gehört einem Wiener, dem Ex-Superfund-Gründer, Multimillionär und Vegetarier Christian Halper (47). Vor sechs Jahren verkaufte er Superfund-Anteile für, so heißt es, einen dreistelligen Millionenbetrag. Jetzt betreibt er ein Hotel in Kärnten mit Gärtnerei und vier "Tian"-Restaurants, vielleicht auch bald eines in Berlin.

Vom Finanzhai zum Veggie-Entrepreneur - Halper, ein netter, zurückhaltender Mensch, nennt es "Midlife-Chance", die erste Hälfte des Lebens hat er der Börse gewidmet, die zweite gehört den Beeten. In Kärnten züchtet er Gemüse und Kräuter. Er glaubt inzwischen, unser Körper sei für tierische Nahrung nicht geschaffen. Früher, als er noch Fleisch aß, hat er oft schlecht geschlafen, sich unwohl gefühlt. Seit 2012 ernährt er sich anders, besser, wie er findet. Sein "Tian" in Wien ist eines der wenigen vegetarischen Restaurants weltweit mit Michelin-Stern. "Es gibt kein Volk der Welt, das viel Fleisch isst und gesund und alt wird", deklamiert Halper. "Ich kenne keins." Ist ja alles Glaubenssache.

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