Sonntag, 15. Dezember 2019

Veganismus Entdeckung der Besserverdiener

Vegane Ernährung: Das Milliardengeschäft mit dem Megatrend
kmu-fotografie.ch

2. Teil: Aus dem Mädchenessen ist ein Milliardenmarkt geworden

Veganer gelten heute als Visionäre: Twitter-Mitgründer Biz Stone (42) isst genauso tierfrei wie Risikokapitalinvestor Joichi Ito (49), Levi's-Chef Chip Bergh (58) oder Elizabeth Holmes (32), Amerikas jüngste, derzeit etwas strauchelnde Selfmademilliardärin (Theranos). Und viele Film- und Popstars sowieso: Brad Pitt, Moby, Bryan Adams, Pamela Anderson, Anne Hathaway. Apples Steve Jobs war gar Rohköstler.

Vegetarier, Veganer, Clean-Eater - die Spirale dreht sich weiter und weiter. Es geht längst nicht mehr allein ums Essen, der Trend hat auch Kleidung, Kosmetik, Autos, Champagner und Küchengeräte erfasst. Tierfrei ist schick, glamourös und bisweilen teuer. Besseressen für Besserverdiener - aus dem Mädchenessen ist ein Milliardenmarkt geworden, und alle wollen mitverdienen.

Man trifft auf schillernde Unternehmer, die früher ihr Geld mit Hedgefonds gemacht haben, auf Überzeugungstäter, die irgendwo in der Eifel Tofu herstellen, und auf Tech-Tycoone aus dem Silicon Valley, die angesichts der wachsenden Weltbevölkerung in neuem Essen ein gigantisches Geschäft sehen und geradezu besessen sind von Fleischersatz, am besten gleich aus dem 3-D-Drucker.

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Die Kommerzialisierung der Bewegung wird von den Ur-Veganern abgrundtief gehasst. Es gibt regelrechte Glaubenskriege ums Gemüse. Aber die Puristen sind längst in der Minderheit, die Business- und Hipster-Veganer haben übernommen.

"Daluma", "The Bowl", "Hiltl" - die Namen schreibt sich Jens Spudy gleich mal auf. Der Mann ist 54, einer der einflussreichsten Anlageberater Deutschlands und Veganer, zumindest weitgehend. Morgens nimmt er Dinkelgrieß mit Banane zu sich und Hirsemilch, dazu einen Smoothie mit Ingwer, Spinat, Waldkräutern, das ganze Programm. "Zu Hause kochen wir vegan." Nur im Restaurant gibt es manchmal noch Eier, Fisch, Fleisch.

Der Erfolg: Cholesterinwerte wieder normal, Blutdruck 120 statt wie früher 150, 25 Kilo weniger Gewicht in sechs Monaten - die Zahlen kennt Jens Spudy, als ginge es um eine Aktienbewertung. Der Körper als Investment, nachhaltig, langfristig, so sieht er das. Er will Herzinfarkt und Schlaganfall vorbeugen. "Ich habe immer Bio gekauft, war nie ein Freund von Massentierhaltung, aber jetzt fühl ich mich fitter." It comes with the second wife - die These des "Businessweek"-Reports "The Rise of the Power Vegans" trifft voll auf Spudy zu. Er hat die Anteile an seiner alten Firma verkauft, eine neue gegründet und noch mal geheiratet, eine Ärztin. Zur Hochzeit gab es vegane Currywurst von Hamburgs "Landhaus Scherrer". Mit seiner Frau hat er einen veganen Kochkurs gemacht.

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