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Klaus Schäfer: Der Mann für die ganz harten Fälle

Foto: Rüdiger Nehmzow für manager magazin

Uniper-Chef Klaus Schäfer Der Mann, der die Kohle- und Gaswelt retten soll

Klaus Schäfer ist beim Energiekonzern Eon der Mann für die schwierigen Fälle. manager magazin hat im Januar ein Portrait des Mannes gezeichnet, der die Kohle- und Gaswelt retten soll. Der Countdown läuft.

Der futuristische Bau im Düsseldorfer Medienhafen, Jobheimat für rund 1000 Eon-Rohstoffhändler, hat einen neuen, gut situierten Mitbewohner: In das Capricorn-Haus zieht Klaus Schäfer (48) ein. Der ehemalige Eon-Finanzvorstand leitet ab Januar die Firma Uniper (der Kunstname steht selbstbewusst für "Unique Performance").

Tatsächlich hat der kriselnde Energiekonzern in der "Einzigartigen" all das ausgelagert, was momentan nicht gut läuft: Kohle- und Gaskraftwerke etwa, die bei verfallenden Stromgroßhandelspreisen kaum noch Gewinn machen, die Geschäfte in Russland (Rezession) und Brasilien (insolvente Beteiligung) und eben den Energiehandel, der im Geschäftsjahr 2014 kümmerliche 21 Millionen Euro als Profit vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen (Ebitda) in die Bücher kalligrafieren ließ.

Eon-Vorstandschef Johannes Teyssen (56) behält die vermeintlich strahlendere Zukunft: Sonnen- und Windkraft, Strom- und Gasverkauf, das regulierte, aber stabile Netzbusiness - und, anders als zunächst geplant, die Atommeiler.

Mit dem Rest muss Klaus Schäfer zurechtkommen. Der Mann für die schwierigen Fälle. Der Mann mit den zwei Schreibtischen: Einer steht am offiziellen Uniper-Sitz, in der bisherigen Eon-Zentrale, der zweite ein paar Kilometer stromabwärts, wo die "Global Commodities" logieren, in Großraumbüros, umgeben von viel Glas, viel Licht und Luft.

Er möchte nah am Geschehen sein, schnell mit seinen Leuten zusammenkommen. Spüren will er, mit welcher Verve jemand sein Anliegen vertritt, wie sehr er um die Dinge kämpft. Das, findet er, gehe nicht mit E-Mails oder am Telefon, sondern nur mit physischer Präsenz.

Zukunftsgeschäft für Teyssen, die Reste für Schäfer

Er fällt auf, nicht etwa durch eine selbstverliebte oder gar arrogante Attitüde, sondern durch seine Statur: 1,90 Meter groß, lange Arme, ein kräftiger Händedruck. Die schwarz umrandete Brille lenkt ab von hoher Stirn und grau meliertem Haar - und von dem, was hinter den Gläsern passiert, dort, wo die grauen Zellkraftwerke arbeiten.

Zweifellos ist der Mann analytisch veranlagt. Er hat sich der Sache verschrieben, ist ein treuer Faktenfan. Das Dampfplaudern liegt ihm nicht; wenn er es praktiziert, dann geht es um die Nutzung desselben zu Heizzwecken. Öffentliches Posing meidet er. Die Zurückhaltung muss er spätestens ablegen, wenn nach Silvester die neue Zeitrechnung beginnt, in einem Job, den viele Beobachter als Himmelfahrtskommando ansehen.

Was treibt ihn an? Ist er ein Karrierist? Hat er gar masochistische Neigungen? Und: Kann er das Gebilde Uniper trotz schwerer Old-Economy-Hypothek zum Erfolg führen?

Foto: manager magazin

Klaus Schäfer, so viel ist sicher, zieht diffizile Jobs an wie Steckdosen Stecker. "Troubleshooter" nennen die Anglizisten so einen. "Risolutore di problemi" sagen sie in Italien, einem Land, das für ihn zur zweiten Heimat geworden ist. Seine Frau ist Italienerin. Er hat ein Ferienhaus am Comer See und eine durchaus nüchtern-rationale Sicht, was einen guten Espresso ausmacht. Aber dazu später mehr.

Schon als Student musste er Probleme lösen, die ihm von außen auferlegt worden waren. Er stammt aus der Oberpfalz, einer Gegend, in der ein ehrlicher Schweinsbraten mit Knödel und Kraut noch heute für unter acht Euro zu haben ist und die einst die politisch hochexplosive atomare Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf beherbergte.

Als er sich zum BWL-Studium entschloss, tat er das mit dem Ziel, in eine der drei großen M-Ökonomenstädte überzusiedeln: München, Mannheim oder Münster. Die Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (kurz: ZVS) allerdings, die damals in den Fächern mit großem Andrang die Abiturienten verteilte, beorderte ihn von seiner Heimatstadt Regensburg nur ins niederbayerische Passau, Luftlinie 111 Kilometer entfernt.

Planen, entscheiden, umsetzen

Nach dem Vordiplom studierte er - immerhin - in Paris, Oxford, Berlin. Er erwarb Kenntnisse in den Bereichen internationales Management, Rechnungswesen, Finanzen, Wirtschaftsprüfung und Steuern, eine breite Know-how-Basis, die viele Karrierewege eröffnet.

Bei der Investmentbank Morgan Stanley in London stieg er als Analyst ein, merkte aber schnell, dass er nicht zum Ratgeber taugt. Immer nur den Leuten zu erzählen, was sie tun sollen, das machte ihm keinen Spaß, wobei er das Wort mit mindestens vier "s" herauspeitscht. Er wollte mehr: planen, entscheiden, umsetzen.

Das konnte er in der Holding der Viag, einer Art bayerischem Staatskonglomerat mit diffusen Geschäftsinteressen (Energie, Telekommunikation, Aluminium, Verpackung). Da gab es immer etwas hin- und herzuschieben - und wieder zurück. Schäfer schob fleißig mit, in der Abteilung Konzerncontrolling. Sein damaliger Chef: Telekom-CEO Timotheus Höttges (53), zu dem er heute noch Kontakt hält.

Die Veba-Viag-Fusion im Jahr 2000, aus der Eon hervorging, war für ihn das Schlüsselerlebnis seiner Karriere: Geht es rein oder raus, rauf oder runter?

Es gab damals nicht für alle Viag-Stabsleute Jobs, und nur wenige interessante. Schäfer sollte einen bekommen. Er wurde oberster Konzernstratege des Gemeinschaftsunternehmens.

Kein Anecker, aber auch kein Anbiederer

Veba-Lenker Ulrich Hartmann (2014 verstorben), der sich die Eon-Führung mit dem Viag-Mann Wilhelm Simson (77) teilte, förderte Schäfer, schleppte ihn mit zu Pressegesprächen, ließ ihn in Aufsichtsratssitzungen die Eon-Pläne ausbreiten. So knüpfte der Oberpfälzer schon früh Verbindungen zu den Altvorderen, hatte bei ihnen "eine hohe Visibilität", sagt ein Schäfer-Watcher.

Der Jungmanager war politisch klug genug, sich keinem der internen Lager, die sich in einem Großkonzern bilden, anzuschließen. Kein Anecker, aber auch kein Anbiederer. Loyalität empfindet er gegenüber dem Unternehmen, nicht gegenüber Einzelpersonen.

Eine solche Attitüde ist wie gemalt für die weitere Verwendung an der Eon-Front, im Firmenjargon Linie genannt. So bekam er immer anspruchsvollere Problemlöserjobs.

Als Vorstand der Münchener Eon-Tochter Thüga, einer Ansammlung etlicher Minderheitsbeteiligungen an Stadtwerken, lernte er die Leute mit dem besseren Argument für sich zu gewinnen; Befehl und Gehorsam verfingen dort nicht.

Dabei mag ihm auch die eine oder andere Maß geholfen haben. Damals war er zu Oktoberfest-Zeiten fast jeden Tag auf der Wiesn, mit Thüga-Kunden - und davon gab es viele. Heute geht er nur noch einmal im Jahr hin, zur privaten Gaudi, in traditionellem, krachledernem Outfit.

Klare Worte, klare Kante

Sein Job als Chef von Eon-Italien war vor allem eine kulturelle Herausforderung. Aus Resten der gescheiterten Fusion mit Spaniens Endesa-Gruppe sollte er ein neues Unternehmen formen und in den Konzern integrieren. Dass er italienisch sprach, war der Sache mehr als dienlich. Als große Teile der Tochter später wieder verkauft wurden, tat es ihm in der Seele weh, aber: Eine richtige Entscheidung bleibe nun mal eine richtige Entscheidung.

Blaupause für das, was er jetzt zu tun hat, könnte sein Wirken bei Eon Ruhrgas sein. Das Geschäftsmodell des Traditionsunternehmens mit teuren Langfristlieferverträgen hatte sich verflüchtigt, es gab ausreichend billiges Gas am Spotmarkt. Die Firma machte hohe Verluste. Schäfer löste sie auf und verschmolz sie mit Eons Handelstochter. Weitgehend geräuschlos, mithilfe einer intelligenten Frühverrentung und sensiblen Fingerspitzen.

Das schätzen seine Auftraggeber an ihm: Er hat niemals verbrannte Erde hinterlassen. Er hat aber auch keinen winterharten A-Weizen gesät und geerntet. Ging halt nicht, dafür waren seine Einsätze meist zu kurz. Im Schnitt alle drei Jahre hat er eine neue Rolle übernommen. Nichts hätte er dagegen, wenn die Uniper-Stellung deutlich länger währen würde.

Mit Ruhm oder Geld allein lässt er sich nicht motivieren. Klar, er verdient nicht schlecht, strich als Eon-Holdingvorstand 2014 knapp 2,4 Millionen Euro ein. Aber es ist stets die Aufgabe, die ihn reizt, die ihr innewohnende Dynamik.

Die Ökonomie hat Schäfer schon immer gefesselt, so wie andere Arzt, Architekt oder Anwalt werden wollen. Er wählte Wirtschaft als Abiturfach, schob gleich nach dem Schulabschluss noch eine Banklehre hinterher.

Leidenschaftlicher Europäer

Alfred Herrhausen, der charismatische Deutsche-Bank-Manager, der später einem RAF-Attentat erlag, hat ihn beeindruckt, vor allem dessen Charakter: klare Werte, klare Kante, klare Worte. Auch für Helmut Kohl konnte er sich begeistern, nicht weil er ihm parteipolitisch nahestand, sondern weil der sich für ein vereintes Europa starkgemacht hat: Schäfer ist leidenschaftlicher Europäer.

Im bürgerlichen Elternhaus hat er von der klassischen Arbeitsteilung profitiert. Der Vater hat ihn beruflich geprägt. Der war Commerzbanker, saß unter anderem im Aufsichtsrat des Getränkeautomatenherstellers Krones, im oberpfälzischen Neutraubling beheimatet. Die Mutter war für die Empathie zuständig, hat ihn gelehrt, wie man Menschen für sich einnimmt.

Weggefährten schätzen ihn als "einwandfreien Kollegen", "netten Kerl", als "authentisch und unprätentiös". "Er brüllt nicht über den Flur, peitscht Mitarbeiter nicht öffentlich aus, hat Anstand und Stil", sagt ein Eon-Mann, der es auch ganz anders kennt. So viel Lob macht schon fast wieder verdächtig, als hätte Schäfer mit einem erlesenen Brunello bezahlt für derlei Hymnen.

Er sagt selten Nein. So erklärt sich auch die hohe Fallzahl als Krisenreaktionskraft. Wenn ihm einer, auf den er selbst große Stücke hält, etwas zutraut und ihn bittet, eine wichtige Mission zu übernehmen, dann müssten schon überragende Argumente her, dass er es nicht macht. Selbstredend zieht er dabei ins Kalkül: Eine Zusage nützt seinem Fortkommen.

Den Uniper-Job bot ihm Eon-Aufsichtsratschef Werner Wenning (69) im Frühjahr an. Die Chose war sensibel und kapitalmarktrelevant, der Kreis der Eingeweihten musste klein bleiben. Mit seinem Chef Teyssen hat er anschließend darüber gesprochen. Was Schäfer nicht wusste: Der hatte den Wechsel zuvor mit Wenning so vereinbart.

Schäfers Bärenruhe macht sein Umfeld fast schon wieder nervös

Der langjährige Bayer-Anführer hat eine hohe Meinung von Schäfer, konnte ihn sich wohl auch als Nachfolger von Teyssen gut vorstellen. CFO und CEO, Stab und Linie, In- und Ausland: Schäfers Lebenslauf wirkt wie eine Kopie Wennings - das findet der natürlich gut. "Geradlinig", sagt er, sei Schäfer.

Der ergriff die Chance, einen eigenen Konzern führen zu können. Dieser soll im Herbst 2016 an die Börse und den M-Dax zieren. Eon bleibt noch eine Zeit lang beteiligt, danach ist Uniper frei und auf sich allein gestellt.

Teyssen und Schäfer gehen ab Januar getrennte Wege, wesensgleich waren sie nie. Der Eon-Anführer gilt als Machtmensch; aufgeweckte Vorschulkinder nennen so einen "Bestimmer". Er lacht dröhnend über Scherze. Schäfer hingegen sieht man den Witz eher an den Augen an, als wäre er Mitglied der Zunft Subtilhumor.

Während viele Branchenkollegen bei jedem Rückgang des Stromgroßhandelspreises in tiefe Depression stürzen, ist er von einer Bärenruhe, die sein Umfeld fast schon wieder nervös macht. "Er bleibt gelassen, war schon in jungen Jahren reifer, als es seinem Alter entsprach", sagt einer seiner früheren Chefs.

Aus der Haut fährt er nur, wenn Mitarbeiter lügen oder Dinge verschweigen. Er könne mit jedem Fehler leben, solange der zeitnah und offen eingeräumt werde. Seine Vorleistung: nachvollziehbare Entscheidungen, eine klare und verlässliche Kommunikation, sodass am Ende keine Missverständnisse übrig bleiben.

Auch Sisyphos war ein Gebirgsfan

An sich selbst missfällt ihm seine Unpünktlichkeit. Ja, aufs Zeitmanagement müsse er achten, gerade jetzt, wo sein Wochenplan randvoll ist, jeder Tag für ihn gefühlte 36 Stunden hat.

Immerhin hat Schäfer innerlich eine gesunde Distanz zu seinem beruflichen Tun. So faszinierend die Jobs bisher für ihn waren, sosehr er auf die Karriere schaut: Seine Lebensplanung lässt er sich nicht von der Arbeitswelt vorschreiben.

Er nimmt sich Pausen, muss den Geist auch mal auf etwas anderes lenken als das nächste Managermeeting. Zum Beispiel aufs Skifahren. Wenn er am Hang steht, das Weiße vor sich, diese Gemütslage findet er extrem beruhigend. Allerdings: Auch Sisyphos war ja im Grunde ein Gebirgsfan.

Die Familie wohnt nach wie vor im noblen Münchener Vorort Grünwald, er pendelt am Wochenende. Er liest viel (Tolstoi, Regionalkrimis und, klar, Bilanzen), hört viel (Oper, Konzerte und die neue Adele-CD). Er mag gutes Essen, guten Wein.

Beim Thema Espresso kommt der Pragmatiker in ihm durch, da ist er nicht ideologisch vorgeröstet. Zu Hause nutzt er eine Maschine mit Kapseln, beim Segeln nimmt er die Nachteile der Bialetti-Kanne in Kauf (keine Crema, die Stärke des Kaffees ist nicht kontrollierbar), am besten schmeckt ihm natürlich der handgefertigte vom Barista.

Die Roten und die Blauen

Bodenständig, beharrlich, besonnen: Kann Klaus Schäfer Uniper retten? Die unprofitablen Kraftwerke geordnet abwickeln, profitable Geschäfte entwickeln?

Wenn es einer schafft, dann er, sagen die, die ihn gut kennen. Aber es liegt nicht allein in seinen Händen. Vieles hängt ab vom politischen Rahmen. Was hat die Bundesregierung mit dem Klimakiller Kohle vor? Wie will die Europäische Union den Co2-Handel reformieren? Hier muss er sich als Netzwerker bewähren, schnell ein dichtes Beziehungsgeflecht zur Politik knüpfen.

Einflussreiche Investoren wenden sich schon ab. Der Versicherer Allianz will sein Geld künftig nicht mehr in Unternehmen mit einem hohen Kohlestromanteil stecken; auch die Fondsgesellschaft Union Investment erarbeitet derzeit eine neue Klimastrategie.

Und: Falls Konkurrent RWE sich ebenfalls, wie geplant, aufspaltet und Teile der neuen Ökotochter an die Börse bringt, können Anleger bis Ende 2016 gleich unter vier klassischen Energiewerten wählen. Da muss man sich erst einmal behaupten und seine eigene Identität finden.

Eine neue Farbgebung soll helfen. Während Eon weiterhin rot zeichnet, kleidet sich Uniper in dezentem Blau. Zuverlässigkeit, Vertrauenswürdigkeit und Leistung soll das frische Design ausdrücken. Das muss jetzt in die Fläche. "Wir müssen alles blau machen", sagt ein Schäfer-Getreuer. Auch das Erscheinungsbild des Capricorn-Hauses im Düsseldorfer Medienhafen wird sich verändern. Das rote Eon-Signet, das dort an der Decke schwebt, kommt weg.

Was Klaus Schäfer nur schweren Herzens akzeptiert. Denn er mag ja die Roten, seit früher Jugend. Wer aus dem bayerischen Umland stammt wie er, der ist in der Regel automatisch FC-Bayern-Anhänger. Zu den Blauen, den 1860er-Löwen, hat es ihn nie hingezogen. Corporate Identity schön und gut - beim Fußball hört der Spassss auf.

Anmerkung: Dieser Text erschien in der Januar-Ausgabe von manager Magazin (1/2016).

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