Energiewende Nachbarn erklären Deutschland den Stromkrieg

Deutschland betreibt den Umstieg auf grünen Strom ohne Rücksicht auf die Nachbarländer. Jetzt wehren sich Polen, Tschechien & Co. Ein Bericht aus der Kampfzone.
Von Eva Müller
Die Energiewende in Deutschland führt zu Störungen im europäischen Stromnetz - Deutschlands Nachbarn kontern nun mit Gegenmaßnahmen

Die Energiewende in Deutschland führt zu Störungen im europäischen Stromnetz - Deutschlands Nachbarn kontern nun mit Gegenmaßnahmen

Foto: manager magazin

Hamburg - Ortstermin in Neuenhagen: Eine Stunde Bahnfahrt östlich von Berlin reihen sich adrette Häuschen unter mächtigen Alleebäumen aneinander. An der Haltestelle tauschen sich ältere Damen über den Dorfklatsch aus, der Busfahrer wartet auf den vom verspäteten Zug heranhetzenden Besucher.

Nichts weist darauf hin, dass am Ortsausgang gegenüber dem Discountmarkt die Kampfzone beginnt. Hinter einem streng bewachten Zaun fechten die Mitarbeiter in der Leitstelle des Netzbetreibers 50Hertz eine nervenaufreibende Konfrontation aus: Ökostrom von der deutschen Küste verdrängt im polnischen Netz die Elektrizität aus den dortigen Kohlekraftwerken.

Das mag, oberflächlich betrachtet, nach europäischer Energiepolitik aussehen. In Wirklichkeit entlädt sich hier ein ernster zwischenstaatlicher Konflikt.

Hoch konzentriert beobachten die Stromwächter in der durch einen Handvenen-Scanner gesicherten Hightech-Kommandozentrale die gigantische Monitorwand, die die aktuellen Stromflüsse zwischen Ostsee und Thüringer Wald, zwischen den neuen Bundesländern und ihren Anrainerstaaten zeigt. An Computerterminals ringen sie permanent um die Aufrechterhaltung des sensiblen Gleichgewichts der Stromflüsse.

Wenn zu viel Wind weht, schwappt Strom nach Polen

Pumpen bei steifer Brise zum Beispiel die Windräder in Mecklenburg-Vorpommern zu viel Watt in die Leitungen, schwappen diese Mengen ungeplant ins Nachbarland Polen hinüber. Dort überlasten sie das ohnehin fragile Hochspannungsnetz. Sehr zum Ärger von Henryk Majchrzak: Der Chef des polnischen Netzbetreibers PSE fürchtet um die Sicherheit der Stromversorgung seines Landes. Deshalb hat er bereits damit gedroht, die Leitungen zwischen Deutschland und Polen zu blockieren.

Dirk Biermann hingegen, Chef des Systembetriebs bei 50Hertz, versucht mit seinen Leuten in Neuenhagen die polnische Seite zu besänftigen. "Seit Deutschland die erneuerbaren Energien beschleunigt ausgebaut hat, hat sich die Zahl der Netzeingriffe stark erhöht."

An 77 Tagen hätten seine Männer 2012 zeitweise Windkraftanlagen abschalten müssen, um das Netz stabil zu halten. Auch die unerwünschten Grenzüberschreitungen hätten zugenommen. Zeitweise habe die ungeplante Ausfuhr Richtung Polen mehr als 1500 Megawatt betragen - was etwa der Produktion von zwei Atomkraftwerken entspricht.

Ein unsichtbarer Krieg tobt in Europa. Nicht nur an den deutsch-polnischen Übergängen ("Interkonnektoren") zwischen Hagenwerder und Mikulowa sowie Vierraden und Krajnik, die von Neuenhagen aus kontrolliert werden, kommt es immer häufiger zu Übergriffen von grüner Energie aus Deutschland auf die Leitungskapazitäten der Nachbarn.

Auch in Tschechien, der Slowakei und in Ungarn überrollt deutscher Windstrom das Elektrizitätsnetz und stört dessen empfindliche Balance.

Nachbarstaaten ärgern sich über Alleingang aus Berlin

Selbst die Anrainer im Westen der Republik - die technisch höher gerüsteten Niederlande, Belgien und Frankreich - ärgern sich über den energiepolitischen Alleingang der Berliner Regierung: Die schnell zunehmenden Mengen an fluktuierendem Ökostrom drohen das gesamte Übertragungsnetz Europas zu destabilisieren.

Mit jedem Megawatt aus Wind und Sonne, das in Deutschland mehr erzeugt wird, sehen die Nachbarn das Risiko eines Blackouts steigen.

Jetzt wehren sich die Betroffenen: Sie beschweren sich bei der Europäischen Union - oder sie unternehmen Geheimaktionen, mit denen sie Gegendruck auf die deutschen Kabel schaffen wollen.

Unter der Hand heißt es in Brüssel, Deutschland bürde den anderen europäischen Staaten die Lasten seiner nationalen Energiewende auf. Dabei ermögliche der Binnenmarkt überhaupt erst den Ausbau von Windenergie und Fotovoltaik, den Bundeskanzlerin Angela Merkel seit der Atomkatastrophe von Fukushima vorantreibt. Nur weil Deutschland im Bedarfsfall - wenn bei Flaute und Wolken deutsche Windräder und Solarzellen zu wenig Strom erzeugen - im Ausland zukaufen kann, bleibe die Energieversorgung in Deutschland trotz Atomausstieg immer stabil.

Deshalb fordern die EU-Strategen inoffiziell: "Deutschland muss sich in der Energiepolitik besser mit den anderen EU-Staaten koordinieren." Und sie weisen dezent darauf hin, dass in diesem Sommer über die Subventionsrichtlinien der Gemeinschaft beraten werde - und damit möglicherweise auch über die Förderung durch das Einspeisegesetz (EEG).

Es fehlen Stromtrassen von Nord nach Süd

Kaum verhohlene Drohungen und unterschwelliger Druck: Deutschlands Nachbarn fahren in der Auseinandersetzung schwere Geschütze auf. Mit ihrem einzelgängerischen Vorpreschen in der Energiepolitik hat sich die Bundesregierung neue Gegner geschaffen.

Verständlicherweise. Die Sache ist nämlich so: Dank der großzügigen Umlage des EEG wächst der Anteil von regenerativen Energiequellen an der deutschen Stromerzeugung rasant - auf mittlerweile rund 25 Prozent. Besonders im Norden der Republik werden fast schon im Tagesrhythmus Windräder in den Boden oder den Meeresgrund gerammt. In zehn Jahren sollen sie nach den Plänen der Bundesländer in Schleswig-Holstein 16 Gigawatt erzeugen, in Niedersachsen 26 und in Mecklenburg-Vorpommern 11 - zusammen mehr als die Gesamtleistung aller Atomkraftwerke in Deutschland.

So weit, so politisch gewollt. Doch schon heute erzeugen die drei Nordländer an böigen Tagen mehr ökologisch korrekte Elektrizität, als sie benötigen. Der Export des Grünstrom, der laut EEG ins Netz eingespeist werden muss, in die großen Verbrauchszentren in Nordrhein-Westfalen, Hessen, Bayern oder Baden-Württemberg indes funktioniert nur eingeschränkt. Es fehlt an Übertragungskapazitäten von Nord nach Süd. Schließlich ist das in den 50er und 60er Jahren errichtete Energiesystem darauf ausgelegt, dass Riesenkraftwerke nahe bei den Industriezentren stehen.

"Elektrizität folgt der Physik und nicht der Politik"

Obwohl die Energiewende schon vor mehr als einem Jahrzehnt von der rot-grünen Bundesregierung initiiert wurde, ist der für den innerdeutschen Transport der Ökoelektrizität notwendige Um- und Ausbau der Übertragungsleitungen kaum vorangekommen. "Die Achillesferse der Energiewende", nennt Torsten Henzelmann, Branchenexperte der Unternehmensberatung Roland Berger, die fehlenden Stromautobahnen.

Von den 3800 Kilometern neuer Hochspannungstrassen, die für die Durchleitung des Windstroms notwendig sind, wurden bisher erst 268 Kilometer gebaut.

Ist Strom aber einmal erzeugt, muss er auch wieder verbraucht werden - so wollen es die Naturgesetze. Auf dem Weg von der Quelle zum Abnehmer suchen sich die Elektronen deshalb jeden verfügbaren Weg. Geht auf den deutschen Trassen nichts mehr, dann nehmen sie eben den Umweg über Polen, Tschechien, die Slowakei oder Ungarn, um dann über Österreich am Ende in den Fabrikhallen von BMW  , Daimler  oder Audi  zu landen, von denen sie eingekauft wurden.

"Elektrizität folgt der Physik und nicht der Politik", erklärt Daniel Dobbeni das Phänomen dieser sogenannten Ringflüsse. Mit diesem unangenehmen Faktum muss sich der Präsident des Verbandes der Europäischen Netzbetreiber Entsoe momentan ständig herumschlagen: "Das Problem ist derzeit sehr viel akuter als noch vor wenigen Jahren - und das liegt heute am Ökostrom aus Deutschland und morgen schon am Ökostrom aus ganz Europa."

Kritische Situationen an der Grenze

Beinahe täglich müssen die Verbandsmitglieder ihren Kraftwerkseinsatz anpassen, um eine Gefährdung ihrer Leitungssysteme zu verhindern. So listet Zbynek Boldis, für Energiehandel und internationale Beziehungen zuständiger Vorstand beim tschechischen Netzbetreiber Ceps, gleich eine ganze Reihe an bedrohlichen Situationen auf: Zwischen November 2011 und Februar 2012 etwa habe Windenergie aus Norddeutschland über Wochen die Ceps-Kapazitäten extrem belastet.

Die ungeplanten Mengen hätten dabei zeitweise mehr als 3500 Megawatt betragen.

Besonders brenzlig war laut Boldi aber der 22. August vergangenen Jahres. An diesem Tag wurden Übergabepunkte an den Grenzen turnusmäßig gewartet. Doch dann kam es zu einem heiklen Vorfall: Unangekündigte Transitflüsse störten den Betrieb und beeinträchtigten dabei zeitgleich die Netze in Tschechien, Polen und der Slowakei. "Diese kritische Situation hätte leicht eskalieren und zu einem Stromausfall in der gesamten Region führen können."

Invasion der deutschen Windenergie

Noch hat die Invasion der deutschen Windenergie in Europas Netzen nicht zum Totalzusammenbruch geführt. "Aber wir müssen uns heute um ein Vielfaches stärker anstrengen, um einen Blackout zu verhindern", sagt Martin Fuchs, Vorstand des für den Nordseestrom zuständigen Netzbetreibers Tennet. Immer häufiger würden die Sicherheitsmargen in den Kontrollstellen bis an den Rand ausgereizt.

Eine solche Dauerbelastung der Systeme ist nicht nur brandgefährlich für die Versorgung einer der wichtigsten Wirtschaftsregionen der Welt. Sie kostet die Netzbetreiber auch viel Geld. Um die Spannung auf ihren Trassen immer konstant bei 50 Hertz zu halten, müssen die Leitzentren an der Ausweichstrecke von Nord nach Süd immer öfter eigene Kraftwerkskapazitäten abschalten, weil ungeplant Ökoelektronen aus Deutschland passieren.

Diese im Fachjargon Redispatch genannten Eingriffe müssen ebenso bezahlt werden wie der steigende Wartungsbedarf und der höhere Verschleiß der Anlagen.

Ceps-Vorstand Boldis etwa berechnet für die Transitströme aus Deutschland Zusatzausgaben in Höhe von mehreren Milliarden Tschechischen Kronen - dreistellige Millionenbeträge in Euro. Und wenn sein Netz bis zum Rand mit Fremdstrom gefüllt ist, kann er an der Freisinger Kapazitätsbörse Central Allocation Office (CAO) keine Transporte offerieren und dafür bei den Auktionen kassieren. Ganz abgesehen von dem Ärger mit den tschechischen Kraftwerken, die so aus dem Markt gedrängt werden.

Gegendruck zum deutschen Grünstrom

Wenig verwunderlich also, dass die Netzbetreiber in den unfreiwilligen Durchgangsländern schon mal Wolfgang Anzengruber um Schützenhilfe bitten. Der Vorstandsvorsitzende des österreichischen Energiekonzerns Verbund soll dann mal schnell ein Kraftwerk hochfahren, um im Netz Gegendruck zum deutschen Grünstrom aufzubauen. Dann wieder bitten ihn deutsche Netzbetreiber, je nach Erfordernis für Entspannung zu sorgen oder Druck aufzubauen. Österreich dient als eine Art energiestrategische Pufferzone.

Blitzschnelle Aktionen sind eine - lukrative - Spezialität der Alpenländer. Mit ihren Pumpspeicherkraftwerken in den Bergen können sie innerhalb von 90 Sekunden einspringen. Dennoch wettert der Verbund-Chef gegen die vielen Interventionen: "Statt einmal alle drei Tage müssen wir heute dreimal am Tag agieren - nur wegen der Skurrilitäten der deutschen Energiewende. Das macht die Stromversorgung nicht sicherer."

Richtig in Rage redet sich der Strommanager: Die mehr als fragwürdigen Auswüchse am Strommarkt zwingen ihn, sein modernstes Gaskraftwerk in der Steiermark abzuschalten. Stattdessen muss er die Uraltanlage daneben mit Schweröl hochheizen. "Das ist doch Planwirtschaft der übelsten Sorte."

Drohen, verhandeln, kooperieren

Gefährlich, teuer, absurd - Europas Netzbetreiber sind zutiefst verärgert über die deutsche Energiepolitik und ihre Auswirkungen auf das Gesamtnetz. Dennoch können sie ihre nationalen Leitungen nicht gegen den unerwünschten Transitverkehr abschotten, dazu ist der Kontinent schon zu eng verdrahtet und die gegenseitige Abhängigkeit zu groß. Wie immer in Europa wird also gedroht, verhandelt und am Ende kooperiert.

Um eine einseitige Blockade abzuwenden, arbeitet 50Hertz eng mit der polnischen PSE zusammen. Seit Jahresbeginn stimmen sich die Stromwärter auf beiden Seiten per Telefon, Fax und online darüber ab, in welchem Land welches Kraftwerk hoch- oder heruntergefahren wird. Bis 2016 wollen sie gemeinsam zwei sogenannte Phasenschieber an den Interkonnektoren bauen, die den Stromfluss physikalisch lenken können. Die Kosten von 160 Millionen Euro werden 50:50 geteilt, der Betrieb partnerschaftlich geregelt.

Da warnt der niederländische Betreiber Tennet, der auch das gleichnamige deutsche Netz besitzt, dass die zukünftige Entwicklung der Offshore-Windenergie nur mit einer langfristigen Planung und Haftungsregelung gelingen kann. Und die Bundesregierung lässt die Forderung gleich in die Novelle des Energiewirtschaftsgesetzes einfließen.

Waffenstillstand, kein Frieden

Der im Westen tätige Netzbetreiber Amprion will zusätzliche Leitungen in die Niederlande verlegen und eine ganz neue Verbindung nach Belgien schaffen, um das Gesamtnetz zu stabilisieren.

Jede Menge koordinierte Maßnahmen der Übertragungsnetzbetreiber sorgten bislang dafür, dass die Lichter in Europa nicht ausgingen. Damit die gesamteuropäische Zusammenarbeit aber dauerhaft klappt, tüfteln die Experten beim Entsoe-Verband an harmonisierten Vorschriften, den sogenannten Netzcodes. Auch eine finanzielle Regelung für die Ringflüsse will Präsident Dobbeni durchboxen: "2014 werden wir ein Modell für einen funktionierenden europäischen Strommarkt inklusive einer Allokation der Kosten haben." Die CAO hat dafür bereits ein Abrechnungssystem entwickelt, das jederzeit implementiert werden könnte.

Technische Kooperation und Ausgleichszahlungen unter den Netzbetreibern indes bedeuten im Stromkrieg nicht viel mehr als Waffenstillstandsabkommen. Um eine echte friedliche Koexistenz im europäischen Energieverbund zu erreichen, muss Deutschland zuerst seine hausgemachten Probleme lösen.

Will heißen: Das EEG mit seinen teilweise an absurdes Theater erinnernden Regeln - es existieren allein mehr als 4000 verschiedene Vergütungskategorien für die Einspeisung von Strom aus regenerativen Quellen - gehört grundlegend reformiert. Vor allem aber müssen die längst ausgearbeiteten Pläne für den innerdeutschen Netzausbau endlich realisiert werden.

"Die Politik muss begreifen, was für ein komplexes System das europäische Elektrizitätssystem ist", umschreibt Stephan Kohler, Chef der Deutschen EnergieAgentur, vornehm die Lage der Energiepolitik der Republik.

Mit einer Lösung tut sich das föderale Deutschland allerdings schwer. Und vor der Bundestagswahl im September wird sich daran nichts mehr ändern. Ob das für die Zeit danach avisierte Energieministerium Besserung bringt, ist zumindest fraglich. Ein Friedensschluss im europäischen Stromkrieg liegt jedenfalls in weiter Ferne.

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